Antike Grabbeigaben

Seltene Seide des Pfauenspinners

Von Diemut Klärner
17.05.2022
, 20:03
Die Ruinen der antiken Oasenstadt Palmyra in Syrien.
Im Jahr 2015 wurde die syrische Oasenstadt Palmyra vom sogenannten Islamischen Staat geplündert und teilweise zerstört. Die vorher geborgenen Schätze fördern aber noch immer wissenschaftliche Überraschungen zutage.
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Seide herzustellen hat in China eine lange Tradition: Wie archäologische Funde bezeugen, reicht die Kunst, Gespinste von Schmetterlingsraupen zu Textilien zu verarbeiten, dort bis in die Jungsteinzeit zurück. Später gelang es chinesischen Seidenproduzenten, aus der Wildform des Maulbeerspinners (Bombyx mandarina) eine domestizierte Version zu züchten, den Seidenspinner Bombyx mori. Damit blieb Seide zwar immer noch ein Luxusgut, konnte aber zum Exportschlager werden. Teils führte der Handelsweg mit Karawanen über die legendäre Seidenstraße durch Wüsten und Gebirge, teils wurde chinesische Seide überwiegend auf dem Seeweg nach Westen geschickt. Diese Route führte über Sri Lanka oder an der Küste des indischen Subkontinents entlang, wo der Pfauenspinner Antheraea mylitta heimisch ist. Dass auch dessen Seide in den Nahen Osten exportiert wurde, entdeckte ein Team von Chemikern und Archäologen der University of Oxford, das Fragmente von Seidenstoffen aus dem syrischen Palmyra unter die Lupe genommen hat.

Im dritten Jahrtausend vor Christus gegründet und 1980 zum UNESCO-Weltkulturerbe erkoren, hat die einstige Oasenstadt Palmyra im Mai 2015 traurige Schlagzeilen gemacht: Mitglieder der Terrororganisation „Islamischer Staat“ hatten die Kunstschätze geplündert und ein einzigartiges Ensemble antiker Architektur zerstört. Forscher können jedoch weiterhin das reichhaltige Inventar studieren, das Archäologen zwischen 1930 und 1990 aus den bis zu fünfgeschossigen Grabtürmen von Palmyra geborgen haben.

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Zu den archäologischen Highlights, die dort zum Vorschein kamen, zählen mehr als zweitausend Überreste diverser Textilien. Anhand der Grabinschriften ließen sie sich zwischen dem ersten Jahrhundert vor Christus und dem zweiten Jahrhundert nach Christus einordnen. Wie sich bei einer Prüfung unter dem Mikroskop herausstellte, bestehen einige dieser bunten Textilfragmente aus Seide von Bombyx mori, importiert aus China und dann in Syrien weiterverarbeitet. Etliche mutmaßliche Seidenstoffe ließen sich anhand ihrer Mikrostruktur dagegen nicht zweifelsfrei zuordnen.

Große Zugfestigkeit und Stabilität

Um auch die schlechter erhaltenen Faserproben sicher identifizieren zu können, galt es, eine andere Methode zu entwickeln. Von drei seidig erscheinenden Textilfragmenten aus Palmyra nahmen Wissenschaftler um Boyoung Lee und Elisabete Pires deshalb Proben, um sie biochemisch zu untersuchen. Neben dem domestizierten Seidenspinner Bombyx mori und seiner Wildform wurden in diese Studie auch fünf Nachtfalter aus der Familie der Pfauenspinner einbezogen, die sogenannte Wildseide liefern oder in vergangenen Zeiten geliefert haben.

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Dass sich die Raupen einen schützenden Kokon spinnen, in dem sie sich verpuppen und in einen Falter verwandeln, ist bei vielen Schmetterlingsarten üblich. Von den wenigen, aus deren Kokons sich Seide produzieren lässt, ist die Sequenz der Aminosäuren in den Faserproteinen bekannt. Während diese langen, Fibroin genannten Eiweißmoleküle die Spinndrüsen im Kopf der Raupen verlassen, richten sie sich parallel aus und bilden in ihrer dreidimensionalen Struktur quasi kristalline Bereiche. Das verleiht ihnen große Stabilität und Zugfestigkeit.

Bis zu ein Drittel ihres Gewichts kann Seide zwar an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne nass zu wirken. Löslich ist sie aber weder in Wasser noch in gängigen Lösungsmitteln wie Ethanol. Die Faserproteine von Seidenspinnern, die nicht zur Gattung Bombyx gehören, ließen sich selbst mithilfe spezieller Salze erst bei Temperaturen von über 100 Grad in Lösung bringen. Mit einem Enzymcocktail aus Trypsin und Chymotrypsin gelang es den Forschern dann, das Fibroin so zu zerkleinern, dass die verschiedenartigen Seidenspinner jeweils charakteristische Fragmente lieferten.

Wie Boyoung Lee und ihre Kollegen in den „Scientific Reports“ berichten, setzten sie dann Nanoflow-Flüssigchromatographie in Kombination mit Tandem-Massenspektrometrie ein, um Seide aus den Kokons unterschiedlicher Seidenspinner-Arten zu analysieren. Als die archäologischen Proben aus Palmyra derselben Prozedur unterzogen wurden, bestätigte sich bei allen drei Textilfragmenten, dass sie aus Seide bestehen. Allerdings nicht aus Seide chinesischer Herkunft, sondern aus Wildseide des Pfauenspinners Antheraea mylitta, auch Indischer Tussahseidenspinner genannt. Dieser stattliche Nachtfalter, dessen Flügel prächtige Augenflecke tragen, ist vorwiegend im Osten des indischen Subkontinents anzutreffen. Mancherorts werden seine Kokons auch heute noch für die Produktion von Wildseide genutzt.

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Quelle: F.A.Z
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