FAZ plus ArtikelAltphilologe Padilla Peralta

Über wen triumphieren die Zeitschriftenautoren?

Von Uwe Walter
09.05.2021
, 16:00
Dekolonisierung als Nullsummenspiel: Dan-el Padilla Peralta ist als Revolutionär der Altertumswissenschaft berühmt geworden, aber er akzeptiert die Regeln eines Systems, das gelehrten Rang durch Kennzahlen ermittelt.

Sein Lehrer Eduard Meyer mag ihn als Dr. Jekyll und Mr. Hyde wahrgenommen haben: Auch nachdem Arthur Rosenberg 1918 der USPD, zwei Jahre später dann der KPD beigetreten war und Mandate wahrnahm, zunächst als Stadtverordneter in Groß-Berlin, dann im Reichstag, blieb der seit seiner 1914 vorgelegten Habilitationsschrift bestens für frühe römisch-italische Geschichte ausgewiesene Althistoriker an der Berliner Universität im Fach tätig und publizierte 1921 die „Einleitung und Quellenkunde zur Römischen Geschichte“, ein in seiner Art unerreichtes Lehrbuch. Noch 1933, im Jahr der Flucht zunächst in die Schweiz, war in einer angesehenen Fachzeitschrift sein Aufsatz „Aristoteles über Diktatur und Demokratie“ zu lesen.

Vier Dezennien nach ihrem Erscheinen sollte Rosenbergs in zwei Bänden vorgetragene Herleitung der Weimarer Republik aus den Defekten des Kaiserreiches und der verpassten Revolution 1918/19 in der Neuen Linken zeitweise kanonische Geltung erlangen. In einem 1919 publizierten Aufsatz stellte er in monumentalischer Absicht den Proletariern Berlins „alte Kampfgenossen“ vor: die Proletarier des antiken Athens. Die Stadt habe in ihrer Zeit „der Diktatur des Proletariats eine Verfassung gehabt, die im wesentlichen den Grundgedanken des Rätesystems entsprach“. Auch wenn Rosenberg mit seiner arg überzogenen modernisierenden Auffassung der antiken Gesellschaften nahe bei Meyer war, lagen politisch natürlich Welten zwischen Lehrer und Schüler. Dessen akademische Karriere führte nur bis auf eine 1930 vom Preußischen Kultusministerium gegen den Willen der Fakultät verliehene nichtbeamtete außerordentliche Professur.

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