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Der Erdkreis zum Einwickeln

Von ULF VON RAUCHHAUPT

25.01.2019 · Die „Peutinger-Tafel“ galt lange als eine Art Straßenatlas aus der Römerzeit. Doch eine benutzbare Reisekarte war sie kaum. Und ursprünglich römisch wohl auch nicht.

Die Tabula Peutingeriana war ursprünglich zu einer Schriftrolle aufgewickelt und zeigt eine Darstellung der Welt, deren Anfang verloren ist. Im Jahr 1863 hat man die elf Pergamentbögen voneinander getrennt, um sie aus konservatorischen Gründen fortan flach lagern zu können. Seit 2007 ist das Stück Teil des Unesco-Welterbes.


A ugsburg liegt quasi am Comer See, und zwischen Neapel und Nordafrika hat das Mittelmeer gerade mal die Breite des Bodensees. Es ist schon eine sehr eigenartige Landkarte, die da seit 1738 in der Wiener Hofbibliothek aufbewahrt wird. Sie zeigt die Welt von Südengland bis Ostasien, als hätte man sie auf ein Gummituch gezeichnet, die Meere herausgeschnitten und das Ganze anschließend langgezogen. Nur so passte der Erdkreis auf einen 6,75 Meter langen, aber nur 34 Zentimeter hohen Streifen aus elf verleimten Pergamentbögen, die sich zu einem „Rotulus“, einer Schriftrolle, aufwickeln ließen.

„In der Antike ist niemand auf die Idee gekommen, wie bei einem Faltplan oben und unten etwas anzukleben“, erklärt Michael Rathmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft arbeitet der Althistoriker mit seinen Mitarbeitern an einer umfassenden Edition des Stücks samt Datenbank aller 3492 Einträge darauf. Zuvor hatte Rathmann dafür gesorgt, dass es wieder als Bildband erhältlich ist. Denn dies ist nicht irgendeine alte Karte. Es ist die „Tabula Peutingeriana“, die mittelalterliche Kopie einer antiken Weltdarstellung, die überdies ein Straßennetz aus der Zeit des römischen Imperiums zeigt.

Ihren Namen hat die Pergamentrolle von dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger (1465 bis 1547), in dessen Besitz sie sich einst befand. Angefertigt wurde sie aber bereits um das Jahr 1200. Vermutlich fehlten der Vorlage zu diesem Zeitpunkt bereits mindestens zwei Pergamentbögen mit den größten Teilen Britanniens und der Iberischen Halbinsel sowie der westafrikanischen Küste. Vorne nutzte sich so ein Rotulus eben besonders schnell ab, wovon auch der vergleichsweise schlechte Zustand des ersten Blattes der Tabula Peutingeriana zeugt.

  • Am Beginn des dritten Pergamentbogens der Tabula Peutingeriana entspringt oben die Donau (A). Augusta Vindelicum, heute Augsburg (B), hat als wichtige Hauptstadt der Provinz Raetia eine eigene Vignette. Südlich der nur schematisch eingezeichneten Alpen kommt gleich der Comer See (C). An der italienischen Küste findet man Pisis, heute Pisa (D). Es folgt das Mittelmeer mit Sardinien (E) und die nordafrikanische Küste (F). An den Rändern der Tabula schwappen stets die im Hellenismus vermuteten nördlichen und südlichen Ozeane.
  • Das letzte Drittel des vierten Bogens zeigt Rom (A) mit prächtiger Vignette und jenseits des Tibers den Petersdom (B), eine der gar nicht so häufigen Eintragungen, die erst aus christlicher Zeit stammen können. Gleich gegenüber, auf der anderen Seite des Mittelmeeres, folgt Karthago (C). Das obere Meer ist die Adria (D) und darüber der Balkan, zum Beispiel mit Aquinco (E), dem heutigen Budapest.
  • Der Golf von Neapel (A) auf diesem letzten Drittel des fünften Bogens ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens sind dort vier beim Ausbruch des Vesuvs unter Vulkanasche verschwundenen Orte eingezeichnet. Zweitens ist er stark aufgeweitet gezeichnet - Neapel ist weiter links und hier schon nicht mehr drauf. Die afrikanische Küste ist hier die des heutigen Tunesien mit Tacape colonia (B), dem heutigen Gabès.
  • Auf dem Sinai (A) ist die 40-jährige Wanderung des Volkes Israel vermerkt. Auf der anderen Seite des Roten Meeres (B) steht "Hier werden die Cenocephali geboren". Gemeint sind aber "Cynocephali" (Hundköpfige), die antike Bezeichnung für Paviane. Oben, hinter Kleinasien, das Schwarze Meer (C).
  • Der Ferne Osten ist auf dem Ende des letzten Bogens zu sehen. China ist als "Sera maior" (A) benannt, aber Platz dafür war keiner. Dafür sieht man Indien mit Himalaya (B), Ganges (C) und die Insula Taprobane (D), das heutige Sri Lanka. Der Vermerk "Hic Alexander responsum accipit Usque quo Alexander" (Hier hat Alexander Antwort erhalten: Wie weit denn noch, Alexander?") erinnert an Alexander den Großen, der in Indien mit dem Erobern aufhören musste.



Der Form der Buchstaben nach zu schießen waren die Kopisten Mönche eines Klosters im süddeutschen Raum. Doch nur die Altphilologin Emily Albu von der University of California in Davis verortet auch das Original im Mittelalter. Praktisch alle anderen Forscher sind sich einig, dass die Karte – vermutlich über eine weitere mittelalterliche Kopierstufe – eine antike Vorlage hatte. So überlieferte der irische Mönch Dicuil im 9. Jahrhundert ein kleines Gedicht über ein „Bedeutsames Werk, in dem die Welt als ganzes enthalten ist“ und dessen Fertigstellung Kaiser Theodosius II. im Jahr 435 n. Chr. befohlen habe. Wahrscheinlich ist hier der Vorfahr der Peutingeriana gemeint. Da die vom Kaiser damit Beauftragten aber „veterum monimenta secuti“ (folgend den Werken der Alten) vorgingen, war jene theodosische Karte offenbar nur die – vermutlich letzte inhaltliche – Redaktion einer noch älteren Vorlage gewesen. Das wirft nun die Frage auf, wann diese denn ursprünglich angefertigt wurde und zu welchem Zweck.

Eine populäre, auch von Wikipedia gepflegte Vorstellung ist die, dass es sich tatsächlich um eine Straßenkarte handele, eine Art römerzeitlichen Shell-Atlas, der dem kaiserlichen Depeschendienst, dem „cursus publicus“, beziehungsweise dessen Leiter, dem „praefectus vehicolorum“, bei der Logistik geholfen habe – oder aber Legionskommandeuren bei der Planung von Truppenverschiebungen. Solchen Nutzern sei es dabei nicht auf Maßstäblichkeit angekommen, sondern nur auf die topologische Struktur der Verkehrswege, ähnlich wie heute bei den Liniennetzplänen in unseren U- und S-Bahnhöfen.


„Wir können uns das nicht vorstellen“, gesteht Rathmann. „So sehr sind wir heute an Karten gewöhnt – bis hin zum Wetterbericht in den Abendnachrichten.“
Michael Rathmann, Althistoriker

Doch das kann aus mehreren Gründen nicht stimmen, sagt Michael Rathmann. „Was soll der cursus publicus mit einem ursprünglich bis zu neun Meter langen Rotulus anfangen, auf dem nicht einmal alle Reichsstraßen eingetragen sind und keine Provinzgrenzen? Und wozu muss auf solch einer Karte Indien drauf sein?“ Auch sonst sei der praktische Nutzen für Reisende sehr fraglich. Zwar sind an vielen Straßen Entfernungsangaben eingetragen, aber es fehlen zum Beispiel alle Informationen über Pässe oder Flußübergänge, die aber auf einer Karte, zumal einer der gesamten damals bekannten Welt, sowieso nicht unterzubringen gewesen wären. Zum Reisen verwendete man eher sogenannte Itinerare, sagt Rathmann. „Das sind Listen von Stationen und Distanzen, wie heute bei einem Navi.“

Die elf Pergamentbögen der Tabula zeigen recht verschieden große Ausschnitte der Welt.



Wie und ob überhaupt das römische Militär mit Landkarten arbeitete, ist unbekannt. „Nehmen wir Caesars ,De bello Gallico‘“, sagt Rathmann. „Da zieht Caesar ständig mit seinen Truppen in Gallien herum, erwähnt aber an keiner Stelle Karten.“ Von solchen ist nicht einmal dort die Rede, wo Einheiten nicht nur Straßen entlangziehen, sondern bei Feindberührung komplizierte Umgehungs- oder Zangenmanöver ausführen. Wie haben Caesar und andere Feldherren so etwas ohne Karten überhaupt planen können? „Wir können uns das nicht vorstellen“, gesteht Rathmann. „So sehr sind wir heute an Karten gewöhnt – bis hin zum Wetterbericht in den Abendnachrichten.“

Wenn aber die auf der Peutingeriana überlieferte antike Karte nicht zur Reisevorbereitung bestimmt war, wozu dann? In der Forschung dominierte lange die Auffassung, die Ur-Tabula müsse der römischen Reichspropaganda gedient haben, eine Weltkarte zur Verherrlichung von Weltherrschaft. Damit sei sie in die Kaiserzeit zu datieren, vielleicht in die Epoche des Augustus. Dessen Schwiegersohn Marcus Vipsanius Agrippa (64 bis 12 v. Chr.) hatte laut Plinius für einen Porticus auf dem Marsfeld eine Wandkarte des „orbis terrarum“, des Erdkreises, geplant. Möglicherweise gehe die Urform der Peutingeriana ja darauf zurück. Doch abgesehen davon, dass es keinen sicheren Beleg dafür gibt, dass diese Karte Agrippas je verwirklicht wurde, leuchtet Rathmann diese „imperiale Deutung“ der Ur-Tabula nicht ein. Erstens hätte gerade Agrippa mit Sicherheit die Vorstöße des Augustus zur Nordsee und zur Elbe kartographisch gefeiert. Doch die Peutingeriana zeigt Westgermanien nur bis zum Rhein. In Asien hingegen reicht sie weit über das Römerreich hinaus und vermerkt schon auf der Mitte des vorletzten Pergamentbogens, noch diesseits des Euphrat, „Areae fines Romanorum“, Grenzgebiete des Römischen Reiches. Wenn eine solche Karte also etwas über imperiale Befindlichkeiten sagt, dann, dass dem Imperator die bekannte Welt noch längst nicht untertan war.

Von dieser Welt aber war den Römern mehr bekannt, als auf der Peutingeriana räumlich zu sehen ist. So wusste man von den „Seres“, den Seidenleuten, also den Chinesen, bezog man von ihnen doch seit der frühen Kaiserzeit jenes begehrte Gewebe. Und tatsächlich ist auf der Tabula Peutingeriana der Name ihres Landes als „sera major“ eingezeichnet. Nur: das Land selbst ist es nicht. Stattdessen hört Asien räumlich gesehen gleich hinter Indien auf, gerade einmal die Insel Taprobane, das heutige Sri Lanka, ist noch drauf. Damit spiegeln die Landmassen der Tabula nicht den Kenntnisstand der römischen Kaiserzeit wider, sondern den griechischer Gelehrter des dritten Jahrhunderts vor Christus, genauer: des Eratosthenes von Kyrene. Unter anderem daraus folgert Michael Rathmann, dass der Urtypus der Tabula keine römische Karte war, sondern eine griechische, die etwa um das Jahr 200 v. Chr. entworfen worden sein könnte. Damals schrieb man in der Regel nicht auf Pergament, sondern auf nicht ganz so dauerhaften Papyrus. Regelmäßig benutzte Buchrollen aus diesem Material mussten spätestens nach etwa fünfzig Jahren erneuert werden. Daher, so Rathmann, könnte es insgesamt sechs Kopierstufen gegeben haben, bis die Karte dann im zweiten Jahrhundert nach Christus auf Pergament übertragen und dann abermals zwei- oder dreimal kopiert wurde, bis zur letzten Redaktion im Jahr 435. Die eigentliche Kartenzeichnung der Landmassen und Gewässer dürften die Kopisten dabei jedes Mal halbwegs getreulich abgemalt haben – andernfalls hätte man ganze Bögen von Grund auf neu entwerfen müssen. Bei den Beschriftungen sowie dem Design der „Vignetten“, der Bildsymbole für die Städte und Orte, bestand hingegen bei jedem Kopiervorgang Gelegenheit zu Ausschmückungen, Streichungen, Hinzufügungen oder Aktualisierungen: „Zum Besseren reparieren wir das Werk und beseitigen frühere Fehler“, wie es in dem von Dicuil tradierten Gedicht heißt.

Insgesamt ergibt sich damit ein Schichtenmodell, mit dem Michael Rathmann auch die diversen Anachronismen auf der Tabula Peutingeriana erklären kann, also Angaben, die nicht aus derselben Zeitstufe kommen können. So zieren die größten Metropolen des Reiches – Rom, Antiochia und Konstantinopel – prächtige Vignetten. Von dem mindestens so wichtigen Alexandria allerdings ist nur der berühmte Leuchtturm zu sehen, während die auch damals nicht weniger berühmten Pyramiden fehlen. Und neben Konstantinopel liest man „Byzantini“, soll heißen, „hier wohnen die Byzantiner“ – ganz überflüssigerweise, es sei denn die Angabe stammt aus einer Überlieferungsschicht aus der Zeit, bevor Kaiser Konstantin 326 n. Chr. begann, ein thrakisches Kaff namens Byzantion zur neuen Reichshauptstadt auszubauen.

Mathematisch exakt: Die Weltkarte des Ptolemaios im Codex Seragliensis



Der vielleicht rätselhafteste Anachronismus aber betrifft vier heute weltbekannte Orte am Golf von Neapel: Stabiae, Oplontis, Pompei und Herculaneum. Sie wurden im Jahre 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuv zerstört und verschwanden völlig unter vulkanischem Material. Dass man sich anno 435 noch an ihre genaue Lage oder selbst ihre Namen erinnerte, ist höchst unwahrscheinlich. Aber schon vor ihrem Untergang, waren diese Orte viel zu unbedeutend, um auf einer Weltkarte aufzutauchen. Pompei war ein Provinznest, wenn auch ein wohlhabendes, Herculaneum und Stabiae waren noch kleiner und Oplontis nicht mehr als eine Ansammlung von Luxusvillen, von denen aber eine besonders extravagante immerhin der Ehefrau Kaiser Neros gehört haben soll. „Dass diese Orte auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet sind, ist erstaunlich“, findet Alfred Stückelberger, Emeritus an der Universität Bern und Fachmann für antike Karten und Informationsgrafiken. „Auf der sechsten Europakarte, der Italienkarte, des Ptolemaios sind sie nicht verzeichnet.“

Dabei war Klaudios Ptolemaios (etwa 100 bis 160 n. Chr.) einer der akribischsten Geographen der Antike. Seine monumentale „Geographike Hyphegesis“ (geographischer Anleitung) verzeichnet die Lage von mehr als 8100 Orten – viel mehr als die Peutingeriana –, und er benutzte dafür nicht nur das von Eratosthenes eingeführte Konzept eines Koordinatensystems aus Meridianen und Parallelkreisen, sondern machte sich bereits Gedanken, wie die Kugeloberfläche der Erde am besten auf einer ebenen Karte abzubilden sei. Die schönste Handschrift der „Hyphegesis“, der erst 1927 wiederentdeckten Codex Seragliensis, ist seit diesem Jahr in einer von Stückelberger und Mitarbeitern kommentierten Faksimile-Ausgabe zugänglich. Dort findet sich auch die links gezeigte Weltkarte, die verdeutlicht, wie wenig verzerrt und auch für uns heute sofort wiedererkennbar man zur Römerzeit bereits Weltkarten zeichnen konnte. Trotzdem kopierte man damals auch jenes längst veraltete und völlig verzerrte Gebilde auf dem Urahn der Tabula Peutingeriana. Warum?

„Ptolemaios ist in der Antike nicht benutzt worden“, sagt Michael Rathmann. „Er wird in der gesamten antiken Literatur genau drei Mal zitiert.“ Denn was er betrieb, war eine hochspezialisierte mathematisch-astronomische Geographie, die selbst gebildete Zeitgenossen völlig überforderte. Rathmann fällt dazu ein Brief des berühmten Politikers und Intellektuellen Cicero ein. Der schrieb 59 v. Chr. an seinen Freund Titus Pomponius Atticus einen Brief, in dem er sich für die Zusendung einer Schrift des mathematischen Geographen Serapion von Antiochia bedankt. „Unter uns darf ich das sagen“, schreibt Cicero: „Tatsächlich verstehe ich da kaum ein Tausendstel.“


„Es entwickelte sich, ebenfalls im Hellenismus, eine Art Kulturgeographie, die Räume in Texten beschreibt“.
Michael Rathmann, Althistoriker

Eher illustrativ: Ausschnitt aus der Kartenskizze des Artemidor-Papyrus



Populär war dagegen eine Geographie, die ihren Lesern das Quantitative ähnlich ersparte, wie heute Sachbücher über Kosmos und Quanten ohne Formeln auszukommen versuchen. „Es entwickelte sich, ebenfalls im Hellenismus, eine Art Kulturgeographie, die Räume in Texten beschreibt“, sagt Rathmann. „Artemidor von Ephesos war so ein Autor, Plinius der Ältere oder Strabon. Die beschreiben Land und Leute, dazu ergänzend gibt es gezeichnete Abbildungen, die aber nicht mathematisch präzise sein wollen.“ Dass es sich bei dem Ahn der Peutingeriana um genau solch eine Abbildung handelte, wird seit 1998 durch die Entdeckung eines Papyrus gestützt, auf dem sich Passagen aus dem Werk des Artemidor finden und zugleich die Skizze einer Landkarte. Auch wenn unklar ist, welche Gegend dort zu sehen ist, erinnert doch der Stil von der waagerechten Streckung bis zum Einsatz von Vignetten sehr an die Karte der Tabula Peutingeriana.

Deren Deutung als Bildteil einer ursprünglich griechisch-hellenistischen Weltbeschreibung stimmen andere Forscher zu. „Die Argumentation scheint mir überzeugend“, sagt Alfred Stückelberger. „Allerdings würde ich nicht ausschließen, dass auch römische Straßenverzeichnisse – ohne imperialen Anspruch – verwendet wurden, bilden doch die Straßen einen integrierenden Bestandteil der Tabula.“ Auf den Länderkarten des Ptolemaios gebe es dagegen gar keine Straßen.

„Es spricht viel dafür, dass griechische Quellen die Informationsvorlage für die Karte waren“, sagt auch Gerd Graßhoff von der Humboldt-Universität zu Berlin, Stückelbergers Mitstreiter in der aktuellen Ptolemaios-Edition. Rathmanns Vermutungen zum Überlieferungsprozess sind Graßhoff indes zu spekulativ. So sei keineswegs sicher, dass tatsächlich Karten kopiert wurden. „Wie Ptolemaios schreibt, nutzt er die tabellarische textliche Darstellungsweise für eine stabilere Überlieferung und für Kopien. Daraus sollten dann Karten generiert werden. So kann es auch bei der Tabula Peutingeriana gewesen sein.“

Bleibt die Frage nach dem Zweck einer so riesigen Karte. „Das Ding muss unfassbar teuer gewesen sein“, glaubt Michael Rathmann. „Das war definitiv etwas für die Oberschicht.“ Tatsächlich berichtet Sueton, zur Zeit Kaiser Domitians habe der Senator Mettius Pompusianus einen „gezeichneten Erdkreis auf Pergament“ besessen. „Das war genau die Zielgruppe“, sagt Rathman. „Ein Senator hatte das Geld und das Interesse, um sich so etwas in seine Privatbibliothek zu legen.“ Man darf sich die Karte, von der die Tabula Peutingeriana abstammt, also vielleicht als etwas vorstellen, das der Bildung des Eigentümers diente, aber auch deren repräsentativem Aufweis – ein wenig wie bei uns früher der Brockhaus oder heute noch ein großkalibriger Globus, auf dem man seinen Gästen zeigt, wohin die nächste Weltreise geht. Heute riskiert man damit weniger als weiland Mettius Pompusianus. Bei ihm schloss der paranoide Imperator Domitian vom Kartenbesitz auf Weltmachtsphantasien und ließ den Senator hinrichten.

Literatur: „Tabula Peutingeriana. Eingeleitet und Kommentiert von Michael Rathmann“. Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Verlag Philipp von Zabern, 3. überarbeitete Auflage 2018. Auf der Website https://omnesviae.org/de/ kann man sich Entfernungen und antike Reisezeiten zwischen auf der Peutingerschen Tafel (oder dem Itinerarium Antonini für das westliche Gebiet) anzeigen lassen.

Fotos: Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB), Cod. 324 (6), Topkapi Saray Müzesi Istanbul, Fondazione per l'Arte della Compagna di San Paolo

Quelle: F.A.Z.