Ernst Herzfelds Entdeckung

Das war einst ein König samt Gefolge

Von Michael Siebler
Aktualisiert am 22.06.2020
 - 19:07
„Ein nie vollendetes Königsgrab, das die Stufen des Grabmals von Kyros exakt nachahmt“: so beschrieb Herzfeld seinen Fund.
Ernst Herzfeld entdeckte eine unvollendete Grabanlage bei Persepolis: Weshalb blieb auch der Wiederaufbau unvollendet? Briefe des aus Deutschland emigrierten Archäologen versprechen Aufschluss.

Vor nunmehr sechzehn Jahren hielt Jörg Ahrnt in der Bibliothek des Deutschen Archäologischen Institutes in Teheran erstmals Zeichnungen des Archäologen Ernst Herzfeld (1879 bis 1948) in Händen. Diese beeindruckten ihn, den Künstler aus Frankfurt mit enger privater und künstlerischer Bindung an die iranische Kultur, ob ihrer Genauigkeit und Ausdruckskraft sehr. Damals konnte er nicht ahnen, dass er sich elf Jahre später noch einmal genauer mit dem Ausgräber von Persepolis und dessen Forschungen beschäftigen würde. Als er nämlich vom Großneffen des Diplomaten und Widerstandskämpfers des 20. Julis 1944, Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, von einem Briefwechsel aus den Jahren 1924 bis 1939 zwischen dem damaligen deutschen Botschafter in Teheran und dem Ausgräber der persischen Königsresidenzen in Pasargadai und Persepolis erfuhr, wurde Ahrnt hellhörig.

In der Folge vertiefte sich Ahrnt in die Korrespondenz. Dabei fand besonders ein Brief vom 22. September 1932 sein Interesse. Dort berichtete Herzfeld über die archäologische Untersuchung einer unvollendeten Grabanlage bei Persepolis, deren Unterbau an das berühmte Grab des Kyros II. (um 590/580 bis 530 vor Christus) erinnerte: „Das unvollendete Grab haben wir mit riesiger Mühe auseinandergenommen und sind jetzt dabei, es wieder aufzubauen. Funde waren eine seltsame Hockerbestattung mit Topfbeigaben, also alt, unter dem Fundament und ein großer goldener Spinnwirtel oder so was ähnliches. Leider keine Dokumente.“ Der archäologischen Vergangenheit des Irans durchaus kundig, stellte sich Ahrnt zu Recht die Frage, warum er von dieser Grabanlage aus der Zeit der Achämeniden noch nichts gehört hatte, und begab sich auf die Suche.

Die Ergebnisse seiner, man möchte fast sagen: mit Herzblut unternommenen Recherche hat Ahrnt jetzt in einem Aufsatz mit dem Titel „Royal tomb, never finished“ vorgestellt . Der Titel ist ein Zitat aus Herzfelds 1935 erschienener „Archaeological History of Iran“, wo Ahrnt die „fast beiläufige Beschreibung eines Grabes“ fand, die mit den Angaben im Brief an Schulenburg übereinstimmt: „Aber in der Nähe von Persepolis gibt es ein nie vollendetes Königsgrab, das die Stufen des Grabmals von Kyros exakt nachahmt. Ich halte es für offensichtlich, dass dieses unvollendete Grab dasjenige des Kambyses ist. Damit kennen wir die Grablegen aller Achämeniden.“

Man signierte die Steine mit Ölfarbe

Das von Herzfeld in Brief und Buch erwähnte Bauwerk ist das „Takht-e Rostam“ (persisch: der Thron Rostams). Die Arbeiten wurden nie ausreichend publiziert, die Wissenschaft konnte also zunächst kaum etwas mit der Erwähnung in Herzfelds Buch anfangen. Entscheidende Informationen gab später Herzfelds Assistent, der Architekt Friedrich Krefter. In einem Aufsatz berichtete er 1979 von dem Auftrag Herzfelds für das „Auseinandernehmen des Takht-i Rustam, jenes am Pulvarfluss gelegenen Grabmonuments“.

Krefter erwähnte auch das Doppelgrab im Sockel und einen goldenen Anhänger in einem der Gräber. Man habe „alle Steine mit Ölfarbe signiert und numeriert, um sie nach Beendigung der Untersuchungen Herzfelds wieder zusammenfügen zu können“. Dieser Wiederaufbau erfolgte allerdings erst 1975. Dreizehn Jahre später wurde in einem Ausstellungskatalog anlässlich des neunzigsten Geburtstags von Krefter ein bislang unbekanntes Foto des Doppelgrabs publiziert. Ergänzend wurden noch Zeichnungen des Doppelgrabs in einem Skizzenbuch aus dem Bestand der Ernst Herzfeld Papers in Washington bekannt. Heute wird vermutet, dass die Grabanlage nicht für Kambyses II. (um 558 bis 522), sondern für den um 495 gestorbenen Hystaspes erbaut worden war.

Mit Blick auf die Korrespondenz zwischen dem Pionier der altorientalischen Archäologie und Graf Schulenburg sind indes die mittlerweile gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem Grabmal eher von untergeordneter Bedeutung gegenüber der einfachen, aber entscheidenden Frage, weshalb Herzfeld denn nicht die Untersuchungsergebnisse zum Takht-e Rostam publizierte und den Wiederaufbau forcierte, sondern nur in Briefen an seinen Freund im September 1932 erwähnt hat – abgesehen von dem kurzen Abschnitt in seinem Buch von 1935.

Diese Frage formuliert zu haben und denkbare mögliche Antworten darauf zu versuchen ist ein besonderes Verdienst von Ahrnts Recherchen zur Korrespondenz Herzfeld–Schulenburg. Auf der Grundlage des reichen Quellenmaterials, bemerkt Ahrnt, „lässt sich zwar keine letztgültige Sicht der Dinge formulieren, aber wenn man die lebensgeschichtliche Situation Ernst Herzfelds betrachtet, die sich in den Briefen nachvollziehen lässt, finden sich Hinweise, die etwas Licht ins Dunkel bringen können“. Es sind Hinweise auf persönliche Enttäuschungen, politisch motivierte Sanktionen im nationalsozialistischen Deutschland, ja wohl auch Verzweiflung über machtpolitische Entwicklungen in Persien, wo er an der Universität in Teheran gelehrt hatte und Berater der persischen Regierung gewesen war.

Von Kollegen im Stich gelassen

Als deutscher Jude geriet Herzfeld nach 1933 laut Ahrnt „zwischen alle Fronten der an den Forschungen beteiligten politischen Mächte in Iran, Deutschland und den Vereinigten Staaten“. Der Schah, so interpretierte Herzfeld entsprechende Anfeindungen, hatte die Absicht, die Grabungen in Persepolis vollständig unter seine Kontrolle zu bringen. Als das Preußische Kultusministerium ihn im Frühjahr 1933 aufforderte, einen Fragebogen wegen seiner Rassenzugehörigkeit zu beantworten, wusste er, dass seine Professur in Berlin in Gefahr war. Er wurde schließlich aufgrund der nationalsozialistischen Rassegesetze suspendiert. Als sich sein langjähriger Mitarbeiter Friedrich Krefter im Sommer 1934 beim Oriental Institute der University of Chicago über ihn beschwerte, muss seine Enttäuschung riesengroß gewesen sein. Herzfeld verließ verbittert im Jahr darauf die Institution, für die er seit 1931 die Ausgrabungen in Persepolis geleitet hatte, und ging nach London.

Mag in diesen unruhigen Zeitläuften auch die Zeit für eine Vorlage der Grabungsbefunde knapp oder wegen der politischen Implikationen an den Wiederaufbau des Takht-e Rostam gar nicht zu denken gewesen sein, so würde es doch keineswegs verwundern, wenn Ernst Herzfeld seine Erkenntnisse (und möglicherweise auch andere) dazu für sich behalten hätte; nur seinem Freund Schulenburg berichtete er darüber, aber wohl auch nicht alles, was er wusste. Ahrnt weist auf Anhaltspunkte im Briefwechsel dafür hin, dass das Schweigen Ernst Herzfelds „mit seiner Enttäuschung darüber in Verbindung stand, dass er sich in Zeiten der Verfolgung von Kollegen und Mitarbeitern im Stich gelassen sah“.

Von England aus reiste er nach Amerika, wo er 1936 eine Professur am Institute for Advanced Study in Princeton erhielt. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1944. Nach dem Kriegsende reiste Herzfeld wieder in den Nahen Osten. Ende 1947 erkrankte er in Kairo schwer und suchte in Basel medizinische Hilfe. Dort starb er am 21. Januar 1948.

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass Ernst Herzfeld zu Lebzeiten keine menschliche oder wissenschaftliche Genugtuung mehr erfuhr für erlittenes Unrecht und persönliche Drangsal. Um so dringlicher wäre aus Respekt vor der Lebensleistung Herzfelds deshalb eine wissenschaftliche Bearbeitung dieser Korrespondenz, die Stephan von der Schulenburg großzügig zur Sichtung bereitgestellt hat – und zur Erinnerung an den Pionier der altorientalischen Archäologie und dessen Freund, der am 10. August 1944 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Die Archäologen Harald Schulze und Barbara Helwing, die Jörg Ahrnt in seiner Arbeit unterstützt und bestärkt haben, wollen ein solches Forschungsprojekt realisieren, das „den Briefwechsel und zugehörige Dokumente in absehbarer Zeit vorlegen, erschließen und analysieren soll“. Möge der Plan gelingen, denn „die Bedeutung des Materials in archäologischer wie zeit- und wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht“ steht außer Frage.

Quelle: F.A.Z.
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