Spektakulärer Bronzefund

Ein reicher Schatz zum Ende einer Epoche

Von Uwe Ebbinghaus
05.05.2021
, 18:19
Im skandinavischen Raum ungewöhnlich: Nadeln mit Spiralen im jüngsten schwedischen Bronzefund
Ein Hobbykartograph fand in Schweden am Wochenende einen großen Bronzeschatz. Was verrät er über die Besitzer und seine Herstellungszeit? Gespräch mit der Prähistorikerin Jutta Kneisel.

Wie schätzen Sie die Bedeutung des schwedischen Bronzefunds mit 50 Artefakten vom Wochenende ein? Einer der „spektakulärsten und größten“ seiner Art hieß es bei der Präsentation.

Jutta Kneisel: Fünfzig Fundstücke auf einmal sind schon sehr viel für die Zeit zwischen 750 und 500 vor Christus. Für die nordische Bronzezeit arbeiten wir mit einem Periodensystem; in diesem Fall handelt es sich um die Stufe VI, die letzte Periode. Aus diesem Zeitraum gibt es insgesamt viel weniger Depotfunde als aus früheren Zeiten. Und auch die Fundgegend ist ungewöhnlich. Insofern ist die Entdeckung schon spektakulär. Dabei ist es nicht untypisch, dass am Ende der Bronzezeit noch einmal ein großer Schatz mit so vielen großen Artefakten versteckt wird. Alles, was an Bronze übrig geblieben ist, wird allmählich dem Boden übergeben. In der folgenden Eisenzeit hört es auf, dass reiche Horte mit Armringen und verschiedenen Nadeln niedergelegt werden. Es finden sich dann nur noch Halsringe.

Was lesen Sie aus dem Fundort? Ein Hobbykartograf stieß durch Zufall auf die Bronzen vor einem Felsen im Wald.

Aus Skandinavien kennen wir eher Niederlegungen in Feuchtgebieten, also Mooren, Gewässern, ab und zu auch an Quellen. Dass dieser Hort in einer Felsspalte lag, ist im Grunde nicht untypisch, das kennen wir auch aus dem Alpenbereich. Dass er so lange nicht gefunden wurde, spricht dafür, dass der Fundort sehr abgelegen war. Bei Hortfunden fragt man sich immer, ob es sich um ein Opfer an die Götter handelt, das wäre in der Bronzezeit plausibel – ebenso wie eine Ausstattung fürs Jenseits. Bei einer Felsspalte würde man aber eher davon ausgehen, dass man die Artefakte wieder bergen wollte.

Sprechen solche Verstecke für eine Zeit der Unsicherheit?

Ja. In den vorangegangenen zwei Jahrhunderten erleben wir eine große Blütezeit im Norden. Es gibt viele reiche Gräber, Zentren der Macht, die sich überall in Nordeuropa herausbilden. In der folgenden Periode brechen diese Strukturen auf. Im Süden hat schon die Eisenzeit begonnen, die Hallstattkultur pflegt enge mediterrane Kontakte und interessiert sich nicht mehr für die Bronze. Damit wird der Norden zunehmend von der Bronzezulieferung abgeschnitten. Wenn ein bestehender Austausch nicht mehr funktioniert, bringt das ein Gesellschaftssystem zum Kippen. Das führt nach 500 vor Christus dazu, dass sich ein neues Gesellschaftssystem etabliert. Im Norden verzögert sich die intensive Nutzung des Eisen um zweihundert Jahre.

Wurde Bronze direkt importiert oder bezog man die einzelnen Bestandteile – Kupfer und Zinn?

Bronze wurde sicher in Barrenform oder schon in gegossener Beil- und Ringform importiert – Kupfer und Zinn bereits in der richtigen Legierung aus Süddeutschland und den Alpen. Schweden hat zwar reiche Kupfervorkommen. Bisher gibt es aber keinen Nachweis dafür, dass es in dieser Zeit abgebaut wurde. Das Kupfer kam wahrscheinlich zum größten Teil aus dem alpinen Bereich. Zinn kam vor allem aus dem Erzgebirge, Cornwall oder Eurasien.

In Schweden wurde die Bronze dann in Form gebracht?

Ja, es finden sich aber auch fertige Bronzen, die aus dem Süden kommen und so Kontakte und südlichen Einfluss zeigen. Gerade die dicken Arm- und Fußringe verteilen sich über Nord- und Mitteleuropa.

Gegen was wurde Bronze getauscht?

Das ist etwas schwierig zu sagen, weil wir als Archäologen organische Materialien nicht mehr erfassen können. Wir nehmen aber an, es wurde gegen Felle getauscht, vielleicht auch Getreide, im dänischen Raum vielleicht auch gegen Rinder. In Norddeutschland ist Bernstein ein beliebtes Tauschobjekt. Am Mittelmeer gibt es einen enormen Bedarf an Bernstein.

Wer hat die gefundenen Bronzen wohl besessen?

Dr. Jutta Kneisel ist Prähistorikerin an der Uni Kiel
Dr. Jutta Kneisel ist Prähistorikerin an der Uni Kiel Bild: privat

Im Grund hat wohl jeder im Norden Bronze besessen. Was diesen Fund angeht, handelt es sich eindeutig um Frauenschmuck. Viele Stücke, wie die Nadeln, dienen der Befestigung von Kleidung. Die Nadeln sind sehr groß, bestehen aus viel Bronze und sind daher wertvoll. Ärmere Menschen verwendeten eher Knochennadeln. Die Stücke müssen einer oder mehreren reichen Frauen gehört haben, die sicher zu einer hochrangigen Familien gehörten.

Was bedeutet hochranging? Wie kann man sich die Gesellschaftsstruktur vorstellen?

Das ist nicht ganz leicht zu fassen. Die Gräber sind oft gleich ausgestattet. Aber ich gehe von Großbauern oder Kleinhäuptlingen aus.

Kleinbauern und Gesinde gab es aber schon auch?

Ja, wir haben häufig Strukturen eines kleineren Hauses neben einem größeren. Die Felder werden nicht von einer einzigen Kernfamilie bewirtschaftet worden sein können. Es wird so etwas wie Knechte und Mägde gegeben haben.

Gibt es auch Hinweise auf Leibeigenschaft?

Aus jüngerer Zeit gibt es Funde von Fesseln. In der betreffenden Zeit gibt es keine vergleichbaren Funde. Leibeigenschaft wäre aber denkbar.

Welche Veränderungen, welche Brüche stehen den Besitzern der gefundenen Bronzestücke bevor?

Wir haben in der betreffenden Zeit eine Struktur von kleinen Einzelgehöften, wie wir sie aus Norddeutschland kennen. Diese Struktur wird allmählich aufgegeben. Die Siedler rücken zusammen, es bilden sich Dörfer mit zehn bis zwanzig Häusern. Es wird immer mehr ab- und eingegrenzt, auch auf den Feldern. Es kommen unruhigere Zeiten. Im Lauf der Eisenzeit – der Norden hat ja durchaus Eisenvorkommen und baut sie schließlich auch ab – erfolgt dann eine eigenständige Entwicklung. Die Abhängigkeit vom Süden nimmt ab, man wird lokaler.

Was hat Sie an dem Bronzefund besonders überrascht?

Die Größe, die Menge an Hohlwulstringen, die in der Gegend bisher nicht gefunden wurden. Ich habe eine Karte mit Verbreitungspunkten vor mir liegen. Es gibt in Südschweden zwei, in Stockholm drei, der übrige Bereich in Schweden ist fast leer. Die große Zahl der Halsringe ist nicht ganz so überraschend. Sie wurden in anderen Regionen zum Teil auch übereinander getragen.

Was würden Sie gerne genauer untersuchen an diesem Fund?

Ich würde mir gerne die Zusammensetzung näher anschauen. Die Nadeln mit den Spiralen sind ungewöhnlich, die kenne ich nicht aus dem skandinavischen Raum. Mich würde interessieren, wo sie ihr Hautverbreitungsgebiet hatten. Außerdem wäre es spannend, mehr über die Fundstelle zu erfahren. Vielleicht kann man in der Gegend noch Siedlungsreste oder Lagerfeuer finden. Wie ist der Fund an seinen letzten Ort gelangt? Wie sah die Umgebung damals aus?

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

Dr. Jutta Kneisel ist Prähistorikerin an der Uni Kiel im Exzellenzcluster Roots und im Sonderforschungsbereich TransformationsDimensionen. Studium in Berlin und Norwegen mit Promotion an der Freien Universität Berlin zu den bronze- und eisenzeitlichen Gesichtsurnen in Nordeuropa. Verschiedene Grabungen im In- und Ausland zum Siedlungswesen und Grabhügeln der Bronzezeit.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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