Archäologen schauen „Barbaren“

Eine bunte Varusschlachtplatte

Von Prof. Matthias Wemhoff und Karl Banghard
Aktualisiert am 29.10.2020
 - 14:07
Sah es so aus? Neun nach Christus im Teutoburger Waldzur Bildergalerie
Es lag mehr als nahe, den Stoff um die Schlacht im Teutoburger Wald zu verfilmen. Wie viele Mythen hat Netflix aufgewärmt? So blicken die Archäologen Matthias Wemhoff und Karl Banghard auf die Serie „Barbaren“. Ein Gastbeitrag.

Prof. Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin, Landesarchäologe:

Ich habe es geschafft, die ersten beiden Folgen der Netflix-Serie „Barbaren“ anzusehen. Hier meine Eindrücke:

Wieso arbeitet eigentlich niemand auf den Feldern? Die Häuser stehen dichtgedrängt inmitten von Wald, von der Struktur und Lebensweise einer bäuerlichen Gesellschaft entsteht kein Bild, statt der vielen Erkenntnisse zur offenen Landschaft in weiten Teilen der „Germania“ wird der alte römische Topos der dunklen, undurchdringbaren Waldlandschaft gepflegt, zweifellos ein besserer Ausgangspunkt für die späteren Schlachtszenen.

Warum nicht Altgermanisch?

Die beiden germanischen Hauptakteure könnten auch einer heutigen RTL-Produktion entsprungen sein, die Sprache passt auf jeden Fall. Aber Vorsicht, hier wird das Klischee bedient, dass ländliche Gesellschaft stets einen ruppigen, sprachlich völlig unbedarften Umgang pflegen und Verhaltensweisen an den Tag legen, die in unserer heutigen Gesellschaft als eher primitiv beurteilt werden. Dem komplexen Verhaltenskanon in einer über Jahrhunderte relativ fest gefügten Gruppe wir dies nicht gerecht.

Dass die Römer Latein sprechen, ist eine Wohltat in dem Film, es hätte auch gut getan, wenn das Altgermanische die simple Sprache der Barbaren wohlklingender und unverständlicher zu Gehör gebracht hätte.

(Das vom Autor und Michael Schumacher geleitete Ausstellungsprojekt „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“ läuft gerade im Neuen Museum und der James-Simon-Galerie, Berlin)

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„Während bei 'Babylon Berlin' großer Zirkus um jedes Achselhaar gemacht wird, scheint für die frühgeschichtliche Sachkultur alles beliebig“

Karl Banghard, Direktor des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen:

Eigentlich müsste ich mich über die erste Staffel „Barbaren“ bei Netflix freuen. Schließlich leite ich das älteste germanische Freilichtmuseum der Welt im Schatten des Hermannsdenkmals. Hier in der lippischen Provinz wird üblicherweise jede Werbung zum Thema euphorisch begrüßt. Aber ich befürchte, dass die Geschichte so unterkomplex ist, dass die Kundschaft vor dem Fernseher einschläft, bevor sie sich dazu aufrafft, zu uns in den Teutoburger Wald zu fahren.

Uns allen dürfte klar sein, dass „Barbaren“ wenig mit der Alltagsgeschichte der Zeitenwende zu tun hat. Mehr noch: Selbst dort, wo es leicht gewesen wäre, die simpelsten, völlig problemlos zugänglichen Erkenntnisse zur germanischen Sachkultur einzubauen, hat man dies unterlassen. Dabei hätte eine Orientierung an der Archäologie die Serie nicht langweiliger sondern vielmehr abgefahrener gemacht. Man denke nur an die ausgefallene Kleidung der germanischen Oberschicht. Das hätte zum kommerziellen Erfolg beigetragen, worum es schließlich geht. Denn Geschichte ist eine kostbare Ressource für Netflix. Ein Stoff, der für diesen Markt leider viel zu billig zu haben ist.

Schon allein die Scheiterhaufen, die infolge der blutigen Story reichlich zu rauchen haben: Damit hätte man keinen Bratapfel durchgegart, geschweige denn eine Leiche kremiert. Oder die Johannisbeeren. Johannisbeeren! Der Film-Varus verspeist sie, obwohl Johannisbeeren erst in der Neuzeit kultiviert wurden. Sogar die steinzeitlichen Pfahlbauer, denen ansonsten keine Frucht zu sauer war, konnten dem Geschmack der undomestizierten ribes alpinum nichts abgewinnen. In den Pfahlbauerfäkalien finden sich alle möglichen Samen, aber keine Johannisbeeren. Und das, obwohl die Wildform vor allem in den Alpen wuchs, dem Einzugsgebiet der Uferrandsiedlungen. Bis zu den Römern hat sich diesbezüglich nichts verändert.

Eher ins frühe Mesolithikum gehören die Geweihmasken, deren Träger die bunte Varusschlachtplatte archaisch untermalen sollen. Da hat sich die Staffage eben einmal um achttausend Jahre verhauen, was soll‘s. Auch über zahlreiche weitere germanische Accessoires breitet man am besten den umgespritzten Ikea-Flokati des Schweigens. Während bei „Babylon Berlin“ großer Zirkus um jedes Achselhaar gemacht wird, scheint für die frühgeschichtliche Sachkultur alles beliebig. Gibt es zwei Arten von Geschichte? Für die bürgerliche politische Bildung die Moderne, in der penibel auf jedes Detail geachtet wird, und für das Prekariat die Frühgeschichte, in der man die von Forschung ungebremste tiefenpsychologische Sau rauslassen kann? Werden historische Epochen von der industriellen Verwertung bald marktgerecht durchdekliniert, für jede Konsumentengruppe die passende Zeit?

Erlösung durch den Kreuzestod?

Aber endlich zur „Barbaren“-Message: Hier sind die Fronten klar, imperialistische Römer gegen indigene Germanen. Der Gegensatz wird beispielsweise dadurch verstärkt, dass die Römer Latein sprechen und die Barbaren Deutsch. Dass sich nach generationenlangem Kontakt beide Seiten gut gekannt haben müssen, wird weitgehend ausgeklammert. Die Sympathien sind dabei klar verteilt, die Unterdrückten sind die Germanen. Auf die Spitze getrieben wird die Opferrolle durch Kreuzigungen. In satter Golgatha-Bildsprache (schließlich spielt der Film ja ungefähr zeitgleich mit der Passion) hängen in einer Schlüsselszene vier Germanen am Kreuz. Auch ohne christliche Glaubensinhalte ist das Kreuz ein weltweites Symbol für Leid, Opfer aber auch für Erlösung. Mit etwas kulturgeschichtlichem Basisbesteck wird beim Gucken vage vorhersagbar, was nach dem Opfer unschuldiger Menschenleben kommen wird: die Erlösung der Volksgemeinschaft halt. „Vikings“ oder „The Last Kingdom“ lassen weitaus offener, wo die moralische Verantwortung für das kriegerische Schlamassel zu suchen ist.

Die „heidnischen“ Szenen dieser Staffel verscheuchen diesen Eindruck nicht. Der barbarische Glaube scheint von der Zivilisation unbefleckt, Naturmenschen haben eben intuitiv Zugriff auf tiefschürfende Weltweisheit. In diesem Zusammenhang scheinen selbst Derbheit und Gewalt Zeugnis eines herzensreinen, unverkopften Charakters. Wird durch diesen Glauben wie im Film Herrschaft legitimiert, beziehungsweise schicksalhaftes Führertum herbeigeorakelt, beginnt der altdeutsche Volkshirsch zu wiehern.

Erzählt wird also die Geschichte des großen ethnischen Widerstandskampfes. Man hätte auch die Geschichte des innerrömischen Konfliktes zwischen germanischen Auxiliareinheiten und der Legion erzählen können. Glücklich vermieden worden wäre damit auch der dritte, Hermann und Thusnelda zugeordnete Held Folkwin Wolfsspeer. Was für ein idiotischer Name! Hätte man in einer Satire über neurechte Befindlichkeiten einen solchen Personennamen erfunden, würden das alle als unappetitlich überzogen ansehen. Thusnelda geht es nicht viel besser. Sie bekommt den in der Zwischenzeit allgegenwärtigen Charakter der kämpfenden frühgeschichtlichen Frau ab. Das bringt mit dem Holzhammer Emanzipation in die Quote und macht die angestaubte Erzählung modern. Aber im Kern nimmt Thusnelda eine systemerhaltende Rolle in der patriarchalen Gesellschaft ein, indem sie noch härter als die Männer agiert. Eingangs bezeichnet sie etwa Folkwin als Weichei, weil dieser nicht entschieden genug gegen die Römer handelt. Hier wird lediglich das filmische Identifikationsschema der Tatort-Kommissarinnen, Fantasy-Kriegerinnen oder Vorabendserien-Handwerkerinnen abgerufen: Frauen in Männerberufen, aber ohne Anspruch auf grundsätzliche Veränderungen.

Es wundert entsprechend kaum, dass die extreme Rechte, wie zum Beispiel auf den neonazistischen „Miesling News“ zu sehen, die Serie empfiehlt. Wer der Einfachheit halber stumpf die nationalen Geschichtserzählungen des 19. Jahrhunderts aufwärmt, sollte über unerwünschten Beifall nicht erstaunt sein.

Karl Banghard

(Dieser Text ist die überarbeitete Version eines Blogbeitrags für die Webseite des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen)

Quelle: FAZ.NET/uweb
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