FAZ plus ArtikelDer Stern des Hundes

Das Schöne und Hässliche bei den alten Griechen

Von Patrick Bahners
Aktualisiert am 15.11.2020
 - 19:15
Zunge Zeigen: Gorgo aus dem Heiligtum der Minerva in Portonacchio
Der ArchäologeTonio Hölscher beschäftigt sich mit den dem Thema Schönes und Hässliches bei den Griechen. Anlass ist das zehnjährige Jubiläum des Freundeskreis des Instituts für klassische Archäologie in Heidelberg.

Der alte König steht auf der Mauer und erblickt den jungen Krieger, der seinen Sohn töten wird. In den Augen des Priamos, so erzählt es Homer, glich Achill in diesem Moment der Jagd auf Hektor einem Himmelskörper. „Wie er, hell wie ein Stern, daher durch die Ebene stürmte, / Welcher zur Herbstzeit kommt: Die weithin sichtbaren Strahlen / Leuchten unter den vielen Sternen im nächtlichen Dunkel.“ Diese Verse aus dem 22. Buch der Ilias in der Übersetzung von Roland Hampe zitiert der Heidelberger Archäologe Tonio Hölscher in einer Abhandlung über „die widersprüchliche Ästhetik der griechischen Kunst und Lebenskultur“ (Heidelberger Jahrbücher Online, Bd. 4, 2019 / Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V).

Hölscher illustriert mit dem epischen Vergleich die zentrale These seines Aufsatzes, der aus dem Festvortrag zum zehnjährigen Bestehen des Freundeskreises des Instituts für Klassische Archäologie hervorgegangen ist: „Schönheit war eine soziale Qualität.“ Die „überwältigende Erscheinung“ des Musterhelden gab in Hölschers Deutung einer alltäglichen Erfahrung der Griechen Ausdruck: Macht war an „die Wirkung des Auftretens, der äußeren Erscheinung“ gekoppelt. Demnach spiegeln schon die homerischen Epen eine politische Kultur, deren Referenzgröße die Stadt ist. Denn im Stadtstaat wird alles unter Anwesenden ausgehandelt, die einander leibhaftig gegenübertreten und aufeinander einreden. „Man kann die griechische Lebenskultur eine Kultur der unmittelbaren Präsenz und des unmittelbaren Handelns nennen.“

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

F.A.Z. PLUS:

  Sonntagszeitung plus

Diesen und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot