Stadtarchäologie

Das römische Augsburg ist ein Puzzle für Jahrhunderte

Von Ulf von Rauchhaupt
14.08.2022
, 12:05
Römische Wand­deko des frühen 2. Jahrh. aus Augsburg
Mehr als vier Jahrhunderte blühte die Hauptstadt der römischen Provinz Rätien. Ihre Spuren sind voller Daten über die Vergangenheit, doch der Gegenwart sind sie zuweilen im Weg. Ein Besuch bei den Stadtarchäologen.
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Vorsichtig steigen wir über die niedrigen Brombeeren. Dann geht es, vorbei an altersschwachen Bäumen, in die Mitte des riesigen Wiesenstücks, wo ein paar schottische Hochlandrinder grasen. Was für ein seltsames Bild! Hundert Meter hinter dem zottigen Hornvieh erheben sich fünfstöckige Wohnhäuser aus der Gründerzeit. Ihre Bewohner haben den Hauptgewinn gezogen: Im Herzen der Stadt Augsburg wird ihnen gen Osten der weite Blick ins Grüne erhalten bleiben. Das vier Hektar große Areal im Norden der Innenstadt gehörte lange einer Maschinenbaufabrik, die dort aber lediglich einige Direktorenvillen auf parkartigen Grundstücken errichten ließ sowie Schrebergärten für ihre Arbeiter. In den 1990er-Jahren sollte das Gelände dicht mit Wohnungen bebaut werden. Daraus wird jetzt nichts mehr. Inzwischen hat die Stadt mithilfe des Freistaats Bayern der Firma das Gelände abgekauft. Nun weiden hier die Rinder, damit es nicht verbuscht.

„Ich verstehe eigentlich nichts von Pflanzen“, gesteht Sebastian Gairhos, „und von Kühen auch nichts.“ Trotzdem ist der hochgewachsene freundliche Mann jetzt für dieses Areal nördlich der spätmittelalterlichen Stadtmauer verantwortlich. Denn Gairhos leitet die Augsburger Stadtarchäologie, und unter der Kuhweide und dem Direktorenanwesen liegt ein Fünftel der römischen Stadt Augusta Vindelicum, mehr als vier Jahrhunderte lang Statthaltersitz und Metropole der Provinz Raetia. Nach dem Ende des Weströmischen Reiches schrumpfte Augsburg bis auf ein kleines Areal rund um den Dom, doch im Hochmittelalter wuchs die Stadt wieder. Dann, zur Zeit der Fugger, zählten einige ihrer Bewohner zu den reichsten Menschen der Welt und errichteten sich prächtige Renaissancebauten – doch Augsburg war vor allem nach Süden gewachsen, wo man in dem antiken Gräberfeld entlang der Straße nach Italien die letzte Ruhestätte der heiligen Afra verehrt. Der Norden der römischen Stadtfläche dagegen blieb seit dem Ende der Antike bis ins späte 19. Jahrhundert hinein unbebaut – und der größere Teil davon bis heute.

Römische Glasschale aus Augsburg, vor 360 n. Chr.
Adam und Eva: Diese etwa suppentellergroße Glasschale wurde im Jahr 2000 in einer spätestens im Jahr 360 verfüllten Grube südlich des Augsburger Doms gefunden. Es ist damit das früheste Objekt mit christlichen Motiven, das in Bayern bisher entdeckt wurde. Bild: Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Archäologisches Zentraldepot.

„Dieser konservatorische Idealzustand ist einzigartig“, sagt Sebastian Gairhos. In den anderen römischen Statthaltersitzen auf heute deutschem Gebiet, in Trier, Köln und Mainz, gebe es so etwas nicht. Und offenbar wohnten hier nicht die ärmsten Römer. „Wegen der Bebauungspläne wurden 1999 und 2000 Sondagen durchgeführt“, erklärt der Stadtarchäologe. „Dabei wurde eine dichte und vielphasige römische Bebauung aus der Zeit des ersten bis fünften Jahrhunderts nach Christus nachgewiesen. Unter anderem standen hier repräsentative Wohngebäude mit teilweise aufwendiger Ausstattung – Fußbodenheizung, Mosaike, Marmorvertäfelungen, freskengeschmückte Wände.“

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Aber warum gräbt man das dann nicht aus? Reizt die Archäologen denn nicht die Aussicht auf wertvolle Funde und wissenschaftliche Erkenntnisse über die urbane Struktur eines weitgehend kompletten und noch dazu wohlhabenden Viertels einer der wichtigsten römischen Städte nördlich der Alpen?

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Doch so funktioniert das nicht. Die Aufgabe der modernen Stadtarchäologie ist zuallererst die Sicherung von Befunden, wenn ein Bauvorhaben auf Bodendenkmäler stößt – was in der Augsburger Innenstadt sehr oft geschieht.

Spitze eines römischen Brandpfeils aus Oberhausen
Mit Feuer und Eisen: Diese Spitze eines Brandpfeils wurde 1913 mit anderer Truppenausrüstung in Oberhausen gefunden. Er stammt aus dem frühen augustäischen Militärlager an der Wertach. Bild: Kunstsammlungen und Museen Augsburg

Mitunter kommt es dazu auch auf Arealen, die zur Römerzeit weit außerhalb der Mauern lagen, etwa im nordwestlichen Stadtteil Oberhausen, wo im Herbst 2020 der größte Münzschatz zum Vorschein kam, der je in Bayern gefunden wurde: rund 5500 silberne Denare, die jemand um 200 n. Chr. unweit der Wertach vergraben hatte. Als der Strom sich Jahrhunderte später verlagerte, verteilten seine Fluten die Silberlinge im Flusskies. Die Nachricht von ihrem Fund schaffte es bis in die Tagesschau. Ähnlich spektakulär – und historisch wichtiger – waren die bei derselben Grabung entdeckten 400 Kilogramm Metall, Glas und Keramik aus den Jahren um Christi Geburt. Sie müssen von dem Militärlager aus der Zeit des Kaisers Augustus stammen, von dem bereits 1913 erste Überreste auftauchten und das dem Kastell auf der Spitze der Hochterrasse zwischen Lech und Wertach vorausging. Die genaue Auswertung der neuen Funde, darunter rund tausend Münzen, könnte jetzt endlich klären, wann genau die Geschichte des römischen Augsburgs tatsächlich begann.

Allein, das Alltagsgeschäft der Stadtarchäologen sieht anders aus – nämlich eher so wie derzeit hinter dem Augsburger Stadttheater. Das wird gerade generalsaniert und soll einen Anbau für Werkstätten, Büros und Probebühnen bekommen. Doch im Moment ist das Gelände erst zum Teil eine Baustelle, auf der Bagger ihren Aushubarbeiten nachgehen können. Der – so scheint es dem Besucher – größere Teil ist ein komplexes Nebeneinander aus freigelegten Ziegelmauerstümpfen, Plastikplanen am Boden und über bogenförmigen Zeltgestängen sowie verschieden tiefen rechteckigen Gruben. In einem der flacheren Recht­ecke aus gelber Erde stehen zwei junge Frauen mit großformatigen Zeichenblöcken. In eine besonders tiefe Grube führt eine Leiter. Dort sitzt ein Mann, ebenfalls zeichnend, an der Kante zu einer weiteren Vertiefung, vielleicht sieben Meter unter dem modernen Straßenniveau. Über seiner Grube sind zwei große Sonnenschirme aufgespannt, und vor ihm ist das Erdreich erkennbar dunkler. „Das war eine Latrine“, erklärt Grabungsleiter Günther Fleps. „Ganz unten am Rand sieht man noch einen Eckpfosten.“ Das heißt, was von ihm übrig ist: einen noch etwas dunkleren Farbton im Lehm. Und das, sagt Fleps, ist es, womit man es im römischen Augsburg zumeist zu tun hat: verschiedenfarbige Erdschichten aus verschiedenen Zeiten. „Und die gilt es auseinanderzufieseln.“

Augusta Vindelicum auf dem Geländeprofil Augsburgs
Augusta Vindelicum (rot) auf dem Geländeprofil des modernen Augsburg. Zur Römerzeit lebten innerhalb der Stadtmauern zwischen 10 000 und 16 000 Menschen. Die Stadt entstand um das Kastell einer Militäreinheit, das, wie der übrige Ort, bei den Machtkämpfen nach dem Sturz Kaiser Neros im Jahr 68 n. Chr. zerstört und danach überbaut wurde. Die bisher archäologisch nachgewiesene römische Bebauung (schwarz) macht weniger als ein Zehntel der damaligen Stadtfläche aus. Im Osten ist die römische Stadtmauer und ein bis zu 200 Meter breiter Streifen der antiken Stadtfläche späteren Verlagerungen des Lech zum Opfer gefallen. Bild: aus „Das römische Augsburg“, wbg Darmstadt 2022, Bearbeitung F.A.Z. Graphik Sieber

Der Aufwand dafür ist erheblich: Hat der Bagger – unter archäologischer Aufsicht – die modern durchwühlte Deckschicht abgetragen, wird das Areal in vier mal sechs Meter große Rechtecke unterteilt. Diese räumt die Grabungsmannschaft nun nacheinander aus, bis hinab in den befundfreien hellgelben Löss der Augsburger Hochterrasse – vorsichtig, Schicht um Schicht. Jede einzelne wird mittels eines mechanischen Gerätes namens Pantograph im Maßstab 1:20 zeichnerisch erfasst und möglichst naturgetreu koloriert, ebenso die Profile an den Seiten der Vier-mal-sechs-Meter-Gruben. Vorgefundene Strukturen werden eingezeichnet und nummeriert, ebenso Objektfunde wie Münzen, Keramik , Werkstoffreste oder Knochen. Erst diese Zeichnungen werden digitalisiert. Aus ihnen lässt sich die Befundlage jederzeit dreidimensional rekonstruieren. Denn bauvorbereitendes Graben heißt Zerstören. Stadtarchäologie macht im Endeffekt auch nichts anderes als der Bagger – der Unterschied ist die penible Dokumentation. „Was wir übersehen“, sagt Fleps, „ist für immer verloren.“

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Das macht die Sache zeitraubend – am Augsburger Stadttheater graben Fleps und seine Leute schon seit 2017 und sind – woran allerdings auch die Pandemie schuld ist – noch längst nicht fertig. Den Begriff „Notgrabung“ oder „Rettungsgrabung“ im Unterschied zu einer von einer Universität durchgeführten „Forschungsgrabung“ hören Stadtarchäologen allerdings nicht gerne. „Wir graben hier nach wissenschaftlichen Standards“, sagt Fleps – auch wenn Baggerfahrer maulen, Architekten ungehalten werden und Bauherren Druck machen. Letztere müssen die archäologische Klärung ihrer Baugrube übrigens auch bezahlen. Das schreiben Denkmalschutzgesetze vor, die es aber erst seit den 1970er-Jahren gibt. Vorher ging viel verloren. „Besonders schlimm war es in den Sechzigern“, sagt Sebastian Gairhos. „Denn Hydraulikbagger, die in kurzer Zeit große Löcher schaufeln, gab es damals schon.“

Im Fall der römischen Siedlungsschichten Augsburgs kommt noch hinzu, dass sie auch ein denkmalbewusster Baggerführer kaum bemerken würde. Denn sie machen sich nicht durch steinerne Säulen, Quader oder Kapitelle bemerkbar. Dergleichen ist hier nirgends an seiner Stelle geblieben. Es gibt in der näheren Umgebung Augsburgs nämlich keine Steinbrüche, weswegen die Menschen seit dem Frühmittelalter die römischen Tempel und Thermen meist bis in die Fundamente abgetragen und das Material wiederverwertet haben. Die hochmittelalterlichen Bauten der Stadt müssen noch große Mengen davon enthalten haben, doch in der Renaissance wurden die meisten von ihnen ihrerseits abgeräumt. Auch vom Forum, dem Zentrum der römischen Stadt, das sich zur Hälfte auf dem Areal der heutigen Benediktinerabtei Sankt Stephan befand, dürfte daher kaum Bausubstanz übrig sein. Wenn unter dem Klostergarten, wo nach der Römerzeit ebenfalls nie mehr gebaut wurde, noch Spuren der Fundamente des obligaten Jupitertempels liegen sollten, wie manche spekulieren, dann bestehen auch diese wohl nur noch aus verfüllten Gräben. Allerdings, als ein Lehrer des Gymnasiums Sankt Stephan einmal mit seinen Schülern im Süden des Klostergartens ein Feuchtbiotop anlegen wollte, kam ein römischer Mosaikboden zum Vorschein. Es sei schon möglich, dass er zum Palast des Statthalters gehörte, sagt Sebastian Gairhos. Aber ohne den Fund einer aussagekräftigen Inschrift sei das nicht zu beweisen.

Stich des Grabmals des T. Flavius Martialis aus Augsburg
Um 1820 angefertigter Stich aus den Werken Johann Nepomuk von Raisers des 1709 im Augsburger Stadtteil Oberhausen gefundenen Pfeilergrabmals des Titus Flavius Martialis aus dem frühen 3. Jahrhundert nach Christus. Bild: Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Archäologisches Zentraldepot.

Inschriften haben sich in Augsburg viele erhalten, aber zumeist nur auf den mitunter riesigen Grabmälern, welche Römer nur außerhalb der Stadtmauern errichten durften. Diese Gräberfelder (gelb in nebenstehender Karte) sind eine enorm wichtige Informationsquelle über die antike Bevölkerung. Doch im antiken Stadtgebiet selbst sieht es unter der Erde für den Nichtarchäologen erst einmal so aus wie in der Abortgrube hinter dem Theater, deren Farbnuancen Günther Fleps’ Kollege dort unten gerade so akribisch abmalt. Sie ist das einzig Römerzeitliche, was im Moment hier zu sehen ist. Die Ziegelmauern stammen von einem mittelalterlichen Klosterbau oder einer napoleonischen Kaserne. Nun lag dieses Areal noch knapp vor der römischen Stadtmauer, aber in unmittelbarer Nähe des Tores und der Ausfallstraße nach Cambodunum, dem heutigen Kempten. Eine lockere Bebauung gab es aber offenbar auch hier – die Latrine dürfte in einem Hinterhof gelegen haben –, und so demonstriert auch diese Grabung ein typisches Phänomen: Alles Römische ist hier von späterer Urbanität vielfach durchschnitten und segmentiert.

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Und auch innerhalb des Verlaufs der antiken Mauern besteht es zumeist nur aus verschiedenfarbigen Schichten. Das liegt nicht nur am Steinraub des Mittelalters, sondern auch daran, dass Gaius Normalrömer in den Provinzen nördlich der Alpen sein Haus oft nicht aus Ziegelsteinen baute, wie man es etwa aus Ostia oder Pompeji kennt, sondern aus Balken, Flechtwerk und Lehm. Das heißt nicht, dass diese höchstens zweigeschossigen Fachwerkhäuser ärmliche Behausungen gewesen wären. Voll verputzt, dürften sie sich äußerlich von solchen aus Mauerwerk kaum unterschieden haben, und aufwendige Fresken als Wanddekor in Innenräumen sind ebenfalls nachgewiesen. Allerdings war die Haltbarkeit solcher Gebäude begrenzt – selbst wenn sie nicht abbrannten, was häufig geschah, und dann den Archäologen nicht nur Schichten aus Asche hinterließen – mit etwas Glück auch verschwelte Balken, die man anhand erhaltener Baumringe oft exakt datieren kann –, sondern auch verziegelten Lehm aus den Fachwerkwänden. Der Brand- oder Abbruchschutt wurde nun einfach einplaniert, erklärt Günther Fleps. „Die Leute hatten ja nicht unsere Möglichkeiten, das Zeug einfach abzutransportieren.“ Und so entstanden sie dann, die verschiedenen Siedlungsschichten, mancherorts bis zu zehn übereinander. „In den ersten beiden Jahrhunderten der römischen Besiedlung Augsburgs erhöhte sich das Straßenniveau um anderthalb Meter.“

Augsburg von unten: Diese Grabung im Sommer 1992 stieß durch neuzeitliches und mittelalterliches Mauerwerk bis in römische Siedlungsschichten (rechts unten) vor,
Augsburg von unten: Diese Grabung im Sommer 1992 stieß durch neuzeitliches und mittelalterliches Mauerwerk bis in römische Siedlungsschichten (rechts unten) vor, Bild: Stadtarchäologie Augsburg

In den Schuttschichten ist insbesondere nach Feuersbrünsten so einiges liegen geblieben, was weiteren Aufschluss darüber gibt, wann ein Gebäude wozu genutzt wurde: Münzen etwa, Keramik oder Werkstoffreste. Da Stadtarchäologen aber immer nur untersuchen, was aktuelle Bauvorhaben ihnen zufällig zuweisen, präsentiert sich ihnen ein alter Stadtplan wie der von Augusta Vindelicum als ein Puzzle, bei dem die meisten Teile fehlen. Viele davon sind unwiederbringlich verloren, weil dort in der frühen Neuzeit ein Festungsgraben gezogen oder in den 1960ern ein Kaufhaus hingestellt wurde, andere werden erst durch zukünftige Baustellen in Jahrzehnten oder Jahrhunderten aufgedeckt werden. Der Archäologe der Gegenwart, der auf einer Baustelle den Teil eines römischen Gebäudes entdeckt hat, kann ja nicht einfach auch noch das Nachbargrundstück aufgraben, um zu sehen, wie es dort weitergeht. Ist das für einen Wissenschaftler nicht etwas frustrierend?

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Nicht unbedingt, meint Sebastian Gairhos und verweist auf die enormen Fundmengen, die von den Baustellen der Stadt in das Zentraldepot der Augsburger Stadtarchäologie gelangen. Dieses ist seit 2017 unter einem Dach in einer geeignet umgebauten denkmalgeschützten Textilfabrik untergebracht. Dort werden die Funde gesäubert, beschrieben, inventarisiert und in stählerne Rollregale einsortiert. „Hier gibt es noch so viel zu entdecken“, sagt Gairhos. Neben sämtlichen Grabungsdokumenten lagern hier inzwischen rund 225 000 Fundeinheiten und stehen der Forschung zur Verfügung. Für die sei diese Sammlung besonders bedeutend, sagt Gairhos. Zum einen weil Augusta Vindelicum eine sehr große römische Stadt war, die bei Weitem größte in ganz Rätien, zum anderen weil die meisten Funde aus der Zeit nach der Einrichtung der Augsburger Stadtarchäologie 1978 stammen. „Hier hat man also zentralen Zugriff auf einen sehr großen, modern gegrabenen Bestand.“

Rätien zur hohen Kaiserzeit (um 180 n. Chr).
Rätien zur hohen Kaiserzeit (um 180 n. Chr). Dank der Via Claudia war die Provinz besser an Italien angebunden als jede andere Nordprovinz. Zugleich war Augsburg hier die einzige große Stadt. Bild: aus „Das römische Augsburg“, wbg Darmstadt 2022, Bearbeitung F.A.Z. Graphik Sieber

„Allerdings werten wir ihn nicht selbst aus“, sagt Gairhos bei einer Führung durch das Zentraldepot. Hier ist auch der Arbeitsplatz von Michaela Hermann, der Leiterin des Fund- und Dokumentationsarchivs, und ihrer Mitarbeiterin Bettina Deiniger, die dem Besucher nun an Beispielen eine der Funktionen des Depots demonstrieren. So öffnet Deiniger einen Karton mit dicken Scherben, die an der Innenseite mit grobem Sand rau gehalten, aber dennoch glasiert sind. Sogenannte Reibschalen dieses Typs waren in spätrömischer Zeit unverzichtbare Küchenutensilien, und für die turbulente und daher besonders spannende Wirtschaftsgeschichte jener Epoche ist es interessant, zu erforschen, woher die spätantiken Augsburger ihre Reibschalen bezogen. Eine Forscherin aus München schreibt darüber ihre Dissertation und nutzt die Kartons mit den Augsburger Scherben, die Hermann und Deiniger ihr ins Regal gestellt haben, so wie ein Historiker die Akten eines Archivs. „Das ist auch ein Archiv“, sagt Gairhos. „Nur eben ohne Buchstaben.“ Obgleich es hier auch diese gibt: Im Lapidarium im Keller des Gebäudes lagern Regale voller Fragmente antiker Grabmonumente, viele mit Inschriften, derentwegen Latinisten und Althistoriker nach Augsburg reisen.

Eine Stadtarchäologie wie die in Augsburg ist also selbst keine Forschungseinrichtung im engeren Sinn, sondern ermöglicht Wissenschaft – wie Museen, Archive und Bi­bliotheken es tun, mit dem Unterschied, dass sie auch dafür da ist, die Archivalien erst einmal sicherzustellen. „Es gibt da sicher eine Diskrepanz zu dem Forschergeist, den man hat“, gesteht Sebastian Gairhos. „Aber dann sagt der Denkmalpfleger in einem: Hol nur aus dem Boden, was unbedingt nötig ist, und lass alles andere in Ruhe.“

Darum wird das Römerviertel im Norden weiter unter der Kuhweide schlummern, die sicher auch eine schöne öffentliche Grünanlage abgäbe, fände sich das Geld, sie herzurichten und zu unterhalten. Sie auszugraben wäre unerschwinglich, und Archäologen der Zukunft könnten sie einmal mit heute unvorstellbaren Methoden untersuchen wollen. Das Problem des geschichtsbewussten Umgangs mit urbanem Grund stellt sich indes nicht immer nur unter der Erde: Im Nordosten der Weide, dort, wo einst die römische Stadtmauer prunkvoll auf der Geländekante der Hochterrasse thronte und sich irgendwo das Tor mit der Straße in Richtung Donau und zu den Kastellen am Limes befunden haben muss, stehen vier Einfamilienhäuser. Es sind seltene Konstruktionen aus den 1950er-Jahren mit Fassaden aus Stahlplatten. Daher sind sie einerseits denkmalgeschützt, andererseits ohne aufwendige Sanierung nach heutigen Vorschriften wohl nicht zu beheizen. Vermutlich deshalb stehen sie seit Jahren leer und verschwinden langsam unter der Vegetation ihrer verwildernden Gärten.

Literatur: Sebastian Gairhos, Andreas Hartmann, Salvatore Ortisi, Georg Weber (Hrsg.): Das römische Augsburg, wbg Philipp von Zabern, Darmstadt 2022.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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