Tiere des Eiszeitalters

Spuren einer fremden Welt

Von Diemut Klärner
16.12.2021
, 11:00
So stellte sich der tschechische Zeichner  Zdeněk Burian die Europäischen Waldelefanten vor.
In Andalusien haben Europäische Waldelefanten im Eiszeitalter ihre Fußabdrücke hinterlassen. Zusammen mit Skeletten geben die Spuren Hinweise auf das Sozialverhalten dieser ausgestorbenen Tiere.
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Der Europäische Waldelefant zählt zur imposantesten Fauna des Eiszeitalters – auch hierzulande. Anders als der Afrikanische Waldelefant (Loxodonta cyclotis), der in tropischen Regenwäldern zu Hause ist, bevölkerte der Europäische Waldelefant (Palaeoloxodon antiquus) einst Laubwälder der mediterranen und gemäßigten Klimazone. Während der Kaltzeiten, als ein Großteil Europas von Eis bedeckt war und das Wollhaarmammut (Mammuthus primigenius) durch die angrenzenden Steppengebiete streifte, fand der Europäische Waldelefant nördlich der Alpen zwar kein passendes Ambiente. Angenehmer temperierte Regionen im Mittelmeergebiet boten ihm jedoch Refugien. In den Warmzeiten des Eiszeitalters drang er nach Norden vor, bis nach Südengland, in die Niederlande und ins mittlere Niedersachsen.

Wie zahlreiche Skelettfunde belegen, kam der Europäische Waldelefant mit seinen bis zu drei Meter langen Stoßzähnen noch stattlicher daher als der Afrikanische Steppenelefant: Weibliche Exemplare wurden etwa fünf Tonnen schwer und erreichten bis zu drei Meter Schulterhöhe, männliche mitunter sogar mehr als vier Meter. Dabei wogen sie schätzungsweise bis zu 13 Tonnen. Über das Sozialverhalten der riesigen Rüsseltiere geben die fossilen Knochen allerdings wenig Auskunft. Dass sich Europäische Waldelefanten wohl ähnlich organisiert haben wie heutige Elefanten, hat eine internationale Forschergruppe kürzlich anhand fossiler Fußspuren in Spanien herausgefunden.

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Paläontologen um Carlos Neto de Carvalho von der Universität Lissabon, Zain Belaústegui von der Universität Barcelona und Francisco Giles-Guzmán vom Gibraltar National Museum studierten die vielsagenden Fußabdrücke am Strand des Ferienorts Matalascañas in der andalusischen Provinz Huelva. Dass die Spuren, die Elefanten vor gut hunderttausend Jahren in feuchtem Boden hinterlassen haben, überhaupt entdeckt wurden, ist einer Sturmflut im Frühjahr 2020 zu verdanken: Stürmischen Wellen hatten den Sand, der die fossilen Fährten meterhoch bedeckte und vor Verwitterung schützte, großflächig fortgespült.

Vielsagende Fußspuren in einst lehmig-sandigem Boden

Ehe die freigelegten Fußstapfen von Europäischen Waldelefanten wieder unter Sand verschwanden, wurden sie exakt vermessen und fotografiert. Zum Glück war ein lehmig-sandiger Boden einst gerade feucht genug gewesen, um unter den Tritten der gewichtigen Tiere nicht zu reißen, sondern einen präzisen Abdruck der Fußsohlen zu liefern. Mitunter sind sogar Narben zu erkennen oder die Abdrücke von Zehennägeln. Messungen an heute lebenden Elefanten bestätigen einen linearen Zusammenhang zwischen der Länge der Fußstapfen und der Schulterhöhe. Anhand von vielen mehr oder minder vollständigen Skeletten lässt sich auch das Lebensalter abschätzen.

Konservierter Fußabdruck eines Waldelefanten in Spanien
Konservierter Fußabdruck eines Waldelefanten in Spanien Bild: Neto de Carvalho et al.

Wie de Carvalho und seine Kollegen in den Scientific Reports berichten, entpuppten sich die Fußabdrücke von Europäischen Waldelefanten, die erst ein Jahr alt oder noch jünger waren, als auffallend häufig – darunter auch weniger als zehn Zentimeter große Abdrücke von Neugeborenen. Je älter die Tiere, desto seltener haben sich Tiere am Strand von Matalascañas mit Fußspuren verewigt. Ungefähr 30 Zentimeter große Abdrücke stammen entweder von jugendlichen Bullen oder von noch jungen, aber schon erwachsenen Elefantenkühen. Zwei mehr als 50 Zentimeter große Spuren lassen sich dagegen eindeutig alten Elefantenbullen zuordnen. Anders als heute lebende Elefanten hatten Europäische Waldelefanten mit etwa 50 Jahren noch nicht aufgehört zu wachsen. Womöglich konnten sie mehr als 80 Jahre alt werden.

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Doch was sagen die fossilen Fährten über die soziale Struktur? Heute lebende Elefantenspezies sind matriarchalisch organisiert, mit Gruppen, die aus mindestens einer Mutter und ihren Kindern bestehen. Bei Afrikanischen Steppenelefanten sind oft auch erwachsene Töchter samt Sprösslingen dabei. Erwachsene Söhne gehen dagegen stets eigene Wege. Kontakt zu den weiblich geführten Gruppen suchen Elefantenbullen nur kurzzeitig, um Nachwuchs zu zeugen. Die größten fossilen Fußabdrücke am Strand von Matalascañas lassen sich als Spuren interpretieren, die zwei schätzungsweise 60 bis 70 Jahre alte Bullen auf Freiersfüßen hinterlassen haben.

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Elefantengruppen unter weiblicher Führung?

Gut möglich, dass die fossilen Elefantenspuren am Strand von Matalascañas hauptsächlich von Gruppen unter weiblicher Regie stammen. Zweimal wurden dort sogar mutmaßliche Fährten von Mutter-und-Kind-Paaren entdeckt: kleine Fußstapfen, die mit deutlich größeren zusammen laufen. In Tälern hinter Dünen fanden die Europäischen Waldelefanten damals eine temporäre Seenlandschaft. Ähnlich wie derzeit die Feuchtgebiete des nahe gelegenen Doñana-Nationalparks bot sie wohl eine üppige Vegetation mit saftigem Gras und reichlich Wasserstellen — wichtig für Kinderstuben mit sehr jungem Elefantennachwuchs, denn die Kleinen werden häufiger durstig als ältere Tiere und können noch nicht so weit laufen.

Wasser und frisches Grün dicht am Atlantik haben vor rund hunderttausend Jahren aber nicht nur Europäische Waldelefanten angelockt. Diverse Wasservögel haben auf dem feuchtem Boden einst ebenso ihre Spuren hinterlassen wie Wildschweine, Rothirsche und andere Paarhufer. Wie Fußabdrücke von Wölfen und von Neandertalern bezeugen, war der Küstenstreifen auch ein attraktives Jagdgebiet. Dass Neandertaler sogar Europäische Waldelefanten zur Strecke bringen konnten, beweist ein Elefantenskelett, das 1948 in einer Mergelgrube bei Lehringen im Landkreis Verden zum Vorschein kam: Zwischen den Rippen steckte ein mehr als zwei Meter langer Spieß aus Eibenholz. Außerdem fanden sich zwischen den Knochen mehrere Klingen aus Feuerstein, die zum Zerlegen der Jagdbeute gedient haben dürften.

Wahrscheinlich haben die Neandertaler auch Elefanten, die eines natürlichen Todes gestorben waren, nicht verschmäht und ansonsten bevorzugt jungen und geschwächten Tieren nachgestellt. Ob sie als Jäger das Ende der Europäischen Waldelefanten beschleunigt haben, bleibt eine offene Frage. Beide haben die letzte Kaltzeit nicht überlebt. Das Wollhaarmammut ist hingegen erst vor weniger als viertausend Jahren ausgestorben. Zuletzt existierte nur noch eine kleine Population auf der Wrangel-Insel im äußersten Nordosten von Sibirien.

Quelle: F.A.Z.
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