Neolithische Revolution

Erblühende Landschaften

Von Sonja Kastilan
18.07.2016
, 09:00
Jahrtausende bevor Europa urbar wurde, bestellte man weiter östlich schon Felder und züchtete Vieh. Wer sorgte für diesen frühen Wandel?

Die Zähne, nun ja, sind nicht gerade im besten Zustand. Es mangelte ihnen offensichtlich an Pflege, dabei wäre diese überaus wichtig gewesen, denn der neue Lebensstil ging an die Substanz: Der Zahnschmelz ist verschlissen und von Karies durchlöchert. Als die Frau starb, fehlten ihr einige Zähne, bestehende zeigen Spuren einer speziellen Nutzung: dienten vermutlich als Werkzeug zur Lederverarbeitung. Sie wurde keine fünfzig Jahre alt, aber mindestens zwanzig – genauer können es die Anthropologen nicht bestimmen. Und wer auch immer sie vor rund 10.000 Jahren sitzend im Zagros-Gebirge im Südwesten des heutigen Irans beerdigte, legte ihr ein Baby in die Arme. Vielleicht das ihre, vielleicht auch ein Enkelkind.

Ihr Grab wurde 1978 nebst acht weiteren in der 1860 Meter hoch gelegenen Siedlung Abdul Hosein entdeckt. Es zeugt von einer Tragödie, die sich zu einer Zeit abgespielt hat, als sich die Menschheit auch hier, im östlichen Teil des „Fruchtbaren Halbmondes“, schon die Vorzüge der Landwirtschaft erschlossen hatte. Damit begann das Neolithikum: Trotz aller Mühen und Rückschläge fingen Menschen an, Gräser zu kultivieren und Tiere zu zähmen, sesshaft zu werden. Auf diesem revolutionären Wandel beruhen die meisten heutigen Gesellschaften. Ohne die dadurch mögliche bessere Versorgung einer wachsenden Bevölkerung hätten sich weder Städte noch Hochkulturen entwickeln können, geschweige denn eine Industrie.

Wer wo zuerst das archaische Jäger- und Sammlerdasein aufgab, zum Ackerbau überging und diese Lebensweise Jahrtausende später einmal nach Europa brachte, diese Frage treibt Archäologen, Anthropologen und Evolutionsbiologen seit Jahrzehnten um. Inzwischen kann man sich ihr auch mit den Mitteln der Molekulargenetik nähern, doch in der Zone des Fruchtbaren Halbmondes werden genetische Spuren oft durch das warme Klima verwischt.

Genetische Spurensuche

Manchmal werden die Paläogenetiker trotzdem fündig, und ihre Antwort stellt sich in der aktuellen Ausgabe von „Science“ überraschend anders dar. Komplexer, als man sich bisher das Szenario von den ersten Bauern irgendwo im Nahen Osten vorstellte: Allem Anschein nach trieben unterschiedliche lokale Gemeinschaften die Landwirtschaft voran. Zum Beispiel in Anatolien und im Gebiet des heutigen Irans. Sie tauschten sich womöglich über Ideen aus, blieben jedoch zunächst für sich, denn zwischen ihnen klafft ein tiefer genetischer Spalt: Dieser geht auf eine Trennung ihrer Abstammungslinien vor mindestens 46.000 Jahren zurück, ist vielleicht bis zu 77.000 Jahre alt und geschah recht bald, nachdem der moderne Mensch aus Afrika eingewandert war. Zu diesem Ergebnis kommen Farnaz Broushaki und Joachim Burger mit ihren Kollegen von der Universität Mainz in Zusammenarbeit mit einem internationalen Team, zu dem unter anderem Schweizer Bioinformatiker, britische und amerikanische Evolutionsgenetiker sowie iranische und französische Archäologen zählen. „Die beiden jetzt von uns untersuchten Populationen waren genetisch deutlich stärker isoliert als räumlich“, erklärt Burger. „Undenkbar, dass sie nebeneinander mehrfach ihre jeweiligen Landwirtschaftszweige entwickelten und keinen geistigen Austausch pflegten – dazu sind die notwendigen Innovationen viel zu kompliziert. Sie partizipierten an einer großen Idee: ein föderaler Thinktank, aber kein Schmelztiegel.“

Für die Landwirtschaft brauchte man einige neue Werkzeuge – vom Pflug über die Sichel bis hin zu Mahlsteinen und Vorratsgefäßen –, musste Pflanzen selektieren und Tiere domestizieren, was keineswegs leicht gelingt. So verlegten sich die einen, je nach Region, auf Rinder, die anderen auf Ziegen, konzentrierten sich auf Einkorn oder Emmer und machten sicherlich etliche Fehler.

Der Wandel der Jäger und Sammler

Das Team um Burger analysierte nun die Erbinformationen von vier Neolithikern aus den iranischen Fundstätten Wezmeh und Abdul Hosein sowie von einer rund 2800 Jahre alten Knochenprobe aus der iranischen Eisenzeit in Hasanlu. Die gewonnenen DNA-Sequenzen verglichen die Forscher mit bekannten Daten von Mitgliedern der frühen Bauerngemeinschaften oder Jäger- und Sammlerkulturen aus Europa, dem Kaukasus und Westasien sowie mit Sequenzen aus der heutigen Bevölkerung.

Frühere Studien der Paläogenetiker hatten bereits aufgedeckt, dass die Ahnen der ersten europäischen Bauern aus dem ägäischen Raum stammten, ihre Ursprünge aber vor 8500 Jahren in West- oder Zentralanatolien lagen. Nun zeigt sich, dass diese Ackerpioniere keineswegs verwandt waren mit jenen, die etwas östlicher ihre Felder bestellten. Und auch nicht mit den ersten Bauern im Südwesten des Fruchtbaren Halbmondes, wie Funde aus Israel und Jordanien nahelegen. Nach deren Analyse sowie dem Vergleich mit einer Probe aus dem iranischen Ganj Dareh und anderen Funden aus dem Zeitintervall von vor 14.000 bis 3500 Jahren kommt ein Team um den Harvard-Genetiker David Reich zu ähnlichen Ergebnissen wie die Mainzer Forscher. Zwar sind diese noch nicht offiziell publiziert, online jedoch zugänglich und wurden von „Nature“ im Juni als News vorgestellt. „Es müssen also mindestens drei Jäger- und Sammlerkulturen gewesen sein, die als Erste anfingen, das Land urbar zu machen“, meint Burger.

In Richtung Südasien

„Die neuen, in 'Science' präsentierten Resultate passen zu denen Reichs. Beide Studien weisen darauf hin, dass sich der neolithische Wandel im östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmondes separat vollzogen hat, wurzelnd in lokalen Jäger- und Sammlertraditionen“, sagt Roger Matthews von der University of Reading. Der britische Archäologe erforscht in einem eigenen Projekt, wie sich die frühen Stadien von Sesshaftigkeit und Ackerbau im Zagros-Gebirge abzeichnen, und zwar in den Landesgebieten von Iran und Irak. „An unseren Ausgrabungsorten finden sich archäologische Belege für diese lokalen Entwicklungen von Jäger- und Sammlergemeinschaften.“ Es sei außerdem ermutigend zu sehen, dass eine starke genetische Verbindung besteht, die vom Zagros-Gebirge über Iran hinaus bis nach Südasien reicht. „Das ergibt durchaus Sinn, wenn man archäologische Hinweise betrachtet und die Chronologie berücksichtigt, wie sich das Konzept der Landwirtschaft nach Osten ausbreitete“, sagt Matthews.

Tatsächlich deuten die aktuellen Genanalysen von Zagros in Richtung Pakistan und Afghanistan, lassen zudem eine verwandtschaftliche Nähe zur Religionsgemeinschaft der Zoroastrier annehmen, die bis heute den Lehren des Propheten Zarathustra folgt, der im 2. oder 1. Jahrtausend vor Christus lebte. Ihre Geisteshaltung beruht auf einer Triade, die auffordert, gut zu denken, gut zu sprechen und gut zu handeln. Dabei sind Viehzucht, Pflanzenpflege und Kultivierung des Bodens ganz in Zarathustras Sinne: erhaben und elementar im Kampf gegen die dämonische Welt, von Blutopfern und Fasten hielt er hingegen nichts.

An einen mythischen Krieg zwischen Licht und Dunkelheit glaubten womöglich schon die ersten Landwirte, sie mussten Ernteausfälle, Hungersnöte und neue Plagen ertragen. Auch Zahnschmerzen gehörten sicherlich zu ihrem Alltag: Während die Oralhygiene lange zu wünschen übrigließ, veränderten stärkereiche und somit zuckerhaltige Speisen zunehmend den Ernährungsplan.

Löcher in den Zähnen

Neben Pistazien, Mandeln und Linsen schätzten die Neolithiker von Abdul Hosein schon Emmer und Gerste, auch hüteten sie vermutlich Ziegen. Die Schädel ihrer Frauen weisen außerdem auf eine eigentümliche Zagros-Mode hin, denn sie wurden gezielt verformt: „Damit hat man in den frühen Lebensphasen begonnen“, nimmt die Anthropologin Olivia Munoz an. Mit ihren Kollegen konnte sie an den Funden zudem die Folgen ihrer Ernährung ablesen: Die Zähne der Erwachsenen waren kariös und stark abgeschliffen, eine Folge des sandigen Mahlsteinabriebs in ihren Getreidemahlzeiten. Selbst bei einem kaum achtjährigen Jungen fanden sich Löcher, die Spuren von Abszessen, und ihm fehlten schon Zähne.

Der Mann wiederum, dessen Überreste in der etwa 137 Kilometer entfernten Wezmeh-Höhle inmitten von Tierknochen gefunden wurden, lebte vor rund 9000 Jahren, damit erst 1000 Jahre später. „Doch wir finden nicht nur die gleichen genetischen Signale, auch die Isotopenuntersuchung weist auf eine ähnliche Ernährungsweise hin“, erklärt die Anthropologin Farnaz Broushaki. Seine DNA blieb besser erhalten und konnte den Paläogenetikern für Detailanalysen dienen, etwa um seinen Phänotyp zu bestimmen. Demnach hatte er wahrscheinlich braune Augen, schwarzes Haar und eine relativ dunkle Haut. Allerdings fanden sich bei den untersuchten neolithischen Iranern mehrere Erbinformationen, die zu einem helleren Hauttyp führen können, aber noch nicht ihr Äußeres prägten. Die neue Lebensweise hingegen zeigt sich klar im Genom des Wezmeh-Mannes: Daran lässt sich ablesen, dass seine Sippe deutlich größer geworden war als die typischer Jäger-Sammler-Gruppen. „Womöglich eine positive Folge der kohlenhydratreichen Ernährung, die mit erhöhter Fertilität einhergeht“, sagt Joachim Burger. Mehr Kinder – dafür nahm man die Zahnschmerzen in Kauf.

Aufbruch aus der Isolation

„Die in der Wezmeh-Höhle bemerkenswert gut erhaltene DNA ermöglicht es uns, die Struktur des Erbguts genauer anzuschauen und dadurch mehr über die Population seiner Vorfahren zu erfahren“, erklärt Burger. Die archaischen Gruppen im Fruchtbaren Halbmond müssen mehr als 40.000 Jahre lang auf Partnerschaften mit Fremden verzichtet haben, auch die frühere Begegnung mit dem Neandertaler hat nur vergleichsweise geringe Spuren in ihrem Genom hinterlassen. Erst im Verlauf des Neolithikums und in der Bronzezeit bricht ihre genetische Isolation allmählich auf: Die Menschen migrieren und mischen sich stärker; Evolutionsbiologen nennen das Geschehen schlicht Genfluss. „Die zunehmende Homogenisierung in Südwestasien erkennen wir zum Beispiel an den Daten der Hasanlu-Probe aus der Eisenzeit“, sagt Burger. Die Gene fließen aus Ost nach West und umgekehrt, und Steppenvölker tragen erstaunlicherweise noch einen Teil dazu bei.

Die neolithische Revolution verbreitete sich vom Fruchtbaren Halbmond aus auf unterschiedlichen Wegen. Zunächst überzeugten die Landwirte wohl durch ihre Ideen, später waren sie dann weit mehr als nur willkommen, wurden zu Ehepartnern. Und während die nächsten Verwandten der Revolutionäre aus Westanatolien heute am ehesten noch auf Sardinien zu finden sind, leben die Nachfahren der Zagros-Neolithiker im Osten: Sie sind unter den Zoroastriern in Iran zu suchen, die offenbar weniger fremden genetischen Einflüssen ausgesetzt waren, sowie in Pakistan und Afghanistan. In diese Richtung führen nun weitere Genanalysen, und zukünftige Studien widmen sich vielleicht noch anderen Regionen: „Spannend wäre zu sehen, welche Verbindungen nach Zentralasien bestehen, insbesondere Turkmenistan“, sagt Roger Matthews. „Die Archäologie lässt hier ebenfalls eine Bewegung aus Iran ostwärts annehmen.“ Interessant sei deshalb die Frage, ob sich das mit Hilfe der Genetik stützen lasse.

Hoffnung auf neue Funde

Bis vor kurzem interessierten sich vor allem Nomaden für die Hochebene in der Nähe der Stadt Islamabad-e Gharb im Zagros-Gebirge. Nicht weit von der vorwiegend von Raubtieren genutzten Wezmeh-Höhle entfernt, schlugen Hirten des Kalhor-Stammes ihr Sommerlager auf und zogen im Winter tiefer, um sich so mit ihrer Milchwirtschaft an die vorherrschenden Bedingungen mit knappen Ressourcen anzupassen. Ihre Vorfahren mussten die Arbeit im Verlauf der Zeit besser organisieren, schließlich waren längere Strecken zurückzulegen, und es verlangt einiges Geschick, größere Herden von Ziegen oder Schafen in einem weitläufigen Gelände zu dirigieren.

Weil sich Knochen aus der erst 1999 entdeckten Wezmeh-Höhle als wichtiges Probenmaterial herausstellten, hoffen nun die Archäologen Fereidoun Biglari, Kamyar Abdi und Marjan Mashkour, dass sie bei weiteren Ausgrabungen auf neue Funde stoßen. Von Tier und Mensch, für zukünftige Genanalysen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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