Menschliche Evolution

Im Eiltempo zum Zwerg

Von Joachim Müller-Jung
01.07.2016
, 23:07
Jahrelang suchten Forscher nach Beweisen für die kleinwüchsige Homo-Art „floresiensis“. Weisheitszähne geben bei einer Ausgrabung den entscheidenden Hinweis.

Es gibt einen weiteren, prominenten Beleg dafür, dass die Evolution nicht Millionen oder Hunderttausende von Jahren benötigt, um in der Entwicklungslinie des Menschen etwas völlig Neues zu schaffen. Für viele Merkmale könnten schon ein paar tausend Generationen genügen. Dies ist eine Schlussfolgerung, die man aus den neuen Veröffentlichungen über den Flores-Menschen („Hobbit“) ziehen kann, die soeben in „Nature“ (doi:10.1038/nature17999) erschienen sind.

Im Kern ging es der Gruppe um Adam Brumm und Gerrit van den Bergh von der australischen Universität von Wollongong freilich um etwas ganz anderes: endlich Belege zu liefern, dass der extrem kleinwüchsige Mensch, Homo floresiensis, dessen knapp 50 000 Jahre alte Skelettreste im Jahr 2004 auf der indonesischen Insel Flores entdeckt wurden, tatsächlich zu einer bis dahin unbekannten kleinen Homo-Art gehören - und nicht etwa Überbleibsel von modernen Menschen, die an einer Krankheit litten und zum Zwergenwuchs verdammt waren.

Mehr als zehn Jahre suchten internationale Teams auf der Insel, der Streit schwelte währenddessen weiter. Erst im Herbst 2014, kurz vor Ende der Grabungssaison, wurde die Gruppe um van den Bergh in einer Sedimentschicht nahe der Fundhöhle Liang Bua in der Lagerstätte Mata Menge fündig: Sechs Zähne sowie ein Kieferfragment von mindestens drei Individuen wurden entdeckt.

Der Weisheitszahn brachte den Hinweis

Der Unterkiefer zeigt Zeichen des Durchbruchs eines Weisheitszahns und stammt daher von einem - extrem kleinen - Erwachsenen. Alter der Fundstücke: bis zu 700 000 Jahre. Damit ist klar, dass es sich bei den Skelettstücken nicht um die eines (erst viel später aus Afrika ausgewanderten) Homo sapiens handeln kann.

Um einen pathologischen Artefakt kann es sich beim Flores-Menschen also kaum handeln, darin ist man sich einig. Bleibt die Frage: Stammt Homo floresiensis von Homo habilis ab, der stammensgeschichtlich älteren, kleineren Art, wofür am ehesten das rudimentäre Kieferfragment spricht, oder eben von Homo erectus, der bei seinen Auswanderungswellen wohl vor etwa einer Million Jahren auf den indonesischen Inseln angekommen war?

Die meisten Paläanthropologen, auch die Gruppe um van den Bergh, favorisieren Homo erectus als direkten Vorfahren von Homo floresiensis. Das würde bedeuten, dass die Verzwergung auf rund einen Meter Körperlänge in erstaunlich kurzer Zeit vollzogen wurde.

Der Streit um die Homo-Art ist noch nicht vorbei

Freilich kennt man das Zwergen-Phänomen längst: Bei Tieren, die auf Inseln mit spärlichen Ressourcen verschlagen wurden - Elefanten etwa oder Wild - sind die Individuen der Inselpopulationen ebenfalls deutlich geschrumpft.

Trotzdem geht der Streit um den Flores-Menschen weiter. Denn nicht nur, dass man bisher noch zu wenige Fossilien untersucht hat, es bleibt auch die Möglichkeit, dass der „Hobbit“ von einer anderen Insel eingewandert ist.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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