FAZ plus ArtikelPompejanisches Mosaik

Wenn der Stürmende den Fahrenden hält

Von Bernard Andreae
Aktualisiert am 24.07.2020
 - 18:24
Er allein? Nein, der junge Alexander hätte die Perser nicht besiegt, wenn ihm Seleukos, der General seiner Gardeinfanterie, nicht beigestanden hätte.
Die Kopie eines verlorenen Denkmals gibt noch immer Rätsel auf: Das Alexandermosaik in Neapel sollte man eigentlich Seleukosmosaik nennen. Denn dem wehrlosen Alexander eilt General Seleukos tapfer per Fuß zu Hilfe.

Donald Trump hat sich zum Vorbild seiner Stirnlocke offenbar das Bildnis des siegreichen Alexanders des Großen aus dem berühmten pompejanischen Mosaik in Neapel genommen. Zum Unterschied ist sein Haar allerdings blond im Gegensatz zu Alexanders dunkel melierter Haarfarbe.

Doch ist Alexander wirklich siegreich? Der Helm wurde ihm vom Kopf geschlagen und ist zu Boden gerollt. Seine Gesichtszüge drücken Entsetzen aus. Die Brauen sind zusammengezogen, seine Augen weit aufgerissen. Ein Perser auf steigendem Streitross, der sich dem Angriff der Makedonen entgegengeworfen hatte, hebt das Schwert. Alexander konnte sein eigenes, um die Hüfte gegürtetes Schwert nicht ziehen. Denn mit der Rechten schwingt er die fünf Meter lange Lanze, die Sarisse, eine makedonische Siegeswaffe. Er wollte sie gegen den hoch auf dem Streitwagen stehenden Großkönig Dareios richten. Doch ein weiterer Perser zu Pferd, der sich ihm entgegenwarf, hatte die Lanze in der Luft ergriffen und die Spitze, als er mit seinem in die Seite getroffenen Pferd zu Boden sinkt, in den eigenen Körper gelenkt. Sie fährt an der Hüfte wieder aus dem Leib heraus und wird im nächsten Augenblick unter dem Druck des Sturzes in mehrere Stücke zerbrechen.

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Figurationen historischer Existenz: Bernard Andreae wird neunzig

Als Bernard Andreae 1992 in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen wurde, stellte sein Laudator, der Rechtshistoriker Franz Wieacker, den damaligen Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom in die auf Winckelmann zurückgehende Tradition einer klassischen Archäologie, die sich für die „Sprache der hohen Bildwerke“ in zweifachem Sinne interessiert, für die „Formensprache als Ausdruck geistiger Existenz“ und für die „Sprache der Bildprogramme als Ausdruck des historisch-politischen Selbstverständnisses“. Das Werk Andreaes, der sich in Bonn habilitierte und als erster Professor seines Faches in Bochum gemeinsam mit Max Imdahl die Kunstsammlungen der Ruhr-Universität aufbaute, repräsentiert in Wieackers Deutung einen Wandel der „Erkenntnisabsicht“ der Disziplin gegenüber deren eigenem klassischen Zeitalter. „Suchte sie dereinst von der Renaissance bis zum zweiten Humanismus den Kanon der eigenen Gesittung, so heute in immer konkreterem Zugriff die Evokation historischer Existenz.“ Eine Grundfigur historischer Existenz präparierte Andreae 2003 in seiner Laudatio auf Richard Serra bei dessen Aufnahme in den Pour le Mérite heraus: „Wenn das Stürzende das Fallende hält“, steht man vor einem Werk des auch in Bochum prominent vertretenen Bildhauers.

1973 erschien der erste Artikel aus Andreaes Feder in unserem Feuilleton; auf der Seite Geisteswissenschaften trug er 1995 den Disput mit Nikolaus Himmelmann über die Laokoon-Gruppe und die Statuen zur Odysseus-Sage aus Sperlonga aus. Schon 1978 wurde seine Bildmonographie über das Alexandermosaik von Pompeji unseren Lesern vorgestellt. 2003 präsentierte er in dieser Zeitung seine These über den Auftraggeber des dem Mosaik zugrundeliegenden Gemäldes. Bernard Andreae, der am 27. Juli seinen neunzigsten Geburtstag feiert, fasst seine Deutung hier noch einmal zusammen, weil sie ihm als eine wichtige der etwa dreißig Entdeckungen erscheint, die ihm in der Wissenschaft gelungen seien. Von Patrick Bahners

Quelle: F.A.Z.
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