Alte Metalle

Rot wie Blut, Grün wie Kupfer

Von Ulf von Rauchhaupt
19.02.2011
, 19:36
Ötzis Kupferbeil
Wann und wo begannen Menschen Erze zu verhütten? Früheste Funde weisen auf den Balkan. Doch das Hantieren mit geschmolzenen Metallen kann auch anderswo erfunden worden sein.
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Kupfer kannten schon die Steinzeitmenschen. Sie dürften es als Gestein betrachtet haben, wenn auch ein seltsames, das nicht splittert, sondern sich verformt, wenn man es traktiert. Die ältesten bearbeiteten Kupfergegenstände wurden im Südosten der heutigen Türkei gefunden und stammen aus dem späten neunten Jahrtausend vor Christus - fast am Beginn der dortigen Jungsteinzeit.

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Denn Kupfer gehört zu den wenigen Metallen, die gediegen vorkommen - und nicht nur chemisch an Schwefel oder Sauerstoff in Erzmineralen gebunden. Auch wenn das größte bisher gefundene Stück 420 Tonnen auf die Waage brachte, ist Naturkupfer selten. Die Metallzeit konnte daher erst anbrechen, als es möglich war, Erze zu verhütten. Das heißt, sie bei hohen Temperaturen bestimmten chemischen Bedingungen auszusetzen, um das reine Metall herauszulösen.

Neolithische Modefarbe

Wie, wann und wo kamen Menschen darauf? Die erste Frage ist noch am leichtesten zu beantworten. Ernst Pernicka von der Universität Tübingen, einer der führenden Achäometallurgen, glaubt, dass die Erfindung eng mit den Lebensbedingungen der Jungsteinzeit zusammenhängt. "Der sesshafte Mensch hatte offenbar mehr Muße zum Experimentieren", sagt Pernicka, der sich auch ein gewandeltes Bewusstsein als Faktor vorstellen kann: "In der Altsteinzeit wurden komischerweise nur Rotpigmente gesucht - Rot, die Farbe des Blutes. Im Neolithikum kommt plötzlich Grün auf. Wenn man aber grüne Steine sammelt, sind auch Kupfererze dabei. Und Steine sind immer auch ins Feuer geworfen worden, um zu sehen, was passiert."

So dürfte auch einmal ein Stein mit der neolithischen Modefarbe in ein Feuer gelangt, geschmolzen und durch Sauerstoffmangel in Schlacke und Kupfer getrennt worden sein. Nun bedurfte es nur noch jemandes, der sich genug über die glühende Flüssigkeit wunderte und geduldig genug war, um das Experiment zu wiederholen. "Doch wann und wo genau dieser Schritt gemacht wurde, wissen wir nicht", sagt Pernicka. Die bis vor kurzem frühesten Spuren stammen aus der Mitte des fünften Jahrtausends vor Christus. Es sind Schlackenreste an verschiedenen Orten, vom iranischen Hochland über die Türkei bis nach Südosteuropa. Im vergangenen Jahr nun veröffentlichte die serbische Archäologin Miljana Radivojevic zusammen mit einem internationalen Expertenteam, dem auch Pernicka angehörte, Funde von Schlacke sowie Tröpfchen erstarrter Kupferschmelze aus der neolithischen Siedlung Belovode 140 Kilometer südöstlich von Belgrad. Sie müssen aus der Zeit zwischen etwa 5400 und 4700 vor Christus stammen, womit es sich um die ältesten bekannten Spuren der Kupferverhüttung handelt.

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Stand die Wiege der Kupfermetallurgie also in Serbien? Immerhin liegt die vorgeschichtliche Kupfermine von Rudna Glava nur 50 Kilometer von Belovode entfernt. Zusammen mit Ai Bunar in Bulgarien ist das der Ort mit den weltweit frühesten bekannten Spuren von Erzförderung. Zumindest die Vorstellung eines "Ex oriente lux" - nach der die Kupfermetallurgie, gleich anderen jungsteinzeitlichen Kulturtechniken, im Vorderen Orient entstand und von dort aus nach Europa kam, sollte damit doch widerlegt sein. Oder nicht?

Tatsächlich gab die Entdeckung von Rudna Glava und Ai Bunar in den 1970er Jahren einem "Polyzentrismus" Auftrieb, nach dem die Kupferverhüttung unabhängig in mehreren Regionen entstanden sei. Doch dann müssten die frühesten Metallfunde einer Gegend auch zu den lokalen Erzen passen. "Wir haben das überprüft", sagt Pernicka, zu dessen Spezialgebiet solche Zuordnung mittels Isotopenanalysen zählt. Dabei zeigte sich: Die Objekte in der Umgebung von Rudna Glava sind nicht aus dem Erz von Rudna Glava - genauso wenig wie jetzt die Schlacken und das Kupfer aus Belovode.

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"Es ist eben komplexer als gedacht", sagt Pernicka. Es sei offenbar nicht so, dass es da Produktionszentren gab, aus denen das Kupfer in die jeweilige Umgebung gelangte. "Metall ist immer gezielt transportiert worden - auch über weite Strecken." Damit wird die polyzentrische Vorstellung weniger zwingend. Wenn die Metallurgie aber an einem Ort erfunden und von da aus in die Welt getragen wurde, so muss dieser Ort nicht auf dem Balkan gelegen haben - auch wenn die bislang frühesten Spuren davon sich dort finden. Pernicka hält das sogar für recht unwahrscheinlich. Dazu sei die Siedlungstradition dort nicht alt genug. Der vordere Orient, wo sich die Spuren sesshafter Lebensweise bis ins 8. oder 9. Jahrtausend vor Christus zurückverfolgen lassen, scheinen ihm da erheblich wahrscheinlicher. "Ich glaube, die Kupfermetallurgie ist Teil eines kulturellen Paketes, sie kommt fast gleichzeitig mit der Neolithisierung. Nur gibt es eben so wenige Funde, dass sich die Entwicklung nicht lückenlos nachverfolgen lässt." Dass es diesen einen Ursprungsort, den man wahrscheinlich nie wird lokalisieren können, aber gegeben haben muss, ergibt sich für Pernicka schlicht aus der großen Komplexität des Verhüttungsverfahrens. "So etwas erfindet man nicht mal so eben nebenbei."

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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