Im Land der Gewickelten

Der kuriose Krokodilkult im alten Ägypten

Von Ulf von Rauchhaupt
18.06.2021
, 12:07
Das gab es in jedem gut sortierten Tempelshop: ägyptische Krokodilmumie aus dem  ersten oder zweiten  Jahrhundert nach Christus
Krokodile wurden im alten Ägypten wie andere Tiere hoch verehrt. Sie wurden einbalsamiert und für die Ewigkeit konserviert. Trotzdem hätte man dort nicht als Panzerechse zu Welt kommen wollen.

Um das Jahr 25 vor Christus besuchte der griechische Geograph Strabon auf seiner Ägyptenreise die Stadt Arsinoë, das heutige Medinet al-Faiyum inmitten der gleichnamigen großen fruchtbaren Senke westlich des Unterlaufs des Nils. „Früher hieß die Stadt Krokodilopolis“, schreibt Strabon. „Denn in diesem ganzen Gau verehren sie sehr das Krokodil. Auch Souchos genannt, ist es ihnen heilig, wird in einem eigenen Becken gehalten und ist zahm zu den Priestern.

Von den Fremden, die immer kommen, um es zu sehen, wird es mit Backwerk, Fleisch und Wein gefüttert.“ Strabons Begleiter hatte Kuchen, gebratenes Fleisch und einen Krug Melikraton dabei, eine Art Milchshake mit Honig. Das wurde, wie der Geograph nun beschreibt, dem Tier durch einen Priester in den Schlund gestopft respektive gegossen, während ein zweiter ihm das Maul aufhielt. Mit den kulinarischen Mitbringseln eines anderen pilgernden Touristen wurde gleich im Anschluss genauso verfahren.

Das arme Tier. Der Verschleiß an Inkarnationen des krokodilköpfigen Gottes Sobek, die in den Städten des Faiyum verehrt wurden, dürfte erheblich gewesen sein. Tatsächlich haben Archäologen dort große Mengen einbalsamierte Krokodile gefunden. Allein eine italienische Grabung in Tebtynis am Südrand des Faiyum förderte 1899 Tausende antiker Krokodilmumien zutage.

Der Aufstieg des Krokodilköpfigen

Dabei war die exzessive Krokodilverehrung erst ein Phänomen der Spätphase der altägyptischen Geschichte, als die griechischen Ptolemäerkönige und schließlich die römischen Kaiser den Pharaonentitel führten. Die Bedeutung der Tiere bereits in der Frühzeit belegt indes eine Hieroglyphe, die eine Krokodilschuppe darstellt. Sie steht für die Konsonantenfolge „km“, die auch das Wort für „schwarz“ ist. Damit wurde auch das Wort „kemet“ (wörtlich „die Schwarze“) geschrieben, und so nannten die alten Ägypter ihr Land. Trotzdem: Über die drei Jahrtausende gesehen, in denen die altägyptische Kultur blühte, war Sobek kein besonders bedeutender Gott. Er gehört weder zu den neun kosmischen Göttern in Heliopolis noch zu den acht in Hermopolis Magna und erst recht nicht zur Trias des Neuen Reiches Amun, Ra und Ptah.

Der Tempel Kom Ombo unweit von Assuan war dem Nilgott Sobek geweiht.
Der Tempel Kom Ombo unweit von Assuan war dem Nilgott Sobek geweiht. Bild: AP

Verehrt wurde der Krokodilgott allerdings bereits im Alten Reich. Seine früheste Erwähnung findet sich in den Pyramidentexten des um 2350 v. Chr. verstorbenen Pharaos Unas. Im Faiyum, dessen Sumpfland vor Krokodilen nur so gewimmelt haben muss, dürfte Sobek aber damals schon ein wichtiger Lokalgott gewesen sein. Als solcher machte er landesweit Karriere, als die Pharaonen des Mittleren Reiches einen Kanal vom Nil ins Faiyum anlegen ließen und es dadurch zu einer wahren Kornkammer machten. Insbesondere Amenemhet III., unter dem das Mittlere Reich im 19. Jahrhundert v. Chr. in höchster Blüte stand, war ein großer Verehrer des Krokodilgottes und gab seiner Tochter den Namen Sobekneferu, „Die Schönheit Sobeks“. Sie bestieg übrigens später selbst den Thron, als erste Herrscherin mit voller Pharaonentitulatur.

Verehrt und verspeist

Zu einem Hauptgott Ägyptens wurde Sobek damit aber nicht – zumal das Mittlere Reich bald nach dem Tod der nur wenige Jahre regierenden Sobekneferu zerbrach und das Nildelta vorübergehend unter die Kontrolle von Fremdherrschern geriet. Auch nach deren Vertreibung und dem Aufstieg des Neuen Reiches blieb die Sobek- und damit auch die Krokodilverehrung ein eher regionales Phänomen. „Für einen Teil der Ägypter sind die Krokodile heilig, für andere nicht“, schrieb Herodot noch im 5. Jahrhundert v. Chr. und bescheinigte vor allem den Einwohnern Thebens und des Faiyums besondere Krokodilfrömmigkeit. „Jeder Haushalt zieht ein gezähmtes Krokodil groß. Sie hängen ihm Schmuck aus Glassteinen und Gold an die Ohren, stecken ihm Armbänder an die Vorderfüße, geben ihm besondere Speisen und Opfergaben und die beste Behandlung, solange sie am Leben sind. Nach ihrem Tod lassen sie sie einbalsamieren und in heiligen Särgen bestatten. Die Leute in Elephantine allerdings [nahe dem heutigen Assuan] betrachten sie nicht als heilig. Sie essen sie sogar.“

Diese unterschiedlichen Bräuche hatten wahrscheinlich auch einen zoologischen Grund. Denn wie DNA-Analysen erst 2011 zeigten, gab es im alten Ägypten nicht nur das Nilkrokodil (Crocodylus niloticus), sondern auch das heute dort nicht mehr vorkommende Westafrikanische Krokodil (Crocodylus suchus). Die beiden Arten sind nicht besonders eng miteinander verwandt und haben verschieden aufgebaute Schädel, sind aber äußerlich kaum auseinanderzuhalten. Allerdings ist das Nilkrokodil deutlich aggressiver – und wie die Genanalysen zeigen, gehörten die in der Antike mumifizierten Tiere offenbar alle zu der zahmeren Spezies Crocodylus suchus.

Tiermumien aus der Massenproduktion

Nun gab es in der Spätzeit einen generellen Trend stetig intensiverer Verehrung verschiedener Tiere, die mit Göttern zu tun hatten, insbesondere Katzen, Stiere, Falken und Ibisse. Der Krokodilkult aber bekam noch einmal einen besonderen Konjunkturschub, als Ptolemaios II. Philadelphos („der Geschwisterliebende“) um 250 v. Chr. in das in den Jahrhunderten zuvor vernachlässigte Faiyum investierte, seine griechischen und makedonischen Veteranen dort ansiedelte und Krokodilopolis in Arsinoë umbenannte – das war der Name seiner Schwester und Ehefrau. Auch anderswo, etwa im oberägyptischen Kom Ombo, wurden Sobek unter den Ptolemäern Tempel errichtet, doch nirgends war die Krokodilanbetung so innig wie im Faiyum. Spätestens im 2. Jahrhundert v. Chr. sind dort Krokodilfeste, sogenannte Soucheiai, bezeugt. Man beging sie an verschiedenen Orten bis zu fünf Mal im Jahr mit Prozessionen und üppigen Banketten. Laut einem Papyrus aus dem Jahr 138 n. Chr. wurden damals während der siebentägigen Soucheia in Soknopaiou Nesos am Nordrand des Faiyum allein Backwaren aus 848 Kilo Mehl verzehrt.

Über die Organisation der verschiedenen Krokodilkulte ist hingegen wenig bekannt. Ein Landregister aus Memphis aus dem Jahr 110 n. Chr. erwähnt ein „saureion“, was die Editoren der Quelle mit „Krokodilpflegestätte“ übersetzten. Es könnte aber auch eine regelrechte Krokodilfarm gewesen sein, denn in den 1990er-Jahren wurden in Narmouthis, dem heutigen Medinet Madi, zwei Gebäude ausgegraben und darin insgesamt rund 90 Krokodileier in Löchern im Sandboden gefunden sowie Installationen wie eine flache Wanne, in der möglicherweise die frisch geschlüpften Krokodiljungen gehalten wurden.

Von anderen Tierkulten der ägyptischen Spätzeit, insbesondere denen um Falken und Ibisse, weiß man, dass diese Tiere in großer Zahl herangezüchtet wurden, nur um sie zu mumifizieren und dann als Votivgaben an die Pilger zu verkaufen. Die enorme Zahl an Krokodilmumien legt nahe, dass auch für Reptilien eine fromme Industrie existierte, die Sobek-Inkarnationen am Fließband produzierte. Nur den wenigsten von ihnen war allerdings beschieden, an Kuchen und Milchshake zugrunde zu gehen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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