Foto: Juraj Lipták

Im Reich der Himmelsscheibe

von ULF VON RAUCHHAUPT
Fotos: Juraj Lipták

9. Juli 2021 · Vor 22 Jahren stießen Raubgräber auf ein seltsames Artefakt, das uns half, seine Welt neu zu erschließen. Eine Reise in die frühe Bronzezeit Europas.

Vielleicht war es auch solch ein Sonnwendtag gewesen, mit Cumuluswolken, unter denen der Blick weit nach Nordwesten schweifen kann. Dorthin, wo die Sonne nachher an einem markanten Gipfel untergehen wird. Es ist der Brocken, der höchste Punkt im Harz, 85 Kilometer entfernt. Denn wir stehen auf einem eleganten Aussichtsturm auf dem Mittelberg nahe Nebra in Sachsen-Anhalt und versetzen uns 3600 Jahre zurück in die Zeit. Einen Turm gab es hier damals sehr wahrscheinlich nicht, doch war diese Anhöhe, anders als heute, nicht bewaldet. Das Verschwinden der Sonne hinter dem höchsten Berg der Umgebung am längsten Tag des Jahres wäre daher auch dreißig Meter unter uns zu beobachten gewesen – von der Stelle, an der sie damals, vielleicht am Sonnwendtag, die Himmelsscheibe vergruben.

Auf dem Mittelberg bei Nebra steht heute ein dreißig Meter hoher Aussichtsturm.
Auf dem Mittelberg bei Nebra steht heute ein dreißig Meter hoher Aussichtsturm. Foto: Ulf von Rauchhaupt

Wer waren sie? Das war eine, aber kaum die erste Frage, die sich Harald Meller vor zwanzig Jahren stellte. Dem Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt und Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle war es da gerade gelungen, Hehlern jenen pizzagroßen Bronzediskus mit Goldapplikationen abzunehmen, den zwei Raubgräber am 4. Juli 1999 auf dem Mittelberg ausgebuddelt hatten. Nein, die erste Frage war: Was, bitte schön, ist das? Nie zuvor war irgendwo etwas Vergleichbares gefunden worden. Heute ist sich die Forschung so sicher, wie sich Forschung sein kann: Es ist die früheste bekannte Darstellung des bestirnten Himmels über uns.

Wer ihre Schöpfer waren, stand rasch fest. Das Design der zwei bronzenen Schwerter, die sich nebst zwei Beilen, einem Meißel und Bruchstücken spiralförmigen Armschmucks bei der Scheibe fanden, datiert in die Zeit um 1600 v. Chr. – passend zu Radiokarbondatierungen an organischen Resten in einem der Schwertgriffe. In jener Zeit siedelten östlich des Harzes Menschen der Aunjetitzer Kultur – benannt nach einem Fundort nahe dem Dörfchen Únětice bei Prag. Den Spezialisten für die mitteleuropäische Frühbronzezeit sind die Aunjetitzer schon lange gut bekannt, insbesondere ihre Angewohnheit, Metall zu vergraben. Etliche Horte von Bronzewaffen wurden gefunden, eines der umfangreichsten nahe Dieskau im Saalekreis, wo 1937 unter anderem 293 Kupferbeile zum Vorschein kamen.

Aber erst der Hort von Nebra hat den Aunjetitzern breitere Aufmerksamkeit verschafft und ließ sie bald auch bei den Fachleuten in neuem Licht erscheinen: Das Kupfer für die Bronze der Himmelsscheibe, so zeigte sich, stammt aus den Alpen, das Zinn und das Gold kamen aus Cornwall im Südwesten Englands, die Spur ihres astronomischen Bildprogramms führt nach Babylon, die des Schiffes, das einer der drei goldenen Bögen vermutlich darstellt, nach Ägypten. Auch sonst rückten die Aunjetitzer in einen weiteren Kontext. Parallelen zur El-Argar-Kultur wurden deutlich, einem rätselhaften Staatswesen im Südwesten Spaniens, ebenso Bezüge zu den Betreibern der berühmtesten aller prähistorischen Stätten: Stonehenge.

Die Früchte aus zwanzig Jahren dieser Forschung sind jetzt in einer umfassenden Ausstellung im Landesmuseum in Halle zu bestaunen. Die Himmelsscheibe ist sicherlich die Hauptattraktion. Neu präsentiert zieht sie sofort unseren Blick auf sich, kaum dass wir aus dem gleißenden Licht des Mittsommertages in das Museum getreten sind. Direkt unter ihr hängen jene beiden Schwerter, denen der Titel der bezauberndsten Stücke der europäischen Bronzezeit sicher wäre, gäbe es die Scheibe nicht. Aber auch an ihnen wird das Thema der Ausstellung manifest: Die Schwerter haben kupferne Einlagen, sogenannte Tauschierungen. Diese Technik blühte damals in Ägypten und im mykenischen Griechenland. Doch das ist nur der Anfang. Man begegnet weit gereisten Werkstoffen wie kornischem Gold, baltischem Bernstein und ägyptischem Glas, Fertigwaren wie einer kretische Tasse aus Dohnsen in der Lüneburger Heide sowie Zeugnissen wandernder Ideen: Prächtige Ornate aus Goldblech wie das Cape aus Mold in Nordwales, mit dem einst eine hohe Frau bestattet wurde, erinnern an glänzenden Zierrat aus Gräbern in Mykene. Die goldenen Schiffchen von Nors in Dänemark schließlich zeugen aus der Zeit nach dem Untergang der Aunjetitzer von der Reise des ägyptischen Barkenmotivs bis nach Skandinavien. Bei den Schriftkulturen des vorderen Orients war da schon die Spätbronzezeit angebrochen, deren eng verflochtene Handelsströme schon etliche Historiker zu Vergleichen mit heutigen Globalisierungsphänomenen eingeladen haben.


Ein Lied von Gold und Bronze

Zeitliche Einordnung einiger wichtiger Funde aus der Zeit der Himmelsscheibe von Nebra (rot), die im Original in der aktuellen Ausstellung in Halle zu sehen sind – zusammen mit vielen anderen. Gelb die Datierungen der unten abgebildeten Stücke (Felder 1-10 und 12-16), orange die der verschiedenen Nutzungsphasen der Himmelsscheibe (Feld 11).

Bei Klick auf die Pfeile erhalten Sie Informationen zu den einzelnen Fundsstücken:

Der goldene Halsschmuck aus der Harlyn Bay in Cornwall stellt vielleicht ein Sonnenschiff dar.
Der goldene Halsschmuck aus der Harlyn Bay in Cornwall stellt vielleicht ein Sonnenschiff dar.
Der große Hort von Dieskau im Saalekreis umfasste 45 Kilogramm Waffen aus Kupfer und Bronze.
Der große Hort von Dieskau im Saalekreis umfasste 45 Kilogramm Waffen aus Kupfer und Bronze.
Die Stabdolche aus Melz in Mecklenburg wurden dorthin wohl im Tausch gegen Bernstein exportiert.
Die Stabdolche aus Melz in Mecklenburg wurden dorthin wohl im Tausch gegen Bernstein exportiert.
Mit dem aus Goldblech gefertigten Cape aus Mold in Wales wurde einst eine hohe Frau bestattet.
Mit dem aus Goldblech gefertigten Cape aus Mold in Wales wurde einst eine hohe Frau bestattet.
Die Goldobjekte im Fürstengrab von Helmsdorf im Mansfelder Land waren so etwas wie Rangabzeichen.
Die Goldobjekte im Fürstengrab von Helmsdorf im Mansfelder Land waren so etwas wie Rangabzeichen.
Ohne Waffen ließ sich auch anderswo kein hoher Herr bestatten. Diese fand man in der Bretagne.
Ohne Waffen ließ sich auch anderswo kein hoher Herr bestatten. Diese fand man in der Bretagne.
Die Goldtasse aus Fritzdorf im Rheinland ähnelt auffallend einer aus einem Grabhügel in Cornwall.
Die Goldtasse aus Fritzdorf im Rheinland ähnelt auffallend einer aus einem Grabhügel in Cornwall.
Dieses Gold aus Dieskau im Saalekreis gehörte vermutlich einem der mächtigsten Aunjetitzer Fürsten.
Dieses Gold aus Dieskau im Saalekreis gehörte vermutlich einem der mächtigsten Aunjetitzer Fürsten.
Ein „Brotlaibidol“ aus Kelheim in Bayern. Es diente vielleicht der Kommunikation über Handelsware.
Ein „Brotlaibidol“ aus Kelheim in Bayern. Es diente vielleicht der Kommunikation über Handelsware.
Schädel einer Frau aus der El-Argar-Kultur. Ihr silbernes Diadem könnte sie als Fürstin ausweisen.
Schädel einer Frau aus der El-Argar-Kultur. Ihr silbernes Diadem könnte sie als Fürstin ausweisen.
Die Himmelscheibe von Nebra bekam zweimal zusätzliche Goldbögen, dann wurde ihr Rand gelocht.
Die Himmelscheibe von Nebra bekam zweimal zusätzliche Goldbögen, dann wurde ihr Rand gelocht.
Diese bronzene Tasse wurde in Dohnsen in Niedersachsen gefunden, aber auf Kreta hergestellt.
Diese bronzene Tasse wurde in Dohnsen in Niedersachsen gefunden, aber auf Kreta hergestellt.
Im dänischen Nors kamen mehr als hundert solcher Schiffchen aus Goldblech zum Vorschein.
Im dänischen Nors kamen mehr als hundert solcher Schiffchen aus Goldblech zum Vorschein.
Die Kupferbarren aus Obering in Bayern fand man sorgfältig zu Zehnerpacks gebündelt.
Die Kupferbarren aus Obering in Bayern fand man sorgfältig zu Zehnerpacks gebündelt.
Das Grabinventar aus Drouwen in den Niederlanden enthielt ein Schwert ähnlichen Typs der Schwerter aus Nebra.
Das Grabinventar aus Drouwen in den Niederlanden enthielt ein Schwert ähnlichen Typs der Schwerter aus Nebra.
Der Hortfund vom Mittelberg bei Nebra im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt.
Der Hortfund vom Mittelberg bei Nebra im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt.
Fotos: Bronzetasse von Dohnsen: Landesmuseum Hannover/Artothek; Lannion “La Motta”: bpk; El-Argar-Schädel: Royal Museums of Art and History Brussels; Cape of Mold, Goldschiffchen Nors: National Museum of Denmark, LDA Sachsen-Anhalt/J. Lipták; Harlyn Bay Lunula: The Royal Institution of Cornwall, Royal Cornwall Museum; Barrenhort Oberding: BLfD /J. Stolz; Becher Fritzdorf: J. Vogel, LVR Landesmuseum Bonn; Melz: LAKD – M-V, Landesarchäologie /S. Suhr; Kelheim: Kreisarchäologie Kelheim; Drouwen: Drents Museum Assen/J. Beuker; alle übrigen: LDA Sachsen-Anhalt/J. Lipták. Grafik: F.A.S., C. Zander

Die neuen Erkenntnisse über die Welt der Himmelsscheibe zeigen nun auch Mitteleuropa als Teil eines bereits im frühen zweiten Jahrtausend v. Chr. kontinental vernetzten Wirtschaftsraumes. Eine Schrift, wie sie Sumerer oder Ägypter mehr als tausend Jahre früher entwickelt hatten, nutzte man im Westen damals zwar nicht. Aber es gibt Hinweise auf Vorformen der Buchhaltung, wie die gebündelten Kupferbarren zeigen, die man im bayrischen Oberding fand. Ihnen lag bereits ein Dezimalsystem und wohl auch ein System fester Gewichtseinheiten zugrunde. Und merkwürdige Tonobjekte, sogenannte Brotlaibidole – etwa das aus Kelheim in Bayern –, könnten gar von der Existenz vorschriftlicher Methoden zur Übermittlung quantitativer Sachverhalte zeugen.

Hölzernes Stonehenge: Das Ringheiligtum von Pömmelte nahe Magdeburg ist genauso groß wie das berühmte Steinmonument in England.
Hölzernes Stonehenge: Das Ringheiligtum von Pömmelte nahe Magdeburg ist genauso groß wie das berühmte Steinmonument in England. Foto: Ulf von Rauchhaupt

Mittendrin in dieser frühbronzezeitlichen Weltwirtschaft saßen die Aunjetitzer. Wo kamen sie her? Wer darüber etwas erfahren will, fährt am besten nach Pömmelte südöstlich von Magdeburg zum dortigen „Ringheiligtum“. Das sieht nicht nur aus wie ein Stonehenge aus Holz, die Anlage ist auch genauso groß, ähnlich alt und wurde von Angehörigen der gleichen Kultur erbaut, die auch das englische Pendant nutzten: der Glockenbecherkultur. Die haben natürlich nicht die Holzstrukturen errichtet, die der Besucher heute sieht – das sind Rekonstruktionen. Auch waren die Glockenbecherleute nicht die ersten hier. Wer von der Aussichtsplattform über das Gelände schaut, erkennt vor den Glockenbecher-Kreisen die Kennzeichnung einer kleineren, eher quadratischen Struktur. Sie stammt von Schnurkeramikern, einer etwas früher fassbaren Kultur an der Schwelle von der Stein- zur Metallzeit. Schnurkeramiker und Glockenbecherleute kamen genetischen Daten zufolge beide aus dem Osten, genauer gesagt dem Raum nördlich des Schwarzen Meeres. Auf der fruchtbaren mitteldeutschen Schwarzerde siedelten sie über drei Jahrhunderte nebeneinander, ohne sich groß zu vermischen. Dann aber, um 2200 v. Chr. herum, verschmolzen sie dort auf einmal zu einer Einheit: der Aunjetitzer Kultur.

Mitteleuropa an der Schwelle zur Metallzeit ca. 2800 bis 2200 v. Chr.
Mitteleuropa an der Schwelle zur Metallzeit ca. 2800 bis 2200 v. Chr.
Mitteleuropa an der Schwelle zur Metallzeit ca. 2800 bis 2200 v. Chr.
Frühe Fürstentümer des Westens ca. 2200 bis 1550 v. Chr.
Frühe Fürstentümer des Westens ca. 2200 bis 1550 v. Chr.
Frühe Fürstentümer des Westens ca. 2200 bis 1550 v. Chr.
Im dritten Jahrtausend v. Chr. breitete sich erst die Schnurkeramik- und dann die Glockenbecherkultur aus (links). Die Träger beider Kulturen waren aus dem Osten eingewandert. Ihre Nachfahren (rechts) etablierten in Spanien, England und Mitteldeutschland schriftlose Gemeinwesen mit staatsähnlichen Strukturen. Quellen: Klaus Pockrandt, Halle (Saale), nach Vorlagen LDA Sachsen-Anhalt und S. von Schnurbein (Hrsg.) „Atlas der Vorgeschichte“ (Darmstadt 2009) sowie H. Meller/K. Michel „Die Himmelsscheibe von Nebra“ (Berlin 2018)

Pömmelte wurde ihre größte bekannte Siedlung, die Machtzentren ihrer Blütezeit aber bildeten sich weiter südlich. Eines ist heute noch von Weitem sichtbar: Dazu fährt man auf der A 71 nördlich von Erfurt die Rastanlange „Leubinger Fürstenhügel“ an, von dort führt ein kurzer Fußweg zu dem namensgebenden Hügel. Einst über acht Meter hoch, barg er das Grab eines sehr hochgestellten Aunjetitzers. Neben zeittypischen Bronzewaffen als Grabbeigaben fanden die Archäologen dort auch Gold. Bei den Aunjetitzern scheint die Goldausstattung ihrer wichtigen Toten geradezu normiert gewesen zu sein, wie das mehr als hundert Jahre jüngere Fürstengrab von Helmsdorf zeigt, dessen Grabherr den gleichen Satz an Goldgegenständen mit ins Jenseits bekommen hatte.

Den Grabhügel des Fürsten von Leubingen kann man von einer Raststätte an der Autobahn A71 aus besuchen.
Den Grabhügel des Fürsten von Leubingen kann man von einer Raststätte an der Autobahn A71 aus besuchen. Foto: Ulf von Rauchhaupt

Doch Herren wie die von Leubingen und Helmsdorf bildeten offenbar noch nicht die Spitze der Aunjetitzer. Die ist eher bei Dieskau zu verorten. Dort gab es nicht nur jene überreichen Bronzehorte, sondern auch einen im 19. Jahrhundert abgetragenen Grabhügel, den Bornhöck. Um 1800 v. Chr. wurde er 13 Meter hoch aufgeworfen und mit Kalk bedeckt, was ihn von Weitem weiß leuchten ließ. Zudem vermuten die Archäologen, dass dreizehn Goldobjekte, die 1874 in Dieskau auftauchten, aus dem damals schon halb weggeschaufelten Bornhöck stammen. Der hier bestattete Fürst dürfte mächtiger gewesen sein als die beiden anderen erwähnten Herren – und er gebot über Militär.

Dass die Aunjetitzer Herrscher über eine Armee verfügten, dafür gibt es mehrere Indizien. Auf eines stieß Harald Meller, als er die großen Bronzehorte auswertete. Neben vielen Beilen umfassen die auch einige wenige Stabdolche – eine Art kurzer Hellebarden – sowie Dolche und schmale Doppeläxte, die zudem systematisch aus farblich verschiedenen Bronzelegierungen zu bestehen scheinen. Aufgrund der Zahlenverhältnisse schlägt Meller vor, die verschiedenen Waffen könnten zu verschiedenen Rängen einer Kommandostruktur gehört haben. Solch ein Hort war also vielleicht das Arsenal einer militärischen Einheit, das, etwa anlässlich eines Herrscherwechsels, rituell der Erde übergeben wurde, wenn sich der neue Oberkommandierende durch Ausgabe neuer Metallwaffen der Loyalität seiner Soldaten versicherte.

Und offenbar hat er sie auch verköstigt. Bei der Ausgrabung der Reste des Bornhöck zwischen 2014 und 2017 kamen riesige Mahlsteine ans Licht, die Roberto Risch von der Universitat Autònoma de Barcelona und Mitautoren in einer gerade erschienenen Arbeit analysiert haben. Diese Mahlwerke sind viel zu groß für den Hausgebrauch. Vermutlich wurden sie in fürstlichen Produktionsstätten eingesetzt – möglicherweise bedient von Sklaven oder Gefangenen. Spätestens in der Zeit des Dieskauer Oberfürsten scheint die Aunjetitzer Kultur also zu einem echten Staat geworden zu sein: einem Gemeinwesen, in dem eine zentrale Autorität sich auf straff organisierte Sicherheitskräfte mit Gewaltmonopol stützen konnte, zumindest einen Teil der landwirtschaftlichen Produktion kontrollierte und ein nicht unbedeutender Bevölkerungsanteil davon abhängig war.

Zu dieser Zeit nun, im frühen 17. Jahrhundert v. Chr., dürfte auch die Himmelsscheibe von Nebra geschmiedet worden sein. Nach allem, was die damit befassten Forscher heute begründet vermuten können, geschah dies zunächst, um eine Regel für das Einfügen eines Schaltmonats zur Synchronisation von Mond- und Sonnenjahr festzuhalten. Harald Meller und seine Kollegen sehen darin ein Mittel des Fürsten oder der Aunjetitzer Elite, ihre Macht durch exklusives kosmisches Wissen zu legitimieren. Und doch scheint sich dieses Wissen – oder seine Relevanz – bald wieder gewandelt zu haben. Dreimal in zwei Jahrhunderten wurde die Scheibe umgearbeitet und bekam offenbar jedes Mal neue Bedeutungen, die sich immer weiter vom nüchtern Kalendarischen entfernten, in Richtung auf Mythisches, Symbolisches, vielleicht Magisches – bis man ihr zum Schluss einen der goldenen Bögen wieder abriss, vielleicht um sie magisch unbrauchbar zu machen, bevor man sie um 1600 v. Chr. auf dem Mittelberg vergrub.

Warum man das tat, darüber können auch Prähistoriker nur spekulieren, aber sie können es begründet tun. Zwischen 1600 und 1550 v. Chr. fand die Macht der Aunjetitzer Fürsten ein jähes Ende – aber nicht nur ihre. In Spanien versank die El-Argar-Kultur in sozialen Unruhen und in England endete die Wessex-Kultur. Stonehenge wurde aufgegeben. Etwas muss damals passiert sein. Eine Möglichkeit wäre der Vulkanausbruch, der etwa um diese Zeit die Ägäisinsel Thera, das heutige Santorin, in Stücke riss. Asche und Aerosole solcher Ausbrüche können noch am anderen Ende der Erde für Missernten sorgen und Morgen- wie Abendhimmel in die unheimlichsten Farben tauchen.

Der Fundort der Himmelsscheibe ist heute mit einer spiegelnden Kappe aus dem Lieblingsmetall unserer Zeit markiert: Edelstahl.
Der Fundort der Himmelsscheibe ist heute mit einer spiegelnden Kappe aus dem Lieblingsmetall unserer Zeit markiert: Edelstahl. Foto: Ulf von Rauchhaupt

Vom Aussichtsturm auf dem Mittelberg schauen wir hinab auf die Edelstahlkappe, die den Fundort der Himmelsscheibe von Nebra markiert. Der heitere Mittsommerhimmel spiegelt sich darin. Doch wir stellen uns vor, wie es damals gewesen sein könnte: Im Westen steht der Horizont in Flammen, färbt die Cumuluswolken blutig, und der letzte Fürst der Aunjetitzer hält vor der ausgehobenen Grube die Scheibe ein letztes Mal in den Sonnenuntergang. Das Opfer wurde nicht angenommen.

Die Ausstellung „Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte“ ist bis zum 9. 1. 2022 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Ein brillanter Begleitband, herausgegeben von Harald Meller und Michael Schefzik, ist bei wbg Theiss erschienen. Empfehlenswert auch: Harald Meller und Kai Michel, „Der Griff nach den Sternen. Nebra, Stonehenge, Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe“, Berlin 2021

Kunst oder Wissenschaft Träumen Blüten, bevor Sie im Lenz erwachen?
Staatsbibliothek zu Berlin Sehnsuchtsort Lesesaal