Klassische Archäologie

Neros Rom

Von Ulf von Rauchhaupt
13.05.2016
, 14:16
Der berüchtigte Kaiser hatte auch einen Baufimmel und soll dafür selbst seine Hauptstadt in Brand gesteckt haben. Was wissen wir wirklich darüber?

Quid Nerone peius - was ist schlimmer als Nero?“ So fragt der Dichter Martial kaum mehr als ein Jahrzehnt nach dem Tod des Kaisers, um gleich weiterzufragen: „Quid thermis melius Neronianis - was ist schöner als Neros Thermen?“ Die Zeile zeigt zweierlei. Erstens war der miserable Ruf dieses Herrschers bereits bei seinen Zeitgenossen verbreitet und keinesfalls eine Erfindung späterer christlicher Autoren oder Hollywoods. Und zweitens: Das Bild vom Monster auf dem Kaiserthron ist nur die halbe Wahrheit.

Über den politischen Herrscher Nero hat die moderne Altertumsforschung heute ein differenziertes Bild. Inzwischen ist aber außerdem mehr bekannt über seine Rolle als Bauherr und prägender Faktor der Stadtentwicklung im weltweit größten urbanen Ballungsgebiet vor dem Anbruch der industriellen Revolution. Über beide Aspekte kann man sich vom Samstag den 14. Mai 2016 an in Trier in einer auf drei Museen verteilten Ausstellung informieren. Präsentiert werden dort auch die aktuellen archäologischen Erkenntnisse über den großen Brand, der in der Nacht zum 19. Juli des Jahres 64 n. Chr. ausbrach. Das Feuer verwüstete zehn der vierzehn Stadtbezirke Roms, zerstörte drei davon völlig und veränderte schon allein dadurch das Stadtbild entscheidend.

Das Inferno wütete in Neros zehntem Regierungsjahr. Im Oktober 54 hatte er als 16-Jähriger die Nachfolge des Kaisers Claudius angetreten, wozu ihm seine Mutter Agrippina die Jüngere verholfen hatte. Die gebürtige Kölnerin hatte dazu fünf Jahre zuvor ihren Onkel Claudius geehelicht, für die Adoption ihres Sohnes durch den Herrscher gesorgt, wenig später dessen leiblichen Sohn Britannicus ausmanövriert und schließlich nach der einhelligen Meinung dreier antiker, keineswegs unvoreingenommener Geschichtsschreiber ihren kaiserlichen Gatten vergiftet. Nun war die Bahn frei für Nero, der nach der Familie seines verstorbenen leiblichen Vaters ursprünglich Lucius Domitius Ahenobarbus („Kupferbart“) hieß und von dem Sueton berichtet, er sei tatsächlich „subflavo capillo“, also hellblond, gewesen.

Bereits in den zehn Jahren vor dem großen Brand hatte der Kaiser mindestens so viel dazu beigetragen, Rom von einer Stadt aus Ziegeln in eine aus Marmor zu verwandeln, wie Augustus, der sich mit einem solchen Spruch einst seiner Bautätigkeit gerühmt hatte. Das Problem für die Forschung ist nur, dass fast die gesamte neronische Architektur Roms in späteren Jahrhunderten abgerissen, überbaut und umgestaltet wurde.

Trier
Große Ausstellung über römischen Kaiser Nero
© dpa, reuters

Thermen, Tempel, Shopping Center

Etwa die vom Dichter Martial gerühmten Thermen auf dem Marsfeld. Sie wurden 62 n. Chr. eröffnet und im dritten Jahrhundert von Kaiser Severus Alexander renoviert. Falls dabei der Grundriss nicht wesentlich verändert wurde, dann - so zeigte in den 1980er Jahren die Auswertung der spärlichen Reste unter dem Palazzo Madama östlich der Piazza Navona - waren es Nero und seine Architekten, die den für die römische Zivilisation so wichtigen öffentlichen Badeanstalten ein völlig neues Gepräge gaben. Zwar waren die Römer schon längst Besseres gewohnt als die einfachen Wannen der hellenistischen Griechen. Doch „das Neue an den Thermen Neros war die Abfolge hoher, lichtdurchfluteter Säle, an die Becken angeschlossen waren. Hinzu kamen diverse Höfe“, schreibt Henner von Hesberg, der frühere Direktor der römischen Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, in seinem Beitrag zum Trierer Ausstellungsband. Die Idee der Kaiserthermen war geboren, welche Neros Nachfolger, vor allem Trajan, Caracalla oder Diocletian, in immer gigantischeren Anlagen umsetzten.

Ebenfalls vor dem großen Brand datieren das Macellum Magnum, eine Art Shopping Mall für Lebensmittel und Luxusgüter, sowie der Tempel, den Nero seinem vergöttlichten Stiefvater Claudius auf dem Caelius östlich des Palatins erbauen ließ. Leider ist auch von diesem kaum etwas übrig. Von einem fragmentarisch erhaltenen Stadtplan aus severischer Zeit, der „Forma Urbis“, weiß man aber, dass dieser Tempel mitsamt einer ihn umgebenden Parkanlage auf einem imposanten Unterbau stand. Umstritten ist, ob Nero das Gebäude fertigstellen ließ oder ob er, wie Sueton schreibt, das Projekt abbrach, nachdem er seine Mutter Agrippina im Jahre 59 hatte ermorden lassen.

Vom Kaiserbungalow zum Palast

Fest steht, dass, was immer anno 64 vom Claudius-Tempel noch oder schon stand, beim Stadtbrand schwer beschädigt wurde. Der wütete auch auf dem Palatin, Wohnstätte aller Kaiser seit Augustus. Hatte dieser dort noch in einem vergleichsweise bescheidenen Heim residiert, einer Art Kaiserbungalow, ließ sein Nachfolger Tiberius die sehr viel luxuriösere Domus Tiberiana errichten, die auch Caligula und Claudius nutzten, von denen aber nur Ersterer Erweiterungen vornahm. Claudius interessierte sich wenig für Palastarchitektur.

Nero war da völlig anders. Im Jahr nach seiner Thronbesteigung begannen die Bauarbeiten zu einer neuen Residenz, der Domus Transitoria (Haus des Übergangs). Der Name bedeutet nicht, dass die Anlage als eine Übergangslösung konzipiert worden war, sondern dass sie den Palatin über eine Senke hinweg mit Gärten auf dem Esquilin verbinden sollte. Die Domus Transistoria, auch wenn sich von diesem Bau nur wenige Reste erhalten haben und man seine genaue Ausdehnung nicht kennt, war ein visionärer und damit Nero-typischer Bau. So war er der erste, in dem verschiedenfarbiger Marmor aus allen Teilen des Reiches verbaut wurde. Und er ist ein Argument gegen die Theorie, Nero selbst habe den Brand legen lassen.

Sang er? Oder sang er nicht?

Denn anders als im Film „Quo Vadis?“ 1951 dargestellt, in welchem ein hinreißender Peter Ustinov dem globalen Massenpublikum ein traditionsreiches Nero-Bild einimpfte, blieb Neros erster Palast keineswegs von dem Feuer verschont. Wenn er tatsächlich beim Anblick der brennenden Stadt zur Kithara gegriffen und den Untergang Trojas besungen hat, was Tacitus um das Jahr 110 n. Chr. noch als Gerücht und Sueton ein paar Jahre später bereits als Fakt überliefert, dann war das entweder im fünfzig Kilometer entfernten Antium gewesen, wo Nero sich beim Ausbruch des Feuers aufgehalten hatte, oder vielleicht tatsächlich auf einem Turm im Garten des Maecenas hoch auf dem Esquilin, wo Sueton die Szene verortet.

Der Stuttgarter Althistoriker Holger Sonnabend hält es in seiner soeben erschienenen, sehr lesbaren Nero-Biographie für eher unwahrscheinlich, dass Nero den Brand legen ließ. Erstens hätte er sich damit das Wohlwollen der Plebs, der einfachen Bürgerschaft, verscherzt, an dem ihm nachweislich viel lag. Deren Angehörige besaßen, anders als die des Nero-feindlichen senatorischen Adels, keine Ferienhäuser auf dem Land und wurden daher im Juli 64 zu Hunderttausenden obdachlos.

Das Desaster begann am Circus Maximus

Tatsächlich war diese Gefahr bereits durch das Gerücht einer kaiserlichen Brandstiftung gegeben, weswegen Nero sich umgehend die Christen als Sündenböcke aussuchte und einige hundert von ihnen in einer (allerdings nur auf Rom begrenzten) Aktion so grausam umbringen ließ, dass selbst der alles andere als christenfreundliche Tacitus nachdenklich wurde: „Auch wenn es hier gegen Kriminelle ging und welche, die ein extremes Exempel verdienen, meldete sich das Mitleid, wurden sie doch nicht wegen eines Nutzens für die Allgemeinheit vernichtet, sondern aus Grausamkeit eines einzelnen Mannes.“

Tacitus ist es auch, der den anderen Grund nennt, warum die Theorie vom zündelnden Nero wenig zwingend ist: Es brannte oft im alten Rom, und in jener Hochsommernacht waren die Bedingungen für eine katastrophale Ausbreitung offenbar besonders günstig. „Es begann in jenem Teil des Circus Maximus, der an die Hügel Palatin und Caelius grenzt“, schreibt Tacitus. „Dort gibt es Geschäfte mit brennbaren Handelswaren, wo das Feuer, kaum dass es ausgebrochen war, verstärkt wurde und vom Wind angefacht schnell den Circus auf seiner ganzen Länge erfasste.“ Fehlende Brandmauern, was Tacitus im weiteren Verlauf seines Berichtes beklagt, sowie die engen, dicht bebauten Gassen taten ein Übriges.

Sechs Tage lang brannten die südöstlichen Bezirke. Das Feuer vernichtete insbesondere die Quartiere der einfacheren Bevölkerung in den Senken zwischen den sieben Hügeln, fraß sich dann aber zu den höher gelegenen Villen der Wohlhabenden und auch den Palatin hinauf. Und als man die Flammen schon unter Kontrolle glaubte, wüteten sie noch drei weitere Tage im Norden der Stadt.

Davon gibt es archäologische Spuren: Neben drei Altären aus der Zeit Kaiser Domitians, die an das „incendium neronianum“ erinnerten, sind in den vergangenen Jahren bei Grabungen am Kolosseum und am Nordhang des Palatins konkrete Brandspuren zum Vorschein gekommen, etwa in der Umgebung der Meta sudans („schwitzende Wendemarke“). Dies war ein von Augustus erbauter und nach dem Feuer restaurierter Brunnen mit kegelförmigem Aufbau, dessen Stumpf bis in die 1920er Jahre erhalten blieb, als Mussolini das Areal durch den Bau seiner Via dei Fori Imperiali verheerte. Unweit der Reste der Meta sudans fanden sich Teile eines regelrechten Brandhorizontes mit verkohlten Treppenstufen aus Travertin und Resten eines angeschmolzenen Eisengitters, das während des Feuers auf die Straße gefallen und später von Schutt bedeckt worden war.

Der Kaiser als Krisenmanager

Nero mag auf das Inferno zunächst mit Kitharaspiel reagiert haben oder nicht. Wenn man aber Tacitus Glauben schenkt, der sonst keine Gelegenheit auslässt, diesen Kaiser zu kritisieren, dann verhielt sich der 26 Jahre alte Herrscher gleich danach völlig anders, als es das Klischee vom irren Cäsaren im Allgemeinen und Peter Ustinov im Besonderen glauben machen: Er mutierte zu einem Krisenmanager von Helmut-Schmidt-Format.

So wurden umgehend die umherirrenden Obdachlosen auf dem Marsfeld und in den kaiserlichen Gärten untergebracht und Maßnahmen zu ihrer Nahrungsmittelversorgung getroffen. Und als die Flammen nach neun Tagen endlich alle gelöscht waren, wurden nicht nur Aufräumarbeiten organisiert und finanziert sowie wichtige Gebäude wieder aufgebaut, vor allem der für den römischen Staatskult zentrale Vesta-Tempel und das Haus seiner Priesterinnen. Nero reformierte sogleich das Brandschutzwesen, verschärfte die Baugesetze und gewährte Zuschüsse zu deren Umsetzung. Clementina Panella von der Università di Roma nennt dies „die ältesten Vorschriften, die als ,Flächennutzungsplan‘ bezeichnet werden können“.

Neros neuer Protz-Palazzo

Das alles jedoch nur außerhalb eines riesigen Areals zwischen Forum und Circus Maximus auf der einen und den Hügeln Esquilin und Caelius auf der anderen Seite. Dieses requirierte der Kaiser, und nach Beseitigung der verbrannten Trümmer ließ er - aus wiederverwendeten Ziegeln, wie man seit kurzem weiß - darauf die gewaltigste Palastanlage erbauen, die das Abendland bis dahin gesehen hatte: Neros Domus Aurea, sein goldenes Haus.

Der Name leitet sich von vergoldeten Fassadenteilen ab, doch das Edelmetall war es nicht, was diese Anlage so außergewöhnlich machte. Das war einmal ihre schiere Größe. Denn neben dem eigentlichen Palastkomplex, von dem nur ein Teil des Untergeschosses erhalten blieb, welcher allein es auf 142 Räume bringt, gehörten dazu mindestens noch ein künstlicher See und eine enorme Vorhalle um eine vierzig Meter hohe Kolossalstatue des Sonnengottes, der Neros Gesichtszüge trug. Das alles war eingebettet in eine Parklandschaft mit Brunnenanlagen, aber auch mit Feldern, Weiden und Weinreben - ein zwischen 80 und 140 Hektar großes Luxus-Landgut in bester Innenstadtlage.

Raumbefreiung durch Leichtbeton

Aber auch kunstgeschichtlich ist die Domus Aurea eine Sensation. Das betrifft nicht nur ihre seit der Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert berühmten Wandmalereien, sondern vor allem auch die Architektur, die sich hier von „der Tyrannei des Rechtecks“ befreite, wie die Kunsthistorikerin Diana Kleiner von der Yale University es ausdrückt. In dem erhaltenen Erdgeschoss am Südhang des Esquilin findet sich ein achteckiger Raum, möglicherweise der große Speisesaal des Palastes, von dem Sueton schreibt, in seinem Kuppeldach habe sich ein mechanisches Planetarium gedreht.

Technisch möglich wurde solches Bauen durch die Erfindung des römischen Leichtbetons einige Jahre zuvor, zu Zeiten Caligulas. Dank dieser Innovation konnten Neros Architekten bereits in einem in Resten erhaltenen Kuppelsaal der Domus Transistoria mit neuen Formen experimentieren. „Aber erst hier sehen wir diese Architektur in ihrer vollen Form“, sagt Kleiner. „Sie repräsentiert ein Umdenken vom Massiven zum Hohlen, von Wänden und Dächern zu dem immateriellen Raum, den sie umschließen. Die Bedeutung des achteckigen Raumes der Domus Aurea kann gar nicht überschätzt werden.“

Und doch dürfte gerade dieser Prunkbau und sein irrwitziger Platzbedarf einer der Gründe für die nie verstummende Vermutung sein, Nero selbst habe die Stadt anstecken lassen, um Platz für sein Traumhaus zu schaffen. Seine Nachfolger im Kaiseramt wollten mit dem Bau denn auch nichts zu tun haben: Vespasian ließ Neros See trockenlegen, um an diese Stelle das Flavische Amphitheater zu setzen. Domitian baute sich seinen eigenen Riesenpalast auf den Palatin. Trajan ließ die oberen Geschosse der Domus Aurea am Esquilin abreißen und das untere in die Substruktur seiner darüber errichteten Thermen integrieren. Und Hadrian errichtete auf dem Platz der Vorhalle den größten Tempel Roms. Die Kolossalstatue des Sonnengottes - sein Nero-Gesicht war schon längst umgearbeitet worden - ließ er direkt neben das Flavische Amphitheater versetzen, das seither Kolosseum heißt.

So ist von Neros Rom äußerlich so gut wie nichts geblieben. Er selbst blieb trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - unvergessen.

Die Ausstellung „Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann“ im Rheinischen Landemuseum Trier sowie im dortigen Museum am Dom und dem Stadtmuseum Simeonsstift wird am 14. Mai eröffnet und dauert bis zum 16. Oktober 2016. Der 460 Seiten starke Begleitband ist soeben im Theiss Verlag Stuttgart erschienen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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