Frühbronzezeit

Saufen wie die Sumerer

Von Ulf von Rauchhaupt
30.01.2022
, 14:13
Rekonstruierte Nutzung der Röhren aus dem Maikop-Kurgan als Trinkhalme.
Acht Metallröhren aus einem bronzezeitlichen Prunkgrab hielt man lange für Szepter oder Zeltstangen. Nun legen Archäologen eine neue Deutung vor: Demnach sind es Trinkhalme für gemeinschaftlichen Biergenuss.
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Im Jahre 1897 gruben Archäologen um Nikolai Veselovsky von der Universität in Sankt Petersburg nahe der kleinen südrussischen Stadt Maikop einen riesigen frühbronzezeitlichen Grabhügel aus, einen sogenannten Kurgan. Das Monument war mit ursprünglich elf Metern Höhe und seinen unberaubten, reich ausgestatteten Grabkammern derart prominent, dass es der zugehörigen Kultur den Namen gab: Die Maikop-Kultur – zuweilen auch „Maykop“ transkribiert – blühte zwischen etwa 3700 und 3000 vor Christus im nordwestlichen Kaukasus und dessen nördlichem Vorland. Unter den Schätzen und Geräten, die dem Grabherren des Kurgan von Maikop, vielleicht ein Priesterkönig, zwischen 3700 und 3100 vor Christus mit ins Jenseits gegeben worden waren, befanden sich auch acht etwa 1,12 Meter lange dünne Röhren aus Silber und teilweise auch aus Gold, von denen vier mit aufsteckbaren ebenfalls edelmetallenen Figürchen in der Form von Stieren versehen waren. Alle acht enden an einer Seite in silbernen Spitzen mit einem durchbrochenen Design. Worum handelt es sich da?

Veselovsky, der die Schätze aus Maikop umgehend in die Petersburger Eremitage brachte und der Zarenfamilie vorführte, interpretierte die Röhren als „Zepter“, da sie direkt rechts neben dem Skelett des mutmaßlichen Priesterkönigs lagen. Andere Forscher hielten sie für die Überreste eines prunkvollen Zeltes oder eines Baldachins, den man während des Trauerzuges zum Kurgan über den verstorbenen Herrscher gehalten habe. Wieder andere vermuteten, die Röhren könnten, vielleicht im Bündel, ein Ritualinstrument gebildet haben und fühlten sich durch die durchbohrten Stierfigürchen an den sumerischen Mythos vom Himmelsstier erinnert.

Frühbronzezeitliche „Zepter“ aus dem Maikop Kurgan.
Zeichnungen der „Zepter“ aus dem Maikop Kurgan. Bild: Viktor Trifonov

Nun hat Viktor Trifonov vom Institut für Geschichte und materielle Kultur der russischen Akademie der Wissenschaften zusammen mit zwei Kollegen in einem Artikel für die britischen Fachzeitschrift „Antiquity“ eine ganz neue Deutung vorgelegt. Sie weist noch sehr viel deutlicher zu den Sumerern, die 1700 Kilometer weiter südlich im unteren Mesopotamien lebten, im der Gegend des heutigen Südirak. Sie waren eine in Stadtstaaten organisierte frühe Hochkultur, deren erste Blütezeit sich mit der Ära der Maikop-Kultur überschnitt und deren Angehörige Getränkezubereitungen aus vergorener Gerste sehr zuneigt waren.

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„Ein übliches sumerisches Utensil zum Konsum von Bier war eine Röhre aus langem Pflanzenrohr“, schreiben Trifonov und Kollegen in ihrer Veröffentlichung. „Es erlaubte dem Nutzer im Sitzen oder sogar im Stehen aus einem großen, auf einem niedrigen Sockel abgestellten Krug zu trinken“. Und wie bildliche Darstellungen zeigen, geschah das zuweilen – oder vielleicht sogar in der Regel – gemeinschaftlich, was man sich dann wohl ähnlich vorzustellen hat wie das Eimersaufen am Ballermann, wenn vielleicht auch etwas gesitteter, zumal bei Gelegenheiten, bei denen mit Goldfolie umwickelte Trinkhalme zum Einsatz kamen, wie man sie im Grab der sumerischen Königin Puabi in der königlichen Nekropole zu Ur fand.

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Die Trinkrohre hatten aber offenbar nicht nur den Zweck, den Bierkonsum aus großen und daher schwer handhabbaren Gefäßen zu ermöglichen. Ihre Enden konnten auch v-förmig eingeschnitten und zusammengebunden werden. Damit drang die Flüssigkeit nur noch durch Schlitze in das Rohr und die durch die damaligen Brauverfahren nur schlecht vermeidbaren Feststoffe im Bier wurden zurückgehalten. Es waren aber auch aufsteckbare Tüllen aus durchlöchertem Kupfer üblich, die ebenfalls als Siebe dienten. Solche wurde etwa in den Resten des sumerischen Stadt Eschnunna gefunden, dem heutigen Tell Asmar im Zentralirak,

Sumerisches Rollsiegel mit der Darstellung gemeinschaftlichen Trinkens
Sumerisches Rollsiegel mit der Darstellung gemeinschaftlichen Trinkens aus dem Königsfriedhof von Ur. Bild: Viktor Trifonov

Trifonov und Kollegen legen nun recht plausibel dar, warum es sich bei den Edelmetall-Röhren aus dem Kurgan von Maikop vermutlich ebenfalls um solche Trinkhalme handeln könnte – wenn auch um absolute Luxusmodelle. „Das war zuerst nicht so offensichtlich“, sagt Trifonov. „Die Idee, die 'Zepter' neu zu deuten, kam mir vor etwa zehn Jahren, aber bei meinen Fachkollegen fand ich dafür keine Unterstützung. So konzentrierte ich mich auf die Filter als dem kritischen Element. Susan Allison vom Oriental Institute Museum in Chacago hat mir dann netterweise eine Detailaufnahme eines Filters aus Tell Asmar geschickt. Dieses Bild hat mich überzeugt, dass ich auf der richtigen Spur war. Ich beschloss nachzusehen, ob in den Maikop-Röhren in der Erimitage irgendwelche Rückstände von Getränken waren, und als meine Teamkollegen dort Stärkekörner, Phytolithe und Pollen fanden, passte alles zusammen.“

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Demnach war der Grabherr des Kurgan von Maikop mit einer Partyausrüstung für acht Personen bestattet worden, die diese vielleicht anlässlich seiner Bestattung ein letztes Mal in Gebrauch nahmen. Die verschiedenen Ausführungen - nur in Silber oder auch mit Gold, mit Stierfigur oder ohne - könnten Statusunterschiede innerhalb der acht Trauertrinker wiederspiegeln, schreiben die Autoren. Ein passender Bierkrug wurde in dem Grab übrigens auch gefunden. Er fasst etwa 32 Liter, macht vier Liter für jeden der acht Mittrinkenden. Auch wenn man vermutet, dass bronzezeitliches Bier einen geringeren Alkoholgehalt hatte als modernes Pilsener oder Weißbier, dürfte das am Ende eine lustige Trauerrunde gewesen sein.

Wie lustig war das Begräbnis in Maikop?

Allerdings legen Trifonov und seine Mitautoren Wert auf die Feststellung, dass ihre Untersuchungen nicht zweifelsfrei beweisen können, dass die Pflanzenspuren – insbesondere die Stärke aus Gerstenkörnern – tatsächlich von vergorenem Material stammt. Für weitergehende Analysen allerdings sind sie Röhren von Maikop vor zu langer Zeit und mit zu wenig schonenden Methoden ausgegraben und untersucht worden. Sollten neue Funde die Theorie aber bestätigen und Rückstände von Alkoholika nachweisbar sein, wäre deutlich, wie eng die Verbindungen zwischen der Maikop-Kultur und Mesopotamien waren. Offenbar brachten Handelsbeziehungen Erze, Edelmetalle und kostbare Steine hinab ins urbane Zweistromland – und umgekehrt sumerischen Luxus bis über den Hauptkamm des Kaukasus.

Das ist umso bemerkenswerter als die nördlichen Nachbarn der Maikop die Jamnaja waren, eine Kultur, deren Angehörige sich wenig später bis nach Westeuropa ausbreiteten und dabei möglicherweise die Protoindoeuropäische Sprache mitbrachten, von der fast alle klassischen und modernen Sprachen Europas abstammen, auch das Deutsche. Der Kaukasus erscheint oft als die große Barriere zwischen diesen Entwicklungen und dem Geschehen in den Hochkulturen Mesopotamiens. Doch so kann man das nicht sehen, sagt Viktor Trifonov. „Schon vor etwa fünfzig Jahren wurde klar, dass das vierte Jahrtausend vor Christus eine einzigartige Epoche in der Geschichte des nördlichen Kaukasus war. Nie zuvor und auch nicht mehr danach war diese Region so tief integriert in die Welt des alten Orients.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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