Ursprung des Deutschen

Runen aus Karthago

Von Wolfgang Krischke
Aktualisiert am 21.06.2020
 - 17:29
Runenstein im schwedischen Karlevi
Sprachwissenschaftler streiten über den Ursprung des Deutschen. Haben afrikanische Händler ihre Sprache und Schrift an die Nordseeküste gebracht?

Woher stammen die Runen? Von Odin persönlich, wenn man den germanischen Mythen glaubt. Der Göttervater empfing Visionen, die ihn lehrten, wie man die spitzwinkligen Zeichen ritzt und ihre magische Macht benutzt. Die Antworten der Wissenschaft fallen nüchterner, aber nicht unbedingt klarer aus. Als sicher gilt nur, dass die Germanen die Runen nicht erfunden haben. Sie griffen auf eine Vorlage zurück, die sie abwandelten. Doch welche das war, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Lehrbücher bieten drei Möglichkeiten: das griechische, das etruskische oder das lateinische Alphabet, die alle auf die phönizische Schrift zurückgehen. Dass nur diese drei als Vorbilder für die Runen in Frage kommen, darin immerhin stimmt die ganze Fachwelt überein.

Die ganze Fachwelt? Nein! Der Germanist Theo Vennemann von der Universität München und sein Kollege Robert Mailhammer von der Northwestern University in Sydney sind Dissidenten der herrschenden Lehre. Sie präsentieren ein Szenario, in dem die Phönizier selbst, genauer gesagt die nordafrikanischen Karthager, die Geburtshelfer der Runen waren. Wie sie die Schriftkultur ihrer hochentwickelten Zivilisation nach Germanien gebracht haben sollen, beschreiben Vennemann und Mailhammer in ihrem Buch „The Carthaginian North. Semitic influence on early Germanic“ (John Benjamins Publishing Company, 2019).

Danach segelten die Punier, wie die Karthager von den Römern genannt wurden, von etwa 500 vor Christus an zu den Nordseeküsten im heutigen Schleswig-Holstein und Südskandinavien. Das sind tatsächlich die Regionen, wo auf Schmuckstücken, Waffen und Steinen die ältesten Runeninschriften – Namen, kurze Mitteilungen, Sprüche oder magische Formeln – gefunden wurden. Hier, so Vennemann und Mailhammer, legten sie Niederlassungen an, um Handel mit Bernstein, Holz und gesalzenem Fisch zu betreiben. Dabei kam es zwischen ihnen und den Germanen zu intensiven sprachlichen und kulturellen Kontakten. Sie dauerten mindestens bis zur Vernichtung Karthagos durch die Römer 146 vor Christus.

Die Germanen im Umfeld der karthagischen Siedlungen übernahmen nicht nur das Alphabet. Sie lernten auch die punische Sprache, eine Variante des Phönizischen, die wie das Arabische und Hebräische zur semitischen Sprachfamilie gehört. Zugleich entlehnten sie zahlreiche Wörter ins Germanische. Ausdrücke wie „Volk“, „Erde“, „Pflug“, „Sippe“ oder „Adel“ führen Vennemann und Mailhammer auf semitische Wurzeln zurück. Auch die punische Grammatik soll dem Germanischen ihren Stempel aufgedrückt haben.

Die Kolonisatoren, so die Theorie, lernten ihrerseits Germanisch und stülpten ihm dabei unbewusst ihr punisches Ablautschema über. Ihr Prestige sorgte dafür, dass dieses „Ausländer-Germanisch“ schließlich auch von den Einheimischen übernommen wurde. Unter dem Einfluss des Punischen hielten auch Zeitstufen wie Vergangenheit und Gegenwart Einzug in die Konjugation der germanischen Verben. Zuvor stand, wie in den indogermanischen Sprachen sonst, der „Aspekt“ im Mittelpunkt. Er kennzeichnet, ob ein Vorgang kontinuierlich oder punktuell ist.

Die einzelnen Bausteine ihrer Theorie haben Vennemann und seine Schüler – zu denen auch Robert Mailhammer gehört – in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt. Das Buch führt nun diese Facetten erstmals zu einem Gesamtbild zusammen. Es dürfte, wie schon zuvor die Studien, auf denen es beruht, bei der großen Mehrheit der Germanisten, Skandinavisten und Indogermanisten kräftigen Widerspruch hervorrufen. Die gesamte Karthager-Theorie hat nämlich einen Schönheitsfehler. Ihr fehlen hieb- und stichfeste Beweise. Zwar ist belegt, dass Phönizier Expeditionen zu den Britischen Inseln unternahmen. Reisen nach Germanien jedoch sind weder in den schriftlichen Quellen noch durch archäologische Zeugnisse dokumentiert.

Hinzu kommt, dass die ältesten gesicherten Runenfunde erst aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus stammen. Um die archäologische Leere in den Jahrhunderten zuvor zu erklären, verweisen Vennemann und Mailhammer auf die zahlreichen Überflutungen der Küsten in den vergangenen zweieinhalb Jahrtausenden und darauf, dass die meisten Runeninschriften wohl in vergängliches Holz geritzt wurden. „Außerdem könnte es sein, dass manche der Runenfunde eigentlich früher anzusetzen sind, denn die Datierungsmethoden sind nicht jahrhundertgenau“, sagt Robert Mailhammer.

Die Indizienketten, auf die er und Vennemann sich stützen, sind der übrigen Forschergemeinde zu spekulativ. Zu den entschiedenen Kritikern gehört der Indogermanist Harald Bichlmeier von der Universität Halle. Die semitischen Etymologien germanischer Wörter findet er alles andere als zwingend: „Die meisten der angeführten Ausdrücke lassen sich viel plausibler aus dem Urindogermanischen herleiten.“ Auch die postulierten Einflüsse des Punischen auf die germanische Verbflexion sind für ihn „blanke Spekulation“: Die grammatischen Formen seien keine Besonderheit des Semitischen und Germanischen, ähnliche Strukturen gebe es auch in der balto-slawischen, keltischen und romanischen Sprachfamilie.

Beweiskraft des Runenalphabets

Am meisten Überzeugungskraft entfaltet die Karthager-Theorie, wenn es um die Runen geht. Auch Kritiker räumen ein, dass sie auf elegante Art einige Besonderheiten erklärt, durch die sich die Runenschrift vom griechischen, etruskischen oder lateinischen Alphabet unterscheidet. So beginnt die Reihe der 24 germanischen Buchstaben nicht mit einem A, sondern mit einem F. Außerdem hat jede Rune einen Namen mit einer konkreten Bedeutung. Er beginnt mit dem Laut, für den das jeweilige Zeichen steht. So bedeutet die F-Rune „fehu“, das heißt „Vieh“.

Bei den Griechen, den Römern und wahrscheinlich auch den Etruskern gab es solche Buchstaben-Begriffe nicht. Verblüffender noch ist eine andere Parallele: Der erste Buchstabe des phönizischen Alphabets hat die gleiche Gestalt wie die F-Rune, mit der die germanische Zeichenreihe beginnt. Er trägt den Namen: „’Aleph“, das „Rind“, woraus später im Griechischen das bedeutungsleere „Alpha“ wurde. In Wirklichkeit stand „’Aleph“ bei den Phöniziern allerdings gar nicht für den A-Laut, sondern für einen ganz am Anfang des Wortes stehenden Kehlkopflaut, den die Germanen nicht hatten. Sie orientierten sich deshalb nicht am Lautwert, sondern übersetzten das Wort „’Aleph“ mit „fehu“. Das F-Zeichen setzten sie dann für den Laut ein, der am Anfang dieses Wortes stand. So unmittelbar einleuchtend sind die phönizischen Herleitungen, die Vennemann und Mailhammer für die übrigen Runen anbieten, allerdings nicht. Eine andere Eigenart der Runenschrift, hinter der sie eine phönizische Herkunft vermuten, ist der Verzicht auf die Schreibung von Doppelkonsonanten.

„Der Anfang des Runenalphabets und die Runennamen sind in der Tat zwei starke Argumente für Theo Vennemanns Theorie“, sagt Michael Schulte, Sprachhistoriker an der norwegischen Universität von Agder. Doch er sieht auch „eine wesentliche Schwäche“: Die Germanen hatten Runen auch für die Vokale, während sich das phönizische Alphabet primär auf Konsonantenbuchstaben beschränkte. Erst die Griechen fügten systematisch Vokalzeichen hinzu, was die Etrusker und Römer übernahmen. Dass die Germanen ihre Vokalrunen unabhängig von solchen Vorlagen entwickelt haben, hält Schulte für unwahrscheinlich, zumal gerade diese Runen den entsprechenden lateinischen oder etruskischen Buchstaben stark ähnelten. Mailhammer und Vennemann verweisen dagegen auf die späte punische Schrift, in der Konsonantenbuchstaben zu Vokalzeichen umfunktioniert wurden. An dieser Praxis hätten sich die Germanen orientiert.

Wer, wie die Mehrheit der Runen-Forscher, an eine römische oder nordetruskische Vorlage glaubt, muss erklären, warum die ältesten Runeninschriften in Südskandinavien und nicht in den Alpen oder am Limes gefunden wurden. Für Wilhelm Heizmann, Professor für Nordistik an der Universität München, ist die Runenschrift Frucht einer kulturellen Blütezeit, die in Südskandinavien seit dem ersten Jahrhundert herrschte. Die germanische Oberschicht dort importierte Luxusgüter aus dem Imperium und orientierte sich am Lebensstil der römischen Elite. „In diesem Zusammenhang könnten die Germanen auch das Alphabet übernommen haben, das sie dann für ihre Zwecke abwandelten“, so Heizmann.

Solange Grabungen im Norden keine phönizischen Zeugnisse zutage fördern, liegen solche Rekonstruktionen näher als die Karthago-Theorie. Verdienstvoll ist sie gleichwohl, schon weil sie fruchtbaren Streit provoziert. Wie scharf der werden kann, wissen Theo Vennemann und Robert Mailhammer aus Erfahrung. Im Vorwort ihres Buches bitten sie vorsorglich um Entschuldigung, falls die Lektüre Zorn erregen sollte.

Quelle: F.A.Z.
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