Archäologische Metalle

Ein Lied von Gold und Erz

Von Ulf von Rauchhaupt
05.05.2021
, 11:00
Eisernes aus der Bronzezeit:  Dolch aus dem Grab des Tutanchamun
Verhüttung und Verarbeitung von Metallen wurde in der Steinzeit erfunden, und Eisen kannte man bereits in der Bronzezeit

Wenn Archäologen oder Sondengänger auf Metallobjekte stoßen, die vor dem 19. Jahrhundert in den Boden gekommen sind, ist die Materialvielfalt begrenzt. Im Altertum waren nur acht verschiedene Elemente in ihrer metallischen Form bekannt: Gold, Silber, Blei, Kupfer, Zinn und Eisen sowie Quecksilber und – im alten Amerika – Platin.

Die Häufigkeit bestimmter Werkstoffe hat ganzen Zeitaltern ihre Namen gegeben. Eisernes etwa stammt zumeist aus der Eisenzeit, die in Mitteleuropa um 800 v. Chr. begann. Findet sich hingegen Bronze, hat man es oft mit einem Stück aus der Bronzezeit zu tun. Entsprechend gab es davor eine Steinzeit und dazwischen eine Kupferzeit. In die fällt zum Beispiel Ötzi, der um 3200 v. Chr. verstarb und in den Alpen als Gletschermumie überdauerte, nebst einer kupfernen Axt, die man bei ihm fand.

Am Anfang war das Blei

Tatsächlich aber begann das Interesse an Metallen tief in der Jungsteinzeit. Zu den frühesten archäologischen Goldfunden zählen etwa Schmuckstücke, die aus 6000 Jahre alten Gräbern der Varna-Kultur an der bulgarischen Schwarzmeerküste stammen. Diese Objekte wurden noch aus Nuggets oder Flitter zusammengehämmert. Aber schon wenig später sind in Susa im Südwesten des heutigen Iran auch gegossene Goldobjekte nachweisbar. Wie Gold kommt auch Silber in der Natur als Metall vor, glänzt dort allerdings nicht so schön. Deshalb sind die frühesten Silberartefakte – sie wurden um 3500 v. Chr. herum in Iran, Ostanatolien und Nordsyrien gefertigt – Produkte eines Kupellation genannten Verfahrens, bei dem aus silberhaltigen Bleierzen zunächst eine Legierung aus Silber und Blei entsteht, bevor Letzteres dann oxidiert wird.

Blei ist ebenfalls ein historisch wichtiger Werkstoff. „In der Kulturgeschichte ist das Blei vielleicht sogar das erste verhüttete Metall“, sagt Ernst Pernicka, Direktor des Curt-Engelhorn-Zentrums für Archäometrie in Mannheim. So gebe es ein Bleiarmband vom Yarim Tepe im Irak, das auf circa 6000 v. Chr. datiert. Die Umwandlung bröckeliger Bleierze bei zufälligem Erhitzen zu einem duktilen Material könnte den Weg zu einer gezielten Verhüttung von Kupfererzen gewiesen haben, vermutet der Fachmann für archäologische Metalle. Dem Blei mit seinem niedrigen Schmelzpunkt von nur 327 Grad Celsius könnte auch die Idee zu verdanken sein, geschmolzenes Metall in Formen zu gießen. So heiß wird jedes Lagerfeuer.

Erze in der Modefarbe der Jungsteinzeit

Kupfer hingegen schmilzt erst bei 1082 Grad, um es aus seinen Erzen zu lösen, muss außerdem Sauerstoffmangel herrschen. Diese Bedingungen werden in Brennöfen für Töpferwaren durchaus erreicht, aber schon in der frühen vorkeramischen Jungsteinzeit waren Kupfererze aufgefallen: Im Osten der Türkei wurden Brocken von Kupfermineralen gefunden, die um 9500 vor Christus jemand gesammelt haben muss, vermutlich ihrer grünen Farbe wegen. In der Palette der altsteinzeitlichen Jäger- und Sammlerkulturen hatte Grün noch keine Rolle gespielt, in ihren Höhlenmalereien herrschten Rottöne vor. Die frühen Ackerbauer jedoch fertigten Schmuckperlen aus grünen Kupfermineralen an, und schon im frühen achten Jahrtausend vor Christus wurde, ebenfalls in Ostanatolien, Naturkupfer zurechtgehämmert, bis irgendwann jemand herausfand, wie man aus jenen grünen Steinen mittels großer Hitze das rötlich glänzende Metall gewinnen konnte.

Archäologisch nachweisbar ist eine Kupferverhüttung durch zurückbleibende Schlacken. Die frühesten datieren in das fünfte Jahrtausend v. Chr, allerdings fanden sie sich nicht dort, wo man zuerst mit Naturkupfer hantiert hatte, sondern im Iran sowie in Bulgarien und Serbien. Der serbische Fundort Belovode liegt sogar in der Nähe der prähistorischen Kupfermine Rudna Glava. Dennoch sei die Frage, wo die Kupferverhüttung zuerst entwickelt wurde, nach wie vor offen, schrieb Pernicka 2020 im Fachjournal Quaternary International. Und auch, ob das einmal oder mehrfach an verschiedenen Orten geschah.

Zinn oder die Globalisierung der Bronzezeit

Tatsächlich wurde die Kupfer- und Bronzemetallurgie später im präkolumbischen Amerika noch einmal neu erfunden. Allerdings stellten erst die Inka im größeren Umfang metallene Werkzeuge und Waffen her. In der Alten Welt war Metallurgie da schon viereinhalb Jahrtausende auch eine Rüstungstechnologie gewesen, insbesondere nachdem man erkannt hatte, wie aus weichem Kupfer durch Zugabe von Zinn ein Material wird, aus dem sich solide Äxte und Schwerter anfertigen lassen: die Bronze.

Diese Erfindung hatte erhebliche gesellschaftliche Folgen, und nicht nur ihrer militärischen Bedeutung wegen. Denn Zinn gab es nicht im Vorderen Orient, der Heimstätte erst des Agrarwesens, dann der Metallurgie. Es musste aus der Ferne importiert werden: aus dem heutigen Afghanistan oder aus Westeuropa: aus Galizien oder Cornwall. Zinn hatte damit in der Bronzezeit eine vergleichbare Bedeutung wie heute das Erdöl, und der Fernhandel damit stabilisierte ein System von Staaten, die zwar miteinander rivalisierten, aber letztlich alle vom Funktionieren des internationalen Wirtschaftsgefüges abhängig waren: Ägypten, die Mykenische Kultur, Assur, Babylon, das Reich von Mitanni und das der Hethiter.

Eiserne Zeiten

Letztere verfügten zudem über Eisen. Die Eisenverhüttung war offenbar schon in der frühen Bronzezeit in Anatolien entdeckt worden: In Alacahöyük wurde unter anderem ein Prunk-Doch mit eiserner Klinge gefunden, der aus der ersten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Christus stammt. Das Material ließ man sich teuer bezahlen; in einem assyrischen Text aus der Zeit kurz nach 2000 v. Chr. beklagt sich jemand, der Eisen zu verkaufen hatte, dass ihm für ein Schekel Eisen nur acht Schekel Gold geboten worden seien. Dabei diente Eisen damals noch nicht zur Herstellung praxistauglicher Waffen. Das ist erst 200 Jahre später belegt, hat aber die Bronzezeit damit noch lange nicht beendet.

Selbst nachdem es den Hethitern gelungen war, neben weichem Schmiedeeisen auch kohlenstoffreichere, unserem Stahl ähnlichere Varianten herzustellen, blieben solche Waffen denen aus guter Zinnbronze unterlegen. Eisen war ein Material für Prestigeobjekte: Zepter fertigte man daraus, sogar ein „Eiserner Thron“ wird in einem hethitischen Text aus dem 16. Jahrhundert erwähnt. Auch die Klinge, die man Pharao Tut­anch­amun 1325 v. Chr. ins Grab legte (siehe Bild), war vielleicht seine wertvollste, aber kaum seine beste Waffe. Sie besteht ausweislich ihres Nickelgehalts aus Meteoreisen, ägyptisch „bi’ ne-pet“ (Metall des Himmels), was von „bi’ ne-retjenu“ (Importmetall) unterschieden wurde. Der Austausch von Luxusgütern war eine andere Facette der über die Zinnströme miteinander verwobenen Wirtschaftswelt der Spätbronzezeit.

Diese Welt brach im frühen 12. Jahrhundert vor Christus plötzlich zusammen. Über die genauen Ursachen rätseln die Althistoriker noch immer. Sicher aber ist, dass die Handelsrouten nachhaltig unterbrochen worden waren. Da das Zinn für die Bronze fehlte, waren die Menschen im Vorderen Orient nun gezwungen, die Verhüttung und Verarbeitung eines Metalls zu verbessern, dessen Erze dort an vielen Stellen vorkommen. So begann die Eisenzeit.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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