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Toll schrieben es die alten Römer

Von ULF VON RAUCHHAUPT

22.01.2020 · Lustmolche, Liebeskranke, Literaturkenner – im Mauerputz antiker Städte haben sich Mitteilungsbedürftige aller Art ausgetobt. Denn im Imperium Romanum blühte bis in die untersten Gesellschaftsschichten hinein eine Schriftkultur. So wurden Wände zu sozialen Medien.

F utuo, futui, fututa ist ein lateinisches Verb der konsonantischen Konjugation mit u-Perfekt. In einer Grammatik für Gymnasien wird man es freilich vergeblich suchen, ebenso in Wörterbüchern für den Schulgebrauch. Langenscheidts Großwörterbuch Lateinisch-Deutsch (16. Auflage 1967) erwähnt es, aber ausdrücklich gekennzeichnet als ein Wort, das „sich weder bei Cicero und Caesar noch bei Sallust, Nepos oder Livius findet und im allgemeinen zu meiden ist“. Die dann angegebene deutsche Wiedergabe („beschlafen“) verfehlt die Stilebene ziemlich. Im heutigen Deutsch hat „futuere“ eigentlich nur eine korrekte Übersetzung: „ficken“.

Ohne diese Vokabel mag man also mit Cicero zurechtkommen, aber nicht mit so manchem der Graffiti, die auf den Wänden antiker Bauwerke erhalten geblieben sind. Für deren Lektüre sind außerdem Vokabeln wie „fellare“ und „cunnum lingere“ erforderlich sowie die vom obigen Verb abgeleiteten Substantive „fututor“ beziehungsweise sein weibliches Pendant „fututrix“. Auch „mentula“ kommt häufig vor. Das Wort bezeichnet ein männliches Körperteil in spezifisch außeranatomischen Kontexten.


ADMIROR TE PARIES NON C(E)CIDISSE QUI TOT SCRIPTORUM TAEDIA SUSTINEAS

Ich wundere mich, Wand, dass du noch nicht eingestürzt bist, die du den widerlichen Kram so vieler Schreiber trägst.

Ein holperiges Distichon im Amphitheater Pompejis. Ähnliche selbstreferentielle Kommentare der pompejanischen Graffitiszene finden sich mehrfach an anderen Orten der Stadt.

Tatsächlich sind römerzeitliche Kritzeleien an Gebäudewänden, die sich eines pornographischen Fachwortschatzes befleißigen, eine wahre Fundgrube. Besonders viele solcher Textzeugnisse sind uns aus dem im Jahr 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuvs untergegangenen Pompeji erhalten. Fast zehntausend Wandtexte wurden in den von Asche verschütteten Ruinen der kampanischen Stadt bisher gefunden, einige davon zusammen mit Zeichnungen. Rund tausend davon hat der niederländische Latinist Vincent Hunink von der Radbout University in Nijmegen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dabei konzentrierte er sich auf Inschriften „eher persönlicheren Charakters“ und ließ zum Beispiel Wahlaufrufe (siehe „Der letzte Kampf des Helvius Sabinus“), Ankündigungen öffentlicher Spiele oder andere Reklame weitgehend außen vor. Wandbeschriftungen dieser Art waren in der Regel planvoll und in roter oder schwarzer Farbe aufgetragen, weswegen Archäologen sie „dipinti“ nennen, mit dem italienischen Wort für „Gemälde“. „Graffiare“ dagegen bedeutet „kratzen“. Graffiti im eigentlichen Sinne sind also nur solche Beschriftungen, die mit einem spitzen Gegenstand irgendwo eingeritzt worden waren: rasch, spontan, mitunter unvollendet und in der Regel wohl ohne Genehmigung des Gebäudeinhabers.

Und natürlich nicht nur in Pompeji. „Alle Säulen, alle Wände sind vollgeschrieben“, berichtet Plinius der Jüngere über das Heiligtum der Clitumnus-Quelle in Umbrien. Allein, die Kritzeleien überdauerten meist nicht lange, außer eben an den Hauswänden am Fuße des Vesuvs, die später nie mehr übertüncht, abgerissen oder umgebaut wurden. In den anderen mehr als zweitausend Städten des Imperiums sind solche Textzeugnisse dagegen rar. Selbst in Rom fanden sich insgesamt weniger als 400 antike Graffiti. Dabei war nach dem Zeugnis damaliger Autoren keine erreichbare Wandfläche vor solchen Verzierungen sicher. Nicht nur die Bedürfnisanstalten waren voll mit „Versen, die sie beim Kacken lesen“, wie es bei Martial heißt. Auch auf Tempeln, Statuen und sogar Gräbern hinterließ man massenweise Schriftliches.


(A)RMA VIRUMQUE CANO TROIA(E) QUI PRIMUS AB ORIS

Von Waffen singe ich und von dem Mann, der zuerst von Trojas Küste...

Die erste Zeile der Aenaeis des Vergil. Darunter eine Parodie davon: Fullones ululamque cano non arma virumque (Von den Stoffwalkern singe ich und vom Käuzchen, nicht von Waffen und dem Mann).

„Die Bedeutung dieses Materials für unser Verständnis des städtischen Alltags und des gesprochenen Lateins kann gar nicht überschätzt werden“, schreibt Vincent Hunink. Und „adult entertainment“ war dabei offenbar ein Hauptthema: Von den rund tausend Graffiti in Huninks Sammlung sind schätzungsweise zwanzig Prozent obszönen Inhalts. Darin sind solche noch gar nicht mitgerechnet, die man als Preislisten von Unternehmen des Rotlichtgewerbes verstehen kann, und auch nicht jene, die sich warnend an Passanten richten, welche sich anschicken, vor Ort ihre Notdurft zu verrichten. Ebenfalls fehlen in dieser Statistik Inschriften, in denen Ausdrücke wie „fellator“ offenbar nur mit dem Ziel der Herabsetzung einer dann namentlich genannten Person verwendet wurden – vergleichbar der heute im angelsächsischen Bereich verbreiteten Anrede „Motherfucker“. Allerdings ist es in vielen Fällen nicht einfach zu entscheiden, was eine Beschimpfung ist und was eine Obszönität im engeren Sinne. So könnte „Cunnum lingis“ ähnlich eingesetzt worden sein wie heute „fuck you!“. Umgekehrt hält es Vincent Hunink für denkbar, dass uns Wörter wie „sitiens“ (durstig) zwar harmlos vorkommen, der Schreiber sie damals aber in durchaus anzüglicher Weise gemeint hat und sie seinerzeit auch so verstanden wurden.


Für uns heute erstaunlich an den Graffiti dieser Themengruppe ist höchstens, dass sich einige bildlich illustrierte Exemplare an denselben Wänden finden, die auch Zeichnungen kleiner Kinder tragen. Und für manche vielleicht auch, dass sie nicht alle von Männern stammen: „Fututa sum hic“ heißt es beispielsweise an einer Stelle, mit der ersten Person Singular Perfekt Passiv im Femininum. Kaum überraschen kann dagegen der inhaltliche Schwerpunkt als solcher. Aber in einer Zeit, da die ebenfalls nicht immer jugendfreien Verse eines Dichters wie Catull kein Gemeingut mehr sind, mag es doch – je nachdem – entsetzen oder interessieren, dass sich in der Sprache Senecas und Vergils durchaus auch Sauereien formulieren lassen.


MIXIMUS IN LECTO FATEOR, PECCAVIMUS. HOSPES SI DICES QUARE, NULLA MATELLA FUIT

Wir haben ins Bett gepinkelt, ich gestehe, es war unser Fehler. Wirt, wenn du fragst warum: es war kein Nachttopf da.

Die Zeilen fanden sich tatsächlich in der Nähe eines Gasthauses.

Natürlich hatten die Pompejaner nicht nur dieses eine Thema. Die aufs Ganze gesehen zweitgrößte Themengruppe in Huninks Sammlung bilden Zeilen, wie sie heute noch in großer Zahl an Wänden, Baumrinden oder Autobahnbrücken hinterlassen werden. „Marcus Spendusa(m) amat“ (Marcus liebt Spendusa) füllt etwa ein solches Format. Die Einordnung ist allerdings zuweilen schwierig und Hunink selbst liefert sie auch nicht, denn bei ihm sind die Graffiti nach ihren Orten in der Stadt Pompeji organisiert. So klar als Liebesbekundungen klassifizierbar wie die Feststellung zu Marcus und Spendusa sind kaum drei Dutzend der tausend Graffiti der Sammlung. Aber von denen, die einfach nur Namen oder Abschiedsgrüße hinterlassen („Prima“, „Hyla vale“), könnten etliche durchaus von Verliebten hinterlassen worden sein. Der Wuppertaler Altphilologe Karl-Wilhelm Weeber hat in seiner eigenen kleinen Graffiti-Auswahl eine Reihe römischer Wandtexte zusammengestellt, die sich diesem Thema poetisch nähern – mit mal mehr mal weniger Sicherheit in der Beherrschung der metrischen Formen. „Amantes ut apes vitam mellitam exigunt“ (Liebende führen gleich den Bienen ein honigsüßes Leben) heißt es da zum Beispiel. Wobei gleich darunter ein zweiter Schreiber hinzugefügt hat: „velle" – was Weeber mit „Denkste!“ übersetzt. Wie es im Übrigen häufiger vorkommt, dass ein Graffiti auf ein anderes Bezug nimmt. Solch eine Wand hat eben, sofern nur noch ein bisschen Platz ist, immer auch eine Kommentarfunktion.

Überhaupt reizt es, zwischen dem antiken Graffitiwesen und den sozialen Medien unserer Tage Parallelen zu ziehen. Das kann man zwar auch übertreiben. Allerdings gibt es da den Fall eines Gedichts aus drei elegischen Distichen an der Westwand des kleinen Theaters im Süden der Stadt. Daneben steht „Tiburtinus epoese“, Tiburtinus hat (es) gemacht, wobei das „hat es gemacht“ eine hier mit lateinischen Buchstaben geschriebene griechische Formel ist, mit der antike Künstler ihre Werke signierten. Einige Forscher schreiben diesem Tiburtinus bis zu zehn weitere Gedichte an derselben Wand zu, von denen aber meist nur Fragmente erhalten sind. Bemerkenswert ist auch, dass diese Zeilen Jahrzehnte vor dem Untergang der Stadt geschrieben worden sein müssen. Offenbar war jener Tiburtinus ein Lokalpoet, der anstatt in bibliophilen Papyrusrollen auf besagter Wand (und möglicherweise nicht nur dort) veröffentlichte, so eine Art antiker Youtuber also.


MUNUS NOLAE DE QUADRIDU(O)

Viertägiger Gladiatorenkampf in Nola

Veranstaltet wurde das Spektakel von einem gewissen Marcus Cominus Heredis. Sieger waren Priceps aus der Gladiatorentruppe des Nero, der in zwölf Kämpfen zwölfmal siegreich blieb, sowie sein Teamkollege Hilarus (14 Kämpfe, 12 Siege). Dessen Gegner Creunus (7 Kämpfe, 5 Siege) unterlag offenbar, das „M“ neben seinem Namen (für „missus“) zeigt aber, dass er am Leben gelassen wurde. Eine Art Vuvuzela scheint in den antiken Arenen auch schon üblich gewesen zu sein.

Mit dem Internet unserer Tage hatten die Wände Pompejis also gemein, dass sich dort in der Masse des Krausen, Schlichten und Banalen auch durchaus Anspruchsvolles fand – wenn auch damals schon in entsprechender Verdünnung. So steht an dritter Stelle der Themenhäufigkeit in Huninks Auswahl nach Sex und Herzschmerz der Profisport. Das waren damals noch nicht Tennis und Fußball, sondern Kämpfe unter Gladiatoren. Die massakrierten sich in Pompeji in einem eigenen Amphitheater, in dem 20 000 Zuschauer Platz fanden. Bei einer solchen Veranstaltung kam es im Jahre 59 n. Chr. zu derart heftigen Ausschreitungen zwischen Fans aus Pompeji und solchen aus dem benachbarten Nuceria, dass das juristische Nachspiel sogar in den kaiserlichen Archiven in Rom Niederschlag fand. „Es begann damit, dass sie sich vulgär beschimpften, dann griffen sie zu Steinen und schließlich zu Waffen“, berichtete noch mehr als ein halbes Jahrhundert später der Historiker Tacitus in seinen „Annalen“. Überlebende mit Verstümmelungen sowie Angehörige von Todesopfern seien zur Anhörung nach Rom gebracht worden, schreibt Tacitus. „Der Kaiser gab die Sache an den Senat, der Senat an die Consuln, dann wurde sie zurück an den Senat verwiesen und den Pompejanern auf zehn Jahre derartige öffentliche Veranstaltungen verboten.“

Das Stadion-Massaker von Pompeji ist aber vielleicht nur aufgrund eines bestimmten politischen Interesses des Tacitus überliefert und war daher möglicherweise kein Einzelfall. Jedenfalls ist die Leidenschaftlichkeit der römischen Gladiatorenszene auch in vielen Graffiti gut belegt, die übrigens besonders häufig von detaillierten Zeichnungen der angehimmelten Kampfmaschinen in Aktion begleitet sind. Auffallend auch, wie oft auf deren Anziehungskraft auf Frauen angespielt wird: „Suspirium puellarum Thraex Celadus“ (Der Thraker Celadus, Schwarm der Mädchen) ist dafür ein Beispiel, das sich bei Weeber findet.


CA(IUS) SABINIUS STATIO PLURIMA(M) SALUTEM. VIATOR POMPEIS PANE(M) GUSTAS NUCERIAE BIBES.

Gaius Sabinius grüßt den Statius vielmals. Reisender, in Pompeji kostest du vom Brot, trinken [aber] wirst du in Nuceria.

Zwischen den beiden 12 Kilometer entfernten Städten herrschte auch sonst Rivalität. Bei einer Begegnung von Gladiatoren beider Orte in Pompeji gab es im Jahre 59 eine Massenschlägerei zwischen Fans mit etlichen Toten.

Die Widersprüchlichkeit der römischen Kultur kann man indes daran ablesen, dass bei Hunink in der Rangliste der beliebtesten Graffiti-Themen nur knapp hinter dem Blutsport die hohe Literatur rangiert. Denn nicht nur Tiburtinus und ein paar Liebeskranke kritzelten Verse in die Wände Pompejis. Dichtung ist dort durchaus häufig anzutreffen, und in nicht wenigen Fällen sind es Zitate aus Werken lateinischer Meister, die bis heute gelesen werden: Ovid etwa, Tibull, Properz und vor allem Vergil. Letzterer hatte in der Zeit des Augustus – also gut hundert Jahre vor dem Untergang Pompejis – mit seiner „Aeneis“ das staatstragende Epos der römischen Kaiserzeit geschaffen. Der erste Vers daraus („Arma virumque cano ...“, siehe Abbildung oben) ist unter den pompejanischen Graffiti mindestens 14-mal zu finden, und fast so oft wurde er parodiert. Mögen sich hier mitunter Schüler über ihren Lehrstoff lustig gemacht oder ehrgeizige Angehörige unterer Gesellschaftsschichten vor ihren Freunden mit aufgeschnappten Bildungsbrocken angegeben haben, so mag man angesichts der Häufigkeit solcher hochkulturellen Spuren im Alltag Pompejis doch in Vincent Huninks Stoßseufzer einstimmen: „Kein Vergleich zu den Wänden europäischer Städte unserer Tage.“

Ansonsten sind im Corpus des antiken Wandgekritzels viele Formengruppen vertreten, die es auch bei uns heute noch gibt. Neben den bereits genannten Derbheiten gibt es dort Verwünschungen, Beleidigungen, jede Menge Grüße, Sprüche vom Typ „Paris hic fuit“ (Paris war hier) oder „Anteros hoc scripsit“ (Anteros hat das geschrieben), sowie „pedicatur qui leget“, das hier wohl soviel bedeutet wie „Wer das liest, ist doof“.


LABYRINTHUS HIC HABITAT MINOTAURUS.

Labyrinth, hier wohnt der Minotaurus.

Das erschließt sich auch ohne Lateinkenntnisse.

Andere Themen an altrömischen Wänden sind heute dagegen eher selten zu finden, zum Beispiel Preislisten oder ganze Abrechnungen von Einkäufen, sehr oft von Lebensmitteln in Mengen des täglichen Bedarfs. Unerwartet rar sind dagegen Graffiti politischen Inhalts, obgleich die Lokalpolitik des Municipiums Pompeji ausweislich der vorgefundenen Wahlwerbung eine durchaus leidenschaftliche Angelegenheit gewesen sein muss. Einige Einritzungen erwähnen Kaiser Nero und seine zweite Frau Poppaea Sabina. Diese stammte aus Pompeji, und im nahen Oplontis wird ihr eine extravagante Villa zugeschrieben, die ebenfalls von der Asche des Vesuvs verschüttet wurde und dadurch zu großen Teilen erhalten blieb. Das Kaiserpaar war offenbar beliebt, zumindest in dieser Gegend, denn Kritisches oder gar Schmähendes fand sich bislang nicht. Dabei hatte Nero bereits elf Jahre vor dem Vulkanausbruch ein eher unrühmliches Ende genommen. Der einzige andere Kaiser, der neben Nero in den Graffiti Pompejis erwähnt wird, ist übrigens Marcus Salvius Otho, einer der drei Cäsaren, die auf Nero folgten, bis Ende 69 mit Vespasian ein Imperator an die Macht kam, der diese auch dauerhaft zu sichern verstand.


CRESCES ARCHITECTUS

Crescens, der Architekt.

Der Namenszug im Design eines Schiffes war vielleicht eine Art Firmenlogo eines Baumeisters.

Was neben Politischem ebenfalls überraschend selten ist oder völlig fehlt, sind Blasphemien oder diskriminierende Bemerkungen gegen Minderheiten oder bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Dabei wäre dergleichen in einer Stadt wie Pompeji eigentlich nicht überraschend gewesen. Es lebten Ausländer hier, darunter Juden, wie die Namen „Jesus“ und „Maria“ in den Graffiti bezeugen. Dass diese in einem spezifisch christlichen Kontext stehen, wird von den meisten Forschern mangels anderer Hinweise bezweifelt. An der Innenwand eines Hauses hat jemand sogar mit Holzkohle in großen Lettern die Worte „Sodom Gomora“ an die Wand geschrieben, doch ist nicht klar, ob das nicht erst nach dem Vulkanausbruch in der halb mit Asche gefüllten Hausruine geschah, denn die Buchstaben stehen zwei Meter über dem ursprünglichen Bodenniveau.

Auch sonst war die Bevölkerung durchaus gemischt. Erst 89 v. Chr. war Pompeji nach einem Krieg gegen die Samniten römisch geworden. Zudem lebten viele Menschen hier, deren Muttersprache Griechisch war. Einige Graffiti (auch einige schweinische) sind in dieser Sprache gehalten, in anderen ist Latein mit griechischen Lettern geschrieben. Oder umgekehrt: In „Calos Probe“ (Toll, Probus!) wurde das griechische Adjektiv „kalos“ (schön, gut) dem Latein einverleibt.


RUFUS EST

Das ist Rufus.

Diese Karikatur findet sich eingeritzt in den Freskenschmuck eines Zimmers in der Villa dei Misteri vor den Toren Pompejis. Sie stammt offenbar von geübter Hand. Man beachte die typische Form, die das 'R' hier annimmt.

Nun ist das Latein der Graffiti auch diesseits der eingangs erwähnten Spezialtermini nicht immer das eines Cicero, Caesar, Sallust, Nepos oder Livius. Da wird etwa von einem gewissen Rufio, Sklave des Sittius Publius, festgestellt: „haec nave pinxset“ („hat dieses Schiff gemalt“) – korrekt ist „hanc navem pinxit“. Trotzdem zeigen die Texte gerade in ihrer sprachlichen und thematischen Bandbreite eines: Die römische Gesellschaft war trotz des Fehlens eines allgemeinen Schulwesens zu großen Teilen literarisiert, und zwar bis in ihre allerunterste Schicht hinein, die der Sklaven.


ROTAS OPERA TENET AREPO SATOR

Der Sämann Arepo hält mit Mühe die Räder.

Der Sinn dieser im Römischen Reich mehrfach belegten 'Sator-Arepo-Formel' besteht vielleicht nur darin, dass es sich um ein zweidimensionales Palindrom handelt.

Eine weitgehende Alphabetisierung der Römer war noch 1988 von dem in New York lehrenden britischen Althistoriker William V. Harris in seinem Buch „Ancient Literacy“ prominent bezweifelt worden. Dabei deutet bereits das 1973 in dem römischen Fort Vindolanda am Hadrianswall entdeckte Konvolut auf Holztäfelchen geschriebener Briefe darauf hin, dass zumindestens im römischen Militär sowie in den mit ihm in Kontakt stehenden zivilen Bereichen fast jeder lesen und schreiben konnte – auch weit entfernt von den urbanen Zentren des Reichs. „Wir haben mehr Schreibgriffel als Schwerter“, schrieb einer der in Vindolanda grabenden Archäologen einmal. Die pompejanischen Graffiti erweitern dieses Bild auf den zivilen Sektor, zumindest den einer wohlhabenden Stadt im Herzen des Weltreichs. Und einer, der nichts Menschliches fremd war.

Literatur:
„Oh Happy Place. Pompeii in 1000 Graffiti“
selected, translated and annotated by Vincent Hunink.
Apeiron, Sant'Oreste 2014 (Erweiterung einer 2011 bei Reclam erschienenen deutschen Fassung).

Karl-Wilhelm Weeber: „Decius war hier ... Das beste aus der römischen Graffiti-Szene“.
Artemis & Winkler, Düsseldorf 2003.

Der letzte Kampf des Helvius Sabinus

Auch im Römischen Reich der Kaiserzeit gab es Wahlen und Wahlwerbung

A sellinas Lokal lag günstig am Decumanus inferior. Das war die südlichere der beiden großen West-Ost-Traversen Pompejis. Sie führte vom Hafen zum Forum und weiter vorbei an einer der wichtigsten Thermen der Stadt. Die Laufkundschaft muss erheblich gewesen sein. Viel Sitzgelegenheit gab es in dem kleinen Fastfood-Laden indes nicht. Viele Gäste dürften ihren Bohneneintopf samt einem Becher mit Wasser gemischten Weins vermutlich vor Ort im Stehen verzehrt haben. Das machte die Fassade beiderseits der Theke zu einer äußerst effektiven Werbefläche.

Tatsächlich sind dort mehrere Reklametexte in roter Farbe erhalten. Aus zweien davon hat man auf den Namen der Wirtin geschlossen. Ausgeschrieben lauten sie: „Ceium Secundum IIvirum iure dicundo Asellina rogat“ (Asellina bittet darum, Ceius Secundus zum Duovirn für die Rechtsprechung zu wählen) sowie „C. Lollium Fuscum IIvirum Asellinas rogant nec sine Zmyrina“ („Asellinas [Mädchen], nicht ohne Zmyrina, bitten, Gaius Lollius Fuscus zum Duovirn zu wählen). Zmyrina sowie ihre mutmaßliche Arbeitskollegin Cuculla machen sich zudem für Gaius Iulius Polybius stark, während Aegle und Maria, die beide vermutlich ebenfalls zu Asellinas Team gehörten, den Gnaeus Helvius Sabinus in das Amt des Aedils gewählt sehen möchten.

Sie sind für C. Lollius Fuscus: Wahlwerbung an Asellinas Schenke in Pompeji. Foto: Mauritius

Statt ihrer Speisekarte haben Asellina und ihre Damen hier also Wahlwerbung anbringen lassen – und zwar von professionellen Textmalern, denn anders als die der eingekratzten Graffiti zeichnen sich die Buchstaben dieser „Dipinti“ oder „Programmata“, wie die Fachleute derlei Wandtexte nennen, durch vergleichsweise sorgfältige Typographie und Zeilenführung aus. Die Römer selbst nannten sie denn auch „tituli picti“, gemalte Inschriften.

Ungewöhnlich an den Wahlaufrufen vor Asellinas Imbiss ist allenfalls, dass sie von Frauen stammen. Die Textsorte als solche ist ubiquitär. Rund 2800 solcher Inschriften sind in Pompeji dokumentiert, und es waren einmal deutlich mehr. In frühen Ausgrabungen in Pompeji im 18. und 19. Jahrhundert wurden viele zerstört, bevor sie aufgezeichnet werden konnten. Für immerhin 52 der erhaltenen Wahlaufrufe, also fast zwei Prozent, zeichnen Personen mit weiblichen Namen verantwortlich, 21 Prozent wurden von Männern veranlasst und fünf Prozent von diversen Berufsvereinen, zu denen sich den Inschriften zufolge neben Bäckern, Fischern oder Obsthändlern zum Beispiel auch die Sackträger zusammengeschlossen hatten. 72 Prozent der Programmata nennen dagegen keinen „rogator“ (Bittenden) mit Namen, schreibt der Altphilologe Karl-Wilhelm Weeber in seinem sehr lesenswerten und nicht zuletzt unterhaltsamen Büchlein „Wahlkampf im alten Rom“.

Wahlkampf? Als Pompeji im Herbst 79 unterging, war das Römerreich schon mehr als hundert Jahre eine absolute Monarchie. Dennoch wurde gewählt und, wie wir gerade aus den pompejanischen Programmata wissen, mit großer Leidenschaft Wahlkampf betrieben. Denn die etwa 2000 Städte des Weltreichs besaßen das Recht zur lokalen Selbstverwaltung. Mit Demokratie im modernen Sinne hatte das nur begrenzt etwas zu tun. Nicht nur, weil lediglich ein Bruchteil der Bevölkerung das Wahlrecht besaß. Von den schätzungsweise 36 000 Einwohnern Pompejis und seines Umlandes waren die Hälfte Sklaven. Von den Freien waren wiederum die Hälfte Frauen, die sich zwar in geschilderter Form am Wahlkampf beteiligen, aber selbst nicht wählen, geschweige denn gewählt werden konnten. Zieht man noch die Kinder ab, kommt man auf eine Wählerschaft von rund 2500 Personen in der Stadt Pompeji und 5000 im Umland. Und die wählte nun nicht direkt eine Lokalregierung. Diese Funktion übte ein Stadtrat aus, von dessen Mitgliedern die meisten diese Position ihrem Vermögen verdankten. Ein Teil dieses Rates aber bestand aus ehemaligen leitenden Beamten, den Duumviri (Zweimänner). Diese waren am ehesten unseren Bürgermeistern vergleichbar. Allerdings waren es immer zwei, die jeweils für nur ein einziges Jahr gewählt wurden. Gleiches galt für die Aedile. Diese Beamten waren ursprünglich für die Tempel (lateinisch aedes) verantwortlich, später aber praktisch für alle öffentlichen Bauten, das Verkehrswesen, die Marktaufsicht bis hin zu polizeilichen Aufgaben.

Von den beiden letzten Aedilen Pompejis hieß einer möglicherweise Gnaeus Helvius Sabinus. Denn unter den 1500 pompejanischen Programmata, die nachweislich aus dem letzten Wahlkampf im Frühjahr des Jahres 79 stammen, werben etwa 140 dafür, ihn in die Aedilität zu wählen, darunter auch zwei an Asellinas Snack Point. Dass er gewann, ist nicht ganz gewiss, schreibt Karl-Wilhelm Weeber, denn Sabinus sei gegen mindestens drei ernstzunehmende Kandidaten angetreten. Allerdings arbeitete sein Wahlkampfteam besonders effizient. Dipinti mit seinem Namen wurden im ganzen Stadtgebiet und gerade an den strategisch besten Stellen angebracht. Erst im Sommer 2018 wurde in der Regio V im Norden der Stadt wieder eine gefunden: In schwarzer Schönschrift auf frischer weißer Tünche wiederholt sie die häufigste Werbeformel: „Helvium Sabinum Aedilem d(ignus) r(ei) pub(licae) o(ro) v(os) f(aciatis)“ (Helvius Sabinus zum Aedil. Er ist würdig, die öffentliche Interessen zu vertreten. Ich bitte euch, ihr möget ihn wählen).

Der Wahlkampf war also schon damals vom Phrasendreschen bestimmt und überdies ganz personenbezogen. So etwas wie Parteien gab es nicht, und programmatische Auskünfte wie „aerarium conservabit“ (er wird die Stadtkasse schonen) sind sehr selten. Zugleich scheint es aber recht fair zugegangen zu sein. Persönliche Diffamierungen fehlen völlig, Beschädigungen gegnerischer tituli pinti waren die Ausnahme. Allenfalls gab es humorvolle Schmähwerbung: „Vatiam aedilem furunculi rogant“ (die kleinen Diebe bitten, Vatia zum Aedil zu wählen). In anderen Texten wird ebenjener Marcus Cerrinius Vatia von „dormientes“ (Schlafmützen), „seribibi“ (Spättrinkern) und „sicari“ (Meuchelmördern) unterstützt, weswegen Weeber nicht ausschließen will, dass Vatia die Slogans selbst anbringen ließ, um durch diese Scherze die Aufmerksamkeit für seine Person zu steigern. Oder aber, möchte man heute hinzufügen, es handelte sich bei Vatias Truppe um den frühen Vorläufer einer Spaßpartei.

Keinen Spaß dagegen verstand offenbar Gaius Iulius Polybius. In den Wahlaufrufen der Cuculla und der Zmyrina an Asellinas Schnellrestaurant wurden die Namen der beiden Frauen übertüncht. Als ob es Polybius für unter seiner Würde hielt, von zwei Wirtshausangestellten angepriesen zu werden. Tatsächlich fragt man sich, wozu Asellina für ihren kleinen Laden mindestens vier Kellnerinnen benötigte – und findet die Antwort darin, dass das die Chefin (Asellina bedeutet wörtlich „kleines Eselsfohlen“) im nicht erhaltenen Obergeschoss vermutlich auch ein Bordell betrieb. Die Kandidaten Ceius Secundus, Lollius Fuscus und auch Helvius Sabinus scheinen das entspannter gesehen zu haben.

Literatur:
Karl-Wilhelm Weeber, „Wahlkampf im alten Rom“,
Patmos-Verlag, Düsseldorf 2007.
Alle Abbildungen aus dem besprochenen Band.
17.01.2020
Quelle: F.A.S

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