Stadtgeschichte Berlin

Was eine Latrine verrät

Von Tilman Spreckelsen
28.04.2021
, 18:23
Ein Meter achtzig im Quadrat, nach unten offen: Die Latrine von der Fischerinsel wurde geborgen und versetzt.
Von den Menschen, die im Mittelalter auf der Fischerinsel in Berlin lebten, ist nicht viel geblieben. Ausgerechnet ihr Unrat gibt über sie Auskunft.

Müllhalden und Latrinen sind vielversprechende Orte für archäologische Untersuchungen. Sei es, dass der in der Wüste bewahrte antike Abfall der ägyptischen Stadt Oxyrhynchos heutigen Forschern Zugang zu verlorenen Texten verschafft oder dass die Suche in der Müllgrube von Martin Luthers Elternhaus die Legende von der ärmlichen Herkunft des Reformators Lügen straft.

Nun ist eine gemauerte Latrine aus dem 14. Jahrhundert, die 2016 auf der Fischerinsel im Berliner Bezirk Mitte entdeckt worden ist, insgesamt geborgen worden. Die aus Ziegelsteinen gemauerten, je etwa 1,80 Meter langen Seiten der quadratischen Latrine wurden dafür vor dem Transport stabilisiert. Auf dem Gelände, das zu den am frühesten besiedelten Berlins gehört, sollen 210 Wohnungen entstehen. In der untersten Schicht der Latrine, dem ältesten erhaltenen Steinbauwerk in diesem Bereich, kamen außer Hinweisen auf menschliche Fäkalien und einer mit einem Greif verzierten gotischen Kachel auch einige vollständig oder zum großen Teil intakte Keramikgefäße zum Vorschein, an denen die beteiligten Archäologen angebrannte Reste feststellten. Auch Nachtgeschirr wurde entdeckt, das – obwohl unbeschädigt – womöglich aus Pietät gegenüber einem gestorbenen Vorbesitzer entsorgt wurde. Tierknochen, die ebenfalls geborgen wurden, müssen noch untersucht werden.

Aus den Sedimentschichten der Latrine kamen einige Keramikgegenstände zum Vorschein, darunter eine mit einem Greif verzierte Kachel (rechts unten).
Aus den Sedimentschichten der Latrine kamen einige Keramikgegenstände zum Vorschein, darunter eine mit einem Greif verzierte Kachel (rechts unten). Bild: Archiv Landesdenkmalamt Berlin/Mercedes Gransow

Für die damalige Zeit sind gemauerte Latrinen anstelle von Holzkonstruktionen eher unüblich, so dass von wohlhabenden Besitzern ausgegangen werden kann. Dafür spräche auch die Nähe zum alten Cöllnischen Rathaus. Die geborgene Latrine soll in einem kleinen Pavillon in einem nahen Park dauerhaft ausgestellt werden.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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