Archäologie

Die Rätsel der Nok

Von Ulf von Rauchhaupt
02.11.2013
, 19:18
Zur Zeit der griechischen Antike brachte ein Volk in Westafrika exquisite Skulpturen hervor, hinterließ aber sonst kaum Spuren.

Lässig kniet der Mann auf einem umgedrehten Kessel, den rechten Arm angewinkelt, einen verlorenen Gegenstand umgreifend. Die Frisur aus sechs hörnchenartigen Zöpfen wirkt fremd, aber nicht karikierend. Dazu ist das Gesicht viel zu fein, wie es konzentriert aus diesen enormen Augen blickt.

Die Augen, groß und gebogen, oft geradezu dreieckig, sind charakteristisch für jene Terrakotta-Skulpturen, von denen das erste Fragment 1928 in einer Zinnmine nahe der Ortschaft Nok in Zentralnigeria auftauchte. Nachdem der britische Archäologe Bernard Fagg in den 1940er Jahren die ersten Stücke publizierte, wurde die Kunst der „Nok-Kultur“, wie Fagg sie nannte, bald zu einem Renner auf dem internationalen Kunstmarkt, mit den entsprechenden Begleiterscheinungen: Raubgrabungen, Schmuggel und Fälschungen.

An vielen Fundstellen (grün) waren schon Raubgräber zugange gewesen.
An vielen Fundstellen (grün) waren schon Raubgräber zugange gewesen. Bild: F.A.Z.

Davon kann bei dem Knienden keine Rede sein. Archäologen um Peter Breunig von der Universität Frankfurt hatten ihn 2011 bei Daji Gwana etwa 30 Kilometer westlich von Nok entdeckt. Nun bildet er eines von etlichen Highlights einer Ausstellung, die vergangene Woche in der Liebieghaus-Skulpturensammlung eröffnet wurde. Sie präsentiert die spektakulären Funde und Ergebnisse, die Breunig und seine Mitarbeiter seit 2005 im Nok-Gebiet ergraben haben.

„Die Stücke hier sind alle neu, alle legal und alle echt“, sagt Vinzenz Brinkmann, der Leiter der Antikenabteilung des Liebieghauses. Als Kurator der Ausstellung hat Brinkmann die westafrikanischen Terrakotten geschickt zwischen ägyptische, griechische und römische Plastiken aus seinem Haus aufgestellt. Dahinter steht der Umstand, dass die sogenannte „art primitive“ Ozeaniens und Afrikas eine Inspirationsquelle der klassischen Moderne war, in der etwa Picasso oder die Expressionisten gegen eine Kunstauffassung revoltierten, für die Athen und Rom das Maß aller Dinge war. „Diese Kontroverse kann man hier ganz unverkrampft präsentieren“, sagt Brinkmann.

Zeitgleich mit Phidias und Praxiteles

Doch es gibt noch einen zweiten Grund, Nok neben die europäische Antike zu stellen: Die beiden existierten zur gleichen Zeit - und vollkommen unabhängig voneinander, waren sie doch durch die Sahara voneinander getrennt.

Bereits Bernard Fagg kam durch geologische Überlegungen und Datierungen mit der damals neuen C-14-Methode zu dem Schluss, dass die Terrakotten der Nok zwischen 500 vor und 300 nach Christus entstanden ein mussten, wobei er Hinweise auf einen noch früheren Beginn der Nok-Kultur vor 900 v. Chr. geflissentlich ignorierte. Denn seine Grabungen hatten zugleich handfeste Spuren von Eisenverhüttung zutage gefördert. Nun hat es aber in Westafrika nie eine Kupfer- oder Bronzezeit gegeben, die dem Eisen vorangegangen wäre. Da Eisen in Europa außerhalb des Hethiterreiches erst nach der Wende zum ersten vorchristlichen Jahrtausend allgemeine Verbreitung fand, hätte ein zeitgleicher Beginn der Eisenzeit jenseits der Sahara bei den Nok bedeutet, dass diese die anspruchsvolle Technik eigenständig entwickelten, ohne zuvor am Kupfer Erfahrung im Umgang mit Erz und Metall gesammelt zu haben. „Diesen Schluss zu ziehen, hat Fagg sich nicht getraut“, sagt Peter Breunig.

Der Frankfurter Archäologe ist nun mit seinem Team der Erste, der seit Fagg und wenigen anderen in den 1960er und 1970er Jahren im Gebiet der Nok-Funde - eine Region von der Ausdehnung Portugals - wissenschaftlich gräbt. „Das ist eine ganz junge, frische Archäologie“, schwärmt Vinzenz Brinkmann. Tatsächlich: Zwar zieren mehr als tausend Nok-Terrakotten (lange nicht alle davon sind echt) die Sammlungen und Museen rund um den Globus, doch über ihre Schöpfer wusste man bisher so gut wie nichts - eben nur, dass sie Eisen verhütten konnten.

Außer den Figuren blieb von den Nok nichts

Denn außer Keramik und Eisenschlacke hat der Boden der nigerianischen Feuchtsavanne kaum etwas von ihnen übrig gelassen. Mit einem pH-Wert von fünf ist der Boden so sauer, dass er selbst den feinen keramischen Überzug der Terrakotten angreift. Knochen von Menschen oder Nutztieren, gar empfindliches organisches Material wie Holz oder Textilien haben da keine Chance. Zudem quillt das Erdreich dort in jeder Regenzeit auf, um anschließend in der Trockenzeit wieder einzuschrumpfen. Das macht typischen Siedlungsspuren wie Pfostenlöchern schnell den Garaus.

Doch mit akribischer Datenaufnahme sowie moderner Grabungs- und Analysetechnik konnten Breunig und seine Mitarbeiter den Schöpfern der Nok-Skulpturen nun erste Konturen geben. Da wäre zunächst die Frage ihres Alters. Mehr als hundert kalibrierte C-14-Datierungen zeigen heute, dass die Nok-Kultur bereits um 1500 v. Chr. begann, ihre Blütezeit - in der auch die Terrakotten produziert wurden - zwischen 900 und 300 v. Chr erlebte und um die Zeitenwende verschwand. „Aus der Zeit nach Christus finden wir gar nichts mehr“, sagt Breunig.

Planmäßig zerdeppert

Das zweite wichtige Ergebnis der Frankfurter Grabungen wirft Licht auf die Frage, wozu die Nok-Leute diese eigentümlichen Tonfiguren überhaupt anfertigten. Wie sich zeigt, müssen die Figuren planmäßig zerschlagen worden sein, bevor man sie in Gruben warf. In den meisten Fällen landeten sie buchstäblich im Müll, denn zwischen ihren Trümmern finden sich Scherben von Gebrauchskeramik und anderer Siedlungsschutt. In drei Fällen aber wurden sie außerhalb der Grubenensembles - also wahrscheinlich außerhalb der Siedlungen - gesondert deponiert. Peter Breunig ist zurückhaltend, diese Befunde zu deuten, doch kann er sich vorstellen, dass viele der Figuren, von denen trotz einheitlicher Formensprache keine der anderen gleicht, verstorbene Individuen darstellen, Ahnen also. Vielleicht war deren Präsenz nur eine gewisse Zeit gefragt, nach der sie entsorgt werden mussten, um den Lebenden nicht zu schaden. „Und einige wurden vielleicht als besonders gefährlich angesehen“, sagt Breunig. Derer hat man sich dann abseits der Siedlung mit erhöhtem rituellen Aufwand entledigt.

Wie alle Hypothesen zu den Welt- und Jenseitsvorstellungen schriftloser Kulturen wird sich auch diese nie mit letzter Sicherheit verifizieren lassen. Eher schon kann man der Frage näher kommen, wie die Nok-Leute lebten. Schon jetzt weist viel darauf hin, dass sie keine ausgedehnten Siedlungen bewohnten, sondern kleine Weiler, vielleicht als Familienverband. „Wir erwarten auch nicht, dass wir noch Königspaläste finden“, sagt Breunig. Dass eine solche, offenbar wenig geschichtete Gesellschaft dennoch Spezialisten für die Eisenverhüttung und die Herstellung der Terrakotta-Skulpturen unterhielt, ist überraschend. Zumal die Untersuchungen des Tons darauf hinweisen, dass die Figuren in wenigen zentralen Manufakturen gefertigt wurden, vielleicht auch nur in einer einzigen. Im Gegensatz dazu stammt der Ton der lokalen Gebrauchskeramik aus verschiedenen Quellen.

Gerade von geochemischen Analysen erhoffen sich die Forscher noch allerhand. So kann man mittels eines tragbaren Röntgefluoreszenz-Spektrometers, dessen Äußeres an eine Phaser-Pistole aus „Star Trek“ erinnert, heute sehr effizient Häufungen in der Verteilung bestimmter chemischer Elemente im Boden einer Fundstelle kartieren, etwa des Phosphors aus dem Apatit lange zersetzter Knochen. In einem Fall ist es damit bereits gelungen, direkt neben zwei intakten Gefäßen, wie man sie als Grabbeigaben erwarten würde, einen Fleck mit erhöhten Calcium- und Phosphorwerten zu identifizieren und 70 Zentimeter darüber einen weiteren, etwas kleineren. Offenbar handelt es sich um das, was der Savannenboden von dem Becken und dem Schädel eines Menschen übrig gelassen hat.

Die Ausstellung „Nok. Ein Ursprung afrikanischer Skulptur“ ist noch bis zum 23. Februar 2014 im Frankfurter Liebieghaus zu sehen. Der umfangreiche Katalog ist im Africa Magna Verlag Frankfurt am Main erschienen und kostet 39,80 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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