Schädelfund in China

Forscher sprechen von neuer Frühmenschenart

26.06.2021
, 02:02
Eine Illustration des „Drachenmenschen“ – vermutlich ein Vorfahre des homo sapiens
85 Jahre versteckte ein Arbeiter einen Schädel aus dem Mittleren Pleistozän. Wissenschaftler, die ihn jetzt untersuchen konnten, sagen, er könne uns helfen, die Entstehung des homo sapiens besser zu verstehen.

Ein im Nordosten Chinas entdeckter Schädel könnte nach Einschätzung von Wissenschaftlern zu einer prähistorischen Menschenart gehören, die enger mit dem modernen Menschen verwandt ist als der Neandertaler. Wie die Forscher im Fachmagazin „The Innovation“ schreiben, könnte das Gehirn des Homo longi oder „Drachenmenschen“ – benannt nach der Region des Fundes – in etwa so groß wie das des modernen Menschen gewesen sein. Die großen Augenhöhlen, die dicken Augenbrauenwülste, der breite Mund und die großen Zähne erinnern dagegen eher an den Neandertaler.

Der Schädel ist den Angaben zufolge mindestens 146.000 Jahre alt, aber nicht älter als 309.000 Jahre. Damit stammt er aus dem Mittleren Pleistozän. Er wurde in den 1930er Jahren in Harbin im Nordosten Chinas gefunden, lag aber offenbar 85 Jahre in einem Versteck in einem Brunnen und wurde erst 2018 dem Professor Ji Qiang aus Shijiazhuang in der chinesischen Provinz Hebei übergeben. Ein chinesischer Arbeiter hatte ihn gefunden und vor den Japanern versteckt, die zu der Zeit China besetzten. Erst kurz vor seinem Tod klärte er seine Verwandte über den Fund auf.

„Unseren Untersuchungen zufolge ist der Harbin-Mensch enger mit dem Homo sapiens verbunden als die Neandertaler“, sagte Chris Stringer vom Naturkundemuseum in London, der einer der Co-Autoren der Studie ist, der Nachrichtenagentur AFP. Die Forscher untersuchten anhand von mehr als 600 Merkmalen zunächst die äußere Morphologie des Schädels und suchten dann per Computersimulation nach verwandten Fossilien.

So könnte der „Drachenmensch“ ausgesehen haben – eine Computeranimation der Wissenschaftler.
So könnte der „Drachenmensch“ ausgesehen haben – eine Computeranimation der Wissenschaftler. Bild: AFP

Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Harbin-Menschen und einige andere Fossilien aus China „neben dem Neandertaler und dem Homo sapiens eine dritte Abstimmungslinie bilden“, wie Stringer erläutert.

Jäger und Sammler

Die Forscher vermuten weiter, dass der Schädel von einem etwa 50 Jahre alten Mann stammt, der in einer bewaldeten Flussaue lebte. „Es handelte sich vermutlich um Jäger und Sammler, die sich aus der Natur ernährten“, sagte Stringer. Im Winter habe der Homo longi in Harbin wohl mit „noch rauerer Kälte“ zurechtkommen müssen als die Neandertaler.

„Als ich das Bild des Fossils zum ersten Mal sah, dachte ich, jetzt wissen wir endlich, wie Denisovaner aussahen“, sagte Philipp Gunz, ein Paläoanthropologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der New York Times. Die Denisovaner sind eine Abstammungslinie des gegenwärtigen Menschen, dem homo sapiens. Neben dem Neandertaler sind sie unsere nächste ausgestorbenen Verwandten, kreuzten sich gar mit den Menschen und wir tragen heute Teile ihrer DNA.

Nur vier Jahre zuvor hatten Forscher in der Nähe von Peking einen anderen menschenähnlichen Schädel gefunden, der den Spitznamen Peking-Mensch erhielt. Er schien die Menschen Asiens mit ihren evolutionären Vorläufern zu verbinden.

Quelle: AFP/frez.
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