Expedition Endurance22 (4)

„Shackletons Atem im Nacken“

Von Tamara Worzewski
09.03.2022
, 11:29
Nun doch die Erfolgsmeldung: Das Wrack der Endurance ist gefunden – wie die Crew der Suchexpedition Endurance22 diesen Erfolg erlebte und was nun als nächstes ansteht.
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Nun kann das Expeditionsteam der „Endurance 22“ seine Reise doch noch mit einer Erfolgsmeldung abschließen: Das vor rund 100 Jahren gesunkene Wrack der Endurance, mit dem Ernest Shackleton als Erster den antarktischen Kontinent durchqueren wollte, konnte mithilfe eines Unterwasserroboters (AUV) aufgespürt werden – in einer Tiefe von gut 3000 Metern am Grund des Weddellmeeres. Das Vorhaben war ein überaus ambitioniertes. Die Ruhestätte der Endurance zu finden, sei eine Aufgabe gewesen, wie einen Flickenteppich zu füllen, erklärt Lasse Rabenstein, Chefwissenschaftler der Expedition: „Man muss immer mit dem Eis gehen. Seine Drift diktiert, wie, wo und wann du arbeiten kannst.“ Das erschwerte es dem Unterwasserteam, das Suchgebiet systematisch von einer zur anderen Seite abzuscannen.

Rückblick: Es ist Samstagmorgen, 5. März 2022. Etwa 80 Prozent des Untersuchungsgebiets sind bereits abgefahren, aber noch viele „Flicken“ warten darauf, vom AUV gescannt zu werden. An Bord wächst die Nervosität, ob das ganze Gebiet in der dem Schiff verbleibenden Zeit abgesucht werden kann. Abgesteckt wurde das Untersuchungsgebiet in einem Umfeld um historische Koordinaten, die wegen der damaligen Umstände mit großen Ungenauigkeiten behaftet sind: Endurance Kapitän Frank Worsley hatte die Koordinaten mit seinem Sextanten nur bei klarem Wetter jeweils am 18. Und am 22. November 1915 bestimmen können. Die Endurance sank aber bei bewölktem Himmel am 21. November, und für diesen Zeitpunkt konnte Worsely nur im Nachhinein vermeintliche Koordinaten auf der driftenden Eisscholle abschätzen. Er glaubte, dass die Endurance zwischen dem 18. und 22. kaum in südliche Richtung gedriftet sei, was Lasse Rabenstein wiederum verwundert. Denn den Erzählungen des Endurance-Meteorologen Leonard Hussey zufolge habe in jenen Tagen ein kräftiger Nordwind geblasen, das hätte sich in Eisdriften übersetzen müssen.

Der Name des gesunkenen Schiffes ist noch deutlich zu lesen.
Der Name des gesunkenen Schiffes ist noch deutlich zu lesen. Bild: dpa

Das bringt den südafrikanischen Meteorologen Marc De Vos auf der Agulhas II auf die Idee, antarktische Winddaten vom November 1915 mithilfe des vom Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) bereitgestellten „ERA-20“ Verfahrens zu ermitteln. Mit diesen globalen Wetterdaten der Vergangenheit für jeden Punkt auf der Erde könne man vielleicht die frühere Drift mit modernen Methoden rekonstruieren, auch wenn die Schätzungen nur grob seien. Der Expeditionsleiter John Shears organisiert dank der Mithilfe des Archivs des Scott Polar Research Institutes in Cambridge zusätzlich Husseys historische Originalaufzeichnungen zum groben Wetterverlauf, das Team des Start-Ups Drift+Noise füttert die gesammelten Daten in ihren Algorithmus zur Bestimmung der Eisdriften. Die Überraschung: Nach dem 18. November 1915 könnte die Scholle, auf der die Endurance zu Sinken begann, durchaus weiter nach Süden gedriftet sein als von Worseley angenommen, aber anschließend nach dem 21. wieder gen Norden, so dass ihm der zwischenzeitliche Schlenker nicht aufgefallen wäre. Die gute Nachricht: Trotz dieses Schlenkers nach Süden bestätigt die Studie das im Vorhinein der Expedition sorgfältig ausgewählte Suchfenster.

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Während De Vos und Rabenstein diese Theorie mit den Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) und der Expeditionsleitung diskutieren, sucht das AUV kontinuierlich weiter und scannt nun auch die ohnehin ausstehenden „Flicken“ im südlichen Untersuchungsgebiet ab. Es ist ein historischer Tag, denn vor genau 100 Jahren wurde Sir Ernest Shackleton in Südgeorgien beigesetzt.

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Mehrere Jahre nach der Endurance Expedition, die die letzte großen ihrer Art im goldenen Zeitalter der Antarktischen Entdeckerreisen war, hatte sich Sir Ernest Shackleton mit vielen seiner treuen Crewmitglieder auf eine kleinere „ozeanographische und sub-antarktische Expedition“ aufgemacht. Diese führte ihn 1922 wieder zu jener Walfangstation in Südgeorgien (South Georgia), die er sechs Jahre zuvor mit einer Handvoll Männer erreicht hatte – nach einer gefährlichen Seereise von Elephant Island aus, über 1300 Kilometern im offenen Rettungsboot und einem anschließenden Gewaltmarsch über eine bis dahin unbekannte Landstrecke. An der Walfangstation angekommen entsendete er 1916 ein Schiff, um die 22 verbliebenen Männer auf Elephant Island zu retten, derjenigen abgelegenen und unbewohnten Insel, auf der er mit seiner Crew viele Monate nach dem Sinken der Endurance gestrandet war. Shackletons abenteuerliche Rettungsaktion hatte Erfolg und schrieb Geschichte. Kurz nachdem er 1922 abermals den Hafen Südgeorgiens erreichte, verstarb er überraschend an einem Herzinfarkt und wurde dort auf Wunsch seiner Gattin am 5. März 1922 beigesetzt.

Exakt 100 Jahre danach, am Samstag, den 5.März 2022 wird das Expeditionsteam um 20:00 Uhr abends ins Auditorium der Agulhas II gerufen, einem kleinen Hörsaal mit Klapptischen an jedem Stuhl. Explorationsdirektor Mensun Bound und Expeditionsleiter John Shears treten vor und verkünden mit glasigen Augen sichtlich bewegt: Die Endurance ist gefunden! Im südlichen Teil des Untersuchungsgebietes werde sie gerade vom AUV-Team studiert. Auch für Shears, der 2019 nach der ersten gescheiterten Wracksuche 2019 enttäuscht heimkehren musste, geht mit dieser monumentalen Entdeckung nun eine lange Reise zu Ende. Bound ruft: „Wir können Shackletons Atem im Nacken spüren!“

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Es wird geklatscht und gejubelt. Ein bewegender Moment, so Rabenstein. Nur das AUV-Team verpasst diese Ansprache, denn es ist jetzt noch zwei Tage durchgängig damit beschäftigt, mit dem technologisch aufgerüsteten Unterwasserroboter „Sabertooth“ hochauflösende 3D-Aufnahmen der Endurance zu machen. Berührt werden darf die Endurance gemäß Antarktisvertrag zwar nicht – sie ist ein kulturelles Erbe der Menschheit. Aber nun ist sie geortet und ihr Zustand dokumentiert: „Es sieht aus, als sei das Schiff gestern gesunken“, kommentiert Rabenstein. Der marine Archäologe Mensun Bound erklärt später, dass es das feinste hölzerne Schiffswrack sei, das er je gesehen habe. Aufrecht stehe es am Meeresgrund, großartig erhalten, man könne sogar die Aufschrift „Endurance“ sehen: „Das ist ein Meilenstern in der Geschichte der polaren Erforschung.“

Es ist Montag, 7.3., das AUV-Team hat seine Arbeit beendet und wird ausgelassen gefeiert. Ausnahmeweise wird die Gangway heruntergelassen, statt jeden umständlich per Kran auf die Scholle zu fieren. Ein Matrose trägt jeden ein und aus, der aufs Eis geht, das Eis Camp Team kommt doch noch zum Einsatz und baut ein paar Zelte auf, in denen gekocht wird. Während der Feier wird darüber diskutiert, was mit der verbleibenden Schiffszeit angesteuert werden könnte, bevor die Agulhas II zurück nach Kapstadt muss. Die Idee fällt auf Shackletons Grab, eine gemeinschaftliche Aufwartung der Endurance22-Crew würde Shackletons Geschichte abrunden. Immer wieder hört man: „Das kann das doch kein Zufall sein, dass sich die Endurance am Tag genau 100 Jahre nach Shackletons Beisetzung offenbart!“ Doch Rabenstein ist nicht abergläubisch und sieht darin schlichtweg einen Zufall. Einige spielen Fußball, andere lassen sich von Wissenschaftlern ihre Messmethoden erläutern.

Die Fahrt ist nicht nur für die internationalen Wissenschaftler ein Erfolg, die unter anderem mit wichtigen klimatologischen Daten heimkehren. Auch Lasse Rabenstein persönlich ist sehr zufrieden. Denn der genutzte Algorithmus hat sich bewährt, effektive Wege schnell und sicher durch das Eis zu finden, sogar nachts bei Schneefall. Gleichzeitig konnte die vom AWI-Start-Up Drift + Noise entwickelte Software zur Umwandlung von Wetterdaten in Eiskarten zu seiner Überraschung sogar die historische Eisdrift der 1915 versinkenden Endurance bestätigen. Während abends an Bord noch weiter gefeiert wird, ausnahmsweise sogar mit auf auf diesem „trockenen“ Schiff ansonsten verbotenem Bier, geht Rabenstein nachts auf die Brücke, um dem Navigator aktuelle Eiskarten für die Fahrt aus dem Weddellmeer zu erstellen.

Es ist Mittwoch, 9.3., die Temperaturen liegen leicht unter dem Gefrierpunkt, es herrschen etwa 10 Knoten Wind und leichter Seegang von etwa 1 Meter Wellenhöhe. Die Agulhas II hat das Eismeer verlassen, und Rabensteins Brückendienst zur Eiskartenerstellung ist beendet. Die Crew ist nun unterwegs nach Südgeorgien, der ehemaligen Walfangstation, wo heute nur noch eine britische Forschungsstation betrieben wird – und wo Shackletons Ruhestätte liegt.

Quelle: FAZ.NET
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