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Steinzeitkunst

Am anderen Ende

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 08:50

Noch gibt es Regenwald in der indonesischen Provinz Ostkalimantan auf Borneo. Insbesondere die Karstregion westlich von Sangkulirang hat eine für die Holzfällerei ungünstige Topographie. Entsprechend abgelegen sind die Höhlen in den vom Dschungel überwucherten Kalkfelsen, in denen gleichwohl etliche prähistorische Wandmalereien erhalten sind. Manche zeigen Menschen mit auffallendem Kopfputz, andere Tiere, darunter wahrscheinlich das Banteng, ein dort heute noch vorkommendes Wildrind, sowie abgepauste Handumrisse.

Tiere und Handumrisse sind auch typische Motive der frühesten figürlichen Höhlenkunst Europas aus der Kulturstufe des Aurignacien. Sie finden sich in der Grotte Chauvet in Südfrankreich, deren früheste Bilder zwischen 37.500 und 33.500 Jahre alt sind. In der rumänischen Peçtera Coliboaia wurden figürliche Darstellungen auf 32.000 Jahre datiert und in der Grotta di Fumane bei Verona auf 35.000 Jahre.

Drei Stilphasen offenbarte das Uran

Wie alt die Gemälde in Ostkalimantan sind, war lange unklar. Sie sind mit anorganischen Pigmenten ausgeführt, und es gibt in den Höhlen bislang auch kaum archäologische Grabungen, deren Funde man mit der Radiokohlenstoff-Methode hätte datieren können. Nun aber haben Forscher um den Archäologen und Geochemiker Maxime Aubert von der Griffith University im australischen Bundesstaat Queensland in Nature Datierungen von 13 Motiven aus sechs verschiedenen Höhlen des Sangkulirang-Karstgebietes veröffentlicht. Ihnen war es gelungen, Kalkablagerungen über den Pigmentschichten auf Spuren von Uran und seinem Zerfallsprodukt Thorium zu analysieren und daraus das Mindestalter der Malereien zu bestimmen. Bereits 2014 hatten sie auf diese Weise auf der benachbarten Insel Sulawesi das Alter einer Tierdarstellung auf mindestens 35.500 Jahre bestimmen können und die eines Handumrisses auf 39.900 Jahre oder älter. Noch aber blieben Tiere der Grotte Chauvet die ältesten figürlichen Höhlenmalereien.

Das sind sie nun nicht mehr. In den Höhlen Borneos konnten Aubert und Kollegen drei Stilphasen unterscheiden. Die jüngste ist mit einem Alter von weniger als 10.000 Jahren wahrscheinlich das Werk jungsteinzeitlicher Völker. Die mittlere Phase fällt mit einem Alter von 14.000 bis 20.000 in die Hochphase der jüngsten Eiszeit, die für extrem niedrigen Meeresspiegel sorgte. Die älteste, ebenfalls eiszeitliche Phase kennt auf Borneo noch keine Darstellungen von Menschen, wohl aber die von Tieren und wurde in der Höhle Lubang Jeriji Saléh auf mindestens 40.000 Jahre datiert.

Damit sind die gemalten Wildrinder im Lubang Jeriji Saléh zu etwa derselben Zeit entstanden wie die Elfenbeinschnitzereien aus der Schwäbischen Alb, der frühesten bekannten Skulpturkunst. Diese kennt zwar nicht nur Tierdarstellungen, sondern mit der „Venus vom Hohlefels“ auch eine Menschenfigurine, und in ihren Fundschichten kamen zudem Reste von Flöten aus Knochen und Elfenbein zutage. Doch wenn sich die Datierungen des Aubert-Teams bestätigen, dann ist figürliche Kunst kein Alleinstellungsmerkmal des europäischen Aurignacien mehr.

Nun hatte die vermeintlich singuläre Kulturexplosion im Aurignacien die Forscher vor das Problem gestellt, diese zu erklären. Zwar weist alles darauf hin, dass es sich bei den Aurignaciens um anatomisch moderne Vertreter der Gattung Homo sapiens handelte, die zur fraglichen Zeit, vor 40.000 bis 45.000 Jahren, gerade nach Mitteleuropa vorgedrungen waren, während die dort schon lange lebenden Neandertaler wenig später verschwanden.

Ältere Zeichnungen gibt es, doch es sind nur Muster, keine Bilder

Doch war Homo sapiens zuvor nicht durch eine Kreativität aufgefallen, wie er sie nun entfaltete. Aus seiner ursprünglichen Herkunftsregion Afrika gibt es zwar etliche geometrisch verzierte Fundstücke sowie Reste von Körperschmuck, aber keine figürlichen Darstellungen, die auch nur annähernd so alt wären wie die des europäischen Aurignacien. Auch bei den Neandertalern sind bestenfalls ornamentale Aktivitäten nachweisbar, zuletzt im Februar dieses Jahres Malereien aus der Neandertalerzeit in drei spanischen Höhlen – wobei Maxime Aubert und zwei Kollegen die Stichhaltigkeit dieser Datierungen in einem demnächst im Journal of Human Evolution erscheinenden Artikel in Frage stellen. So oder so sind diese Malerarbeiten nicht als Darstellungen von irgendwas zu interpretieren.

Wer aber kam dann zuerst auf die Idee, in der Welt Vorgefundenes zu malen oder zu schnitzen, so dass man es wiedererkennen kann – und warum? Der Tübinger Prähistoriker Nicholas Conard, der 2008 zusammen mit seinen Mitarbeitern die Venus vom Hohlefels entdeckt hatte, stellte seit den 1990er Jahren ein Modell zur Diskussion, nach dem die relativ plötzliche künstlerische Aktivität im Aurignacien Folge mehrerer Faktoren ist, welche die Homo-sapiens-Gruppen bei ihrer Einwanderung ins eiszeitliche Mitteleuropa veränderten: schwankendes Klima, Konkurrenz mit anderen Jägern und Sammlern sowie davon unabhängige Innovationen. Die singuläre Situation der einwandernden Menschen wirkte als eine „Kulturpumpe“, wie Conard es nannte.

Starke und schwache Kulturpumpe

In Form der „starken Kulturpumpe“ einer monozentrischen Ausbildung figürlicher Kunst in Europa ist diese Idee mit den Datierungen aus dem Lubang Jeriji Saléh nun aus dem Rennen. Das sieht auch Conard so, der solch einen Befund sogar erwartet hat. „Das schwache, polyzentrische Kulturpumpen-Modell habe ich immer bevorzugt“, sagt der Forscher. „Das Merkwürdige ist, dass es zwanzig Jahre gedauert hat, bis eine andere Mannschaft so alte Kunst gefunden hat.“

Gleichwohl glaubt Conard nicht, dass das zeitgleiche Auftreten figürlicher Kunst in Europa und in Südostasien ein Zufall ist. Doch was war es, das hier wie dort – und vielleicht noch an anderen Orten, an denen bisher nur noch keine Funde gemacht wurden – die (nun polyzentrische) Kulturpumpe anwarf? Und bedurfte es dazu nicht einer spezifischen, am Ende doch genetischen Disposition?

An den beiden Enden Eurasiens

„Es ist möglich, dass die Urheber der Kunst in Europa und die in Südostasien verwandt waren“, sagt Maxime Aubert. Dass der anatomisch moderne Homo sapiens in Südostasien früher eintraf als in Europa, nämlich bereits vor 60000 bis 70000 Jahren, und dort die ersten 20.000 Jahre noch keine künstlerischen Spuren hinterließ, ist für Aubert kein Gegenargument. So kann er sich vorstellen, dass erst eine spätere Einwanderungswelle den Kunstsinn nach Borneo und zugleich nach Europa brachte. Die Prädisposition zum Malen oder Schnitzen wäre dann zuerst in einer Untergruppe des Homo sapiens vorhanden gewesen.

Sofern aber entlang deren eurasischer Migrationsrouten nicht noch anderswo Kunstfunde auftauchen – in Indien etwa, wo es, so Aubert, viele Felszeichnungen gibt, die sich aber nicht zuverlässig datieren lassen –, so lange bleibt die Frage nach dem Anlasser der Kulturpumpe. „Vielleicht ist Felsmalerei etwas, das sich erst herausbildet, wenn die Populationsdichte in einer Region ansteigt“, sagt Aubert. „Damals waren die Meeresspiegel so niedrig, dass man von Eurasien zu Fuß bis nach Ostkalimantan laufen konnte. Dann war allerdings Schluss. Wer weiterwollte, brauchte auch damals ein Boot. Genauso war es in Westeuropa, von wo aus man auch nicht weiter nach Westen kommt.“ Kunst wäre demnach schon ganz an ihrem Anfang etwas gewesen, das sie später noch öfter war: das Ergebnis einer Grenzerfahrung.

Quelle: F.A.S.
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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