Moderne Geschichtsforschung

Auf den genetischen Spuren der Völkerwanderung

Von Jörg Feuchter
Aktualisiert am 02.06.2020
 - 12:09
Sollten an diesem prächtigen Reif vielleicht doch noch ein paar Fitzelchen urgermanischer DNA kleben? Die Eiserne Krone der Langobarden wird im Dom von Monza verwahrt.zur Bildergalerie
Mit Genanalysen will man mehr Licht in die Epoche der Völkerwanderung bringen. Keine leichte Aufgabe. Der Mediävist Patrick Geary zeigt die Grenzen, aber auch die Chancen der genetischen Geschichtsaufarbeitung auf.

Patrick Geary, der Amerikaner, hat erreicht, was noch kein deutscher Historiker geschafft hat, wenn man die Spezialdisziplin Medizingeschichte ausnimmt. Er erhält einen Synergy Grant des Europäischen Forschungsrates, war also in dessen höchstdotierter Förderlinie erfolgreich. Um die zehn Millionen Euro gehen an das Projekt HistoGenes, in dem Geary und seine Mitantragsteller Gräber der Völkerwanderungszeit untersuchen wollen. Der Name des Vorhabens ist Programm. Es setzt nicht nur auf die historisch-archäologische Auswertung, sondern auch auf eine umfassende naturwissenschaftliche Analyse, besonders auf die genetische.

Durch diese breite Interdisziplinarität soll neues Licht in die Migrationsepoche zwischen Antike und Mittelalter gebracht werden. Konkret geht es um Südostmitteleuropa. Dieser Raum erlebte vom fünften Jahrhundert an Wanderungsbewegungen, welche die spärlichen Textquellen mit Völkernamen wie den Herulern, Gepiden, Langobarden oder Awaren verbinden, über die wir aber kaum Sicheres wissen. HistoGenes will dies durch die Untersuchung von nicht weniger als 6000 archäologischen Körperfunden aus dem gesamten Karpatenbecken ändern.

Dieses große Vorhaben stellte Geary unlängst in einem Vortrag am Mittelalterzentrum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vor. Der Mediävist vom Institute for Advanced Study in Princeton gab dabei zu erkennen, dass ihm sehr wohl bewusst ist, auf welche Skepsis er bei Fachkollegen mit seiner Offenheit für die Genetik stößt. Denn die „Genetic History“, also die Erforschung der menschlichen Vergangenheit mit der Quelle DNA, sorgt durch ihr rasches, technologisch beflügeltes Fortschreiten, ihren Erfolg bei den Geldgebern, ihre breite Öffentlichkeitswirkung und ihr großes Selbstbewusstsein für beträchtliches Unbehagen bei den (traditionellen) Geschichtswissenschaftlern. Hierzulande scheint diese Reserve sogar besonders groß, obwohl durch die Förderung der Max-Planck-Gesellschaft Deutschland der weltweite Hauptstandort der Forschungen zur „ancient DNA“ wurde. Manche Mediävisten befürchten sogar eine biologistische Essentialisierung ihres Forschungsfeldes.

Befunde sind richtig und falsch zugleich

Geary versuchte in seinem Vortrag den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er ihnen weitgehend recht gab. Manche DNA-Studien zur Vergangenheit hätten tatsächlich die Fehler der berüchtigten völkischen „Siedlungsarchäologie“ wiederholt, die Fundkulturen als homogene sprachliche und biologische Einheiten verstand und Germanen anhand ihrer Langschädel zu bestimmen suchte. Ähnlich hielten heute einige Genetiker Ethnizität für eine diskrete Kategorie, die man mit Hilfe der DNA erschließen könne. Für bedenklich hält Geary solche Rückfälle auch vor dem Hintergrund neonationalistischer politischer Herausforderungen, gerade in seiner Untersuchungsregion.

Worin sieht Geary das Erkenntnispotential, das solche Risiken aufwiegt? Er bot eine bemerkenswerte Lehrstunde. Zunächst legte er dar, wie die jüngere Forschung die klassischen Erzählungen über das Ende Roms und die „Barbaren“ revidiert habe. Nicht die Wanderungen hätten das Römische Reich zerstört, sondern umgekehrt: Das Ende des Reiches habe diese erst hervorgerufen, und auch die migrierenden Ethnien seien erst im Sog des politischen Vakuums und im Kontakt mit dem Römischen Reich entstanden. Daher sei es von vornherein sinnlos, nach direkten Übereinstimmungen von biologischer mit ethnischer Identität zu suchen.

Was für Hypothesen kann die neue Forschung dann aufstellen? Geary erläuterte seine eigene Studie zu Grabfeldern in Westungarn und im Piemont. Die Textquellen schreiben, um das Jahr 568 seien Langobarden in Gruppen nach Italien gezogen. Doch lassen uns die Schriften im Unklaren darüber, ob mit diesen „fara“ genannten Einheiten nur Kriegertruppen oder ganze Familienverbände gemeint waren. Die Befunde jener Studie zeigen laut Geary, dass beide Antworten zugleich richtig sein könnten, aber auch falsch: Es fanden sich tatsächlich enge Verwandtschaftsgruppen in den norditalienischen Gräbern, bei denen sowohl Isotopen- wie DNA-Analyse auf eine landfremde Herkunft hinwiesen, während ihre Ausstattung einen privilegierten Status nahelegt. Es handelte sich aber ausschließlich um Männer, während die dort ebenfalls zahlreich bestatteten Frauen nicht mit diesen verwandt waren, zudem weniger privilegiert und abgetrennt plaziert. Wanderten die Langobarden also in Militäreinheiten, die zugleich Verwandtenverbände waren? Doch ließen sie ihre Frauen dabei einfach zurück und nahmen sich dann neue, die eher so etwas wie ihre Sklavinnen waren?

Auf den Kontext kommt es an

Obwohl eine solche neue Hypothese zur „fara“ faszinieren muss, warnte Geary davor, sie nun für validiert oder gar für verallgemeinerbar zu halten. Es gehe nur um wenige untersuchte Bestattungen, und ohnehin könne niemand wissen, ob diese Leute Langobarden gewesen seien oder ob sie sich ethnisch ganz anders zugeordnet hätten. Erst die sorgfältige Untersuchung vieler Grabfelder in ihrer jeweiligen Gesamtheit und mit einer wirklich multidisziplinären Methode, wie von HistoGenes vorgesehen, werde etwas mehr Gewissheit über die Wanderungsmuster bringen. Sicher seien nicht alle Migrationen gleich verlaufen.

In Anbetracht der großen Naivität gegenüber Daten aus dem Erbgut, wie sie in Nonsens-Aussagen à la „DNA lügt nicht“ zum Ausdruck kommt, verlangte Geary mehr Selbstreflexion. Hüten müsse man sich vor Kategorienfehlern durch den Abgleich alter DNA mit Datenbanken, die auf Samples heutiger Bevölkerungen beruhen. Missverständnisse könne auch die grafische Darstellung statistischer Ergebnisse begünstigen. Gearys Fazit: Genetische Daten können erst dann historisch aussagekräftig werden, wenn Teams von breit ausgebildeten Geistes- und Naturwissenschaftlern sie im Kontext auswerten.

So recht der interdisziplinäre Pionier aus den Vereinigten Staaten mit dieser Folgerung hat, so schlecht ist die deutsche Forschungslandschaft aufgestellt. Während sich in Österreich namhafte Mediävisten wie Walter Pohl (Wien) an HistoGenes beteiligen, gibt es von Seiten der Geschichtswissenschaft hierzulande noch kaum eine Reaktion auf die „Genetic History“, die über reflexive Abwehr hinausgeht. Anders als für Klima- und Umweltgeschichte entstehen keine Kompetenzzentren und Publikationsforen. Gegenüber der erwähnten internationalen Spitzenstellung deutscher Gen-Labore in der historischen DNA-Analyse, besonders des an HistoGenes beteiligten Jenaer MPI für Menschheitsgeschichte, besteht ein peinliches Missverhältnis. Es bleibt nur zu hoffen, dass Gearys nachdrückliches Berliner Plädoyer für ein kritisches Engagement nicht verhallt.

Quelle: F.A.Z.
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