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Bedrohte Tierarten

Warum starben Australiens große Raubtiere aus?

Von Diemut Klärner
 - 16:34
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Die Familie der Beutellöwen zählte einst zu Australiens Säugetierfauna. Wie ihr Gebiss verrät, waren ihre Urahnen wohl Vegetarier, die aus unbekannten Gründen Geschmack an Fleisch gefunden hatten. Fast so groß wie ein Löwe, präsentierte sich der Beutellöwe des Pleistozäns – mit wissenschaftlichem Namen Thylacoleo carnifex – als letzter und stattlichster Vertreter dieser karnivoren Beuteltiere.

Als vor etwa 60.000 Jahren erstmals Menschen nach Australien kamen, streifte er dort noch zahlreich umher. Doch schon bevor das Eiszeitalter zu Ende ging, ist er vor etwa 40.000 Jahren ausgestorben. Damals gab es keine heftigen Klimaschwankungen, die als Ursache in Frage kämen.

Wie viele Kollegen halten deshalb auch Wissenschaftler um Christopher Sandom von der Universität Aarhus für plausibel, dass ambitionierte Jäger ihre Hände im Spiel hatten. Welche Rolle dabei indirekte Effekte wie die Dezimierung von Beutetieren und gezielt gelegte Brände spielten, bleibt eine offene Frage.

War der Beutellöwe ein Kletterer?

Vor 160 Jahren, bald nachdem die ersten europäischen Siedler Australien bevölkert hatten, erregten fossile Schädelknochen des Beutellöwen die Aufmerksamkeit von Naturforschern. Mittlerweile sind immer wieder neue Funde ans Tageslicht gekommen, nun auch Skelettteile, die an ihren Gelenkflächen noch miteinander in Kontakt stehen, sowie ein vollständig erhaltenes Skelett.

Sie erlaubten Roderick T. Wells und Aaron B. Camens von der Flinders University in Adelaide, das Bewegungs- und Verhaltensrepertoire des Beutellöwen erstmals eingehend zu studieren.

Wie die Paläontologen in der Online-Zeitschrift „Plos One“ berichten, sprechen viele anatomische Details dafür, dass Beutellöwen recht passabel klettern konnten. Kratzspuren in Höhlen bezeugen, dass sie mit Hilfe ihrer Vorderpfoten auch sehr steile Passagen meisterten. Schätzungsweise bis zu 130 Kilogramm schwer, war der Beutellöwe zwar sicher kein Baumbewohner. Dennoch könnte er hochgelegene Ruheplätze bevorzugt haben.

Vielleicht hat er Astgabeln auch als Vorratskammer genutzt, ähnlich wie heutzutage der Leopard in Afrikas Savannen. Der erst im zwanzigsten Jahrhundert ausgerottete Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus) war womöglich ein Nahrungskonkurrent, vor dem der Beutellöwe seine Jagdbeute in Sicherheit bringen musste.

Perfekt ausgestattet zum Jagen

Wirbelsäule und Gliedmaßen zeigen, dass Beutellöwen keine flinken und ausdauernden Läufer waren, die ihre Beute zu Tode hetzten. Vermutlich haben sie ihren Opfern geduldig aufgelauert oder sich nach Katzenart angeschlichen. Die Rolle der Eckzähne, die wie bei den vegetarischen Vorfahren verkümmert blieben, übernahmen zwei robuste Schneidezähne im Unterkiefer.

Mit ihnen ließen sich womöglich auch Pflanzenfresser der Gattung Diprotodon überwältigen, die fast so groß wie Nilpferde wurden: Wenn Beutellöwen mit den spitz zulaufenden Zähnen zwischen den Halswirbeln zum Rückenmark vordrangen oder starke Sehnen durchtrennten, machten sie die zappelnde Beute wehrlos. Überdimensionale Krallen am Daumen konnten die Haut des Opfers aufschlitzen oder sich tief darin festkrallen.

Ob der Beutellöwe seine Mahlzeit meist selbst erlegte oder sich lieber an bereits toten Tieren gütlich tat, lässt sich nicht mehr klären. Mit den vier Prämolaren, die auf Kosten der übrigen Backenzähne in die Länge gewachsen waren und messerscharfe Kanten entwickelt hatten, konnte er auf jeden Fall mundgerechte Happen aus dem Fleisch herausschneiden. Vorderpfoten mit beweglichen Fingern waren dann nützlich, um die Beute fest im Griff zu behalten.

Ein teuflischer Nachfahre

Das lässt sich bei einem karnivoren Beuteltier beobachten, das auch heute noch Tasmaniens Wälder durchstreift, dem Beutelteufel (Sarcophilus harrisii). Seinen Namen verdankt er dem schrecklichen Knurren und schauerlich schrillen Kreischen, das er vor allem nachts ertönen lässt.

Bis zu zwölf Kilogramm schwer, an der Schulter gemessen aber nur dreißig Zentimetern hoch, hat der Beutelteufel die Statur eines kleinen, aber stämmigen Hundes. Auf der Suche nach einer Mahlzeit zeigt er gewöhnlich wenig Eile, nur kurzzeitig legt er mal einen flotten Galopp ein. Seine Beute kann er mit den Vorderpfoten festhalten, auf Hinterbeine und Schwanz gestützt sich aufrichten wie ein bettelnder Hund und sogar an einem Baum hochklettern.

Obwohl Beutellöwen viel weitläufiger mit ihm verwandt sind als mit Känguru und Koala, waren sie in ihrer Lebensweise dem Beutelteufel ähnlicher als allen anderen Beuteltieren. Mehr als eine Nummer kleiner, dürfte er ihnen aber kaum ins Gehege gekommen sein.

Vom Krebs heimgesucht

Europäische Siedler auf Tasmanien betrachteten den Beutelteufel lange Zeit als lästigen Hühnerdieb. Mit Fallen und Gift gelang es ihnen beinahe, ihn ebenso endgültig loszuwerden wie den Beutelwolf. Der Letzte dieses Stammes war wohl ein Tier, das 1936 im Zoo von Hobart auf Tasmanien starb. Dem kleineren Beutelteufel gelang es dagegen, trotz intensiver Verfolgung bis 1941 zu überleben.

Damals wurde dieses eigenartige Beuteltier noch rechtzeitig unter gesetzlichen Schutz gestellt. Allmählich ist die Population dann wieder gewachsen, doch seit 1996 droht eine ganz neue Gefahr: die „Devil Facial Tumour Disease“. Diese Krebskrankheit, deren grausige Tumore zuerst am Kopf wachsen, zählt zu den wenigen, die ansteckend sind. Wobei rauhe Sitten eine Ansteckung begünstigen: Beutelteufel teilen gern Bisse aus, beim Liebesspiel ebenso wie beim Kampf mit Konkurrenten.

Von Krebs heimgesucht, ist das derzeit größte karnivore Beuteltier wieder rar geworden. Dass die Tumorerkrankung schon innerhalb von fünf Generationen die Evolution der Beutelteufel umfassend geprägt hat, haben Jean-Noël Hubert, Tatiana Zerjal und Frédéric Hospital von der Université Paris-Saclay herausgefunden.

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Schnelle Immunisierung
Tasmanische Teufel könnten Krebs besiegen

Tiere verändern sich durch die Krankheit

Ihre vergleichende Untersuchung der DNA basiert auf Gewebeproben, die zwischen 1999 und 2014 von insgesamt 360 Tieren gesammelt wurden. Mit speziellen statistischen Verfahren spürten die Forscher 148 Gene auf, die sich unter dem Einfluss der fatalen Krankheit im Laufe von fünfzehn Jahren verändert haben.

Wie ein Vergleich mit menschlicher DNA zeigte, stehen all diese Gene in einem Zusammenhang mit dem Krebsleiden. Mehr als dreißig sind bei der Entstehung von Metastasen im Spiel, andere beeinflussen über das unmittelbare Ambiente des Tumors dessen Wachstum.

Selbst wenn der Gesichtskrebs immer tödlich endet, verbessert ein verlangsamter Verlauf die Chancen, dennoch Nachkommen zu hinterlassen. Unter den 148 Genen, deren Evolution die Krebserkrankung angestoßen hat, haben die Forscher außerdem 15 entdeckt, die mutmaßlich bei sozialen Interaktionen mitmischen.

Genveränderung kreiert neue Art

Wenn Menschen beispielsweise an Autismus-Spektrum-Störungen leiden, finden sich an diesen Genen charakteristische Veränderungen. Die tückische Krankheit der Beutelteufel hängt tatsächlich mit dem sozialen Verhalten zusammen: Tiere, die besonders aggressiv daherkommen, haben ein höheres Risiko, sich anzustecken, als minder ruppige Artgenossen.

Ob die Evolution den Beutelteufel ausreichend schnell gegen die Krankheit wappnen wird, ist allerdings fraglich. Schließlich sind die destruktiven Zellen dieser Krebskrankheit ebenfalls der Evolution unterworfen. Inzwischen sind schon mehrere genetische Varianten entstanden. Und damit nicht genug, Vor vier Jahren ist sogar eine völlig neue Version aufgetaucht, die auf einem ganz anderen Zelltyp basiert.

Das „Save the Tasmanian Devil Program“ der tasmanischen Regierung soll den Beutelteufel trotzdem vor dem Aussterben bewahren. Unter anderem wollen beteiligte Forscher nicht nur eine Schutzimpfung entwickeln. Einige kümmern sich vorsichtshalber auch um eine Art Backup: Gesunde Tiere wurden auf eine kleine Insel verfrachtet, wo sie ohne Ansteckungsgefahr leben und für Nachwuchs sorgen können.

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Quelle: F.A.Z.
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