Fragen an Israels Geschichte

Wer war König David (2)?

Von Uwe Ebbinghaus
19.06.2022
, 14:00
Jan de Bray, „David spielt die Harfe“ bei Überführung der Bundeslade (um 1670)
Wie groß war das Reich, das David schuf, welche Rolle spielten Recht und Religion, was wissen wir über die Gesellschaft um 1000 vor Christus? Fragen an den Religionswissenschaftler Thomas Römer. Zweite Folge.
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Hier geht es zum ersten Teil des David-Fragebogens: Archäologie, Geschichte, Persönliches

Welche politische (oder auch theologische) Entwicklung markiert der Übergang von Saul zu David?

Thomas Römer: Saul („der Erbetene“) und David waren beide zunächst von den Philistern tolerierte Kleinkönige, die sie wohl als Vasallen angesehen haben. Saul hatte seine Residenz in Gibea und kontrollierte das mittelpalästinische Bergland und auch Teile des nördlichen Ostjordanlandes, nicht jedoch Juda. Saul herrschte also über ein Gebiet, dass in der Siegesstele des Pharaos Merneptah (etwa 1205 vor unserer Zeitrechnung) als „Israel“ bezeichnet wird. David hatte seinen Regierungssitz zunächst in Juda, im südlich gelegenen Hebron, bevor er Jerusalem zur „Stadt Davids“ machte. Die Bibel stellt den Übergang von Saul zu David so dar, dass der zunächst von Jahwe erwählte und vom Propheten Samuel gesalbte Saul später von seinem Gott zugunsten Davids verstoßen wurde. Historisch gesehen waren Saul und David Konkurrenten, die wohl eine Zeitang gleichzeitig regierten. Die Bücher Samuel enthalten Hinweise, dass David Saul nicht direkt „ablöste“. In 2 Sam 2,8-9 wird berichtet, dass Sauls Heerführer, Abner, nach dem Tode Sauls dessen Sohn Ischbaal („Mann des Baal“) zu Sauls Nachfolger einsetzte. Das bedeutet, dass David und Sauls Nachfolger gleichzeitig regiert haben.

Mit welchen staatlichen Gebilden kam David in Kontakt?

Hauptsächlich mit den Philisterstädten, die sich seit dem 12. Jahrhundert an der Küste befanden, und das Hinterland lange Zeit kontrollierten. Man spricht oft von den Seevölkern und nimmt an, dass diese aus der Ägäis kommende Bevölkerungsgruppe mit Duldung der Ägypter sich am Küstenstreifen der südlichen Levante niedergelassen hatte. Es gab aber auch Bevölkerungsbewegungen aus Anatolien, so dass die Philister als ethnisch nicht homogene Bevölkerung anzusehen sind. Archäologische Funde belegen, dass die Philisterstädte zwischen dem 10. und 8. Jahrhundert den Zenit ihrer Macht erreicht hatten. Die Philisterstadt Gath, die in den Davidserzählungen oft erwähnt wird, war im 10. Jahrhundert auf dem Höhepunkt ihrer Ausdehnung und wurde im 9. Jahrhundert schwer zerstört. Die in den Saul- und Daviderzählungen geschilderten Auseinandersetzungen haben also eine gewisse geschichtliche Plausibilität. Sehr wahrscheinlich ist, dass die staatlichen Gebilde Sauls und Davids zunächst von den Philistern geduldet wurden, bevor ihnen diese Kleinkönige lästig wurden.

Die Gegend von Gath, einer der alten Städte der Philister
Die Gegend von Gath, einer der alten Städte der Philister Bild: picture alliance

Auf der anderen Seite des Jordans hatte es David hauptsächlich mit den Ammonitern und Moabitern zu tun. Diese kleinen Königtümer entstanden zur gleichen Zeit wie die staatlichen Gebilde Sauls und Davids, so dass es notwendigerweise zu militärischen Auseinandersetzungen kommen musste.

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Welche staatlichen Gebilde schuf er?

David übernahm zunächst die Kontrolle über das Bergland Judas. Man kann David durchaus als einen „Apiru“ bezeichnen. Es handelt sich dabei um „outlaws“, Zusammenschlüsse von entwurzelten Hirten oder Bauern, die als Freischärler oder Banditen Razzien durchführten oder sich als Söldner verdingten. Das Bergland von Juda bietet für eine solche Lebensweise ideale Bedingungen. Die Geschichte in 1 Sam 25 präsentiert David in einer solchen Rolle: David fordert von einem judäischen Herdenbesitzer Schutzgeld, das dieser verweigert, worauf David ihn töten lässt und die Witwe heiratet. David war also ein Apiru, der zur Macht aufstieg, und zunächst in Hebron als „König“ beziehungsweise Chef von der dortigen judäischen Bevölkerung anerkannt wurde.

Rembrandt, „David kniet mit dem Haupte Goliaths vor Saul“, 1627
Rembrandt, „David kniet mit dem Haupte Goliaths vor Saul“, 1627 Bild: picture alliance

Eine offene Frage ist, ob bereits David oder erst seine Nachfolger Jerusalem zur Hauptstadt machten. Es ist möglich, dass sich mit der Übernahme des kanaanäischen Jerusalem das davidische Reich nach Norden ausgedehnt hat. Diese Maßnahme provozierte Konflikte mit dem nördlich gelegenen benjaminitischen Königtum Sauls. Diese Auseinandersetzungen wurden dann im biblischen Bericht in eine Nachfolgeerzählung umgedeutet. Ein davidisches Großreich hat es nie gegeben. Die Eroberungen Davids, die in 2 Sam 8, 10 und 12 beschrieben werden, lassen sich archäologisch für die Zeit Davids nicht belegen.

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Passt auf David besser der Begriff König oder Provinzfürst?

Wenn man sich unter „König“ Figuren wie Ludwig XIV. oder Friedrich den Großen vorstellt, war David sicher kein König. Das hebräische Wort „mäläk“, das oft mit „König“ übersetzt wird, bedeutet eigentlich Herrscher. David wird auch oft als „nagid“ bezeichnet, ein Wort, das man mit „Fürst“ wiedergeben kann.

Dreisprachiger Wegweiser zur Davidstadt (City of David)
Dreisprachiger Wegweiser zur Davidstadt (City of David) Bild: picture alliance

Wie groß war Jerusalem wohl zu Davids Zeit? Wie war die Gesellschaft organisiert?

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Jerusalem war zur Zeit Davids eine recht unbedeutende Siedlung. Die Bevölkerung des judäischen Berglands zur Zeit Davids wird auf etwa 4000 Menschen geschätzt, Jerusalem hatte zu dieser Zeit nicht mehr als tausend Einwohner. Die Gesellschaft setzte sich hauptsächlich aus Bauern und Hirten zusammen und war als lockere Stammesgemeinschaft organisiert. Diese Bevölkerung wurde von einem Oberhaupt regiert, das mit einem bescheidenen „Hofstaat“ in einer befestigten Residenz wohnte. Eine professionelle Armee gab es noch nicht; bei kriegerischen Auseinandersetzungen wurde eine Miliz aus wehrfähigen Männern aufgestellt.

Welche Schlüsselfunktion sprach David wohl sich selbst zu?

Die biblischen Autoren sind nicht an einem psychologischen Porträt Davids interessiert. So können wir nur spekulieren, wie David sich selbst gesehen hat. Er hat sich wohl als ein durch seinen Gott legitimierten Herrscher über die judäischen Sippen und auch wohl einiger Gebieten weiter im Norden verstanden.

Wer waren seine engsten Vertrauten?

In 2 Sam 21 und 23 finden sich in Anhängen zur Davidserzählung Listen von Davids Gefolgsmännern, von denen einige nicht in den Erzählungen erwähnt werden. Bisweilen wird angenommen, dass diese Anhänge alte sagenhafte Traditionen enthalten. Unter den Helden Davids finden sich zum Beispiel Eleasar und Asa, die mit David gegen die Philister in den Krieg zogen. Für viele der Vertrauten Davids ist es schwierig auszumachen, ob sie zum Umfeld des historischen Davids zu rechnen sind. Die homoerotisch konnotierten Erzählungen von der engen Freundschaft zwischen David und Sauls Sohn Jonatan, die vom Gilgamesch-Epos beeinflusst sind, wurden vermutlich erst im 8. oder 7. Jahrhundert verfasst, um David einen dem legendären König von Uruk vergleichbaren Status zu geben.

Claude Vignon, „David und Nathan“, um 1620
Claude Vignon, „David und Nathan“, um 1620 Bild: picture alliance

Weitere wichtige Personen im Umkreis Davids sind der Prophet Natan, der David eine „ewige Dynastie“ verheißt (2 Sam 7), aber auch seinen Ehebruch mit Batseba kritisiert (2 Sam 12), dann aber mit Batseba intrigiert, um Salomo auf den Thron zu bringen (1 Kön 1). Davids Heerführer ist Joab, der einerseits seinem Herrn treu ergeben ist, andererseits aber, vermeintlich im Staatsinteresse, auch gegen Davids Willen handelt, indem er zum Beispiel Davids aufständischen Sohn Absalom töten lässt (2 Sam 18).

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Abjatar und Zadok erscheinen in der Überlieferung als die Oberpriester Davids. Zwischen dem aus Jerusalem stammenden Zadok und dem Landpriester Abjatar entsteht eine Rivalität, die in der Frage der Thronnachfolge Davids eskaliert. Abjatar widersetzt sich der Erhebung Salomos zum König; aufgrund seiner Treue zu David lässt Salomo ihn aber nicht töten, sondern lediglich verbannen.

Wie kriegerisch war David?

Die Samuelbücher enthalten viele Berichte über David als einen furchtlosen Kämpfer, wobei ein Großteil dieser Berichte späteren Redaktoren zu verdanken ist. Historisch sind sicher militärische Auseinandersetzungen mit Saul und dessen Heer sowie mit den Philistern. Für die Autoren der Chronikbücher, die die Figur Davids neu darstellen, darf David den Jerusalemer Tempel nicht bauen, da er ein Mann vieler Kriege ist (1 Chr 28,3).

Pieter Lastman, „David übergibt Urija einen Brief an Joab“, 1619
Pieter Lastman, „David übergibt Urija einen Brief an Joab“, 1619 Bild: picture alliance

Wodurch zeichnete sich Davids politisches Geschick aus?

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David verstand es, die Gunst der Stunde zu nutzen. Dies zeigt sich zum Beispiel in seiner Beziehung zu den Philistern, denen er sich zunächst als loyaler Vasall präsentiert, um dann jedoch sein eigenes Königtum zu gründen.

Auch die Wahl Jerusalems als Hauptstadt zeugt von politischem Geschick. Die Stadt gehörte nämlich nicht zu einem der Stämme Israels, sondern war sozusagen neutrales Gebiet. Vor der Eroberung durch David wurde sie von einer kanaanäischen Bevölkerung, den so genannten Jebusitern, bewohnt. Da David die Sippen Judas mit denen Benjamins vereinen wollte, brauchte er eine Hauptstadt, die keinen der Stämme privilegierte. So wurde Jerusalem zur „Stadt Davids“. Die kanaanäische Oberschicht verblieb in der Stadt und gewann schnell Einfluss am Hof, wie man es in den Intrigen um die Nachfolge Davids nachlesen kann.

Wie lang soll Davids Dynastie regiert haben?

Dem biblischen Bericht zufolge gehörten – im Gegensatz zum Nordreich (Israel), in dem es häufige Dynastiewechsel gab – alle Könige Judas bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier 587 vor unserer Zeitrechnung der davidischen Dynastie an. Allerdings wurde diese Dynastie zumindest einmal unterbrochen. Nach 2 Kön 11 riss die aus dem Nordreich eingeheiratete Prinzessin Atalja die Macht an sich und regierte sechs oder sieben Jahre, nachdem sie die Königskinder hatte töten lassen. Es gelingt der davidstreuen Fraktion jedoch, den jungen Prinzen Joasch zu verstecken, der dann durch einen Putsch des Priesters Jojada an die Macht gebracht wurde. Ob es sich bei diesem Joasch tatsächlich um einen Davididen handelt, ist historisch nicht verifizierbar.

Julius Schnorr von Carolsfeld, „David läßt Salomo zum König salben“, Holzschnitt von 1860
Julius Schnorr von Carolsfeld, „David läßt Salomo zum König salben“, Holzschnitt von 1860 Bild: picture alliance

Einigen Forschern zufolge wurde die Erzählung vom Ehebruch Davids mit Batseba erfunden, um aufzuzeigen, dass Salomo trotz dubioser Herkunft durchaus ein Sohn Davids war. Falls der historische Salomo ein kanaanäischer Emporkömmling gewesen wäre, hätte es eine davidische Dynastie im biologischen Sinne nie gegeben.

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Welche großen Handelsstraßen gab es in Davids unmittelbarer Nähe?

Im 10. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lagen das dürftig besiedelte Bergland Judas sowie Jerusalem weitab der großen Handelsstraßen. Das zeigt sich auch daran, dass der Pharao Schischak (Scheschonk), der einen Palästinafeldzug unternimmt, sich für Jerusalem und Juda nicht interessiert. Der Bibel zufolge hätte der ägyptische König zwar Jerusalem belagert (2 Kön 14, 25-26), im ägyptischen Bericht wird die Stadt jedoch nicht erwähnt. Wahrscheinlich wusste Schischak, dass es in Jerusalem nicht viel zu holen gab.

Die großen Handelsrouten, wie die Via Maris, die der Küste folgt, und die Königsstraße, die durch das Ostjordanland führt, sind beide von Jerusalem weit entfernt, und nur durch komplizierte Nebenstraßen zu erreichen.

Welches waren die bedeutendsten Wertgegenstände? Welche Importwaren erfreuten sich besonderer Beliebtheit? Was wurde exportiert?

Die phönizischen Städte, im Besonderen Sidon und Tyr, waren im 2. und 1. Jahrtausend vor Christus eine wichtige Handelsmacht im Mittelmeerraum; wichtig war der Handel mit Purpur. Andere Luxusgüter waren Glaswaren, edle Stoffe (zum Beispiel Seide), Gewürze, Weihrauch und Myrrhe. Auch edle Holzarten waren begehrt, so lässt dem biblischen Bericht zufolge Salomo zum Tempelbau Zedernholz aus Phönizien kommen.

Exportgüter gab es im davidischen Königtum im 10. Jahrhundert nicht, allenfalls könnte man „Manpower“ erwähnen, verarmte Bauern oder Hirten, die sich als Söldner verdingten.

Rembrandt, „David, vor Saul die Harfe spielend“, um 1629
Rembrandt, „David, vor Saul die Harfe spielend“, um 1629 Bild: picture alliance

Welche Waffen waren gefragt?

Bis zur Perserzeit wurden Waffen hauptsächlich aus Holz oder Metallen hergestellt. Manche Waffen wie Pfeil und Bogen wurden nicht nur zum Krieg, sondern auch zur Jagd eingesetzt. Für den Nahkampf wurden Stöcke, Stäbe, Kriegshämmer oder Keulen verwendet. Die gängigste Waffe, die im Heer gebraucht wurde, war das Schwert, von welchem verschiedene Formen und Längen belegt sind. Es wurde am Gürtel oder Rücken getragen. Da man zur Zeit Davids noch nicht über das nötige know how zur Herstellung von gehärtetem Metall besaß, darf man davon ausgehen, dass die Scheide recht kurz war, etwa 30 Zentimeter lang.

Speere bestanden aus langen Holzstangen, die mit einer Metallspitze versehen war. Für den Fernkampf wurden auch Schleudern eingesetzt, und als Geschosse Steine oder Tonkugeln verwendet. Der Kriegsbogen kam wahrscheinlich erst unter assyrischem Einfluss in Umlauf.

Wie wurde zu Davids Zeit Recht gesprochen? Wer war rechtlos?

Für die Großfamilie war die rechtsprechende Instanz der Pater familias, der Verfügungsgewalt über seine Familie hatte, und auch über Sklaven, die als rechtlos angesehen, als Besitz des Familienoberhaupts verstanden wurden. Familienübergreifende Rechtsstreite wurden von den Ältesten eines Dorfes oder einer Stadt verhandelt. Falls es sich um eine befestigte Siedlung handelte, erfolgte die Rechtsprechung am Stadttor. Für kleine Fürsten- oder Königtümer wird man sich in Extremfällen auch an den Herrscher gewandt haben. Dies belegen die sagenhafte Erzählung des „salomonischen Urteils“ (1 Kön 3), aber auch Natans Besuch bei David, der ihn nach seinem Ehebruch mit Batseba ein Todesurteil aussprechen lässt, das eigentlich dem König selbst gilt (2 Sam 12).

„Das Urteil Salomonis“, Kupferstich nach Martin Schongauer, um 1488
„Das Urteil Salomonis“, Kupferstich nach Martin Schongauer, um 1488 Bild: picture alliance

Welche Rolle spielten die Richter und die Propheten?

Berufliche Richter gibt es erst seit dem 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Diese Neuerung wurde wahrscheinlich von König Josias eingeführt, um der nach dem Untergang des Nordreiches stark anwachsenden Bevölkerungszahl Judas Rechnung zu tragen.

Die Propheten des 10. und 9. Jahrhunderts kann man mit Schamanen vergleichen. Sie verfallen in Ektase und verkünden danach göttliche Eingebungen. Es gab Prophetengruppen, die offenbar zusammenlebten und sich um diverse Belange einer Gemeinschaft kümmerten. Der Prophet Samuel wird als Königsmacher dargestellt; er salbt zunächst Saul und danach David zum König. Der Prophet Natan wird als „Hausprophet“ Davids dargestellt. Wie auch altorientalische Texte belegen, konnten solche Propheten durchaus auch Entscheidungen oder Handlungen des Königs kritisieren.

Welche Rolle spielte die Bundeslade, die David nach Jerusalem bringen ließ?

Nach der biblischen Ladeerzählung wurde die Bundeslade zunächst im Heiligtum von Schilo aufbewahrt. In einem Krieg gegen die Israeliten erbeuteten die Philister die Lade und deportierten sie nach Aschdod. Da die Lade aber in den Städten der Philister großes Unheil anrichtete, schickten sie diese wieder zu den Israeliten zurück. So kam die Lade zunächst an einen Ort namens Kiriath-Jearim (1 Sam 7,1). Danach wurde die Lade von David nach Jerusalem gebracht (2 Sam 6). Historisch kam die Lade wohl erst viel später nach Jerusalem, möglicherweise erst in der Regierungszeit des Königs Josias. Ausgrabungen in Kiriath Jearim, die von Israel Finkelstein (Tel Aviv), Christophe Nicolle (Paris) und mir in Kiriath Jearim durchgeführt wurden, haben eine massive Stützmauer zutage gefördert, die wohl ein Heiligtum umgab und aus dem 8. Jahrhundert stammt. Zu dieser Zeit wurde die Höhe von Kiriath Jearim als Heiligtum für die Lade genutzt.

Die Lade ist den ägyptischen Prozessionskasten vergleichbar. Diese tragbaren Heiligtümer wurden mit in den Krieg genommen, aber auch zu feierlichen Umzügen aus dem Heiligtum geholt. Die Lade enthielt ursprünglich eine kleine Statue des Gottes Jahwe. Nach dem Aufkommen des Bilderverbotes im 5. Jahrhundert wurde der Inhalt der Lade uminterpretiert: man berichtete nun, die Lade hätte die zwei Tafeln des göttlichen Gesetzes enthalten.

„David wird von seinem Weib verachtet“, Holzschnitt von Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1874)
„David wird von seinem Weib verachtet“, Holzschnitt von Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1874) Bild: picture alliance / akg-images

Wie waren Frauen gestellt?

Die Gesellschaft zur Zeit Davids, wie die des ganzen Vorderen Alten Orients, war patriarchalisch und von einer klaren Gender-Ideologie geprägt. Frauen waren den Männern untergeordnet und verheiratete Frauen wurden als Besitz ihrer Ehemänner angesehen. Natürlich hatten Frauen, die am Hof lebten, mit dem König verheiratet oder dessen Mutter waren, einen recht großen politischen Einfluss. So gelingt es Batseba mit Hilfe des Propheten Natan ihren Sohn Salomo als Davids Nachfolger auf den Thron zu bringen. Auch im Bereich der Kommunikation mit der Welt des Göttlichen spielten Frauen eine vielleicht größere Rolle als es den späteren Redaktoren lieb war. So nennt das Buch Richter eine Prophetin mit Namen Deborah (Ri 5), und von Saul wird berichtet, dass er eine Totenbeschwörerin aufsucht, um mit dem verstorbenen Samuel zu kommunizieren (1 Sam 28)

David begeht Ehebruch mit Batseba. Wie wurde Ehebruch zu seiner Zeit bestraft? Welches war die höchste Strafe?

Ehebruch war im Vorderen Alten Orient ein Eigentumsdelikt, und hatte nicht dieselbe Konnotation wie heute. Wenn ein verheirateter Mann zu einer Prostituierten ging oder Sex mit einer unverheirateten Frau hatte, die er danach heiratete, wurde dies nicht als Ehebruch angesehen. Ein Mann begeht nur dann Ehebruch, wenn er mit der Frau eines anderen Mannes schläft. Die Hauptgefahr eines so verstandenen Ehebruches wurde darin gesehen, dass die Erblinie durch mögliche Kinder eines anderen Mannes gefährdet wurde. Auf Ehebruch steht in der Hebräischen Bibel die Todesstrafe (Dtn 22); allerdings ist fraglich, ob diese durchgängig vollstreckt wurde, da die Beschuldigten durch zwei Zeugen belastet werden müssen. Andere Texte deuten darauf hin, dass auch Ersatzleistungen (Sühnegeld) praktiziert wurden.

Rembrandt, „Batseba im Bad“ mit Davids Brief, 1654
Rembrandt, „Batseba im Bad“ mit Davids Brief, 1654 Bild: picture alliance

Der Ehebruch Davids mit Batseba, die mit einem Offizier Davids, dem Hethiter Urija, verheiratet war, wird in 2 Sam 11 ausführlich beschrieben. Davids Tat erscheint umso hinterhältiger als er Urija einen Brief für den General Joab übergibt, in welchem er diesen auffordert, Urija so einzusetzen, dass er im Kampf getötet werde, was dann auch geschieht, so dass David Batseba ehelichen kann. Da das Motiv des „Todesbriefes“ auch bei Homer und anderweitig belegt ist, muss an der Geschichtlichkeit der Erzählung gezweifelt werden.

WÜRDIGUNG

Welche politischen Leistungen, welche Innovationen sind David zuzuschreiben?

Auch hier muss man zwischen dem historischen David und dem David der biblischen Erzählungen unterscheiden. Dem historischen David ist es gelungen ein kleines Königreich zu gründen, das vielleicht eine Zeitlang mit dem Königtum Sauls in Konflikt war. Dem historischen David ist es gelungen sich aus der Oberherrschaft der philistischen Städte zu befreien. Der biblische David wird als der Gründer eines Großreichs dargestellt, dass „von Dan nach Beerscheba“ reichte. Diese Konzeption stammt aber frühestens aus der Zeit des Nordreichkönigs Jeroboams II, der sein eigenes Königreich vergrößerte und gleichzeitig den Süden kontrollierte.

Was prädestinierte David für eine derart weitgespannte Wirkungsgeschichte – über den breiten Raum, den er in der Bibel einnimmt, seine Bedeutung für die drei monotheistischen Religionen, über die römisch-deutschen Kaiser des Mittelalters bis hin zu Leonard Cohen?

„Saul und David“, aus den Beständen des Mauritshius, Den Haag, um 1655
„Saul und David“, aus den Beständen des Mauritshius, Den Haag, um 1655 Bild: picture alliance

Die Salbung Davids durch den Propheten Samuel wurde zum Vorbild der Königsweihen im Mittelalter. Der durch das Ritual der Salbung legitimierte Herrscher galt als „Christus domini“, als Gesalbter des Herrn, der seine Herrschaft damit von Gott empfangen hatte. Im Islam gehört David (Dawud) zu den wichtigsten biblischen Gestalten. Im Koran ist David nicht nur König, sondern auch Prophet. Der Koran schreibt David die Verfasserschaft des Buches „Zabur“ zu, welches man mit dem Buch der Psalmen identifizieren kann.

Die Figur Davids als Musiker, Sänger und Verfasser der Psalmen hat ebenfalls eine sehr wichtige Rolle in der Wirkungsgeschichte gespielt, es gibt unzählige Darstellungen von David als Musiker.

In Leonard Cohens „Halleluja“ wird David als Identifikationsfigur benutzt, weil er Sänger und Psalmist ist, aber auch weil er unmoralisch handelt und mit Batseba Ehebruch begeht. Dabei wird Batseba auch zu einer femme fatale und mit Delila identifiziert, die Samson zu Fall brachte. David wird bei Cohen in gewisser Weise ein Stellvertreter für Sänger und Komponisten.

Wie kam es zu der in der Bibel gezogenen Linie von David bis Jesus?

„Die Wurzel Jesse“, anonyme Druckgrafik, Ulm, um 1482
„Die Wurzel Jesse“, anonyme Druckgrafik, Ulm, um 1482 Bild: picture alliance / akg-images / André Held

Nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem und dem babylonischen Exil war die davidische Dynastie unterbrochen. Es gab jedoch seit der persischen und hellenistischen Zeit Hoffnungen auf das Kommen eines Messias (Messias bedeutet „der Gesalbte“), eines „Sohnes David“, eines Nachkommen Davids. Nach der kurzen Herrschaft der Hasmonäer, deren Reich von den Römern zerschlagen wurde, bekam die messianische Hoffnung auch eine eschatologische Perspektive. In den Evangelien wird Jesus von Nazareth als Messias und demzufolge als „Sohn Davids“ dargestellt. So erscheint in den Genealogien des Matthäus- und Lukas-Evangeliums Jesus als der Nachfahre Davids. Dass nach diesen Evangelien Jesus in Bethlehem geboren wurde, entspricht nicht der historischen Wirklichkeit, sondern dem Willen, Jesus als den „neuen David“ darzustellen.

Worin ist David den Menschen im 21. Jahrhundert besonders nah?

Wie alle biblischen Figuren wird auch David mit seinen Fehlern und Unvollkommenheiten dargestellt. Er ist einerseits tapfer und großmütig, aber auch hinterhältig und feige. Durch seine innere Zerrissenheit, durch seine Übertretungen, die aber vergeben werden, steht er uns sicher nahe.

David-Skulptur von Michelangelo in der Galleria dell’Accademia in Florenz
David-Skulptur von Michelangelo in der Galleria dell’Accademia in Florenz Bild: picture alliance

Worin ist er den Menschen im 21. Jahrhundert besonders fern?

Die patriarchalische Gesellschaft in der David lebte, die sich durch Polygamie, Unterordnung der Frauen, durch Degradierung von Menschen zu Sklaven, durch Morden zur Durchsetzung von politischen und persönlichen Zielen charakterisierte, steht uns zumindest in den westlichen und demokratischen Gesellschaften fern.

Welche Konflikte aus Davids Zeit zeigen sich bis heute?

Kriege und militärische Konflikte, die in den Davidsgeschichten eine große Rolle spielen, sind leider bis heute immer noch präsent und zeigen, dass die Menschheit seit David nicht allzu viel dazu gelernt hat. Auch die in 1 Kön 1 beschriebenen Hofintrigen gehören bis heute, wenn auch in etwas anderer Form, zur politischen Realität.

Ansicht des Tempels von Jerusalem zur Zeit Jesu (Modell): links die Halle Salomos, in der Mitte der Tempel mit dem Allerheiligsten, rechts die Burg Antonia
Ansicht des Tempels von Jerusalem zur Zeit Jesu (Modell): links die Halle Salomos, in der Mitte der Tempel mit dem Allerheiligsten, rechts die Burg Antonia Bild: picture alliance

Welches sind die wichtigsten aktuellen Kontroversen der Forschung zu David?

Wie bereits erwähnt ist die Forschung uneinig in der Frage, wieweit die biblischen Berichte zur Rekonstruktion des historischen Davids auszuwerten sind. Auch die Frage der Verschriftlichung der ältesten Davidstraditionen wird kontrovers diskutiert. Für einige Forscher gab es eine schriftliche Version der Davidserzählungen bereits im 9. oder frühen 8. Jahrhundert; dagegen steht die Hypothese, dass die erste Fassung des Aufstiegs und der Thronfolge Davids erst in der neuassyrischen Zeit, also im späten 8. oder 7. Jahrhundert komponiert wurden.

Welche Erkenntnisse über David und seine Zeit sind noch zu erwarten?

Neue Erkenntnisse kann die archäologische Forschung liefern, sei es die der Philisterstädte aber auch die Untersuchung von auf dem judäischen Bergland gelegenen Orten. Neue Inschriften wären natürlich eine sehr willkommene Sensation.

Thomas Römer
Thomas Römer Bild: Patrick Imbert

Prof. Dr. Thomas Römer, geboren 1955 in Mannheim, ist Vorstand und Lehrstuhlinhaber am Collège de France (Paris) sowie außerordentlicher Professor der Universität von Pretoria (Südafrika), 2015 wurde ihm von der Universität Tel Aviv die Ehrendoktorwürde verliehen. Seine Forschungsarbeiten befassen sich mit der Entstehung der Thora (des Pentateuchs) sowie mit dem Verhältnis zwischen literarischen und archäologischen Ansätzen zur hebräischen Bibel. Er ist einer der Hauptherausgeber der „Encyclopedia of the Bible and its Reception“ (Berlin). In den Jahren 2017 und 2019 hat er mit Israel Finkelstein Ausgrabungen in Kirjath Jearim (Israel) durchgeführt. Sein 2014 erschienenes Buch „L'invention de Dieu“ (auf Deutsch: „Die Erfindung Gottes“, Darmstadt 2018) wurde in sechs Sprachen übersetzt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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