Expedition Endurance22 (2)

Die Zeit wird knapp für den Tauchroboter

Von Tamara Worzewski
01.03.2022
, 20:13
Keine natürlichen Feinde auf dem Eis: Die Kaiserpinguine begleiten die Wissenschaftler ohne Scheu mit großer Neugier.
Neues Eis erschwert Wracksuche: Neuer Expeditionsbericht von der Rasterfahndung am Meeresboden und einem Kaiserpinguin-Besuch auf dem Südpoleis.
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„Winter is coming“, schallt es von überall auf der Agulhas II. In Anlehnung an die Fantasy-Serie „Games of Thrones“ sei das seit Tagen der Standardspruch, sagt Lasse Rabenstein. Es ist Freitag, der 25. Februar, minus 15 °C, und Neueis bildet sich. Die ersten sieben Tage im Untersuchungsgebiet konnte die Agulhas II noch einfach ihre Position wechseln, doch seit Mittwoch erschwert eine frische Schneeschicht auf den Eisflächen die Navigation. Die leichter überfahrbaren jungen Schollen sind jetzt mit dem bloßen Auge nicht mehr von den alten, massiveren Schollenfragmenten zu unterscheiden.

Zum Glück wandelt DLR-Wissenschaftler Thomas Busche hochauflösende Radarbilder vom Terra-SAR-X-Satelliten in Karten um, die signifikante Eisstrukturen unter dem Schnee enthüllen. Immer ist jemand von Busches DLR-Team oder Rabensteins Eismonitoring-Dienst auf der Brücke, um dem Navigator an Bord neue Eiskarten aufzubereiten, sobald die Satelliten alle sechs Stunden frische Daten liefern. „Wir haben uns an den neuen Biorhythmus gewöhnt“, so Rabenstein, für den ein gewisser Alltag Eingang gefunden hat: „Nach jedem Tauchgang wechseln wir die Scholle, bei jeder sich bietenden Gelegenheit gehen wir vom Schiff und messen.“ Denn die noch guten Eisbedingungen könnten sich jederzeit ändern. Auf Tagesbasis entscheidet der Kapitän, ob der Winter jetzt da ist und die Suche nach dem Wrack der gesunkenen Endurance sowie die parallel ablaufenden Polarforschungen aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden müssen.

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Roboter durchkämmt stundenlang den Meeresgrund

Die Crew arbeitet daher ununterbrochen im Schichtdienst, richtig dunkel ist es auch nur für wenige Stunden. Das für das Autonome Unterwasserfahrzeug (AUV) zuständige Team nutzt Rabensteins Eisdriftprognosen, um vor jedem Tauchgang die neue Schiffsposition und Route des Tauchroboters zu planen, denn das Untersuchungsgebiet ist groß. Die von Shackeltons Crew zuletzt notierten Koordinaten der Endurance definieren nämlich nicht den genauen Standort, weil das zertrümmerte Schiff vermutlich noch einen halben Tag mit der Eisscholle weitergedriftet war, bevor es letztlich versank. Daher muss der Ozeanboden lückenlos in einem Raster abgescannt werden mit dem gelben AUV (das einem abgeflachten Sportwagen ähnelt).

Drohnenaufnahme der Agulhas II
Drohnenaufnahme der Agulhas II Bild: Christian Katlein, Alfred-Wegener-Institut

Bei jedem Tauchgang durchkämmt der Unterwasserroboter stundenlang den Meeresgrund in drei Kilometer Tiefe. Wie eine Fledermaus sendet er knapp hundert Meter über dem Boden Ultraschallsignale aus und leitet die zurückgestreute Antwort direkt an Deck. Denn anders als sein komplett autonomer Vorgänger, der 2019 im Eismeer verloren ging, ist dieses AUV durch ein 25 Kilometer langes Glasfaserkabel mit der Agulhas II verbunden. So sucht das AUV-Team in Echtzeit nach Wrackstrukturen. Das Wrack müsste mangels Holz zersetzender Organismen in der Kälte noch gut erhalten sein. Rund um die Uhr sucht die Crew auch nach Anzeichen der Kohle, die die Endurance für ihre Dampfmaschine mitgeführt hatte.

Tag und Nacht geht die Suche nach eindeutigen Spuren weiter und pausiert nur, wenn die AUV-Batterie an Deck aufladen muss. AWI-Wissenschaftler und -Hubschrauber stehen bereit, um im schlimmsten Fall ein Eiscamp aufzubauen. Einige lassen sich per Hubschrauber auf entfernte Schollen fliegen. Andere lassen sich per Kran von Deck fieren. Denn das Weddell-Meer ist auch ein Kerngebiet der Polarforschung. Hier werden Proben von Schnee und Eis gesammelt und deren Mächtigkeiten vermessen. Rabenstein läuft einige Kilometer mit AWI-Kollegen, die hinter sich einen Geräteschlitten ziehen, der elektromagnetische Signale aussendet. Daraus leiten sie die Dicke des Eises ab. Zwei Kaiserpinguine kommen über die Aussetzstelle des AUV angeschwommen, watscheln nah heran und beäugen neugierig die Szene. „Es ist vielleicht das erste und letzte Mal, dass sie Menschen treffen“, sagt Rabenstein. Andererseits: Ob er mit seiner Crew je auf die Endurance treffen wird? Auch das weiß keiner.

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Quelle: F.A.Z
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