FAZ plus ArtikelMobbing-Vorwürfe?

Institut im Nebel

Von Sonja Kastilan
15.11.2021
, 19:30
Nicole Boivin
Am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena wird die Direktorin abberufen – und ein ganz anderes Forschungskapitel aufgeschlagen.
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Als der Naturwissenschaftler Ernst Haeckel sein Zoologisches Institut an der Universität Jena aufbaute, waren Frauen dort noch nicht zum Studium zugelassen. Und als er 1918 seine Villa Medusa verkaufte, mit der Auflage, darin ein Archiv, Museum sowie Forschungsinstitut anzusiedeln, waren die ersten zwar promoviert, doch sollte es weitere fünf Jahre dauern, bis eine Frau auf eine Professur in Jena berufen wurde. Für Pädagogik. Das ist heute eine Geschichte, die gefeiert wird. Im Gegensatz zu jener der Direktorin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, die ihren Posten erst kürzlich verlor: Der aus Kanada stammenden Archäologin Nicole Boivin wurde am 23. Oktober die Leitungsfunktion entzogen, was Reporter im Wissenschaftsmagazin „Science“ öffentlich machten.

Eine Schattenseite des Harnack-Prinzips

Ein solcher Fall passiert nicht zum ersten Mal an einem Max-Planck-Institut, MPI, aber jetzt ist das sowieso von Treibsand durchsetzte Feld der Archäologie betroffen – und in Aufruhr, denn Gerüchte über Zerwürfnisse des herrschenden Dreigestirns kursierten seit Längerem. Dabei wurde dieses Jenaer MPI erst 2014 gegründet, wie gehabt nach dem „Harnack-Prinzip“: Man fördert personenorientiert, vertrauensbasiert und konzentriert sich so auf herausragende Wissenschaftler und deren wissenschaftliche Ideen. Das kann auch schiefgehen. Die beiden Männer im Direktorium siedelten mittlerweile nach Leipzig über, ans MPI für evolutionäre Anthropologie. Zurück blieb Boivin mit in ihrer Sparte, und auf der Website des Instituts heißt es noch diese Woche: Seit Juli 2016 leite sie als Direktorin am MPI für Menschheitsgeschichte die Abteilung Archäologie und wirke seit Juni 2020 federführend an der Neuausrichtung mit. Das dürfte nun fraglich sein, denn sie bleibt zwar: „Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und hat daher einen Anspruch“, teilt eine Sprecherin mit, dass ihr die MPG weiterhin selbständige wissenschaftliche Arbeitsmöglichkeiten gewähre. Ob sie das akzeptiert, muss sich zeigen: Findet sie sich mit der Rolle ohne große Verantwortung ab? Passt sie ins neue Institutsprofil?

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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