Interview mit Salvatore Ortisi

Es spricht alles für die Varusschlacht

Von Uwe Ebbinghaus
25.06.2021
, 15:22
Sorgt für Forschungsdiskussionen: die Rekonstruktion des sogenannten „Germanenwalls“ in Kalkriese
In Kalkriese hat wohl eine der spektakulärsten Schlachten der Antike getobt. Ständig bringen Ausgrabungen neue Überraschungen ans Licht. Ein Interview mit dem Archäologen Salvatore Ortisi.

Warum ist die Frage nach dem Ort der Varusschlacht eigentlich so wichtig?

Ich denke, diese Frage ist deshalb für viele so wichtig, weil man geschichtliche Ereignisse mit ganz konkreten Orten in Verbindung bringen möchte. Die Suche nach sagenhaften Plätzen beginnt schon im Mittelalter. Hier wurde bereits versucht, Orte, die man aus der römischen Literatur kannte oder gerade kennen gelernt hatte, im Gelände zu lokalisieren.

Welcher Ort wäre im Umfeld der Varusschlacht, an der drei Legionen beteiligt waren und die sich über mehrere Quadratkilometer hingezogen haben muss, von besonderem Interesse?

Ich denke, es wäre vermessen, den Ort finden zu wollen, an dem Varus sich in sein Schwert stürzte. Da sind wir in der Forschung auch schon weiter. Mittlerweile ist es allgemein akzeptiert, dass wir von einem großen Kriegsgeschehen ausgehen müssen. Auch aus römischer Sicht handelte es sich um den „Varianischen Krieg“ und nicht um die „Varianische Schlacht“. Man ging aus von einem großen Aufstand in Germanien, bei dem die Armee des Varus letztlich untergegangen ist. Am Wahrscheinlichsten ist wohl die Annahme, dass sich die römische Armee, bestehend aus drei Legionen, in mehreren Kolonnen durch das Gelände bewegt hat, bevor dann eine nach der anderen – sicher an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten – aufgerieben wurde. Ob die drei Legionen im Jahr neun nach Christus in voller Stärke ausrückten, ist eine offene Frage. Möglicherweise waren es auch nur Teile der Germanien-Armee, die mit Varus unterwegs waren – sobald der Legionsadler mitgeführt wird, sprechen die Römer gerne schon von einer Legion. In jedem Fall waren es mehrere Orte, die in der Varus-Katastrophe eine Rolle spielten. Und es gibt gute Indizien dafür, dass im Raum Kalkriese eine relativ prominente römische Armee unterwegs war.

Was sagen die Quellen über das Schlachtgeschehen? Geben sie aus Ihrer Sicht ein klares Bild wieder?

Salvatore Ortisi lehrt am Institut für Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, bis 2020 war er Leiter der Wissenschaftsabteilung am Museum und Park Kalkriese
Salvatore Ortisi lehrt am Institut für Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, bis 2020 war er Leiter der Wissenschaftsabteilung am Museum und Park Kalkriese Bild: privat

Die Quellen klingen plausibel. Es sind einige Stereotypen im Spiel, die bei solchen militärischen Katastrophen häufig vorkommen: schlechtes Wetter, ungünstiges Gelände. Insgesamt ergibt sich aber ein schlüssiges Bild von einer Armee, die sich auf dem Rückmarsch von ihrem Sommerlager befindet und durch ständige guerilla-artige Angriffe zunehmend demoralisiert und dezimiert wird, bevor sie sich in wilder Flucht auflöst. Das Bild, das in den Quellen überliefert wird, ist aber nicht so detailgenau, dass wir allein aus der Beschreibung heraus sicher sagen könnten, wo die letzten Akte dieses Untergangs gespielt haben.

Wie groß ist das Gebiet, das letztlich für die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Varus und den germanischen Stämmen in Frage kommt?

Wir sprechen ganz grob von einem Raum zwischen Weser und Rhein, dem Gebiet des germanischen Stamms der Cherusker und ihrer Nachbarn. Kalkriese markiert letztlich schon den nördlichsten Punkt dieser Region. Es ist aber durchaus möglich, dass sich einige Legionen weiter südlich durchs Gebirge bewegt haben. Das ist sogar recht wahrscheinlich. Ein Kollege, Bert Wiegel, hat sich mit den Bewegungen neuzeitlicher Armeen im norddeutschen Raum beschäftigt. Dabei zeigte sich, dass sich Armeen meist in denselben Korridoren von Ost nach West bewegt haben. Auch die großen Schlachten finden oft in ähnlich gearteten Regionen statt. Die Topographie gibt mehr oder weniger vor, wo eine größere Armee mit Wägen, Tross und Begleitung überhaupt durchkommt. Die Vermutung, dass die Römer unter Varus die gleichen Wege genommen haben wie die Truppen im dreißigjährigen Krieg oder in den Napoleonischen Kriegen, ist recht naheliegend.

Wie sieht das Setting dieser Auseinandersetzung genau aus? Varus befindet sich im Sommerlager oder ist auf dem Rückweg von seinem Sommerlager, heißt es in den Quellen, und wird von einem zur Truppe gehörenden Berater, dem germanischen Fürstensohn Arminius, der als eine Art Geisel in jungen Jahren in Rom erzogen wurde, in eine Falle gelockt.

Wenn wir den antiken Quellen glauben wollen, wurde Varus mit dem Kern der römischen Besatzungs-Armee von der üblichen Route abgelenkt und in unwegsames Gelände gelockt. Wobei die Frage aufkommt: Wie muss man sich Germanien um neun nach Christus vorstellen? Man kann zum Beispiel auf das von Römern besetzte Gallien oder Britannien blicken, zu diesen Provinzen haben wir eine recht gute Quellenlage. Zu Beginn der römischen Besatzung gibt es erste große Straßentrassen, die die Römer entsprechend auszubauen beginnen. An den Trassen liegen Militärstützpunkte, die die Gegend kontrollieren. In den Gebieten der Verbündeten gibt es kleinere und größere Militärposten, um den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung zu halten. Wo Aufrührer angesiedelt sind, werden größere Abteilungen stationiert. Wenn man das auf Germanien in der augusteischen Zeit überträgt, gäbe es ein paar gut bekannte Wege und ein paar kontrollierte und befestigte Korridore. Wenn es gelingt, den Feldherrn der Besatzungsmacht aus seiner gewohnten Umgebung herauszulocken, entsteht ein strategischer Vorteil. Das erscheint mir, bezogen auf die Varusschlacht, sehr wahrscheinlich. Arminius wusste, was er tat, und Varus ist ihm auf den Leim gegangen. Und diese Annahme spräche keinesfalls gegen das Wiehengebirge bei Kalkriese als Schlachtgelände. Wir befinden uns hier in einem Bereich, der für die Römer auf ihrem Zug von Ost nach West vielleicht nicht die allererste Wahl war.

Tod des Publius Quintilius Varus, Radierung von G. Mochetti nach einer Zeichnung von Bartolomeo Pinelli (1781–1835)
Tod des Publius Quintilius Varus, Radierung von G. Mochetti nach einer Zeichnung von Bartolomeo Pinelli (1781–1835) Bild: Picture-Alliance

Was war das für ein Sommerlager, in dem sich Varus zuvor befunden hatte?

Diese Einrichtung kennen wir auch aus anderen Provinzen. Der Statthalter, der Repräsentant Roms, ist mit seiner Armee unterwegs, um in den frisch eroberten Gebieten bei den unterworfenen und verbündeten Königen oder Stammesfürsten den Kontakt zu pflegen und Recht zu sprechen. Er ist also den Sommer über damit beschäftigt, durch sein Verwaltungsgebiet zu ziehen. Auch Varus hat das offensichtlich getan. Als es zur Auseinandersetzung mit den Cheruskern kam, befand er sich wohl am Ende seiner Inspektionsreise.

Gibt es Anhaltspunkte dafür, wo sich das Sommerlager befand?

Wir wissen nur, dass es im Cheruskergebiet gelegen haben muss. Darüber hinaus kann man nur spekulieren. Der Kollege Henning Haßmann vom Landesdenkmalamt in Hannover hat einmal gesagt: „Wenn wir die Römer finden wollen, müssen wir die Germanen suchen.“ Damit hat er sicher recht. Wir können annehmen, dass sich Varus auf seiner Inspektionsreise im zentralen cheruskischen Siedlungsgebiet aufgehalten hat. Man sollte also die landwirtschaftlich attraktivsten Flächen im Cheruskergebiet ins Auge fassen, Gegenden mit fruchtbaren Lössböden, die zur Ansiedlung einladen.

Was spricht außer der groben Geographie für Kalkriese als Ort der Varusschlacht?

Nach wie vor spricht für Kalkriese, dass wir dort große Mengen an römischer Militärausrüstung und Spuren von Kampfhandlungen gefunden haben. Es gibt eindrucksvolle Knochenfunde – Schädel und andere Knochenteile Erschlagener –, die meist jungen Männern zuzuordnen sind. Zudem gibt es Knochenreste, die auf ein Maultier hinweisen, das zu einem Tross gehört haben muss. Viel an zerhackter militärischer Ausrüstung wurde gefunden, was auf Plündervorgänge nach einer Schlacht hindeutet. Und das ist schon eine ganze Menge. Die Untersuchungen der letzten Jahre haben diesen Befund verdichtet. Wir haben jetzt noch mehr Hinweise auf die großen Mengen von Militärausrüstung, die auf dem Feld liegen geblieben sind. Wie kommen wir auf die Varusschlacht und nicht auf eine Schlacht im Zuge der Germanicus-Strafexpedition fünf, sechs Jahre später? In dieser Frage sind die Münzen entscheidend. Von den weit über tausend Funden auf dem Schlachtfeld datiert keine jünger als neun nach Christus.

Diese acht Aurei wurden während der Grabungen 2016 im Norden des Obereschs in Kalkriese gefunden.
Diese acht Aurei wurden während der Grabungen 2016 im Norden des Obereschs in Kalkriese gefunden. Bild: Picture-Alliance

Wie verhält es sich bei Münzen, die von Legionären oder aus einer Legionskasse stammen? Sind sie in der Regel frisch?

Das ist der Punkt, um den sich die numismatische Diskussion im Falle Kalkriese dreht. Als Archäologe gehe ich davon aus, dass frisch geprägtes Geld in der Regel zeitnah in Umlauf kommt und sich relativ schnell unter die älteren Münzen mischt. Soweit ich das überblicke, findet auch in römischer Zeit die aktuelle Münzprägung relativ schnell in die Geldbeutel der Soldaten. Diese bekommen in regelmäßigen Abständen frisches Geld in die Hand und sind mit ihren Soldzahlungen der ökonomische Motor in jeder Provinz. Diejenigen Forscher, die das Schlachtgeschehen in Kalkriese für jünger halten, können sich vorstellen, vereinfacht zusammengefasst, dass die Germanicus-Armee mit dem Geld bezahlt wurde, das eigentlich für die Varus-Armee gedacht war.

Inwiefern passt das Gelände von Kalkriese gut zu der Varusschlacht? Es gibt zum Beispiel eine Engführung, die für einen Hinterhalt günstig gewesen wäre.

In der Archäologie wird häufig gemischt argumentiert. Man hat die antiken Quellen und den Befund vor Ort, beide werden miteinander kombiniert und es ergibt sich eine mehr oder weniger stimmige Geschichte. Wir wissen aus den Quellen, dass die Varus-Armee über einige Tage hinweg angegriffen wurde, dass sie unter Druck stand. Ihr Lager wurde immer kleiner und schlechter geschützt, auch das Wetter soll schlecht gewesen sein. In den Quellen steht weiter, dass die Germanen immer wieder aus den Wäldern heraus die Kolonne attackiert haben. Sie haben sich nicht zur Schlacht aufgestellt, was für die Römer günstig gewesen wäre. Sie haben die Kolonne vorbeimarschieren lassen und sich auf kleinere Segmente konzentriert, anschließend seien sie wieder in den Wald verschwunden, was die Römer demoralisiert habe.

In Kalkriese haben wir nun ein Gelände, das sich nach einem von Ost nach West verlaufenden Engpass zwischen Moor und Wiehengebirge öffnet und weitet. Diese Stelle böte also eine letzte gute Gelegenheit, aus dem Wald hervorzubrechen und eine vorbeimarschierende Kolonne anzugreifen.

Möglicher Römerweg auf dem Gelände in Kalkriese, im Hintergrund der Aussichtsturm des Varusschlachtmuseums
Möglicher Römerweg auf dem Gelände in Kalkriese, im Hintergrund der Aussichtsturm des Varusschlachtmuseums Bild: Picture-Alliance

Der Wall, den man in Kalkriese gefunden hat, wurde seit den neunziger Jahren für germanisch gehalten. Sie waren dem gegenüber skeptisch. Von 2015 an waren Sie wissenschaftlicher Leiter des Projekts Kalkriese. 2016 fanden Sie dann Münzen, die die Hinterhaltstheorie aus Ihrer Sicht infrage stellten.

Wir haben auf dem Gelände von Kalkriese verschiedene große Münzfunde gemacht: den Börsenfund mit den acht Aurei, römischen Goldmünzen, später kamen mehr als 200 Silberdenare südlich des sogenannten Germanenwalls hinzu – also in einem Areal, das nach der Hinterhaltstheorie von germanischen Kriegern hätte besetzt sein müssen. Das weckt Zweifel daran, dass wir es hier mit einer klaren Front zu tun hatten: die Germanen südlich des Walls, hangaufwärts – die Römer nördlich in Richtung Moor.

Diese Entdeckungen führten zu der Theorie, dass der Wall möglicherweise zu einem römischen Marschlager, einer Verschanzung, gehörte. Was würde für diese Theorie sprechen?

Ich muss vorausschicken, dass ich diese Theorie mittlerweile kritisch sehe. In den ersten Publikationen zu den Grabungen in Kalkriese stand übrigens genau diese Frage noch im Raum: Gehörte der gefundene Wall zu einem römischen Lager? Dieser Punkt war dann allerdings schnell aus der Diskussion verschwunden. 2016 setzten wir hier an. Bei den Nachgrabungen haben wir dann an der Hangkante zwischen Oberesch und Moor einen Graben mit nach Süden hin aufgeworfenem Wall gefunden, der weitgehend identisch war mit dem hangaufwärts gelegenen sogenannten Germanenwall. Damit hatten wir plötzlich zwei Wallgrabenanlagen im Gelände, was zunächst dafür sprach, dass die Theorie von der römischen Befestigungsanlage die plausiblere sein könnte.

Bei den jüngsten Grabungen in Kalkriese wurden neue Pflugspuren gefunden, die für eine landwirtschaftliche Nutzung sprechen und Rückschlüsse auf die Datierung der übrigen Funde zulassen.
Bei den jüngsten Grabungen in Kalkriese wurden neue Pflugspuren gefunden, die für eine landwirtschaftliche Nutzung sprechen und Rückschlüsse auf die Datierung der übrigen Funde zulassen. Bild: Varusschlacht im Osnabrücker Land

Der zweite Wall verlief parallel zu dem bereits gefundenen sogenannten Germanenwall?

Ja. Genau wie bei dem ersten Wall gab es keine von den Römern sonst bevorzugte klare Linie, er wurde eher dem Gelände angepasst.

Was für Eile beim Bau hätte sprechen können?

Das hätte für eine Ausnahmesituation, eine Bedrohung sprechen können. Was sonst hätte eine römische Armee dazu treiben sollen, eine eher ungewöhnliche Trassenführung zu wählen?

Wie genau standen die beiden Wälle zueinander, wie groß wäre das Areal gewesen, das sie hätten begrenzen können?

Wenn man die Ost- und Westseite des angenommenen Lagers dem natürlichen Geländeverlauf anpassen würde, wäre ein recht kleines Areal von fünf bis sechs Hektar entstanden. Für eine Armee von drei Legionen wäre das deutlich zu wenig. Man kommt allenfalls auf eine Größenordnung von 1500 bis 2000 Mann. Auch für diesen Umstand lässt sich freilich eine Erklärung finden: In der Schlussphase der Varusschlacht ist nur noch der Feldherr mit seinem engsten Gefolge unterwegs, der Rest ist schon verloren. Für diese Restarmee hätte das Lager noch gepasst.

Sensationsfund des Jahres 2018: Teile eines fast vollständig erhaltenen römischen Schienenpanzers
Sensationsfund des Jahres 2018: Teile eines fast vollständig erhaltenen römischen Schienenpanzers Bild: Picture-Alliance

Es stellt sich die Frage, ob das Marschlager fertiggestellt wurde.

Auch diese Frage haben wir versucht zu beantworten, selbst ein Notlager braucht schließlich vier Seiten. Also haben wir 2018 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geographie der Uni Osnabrück und den Grabungstechnikern des Museums und Park Kalkriese neue Sondagen angelegt und bei dieser Gelegenheit eine Stelle erwischt, bei der die Bodenerhaltung deutlich besser war als in den vorangegangenen Grabungen. Wir hatten einen wesentlich komplexeren Schichtaufbau mit mehreren erhaltenen Bodenschichten. Eine war prähistorisch, mit Pflugspuren, eine zweite enthielt nach bisherigem Stand das Schlachtfeld. Auf diesem frühkaiserzeitlichen Boden haben wir mehrere hervorragend erhaltene Ausrüstungsteile gefunden: ein Pilum (Wurfspeer), eine Dolchscheide und den Schienenpanzer eines Legionärs.

Über den Schichtenaufbau in den Grabungsprofilen, der Stratigraphie, konnten wir sehen, dass dieses Schlachtfeld relativ schnell von einer massiven Bleichsandschicht überdeckt worden war. Dabei handelt es sich wohl um eine Anschwemmung vom Hang hinab, die durch Rodungen und ackerbauliche Nutzung des oberhalb liegenden Geländes verursacht wurde. Auf diesem Sand bildete sich dann neuer Boden. Und auf diesem haben wir, unerfreulich für unsere vorhergehende Theorie, eine Wallaufschüttung gefunden, die möglicherweise mit dem Wall identisch ist, den wir fünfzig Meter weiter westlich gefunden und als Römerwall interpretiert hatten. Somit ist es nicht ausgeschlossen, dass Wall und Graben auch mit einer späteren landwirtschaftlichen Nutzung des Geländes zusammenhängen könnten. Die Datierung dieser Wallaufschüttung erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Geomorphologie der Universität Bayreuth.

Plan mit den Grabungsschnitten bis 2020 und dem Verlauf des sogenannten „Germanenwalls“
Plan mit den Grabungsschnitten bis 2020 und dem Verlauf des sogenannten „Germanenwalls“ Bild: Varusschlacht im Osnabrücker Land

Und aus welcher Zeit stammt der Germanenwall?

Eine verbindliche Antwort kann ich Ihnen erst in einigen Wochen geben. Interessant ist, dass wir südlich des sogenannten Germanenwalls Gräbchen gefunden haben, die als Wagenspuren interpretiert werden können und die einen Hinweis auf einen alten Straßenverlauf im oberen (südlichen) Hangbereich des Obereschs geben. Wenn ich im Moment ein Szenario entwickeln müsste, würde ich sagen: Nördlich des sogenannten Germanenwalls ist eine römische Kolonne vorbeigezogen, die von Germanen angegriffen wurde und sich nach unten, in Richtung Moor, hat drücken lassen. Bei dieser Gelegenheit hat sie offenbar große Mengen an Ausrüstung und einige Legionäre verloren.

Die Varusschlacht-Theorie bleibt dadurch unerschüttert?

In Kalkriese handelt es sich aus meiner Sicht mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Schlachtfeld, das nach derzeitigem Stand mit der historisch überlieferten clades Variana in Verbindung steht. Dass sich hier die Kolonne mit dem Feldherrn aufhielt, ist ebenfalls sehr wahrscheinlich, beweisen können wir es nicht. Nach der Schlacht ist das Schlachtfeld offensichtlich geplündert worden, offenbar aber nicht so akribisch, wie wir bisher dachten. Sonst hätten wir nicht einen ganzen Schienenpanzer gefunden. Anschließend ist Wald über die Sache gewachsen, im Mittelalter hat man begonnen, den Wald zu roden und das Gelände wieder landwirtschaftlich zu nutzen. Dadurch wurde, für uns ungünstig, das Schlachtfeld mit den darüberliegenden Sandablagerungen und dem Waldboden vermischt. Der Pflug hat alles durcheinandergewirbelt. Wir hatten 2018 das Glück, in einen Bereich zu kommen, in dem wir den alten Bodenaufbau fassen konnten. Fest steht weiter: Kalkriese ist bisher das einzige größere sichere Schlachtfeld aus der Zeit der Varusschlacht. Die Frage, ob es ein Lager gab oder nicht, ist meines Erachtens noch nicht beantwortet. Im Bereich des Oberesch existieren weitere Grabenanlagen, deren Datierung noch nicht eindeutig geklärt ist.

Verschiedene Bodenschichten werden bei den Ausgrabungen von 2016 auf dem Gelände des Varusschlachtmuseums in Kalkriese freigelegt.
Verschiedene Bodenschichten werden bei den Ausgrabungen von 2016 auf dem Gelände des Varusschlachtmuseums in Kalkriese freigelegt. Bild: Picture-Alliance

Sie haben also in den letzten Monaten in Kalkriese Entdeckungen gemacht, die für die Varusschlacht, aber eher gegen die Römerlagertheorie sprechen?

Genau.

Nochmal zur Germanicus-Theorie und der Frage, ob das Schlachtgeschehen in Kalkriese eventuell mit dessen Strafexpedition um 15 nach Christus zusammenhing. Welche Hinweise gibt es dafür?

Aus archäologischer Sicht haben wir derzeit keine Hinweise, die deutlich für Germanicus sprächen. Es gibt aber ein von der Volkswagen-Stiftung gefördertes Projekt, in dem ein Team des Museums und Park Kalkriese, der LMU München und der Universität Bochum über eine typologische und metallurgische Untersuchung der gefundenen Ausrüstung zu beantworten versucht. Man muss abwarten, ob das funktioniert. Über numismatische Aspekte haben wir ja schon gesprochen. Darüber hinaus ergibt sich auf dem Schlachtfeld der Befund, dass in den Gruben menschliche und tierische Skelette gemeinsam bestattet wurden – längere Zeit nach der Schlacht. Was dafür spricht, dass das Schlachtfeld irgendwann, mit zeitlichem Abstand, aufgeräumt wurde – möglicherweise von den Römern unter Gemanicus, der die Toten der Varusschlacht bestatten ließ.

Ausrüstungsgegenstände von Legionen waren zum Teil gestempelt, das zeigen Funde im Umkreis der Alpenfeldzüge. Ist es nicht ungewöhnlich, dass man in Kalkriese bisher auf nichts gestoßen ist, wodurch man die drei Legionen eindeutig hätte identifizieren können?

Diese Stempelungen gibt es tatsächlich häufiger, vor allem bei Geschossbolzen. Wir haben in Kalkriese nur das Problem, dass das Eisen notorisch schlecht erhalten ist. Wir haben bisher leider keine eindeutigen Stempel gefunden.

Was ist mit dem vielen Metall geschehen, das die drei Legionen mit sich trugen? Selbst, wenn man nur von 6000 römischen Soldaten ausgeht, kommt man auf große Mengen.

Wir finden sehr viel davon in Kalkriese. Die Funde sind über mehrere Quadratkilometer verstreut. Das übrige Metall wird in die angrenzenden Siedlungen gelangt und dort recyclet worden sein. Dazu gibt es ein schönes Forschungsprojekt von Susanne Wilbers-Rost und Achim Rost, die sich die umliegenden germanischen Siedlungen genauer angeschaut haben. Sie konnten dieses Recycling von römischer Militärausrüstung gut nachweisen. Ein größerer Teil wird auch den Göttern geopfert worden sein. Zudem sind sicher viele Gefangene als Sklaven in germanische Hände gelangt. Noch unter Claudius, vierzig Jahre später, werden bei den Chatten römische Gefangener der clades Variana befreit.

Es gibt ja auch den germanischen Brauch, die Waffen von Besiegten in Mooren zu opfern. Ist das Moor in Kalkriese speziell untersucht worden?

Im Bereich des Großen Moores in Kalkriese ist eine Menge gefunden worden. Eine systematische Suche hat bisher nicht stattgefunden. Das wäre eine spannende Geschichte. Wenn es sich um große Mengen an Metall handelt, kann man es mit entsprechenden Methoden auch in Mooren auffinden.

Wie geht es weiter? Was wäre noch zu tun, um in der Lokalisierungsfrage voranzuschreiten?

Die Grabungen vor Ort werden kontinuierlich fortgeführt, daran sind alle beteiligt: die Uni Osnabrück sowie die archäologische Abteilung des Museum und Park in Kalkriese. Im Herbst letzten Jahres hat Stefan Ardeleanu die Professur für die Archäologie der römischen Provinzen an der Universität Osnabrück und die Projektleitung in Kalkriese übernommen. Er wird sicher neue Forschungsfragen und Lösungsansätze entwickeln. Mittlerweile gibt es schon eine regelrechte Conflict Landscape, die stetig ergänzt wird. Irgendwann werden auch die entscheidenden Funde kommen, davon bin ich überzeugt.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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