Palästinensische Archive

Niemand vergreift sich an Heeresgut

Von Joseph Croitoru
Aktualisiert am 03.01.2020
 - 10:18
Vorspann eines von der PLO gedrehten Films über deren Trainingslager in Kuweit, versehen mit einem Vermerk des israelischen Militärarchivs. Screenshot aus Rona Selas Film „Looted and Hidden Palestinian Archives in Israel“.
Beschlagnahmt und auf Dauer mit Beschlag belegt: Weitgehend vergeblich bemühen sich israelische und palästinensische Forscher um Zugang zu palästinensischem Archivgut in israelischem Besitz.

In der Debatte über die Restitution von durch Kolonialmächte vereinnahmten Kulturgütern spielt die Frage des Umgangs mit beschlagnahmten Archiven nur eine marginale Rolle. In bestimmten Ländern gewinnt sie jedoch an Brisanz, weil das Thema Archivpolitik als Teil der nationalen Identitätspolitik zunehmend kritisch reflektiert wird. Impulse kommen dabei nicht nur vonseiten der Beraubten, sondern auch aus den wissenschaftlichen Gemeinden der einstigen oder noch aktiven Kolonisatoren. Zu letzteren zählt die an der Universität Tel Aviv lehrende Kunsthistorikerin Rona Sela den Staat Israel, der militärische Operationen wiederholt dazu genutzt hat, sich palästinensischer Archive und Privatsammlungen zu bemächtigen. In einem Aufsatz erörtert sie einen besonders eklatanten Fall: die Beschlagnahme sämtlicher Archivbestände in der Zentrale der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in Beirut 1982 („The Genealogy of Colonial Plunder and Erasure – Israel’s Control over Palestinian Archives“ in: Social Semiotics, Bd. 28, Heft 2, 2018 / Taylor & Francis).

Schon ein Jahr nach ihrer Gründung 1964 richtete die PLO in Beirut neben dem dort seit 1963 bestehenden akademisch ausgerichteten „Institut für Palästinensische Studien“ – Herausgeber des „Journal of Palestine Studies“ – das stärker politisch orientierte „Palästina-Forschungszentrum“ ein. Dazu gesellte sich 1970 die zunächst in Jordanien ansässige Filmabteilung der PLO, die sich nach ihrer Verlegung nach Beirut „Palästinensisches Kino-Institut“ nannte.

Die beiden letztgenannten Einrichtungen, die in der Beiruter PLO-Zentrale untergebracht waren, hatten den Auftrag, den palästinensischen Befreiungskampf und das Leben der Flüchtlinge zu dokumentieren. Das Forschungszentrum, das eine umfangreiche Bibliothek aufbaute, trug darüber hinaus mit einer Reihe eher populärwissenschaftlicher Publikationen zur Vertiefung der Kenntnisse über die palästinensische Geschichte bei. Abgesehen von der Darstellung des israelisch-palästinensischen Konflikts aus der Sicht der Palästinenser wurde auch über Israels Staatsinstitutionen und Gesellschaft geforscht.

Israelische Gesetzbücher ließ man liegen

Als die israelische Armee 1982 in Beirut einmarschierte, setzten sich die meisten PLO-Milizionäre mit Handgepäck und Waffen nach Tunis ab. Die Israelis fuhren mit Lastwagen vor der eiligst verlassenen PLO-Zentrale vor und luden neben den Bibliotheksbeständen alle auffindbaren Unterlagen ein – Sitzungsprotokolle der Knesset und israelische Gesetzbücher ließ man allerdings liegen. Im November 1983 wurden im Rahmen eines Gefangenenaustausches auch konfiszierte Archivbestände des Palästina-Forschungszentrums, die in Israel kopiert worden waren, an die PLO zurückgegeben. Die Vereinbarung berührte jedoch nicht die beschlagnahmten Film- und Fotografiesammlungen des Kino-Instituts. Diese werden seitdem mit den Kopien der Bestände des Palästina-Forschungszentrums im israelischen Militärarchiv in Kiryat Ono bei Tel Aviv unter Verschluss gehalten. Rona Sela führt seit knapp zwei Jahrzehnten einen zähen bürokratischen Kampf um das Recht, Einsicht in die erbeuteten Archive zu erhalten – bislang mit relativ begrenztem Erfolg.

Wie die erbeuteten palästinensischen Dokumente und visuellen Zeugnisse – auch aus weiteren konfiszierten Sammlungen – von den israelischen Archivaren im Sinne des, wie Rona Sela es ausdrückt, „kolonialen israelischen Geschichtsnarrativs“ verwaltet und katalogisiert wurden, hat die Kunsthistorikerin in mehreren wissenschaftlichen Aufsätzen analysiert. 2009 folgte zum Thema eine erste Buchpublikation, 2017 drehte sie zudem den Dokumentarfilm „Looted and Hidden – Palestinian Archives in Israel“.

Die Strategie, möglichst wenig des konfiszierten Materials ans Licht der Öffentlichkeit gelangen zu lassen, lässt sich schon an der Regelung des Zugangs zum Militärarchiv ablesen. Wissenschaftler müssen einen schriftlichen Antrag stellen, wobei sie je nach Volkszugehörigkeit, Tätigkeit und Forschungsinteresse unterschiedlich behandelt werden – Sela stellte dies fest, als sie einen palästinensischen Kollegen begleitete, der bei der Antragstellung auf noch größere Hürden stieß als sie.

Sperrfristen werden willkürlich verlängert

Die Israelin musste immer wieder Rechtsanwälte einschalten, um unter Verschluss gehaltenes Material einsehen zu dürfen oder zumindest Informationen darüber zu erhalten. Die Archivare und deren Vorgesetzte im Verteidigungsministerium wiesen Selas Anträge auf Akteneinsicht wiederholt ab. Dabei beriefen sie sich mal auf eine Klausel im israelischen Archivgesetz, die auf die Sicherheitsinteressen des Staates verweist, mal auf eine bestehende Sperrfrist, die bisweilen auch willkürlich verlängert wurde.

Bei ihrer bis heute andauernden Suche nach erbeutetem palästinensischem Archivmaterial hat Rona Sela mit einer Vernebelungspolitik zu kämpfen, die sie folgendermaßen beschreibt: „Es ist nicht bekannt, wie viele der geplünderten Archive das israelische Militärarchiv beherbergt, auch nicht zu wie vielen der Zugang eingeschränkt ist und unter welchen Umständen sie beschlagnahmt wurden.“ Zudem scheinen die israelischen Archivare bemüht zu sein, die genaue Herkunft der geraubten palästinensischen Unterlagen zu verschleiern.

So wurde der Kunsthistorikerin gegenüber trotz etlicher Anfragen bisher nicht bestätigt, dass Bestände des Palästinensischen Kino-Instituts nach Israel gelangten, obwohl dies als sicher gilt. Filme aus diesem Fundus, die Rona Sela sich dennoch ansehen durfte, werden – wie generell das konfiszierte palästinensische Material aus dem Libanon – als Kriegsbeute geführt und ihre Herkunft mit „PLO-Archiv in Beirut“ angegeben, obgleich ein solches unter dieser Bezeichnung nie existierte. Auch findet im Militärarchiv eine umfassende Umdeutung statt: PLO-Angehörige werden pauschal als „Terroristen“ bezeichnet, und in Einzelfällen schreckt man auch nicht davor zurück, Details auf zur Einsicht freigegebenen Fotografien zu retuschieren.

Eine Doktorarbeit über digitale Rettungsversuche

Dass Rona Selas 2009 in Israel als Buch veröffentlichte Materialsammlung vor zwei Jahren von einem palästinensischen Verlag ins Arabische übersetzt wurde, ist nur ein Zeichen dafür, dass auf palästinensischer Seite das Interesse an dem Thema wächst. Ebenfalls 2018 legte Bashar Shammout an der Universität Paderborn seine Dissertation „Digitale Erhaltung des auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas. Grundlagen und Perspektiven“ vor – die erste umfassende Beschreibung der geraubten und verstreuten palästinensischen Archive und Sammlungen.

Ursprünglich wollte sich der Sohn des palästinensischen Künstlerehepaars Tamam el Akhal und Ismail Shammout – der 2006 verstorbene Vater Shammout war als Leiter der Kulturabteilung der PLO in Beirut auch an Projekten des Palästinensischen Kino-Instituts beteiligt –, auch mit den rechtlichen Aspekten möglicher Restitutionsforderungen befassen. Wie er jedoch schreibt, musste er wegen der für die Palästinenser „immer schwieriger werdenden politischen Realität“ seine diesbezügliche „Vision“ aufgeben.

Nicht weniger ernüchternd erwies sich für die junge palästinensische Politikwissenschaftlerin Hana Sleiman die Suche nach dem Verbleib des ursprünglichen Archivs des Palästina-Forschungszentrums. Wie ihre Recherchen ergaben („The Paper Trail of a Liberation Movement“, in: Arab Studies Journal, Bd. 24, Heft 1, 2016 / Georgetown University), hatten PLO-Angehörige nach dem Rückzug der israelischen Armee aus Beirut noch verbliebene Materialbestände wieder im Gebäude der PLO-Zentrale untergebracht. Im Februar 1983 wurden diese jedoch bei einem Bombenanschlag, den die Palästinenser Israel zuschreiben, vollständig vernichtet.

Was möchte die PLO-Führung wissen?

Die von den Israelis im November 1983 unter Vermittlung des Roten Kreuzes in Algier an den dortigen diplomatischen Vertreter der PLO zurückgegebenen Materialien aus Beirut enthielten laut Sleiman lediglich die Bibliothekssammlung. Nach der Übergabe wurde sie zunächst in einer algerischen Armeebasis nahe der tunesischen Grenze verwahrt, von wo sie, nachdem die israelische Luftwaffe Anfang Oktober 1985 die neue PLO-Zentrale in Tunis bombardiert hatte, in ein Militärlager in der algerischen Wüste verlegt wurde.

1986 reisten zwei leitende palästinensische Mitarbeiter des Forschungszentrums, das 1985 auf Zypern neu eingerichtet worden war, nach Algerien, um das zurückgegebene Material zu sichten. Ihre Versuche, es nach Zypern zu holen, scheiterten an den Meinungsdifferenzen innerhalb der PLO-Führung über die Unterbringung der Sammlung. Ob diese von Anfang an offenbar nicht sachgemäß in rund hundert Kisten aufbewahrten Restbestände überhaupt noch existieren, konnte Hana Sleiman nicht klären. Dass sich, wie sie darlegt, die Palästinensische Autonomiebehörde dafür nicht interessiere, hat aus Sicht der Politologin System: Die PLO sei heute an ihrer revolutionären Vergangenheit kaum interessiert, das in Ramallah befindliche Palästinensische Nationalarchiv widme sich vor allem der Dokumentation der Geschichte der Autonomiebehörde.

Quelle: F.A.Z.
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