Blick zum Nordpol
Blick zum Nordpol Foto: AP

Der tiefe Sturz
des hohen Nordens

Von REBECCA HAHN
Blick zum Nordpol Foto: AP

13. September 2020 · „Arktisch“ bedeutet „Nahe am Bären“. Damit war in der Antike ein Sternbild gemeint. Außer diesem wird von der Erwärmung rund um den Nordpol nichts verschont bleiben. Beim Eis fängt es an.

Arktische Todesspirale nannte der amerikanische Geograph Mark Serreze die hier untenstehende Abbildung, als er sie zum ersten Mal sah. Die farbigen Linien veranschaulichen die Volumina arktischen Meereises in den einzelnen Monaten im Jahreslauf – und ihre Krümmung nach innen den dramatischen Schwund der vergangenen vierzig Jahre. Wäre die Situation in der Arktis seit 1979 unverändert geblieben, sähe die Figur nicht spiralförmig aus, sondern wie zwölf geschlossene Umläufe. Stattdessen biegen sie sich einwärts, und die schwarze Linie des Septembers – des Monats, in dem die arktische Meereismenge jedes Jahr ihr Minimum erlebt – ist schon dicht an das Zentrum herangerückt. Weniger als 50.000 Kubikkilometer Meereis sind im aktuellen September 2020 noch übrig. „Wenn es so weitergeht, wird es in dreißig bis fünfzig Jahren im September überhaupt kein Meereis mehr geben“, sagt Christian Haas, der die Sektion Meereisphysik am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven leitet. Alle Vorhersagen deuteten darauf hin. 


„Wenn es so weitergeht, wird es in dreißig bis fünfzig Jahren im September überhaupt kein Meereis mehr geben.“
Christian Haas, Leiter der Abteilung Meereisphysik am Alfred-Wagner-Institut

Zur Fläche des Meereises zählen Wissenschaftler die Wasserflächen, die zu mindestens fünfzehn Prozent mit Eis bedeckt sind. Die Ränder dieser Fläche werden seit dem Jahr 1979 kontinuierlich mit Satelliten überwacht. „Der Meereis-Datensatz ist einmalig“, sagt Haas. Über kaum einen anderen Klimaparameter lägen so lange zuverlässige Zeitserien vor.

Das Meereis der Arktis schwindet. Radial eingetragen sind hier Monatswerte (farbig) der Meereisvolumina seit 1979 in 10.000 Kubikkilometern.
Das Meereis der Arktis schwindet. Radial eingetragen sind hier Monatswerte (farbig) der Meereisvolumina seit 1979 in 10.000 Kubikkilometern. Quelle: Polar Ice Center der University of Washington, Seatle, PIOMAS Arcic Sea Ice Volume Reanalysis (Datenabfrage 3.9.2020) Grafikvorlage: „Arctic Death Spiral“, Andy Lee Robinson@ahaveland/ Grafik: Hermann

In diesen Tagen wird das Meereis wieder seinen jährlichen Tiefststand erreichen. Die intensive Sonneneinstrahlung während der Sommermonate hat das Eis dann so weit abschmelzen lassen, dass es seine geringste Ausdehnung erreicht, bevor es ab dem Herbst wieder anwächst.

Schon vor zwei Monaten befürchteten Klimaforscher, dass die Eisfläche in diesem Jahr so stark schrumpfen könnte wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Im Juli 2020 ging das Meereis tatsächlich auf einen historischen Tiefstand zurück. Die Nordostpassage zwischen dem Nordatlantik und der Beringstraße war bereits Mitte Juli gänzlich eisfrei, so weit hatte sich das Eis von der sibirischen Küste zurückgezogen.

„Im späten Juli und im August hat sich das Eis ein wenig erholt“, sagt Haas. Der starke Rückgang habe sich verlangsamt, auch wenn die Eisausdehnung immer noch sehr niedrig sei. „Derzeit ist die Ausdehnung des Meereises knapp größer als im Jahr 2012“, so Haas. Damals erreichte sie ihr Allzeit-Minimum. Nur 3,41 Millionen Quadratkilometer Meeresfläche waren am 16. September 2012 noch mit Eis bedeckt, ein Gebiet nur wenig größer als die Fläche Indiens. 2007 waren es noch 16 Prozent mehr gewesen.

Nirgendwo sonst erwärmt sich die Erde schneller als in der Arktis. Im Schnitt der letzten zwanzig Jahre haben sich die Temperaturen in der nördlichen Polarregion mehr als doppelt so stark erwärmt wie im globalen Mittel, informierte der Weltklimarat IPCC in einem 2019 erschienenen Sonderbericht. Diese „arktische Verstärkung“ hängt vor allem mit dem Rückgang des Meereises selbst zusammen. „Durch seine helle Oberfläche reflektiert das Eis die meiste Sonnenstrahlung zurück ins Weltall, so dass die Sonne die Arktis nicht so stark erwärmen kann“, erklärt Haas. Im Winter, wenn frischer Neuschnee das Meereis bedeckt, werden achtzig bis neunzig Prozent der einfallenden Strahlung reflektiert. Im Sommer schmilzt der Schnee und gibt das darunterliegende Blankeis frei. Dieses ist mit Ruß aus der Atmosphäre verschmutzt. Außerdem bilden sich im Sommer dunkle Schmelztümpel auf dem Eis, so dass in dieser Zeit nur noch vierzig bis siebzig Prozent der Strahlung reflektiert werden.

Eisbären finden nicht mehr ausreichend Nahrung in ihrer natürlichen Umgebung: auf einer Müllkippe in der Nähe des russischen Dorfes Belushya Guba
Eisbären finden nicht mehr ausreichend Nahrung in ihrer natürlichen Umgebung: auf einer Müllkippe in der Nähe des russischen Dorfes Belushya Guba Foto: AFP

Schrumpft aber die Meereisfläche, wird von der dunkleren Wasseroberfläche mehr Sonnenstrahlung absorbiert, wodurch sich die Erwärmung beschleunigt, die ihrerseits den Rückgang des Meereises vorantreibt. In seinem Buch „Abschied vom Eis“ beschreibt der britische Polarforscher Peter Wadhams noch einige andere solcher Rückkopplungen. Zum Beispiel ziehe sich durch die Erwärmung der Luft über einer eisfreien Arktis auch die Schneegrenze weiter nach Norden zurück, und eine frühere Schneeschmelze in den Küstenregionen führe wiederum zu einer erhöhten Aufnahme von Strahlungsenergie.

Peter Wadhams zählte zu den ersten Polarforschern, die Ende der achtziger Jahre auf den Meereisrückgang aufmerksam wurden. „Als ich die Eisdickenmessungen verglich, die ich 1976 und 1987 mit U-Booten durchgeführt hatte, stellte ich einen Verlust von fünfzehn Prozent der durchschnittlichen Dicke fest“, schreibt er. Seither ist die Eisdecke noch dünner geworden. „Im zentralen Arktischen Ozean ist das Eis im Sommer noch etwa einen Meter dick“, sagt Christian Haas. In den Neunzigern seien es noch etwa zweieinhalb Meter gewesen.

Damit das Meereis so dick werden kann, muss es mehr als einen Winter überleben. Man spricht dann von altem oder mehrjährigem Eis. Noch Mitte der achtziger Jahre gab es davon reichlich. Es rotierte im Beaufortwirbel, einer im Uhrzeigersinn zirkulierenden Meeresströmung vor Alaska. Ende der Achtziger änderten sich die Strömungen, so dass ein Großteil des mehrjährigen Eises durch die Framstraße in den Nordatlantik transportiert wurde. An die Stelle des alten, dicken trat einjähriges Eis, das maximal eineinhalb Meter dick wird.


„Indirekt wirkt sich der Rückgang des Meereises so auch auf den Rückgang des Grönländischen Eisschilds und auf den Meeresspiegel aus.“
Christian Haas, Alfred-Wegener-Institut

Fehle die Eisdecke über dem Arktischen Ozean, falle eine wichtige „Klimaanlage“ für die Arktis weg, schreibt Wadhams. Selbst wenn das Meerwasser im Sommer nur von einer dünnen Eisschicht bedeckt sei, könne die Oberflächentemperatur des Meeres nicht über null Grad Celsius steigen. Nicht so, wenn das Eis fehlt. Satellitenbeobachtungen haben gezeigt, dass sich das Oberflächenwasser in der Arktis an eisfreien Stellen um bis zu sieben Grad erwärmt. Da sich die gesamte nördliche Polarregion schneller aufheizt, je weniger Meereis vorhanden ist, tauen auch der Permafrost und die Eisschilde an Land rascher. „Indirekt wirkt sich der Rückgang des Meereises so auch auf den Rückgang des Grönländischen Eisschilds und auf den Meeresspiegel aus“, sagt Christian Haas. Ein Abschmelzen des Meereises selbst ändert am Meeresspiegel nichts. Im gefrorenen Zustand verdrängt es genauso viel Wasser, wie es in flüssiger Form einnehmen würde. Die noch auf dem Land aufliegenden Eismassen Grönlands und der Antarktis hingegen speichern genug Wasser, um im Falle ihres Abschmelzens die Meeresspiegel weltweit dramatisch anheben zu können.

Erst im August hat das AWI bekanntgegeben, dass Grönland im vergangenen Jahr besonders viel Eis verloren hat. Insgesamt waren im Sommer 2019 532 Milliarden Tonnen Eis geschmolzen. Das Schmelzwasser der grönländischen und antarktischen Eisschilde zusammengenommen hat den Meeresspiegel seit den Neunzigern bereits um durchschnittlich 17,8 Millimeter steigen lassen. Dieses Tempo des Eisverlusts entspricht den Extremszenarien des IPCCs, war Ende August in Nature Climate Change zu lesen. Sollte das Eis weiter mit dieser Geschwindigkeit verlorengehen, wird erwartet, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um siebzehn Zentimeter steigt.


„Das Gute ist: Sobald sich das Klima stabilisiert, würde auch das Meereis sofort stabiler werden.“
Christian Haas, Alfred-Wegener-Institut

Die Zukunft des Eises bestimmt damit nicht nur über die Zukunft der Polarregionen, sondern auch darüber, wie schnell und wie heftig der Rest des Planeten den Klimawandel zu spüren bekommt. „Das Gute ist: Sobald sich das Klima stabilisiert, würde auch das Meereis sofort stabiler werden“, sagt Christian Haas. Es sei aber wohl absehbar, dass man bei der Geschwindigkeit, mit der das Eis zurückgehe, nur mit radikalsten Maßnahmen noch etwas machen könne. Die arktische Todesspirale gleicht damit einer Uhr, und sie zeigt fünf vor zwölf.

Literatur: Peter Wadhams: Abschied vom Eis. Ein Weckruf aus der Arktis. Springer-Verlag, 2020.



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Walrosse in Massenpanik


Walrosse in Massenpanik

Weniger Eis und mehr Schiffe: Für die arktischen Meeresbewohner ändert sich einiges.

Seit die Eisflächen schwinden, können sich die Tiere nur an Land zurückziehen.
Seit die Eisflächen schwinden, können sich die Tiere nur an Land zurückziehen. Foto: AFP

Seit Ende Juli drängen sich am Strand nahe der Stadt Point Lay im Norden Alaskas wieder Walrosse. Fast jeden Sommer kommen die Meeressäuger hier in Scharen zusammen, 50000 Tiere wurden schon gesichtet. Solche Massenversammlungen gibt es auch an anderen Stränden rings um den Arktischen Ozean. Sie sind eine Folge des Klimawandels – und für die majestätischen Tiere extrem gefährlich.

So zeigt die im Auftrag von Netflix produzierte Doku-Serie „Unser Planet“ die weltgrößte Walross-Versammlung an der Nordostküste Russlands; rund hunderttausend Walrosse haben sich an den Strand geschleppt. „Sie tun es nicht freiwillig, sondern aus Verzweiflung“, kommentiert der Sprecher David Attenborough, im Hintergrund. Walrosse ruhen sich zwischen ihren Tauchgängen eigentlich auf dem Meereis aus. Seit die Eisflächen schwinden, können sich die Tiere nur an Land zurückziehen. So werden sie von ihren Artgenossen auch auf hohe Klippen gedrängt. Walrosse sind aber kurzsichtig: Sie können den Höhenunterschied zwischen der Klippe und dem Meer nicht wahrnehmen. In der Dokumentation ist zu sehen, wie ein Tier bei dem Versuch, wieder ins Wasser zu gelangen, achtzig Meter in die Tiefe stürzt. Viele Walrosse landen so schwer verletzt oder tot am Strand, zwischen ihren bereits verendeten Artgenossen.

Häufiger noch als bei Stürzen von Klippen kommen Walrosse an den belagerten Stränden ums Leben. Bei einer Massenpanik werden die tonnenschweren Tiere zu einer Gefahr für sich selbst und quetschen sich oft gegenseitig zu Tode. Die lokale Bevölkerung in den arktischen Küstengebieten versucht deshalb seit einigen Jahren, die Meeressäuger bei ihren Ansammlungen vor störenden Einflüssen wie Flugzeugen zu schützen, damit die Tiere nicht aufgeschreckt werden. So sollen Todesfälle verhindert werden.

An der Küste Spitzbergens drängen sich die Walrosse eng aneinander. Aus reiner Not, denn eigentlich erholen sich die Tiere auf den – nun schmelzenden – Eisschollen.
An der Küste Spitzbergens drängen sich die Walrosse eng aneinander. Aus reiner Not, denn eigentlich erholen sich die Tiere auf den – nun schmelzenden – Eisschollen. Foto: mauritius images / Roger Eritja

Doch Walrosse sind nicht die einzigen Meerestiere, die mit dem weiträumigen Verlust des Meereises und somit einer Arktis im Wandel zurechtkommen müssen. „Das marine Ökosystem ist stark auf das Meereis angewiesen“, sagt Christian Haas vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut. „Flora und Fauna sind an ein Leben im Eis angepasst.“ Beispielsweise leben an der Unterseite der Eisdecke Algen, von denen sich Ruderfuß- und Flohkrebse ernähren. Die kleinen Gliedertiere dienen als Futter für Fische, auf die wiederum Meeressäuger und Vögel Jagd machen. Vor allem am Rand des Meereises kommt es im Frühling zu großen Algenblüten, wenn das Eis bei warmen Temperaturen dünner wird und mehr Licht in das darunterliegende Wasser dringt. Ein Teil der Algen sinkt ab und düngt so auch tiefere Wasserschichten. Die Algen sind gewissermaßen der Treibstoff des arktischen Nahrungskreislaufs.


„Das marine Ökosystem ist stark auf das Meereis angewiesen. Flora und Fauna sind an ein Leben im Eis angepasst.“
Christian Haas, Alfred-Wegener-Institut

„In den Gebieten, in denen durch den Meereis-Rückgang mehr offenes Wasser ist, verändert sich das komplette Ökosystem“, sagt Haas. „Nahrungszusammenhänge ändern sich, und das führt zu ganz anderen Artenzusammensetzungen.“ Die Jungfische der Polardorsche etwa leben in Hohlräumen zwischen Eisblöcken. Geht das Meereis weiter zurück, finden diese Fische nicht mehr genug Nahrung. Das könnte am Ende dazu führen, dass sich auch Eisbären und andere Tiere weiter oben in der Nahrungskette andere Beute suchen müssen.

Auch der zunehmende Schiffsverkehr verändert die Lebensbedingungen im Nordpolarmeer. Während der Polarnacht bereitet zum Beispiel die Lichtverschmutzung Probleme. Die Arktis liegt in dieser Zeit für gewöhnlich Tag und Nacht in Dunkelheit. Das marine Ökosystem verfällt jedoch keineswegs in Winterstarre; allerlei Organismen entlang der Nahrungskette sind weiterhin aktiv. Sie passen ihr Verhalten an kleinste Veränderungen der Lichtverhältnisse an, etwa den Mondschein. Das Licht kann darüber bestimmen, wann die Tiere in der Wassersäule wandern, um nach Nahrung zu suchen, wann sie sich paaren und wo sie auf Jagd gehen.

Norwegische Forscher untersuchten für eine im März in Nature Communications Biology veröffentlichte Studie, wie die künstliche Beleuchtung von Schiffen die submarine Tierwelt beeinflusst. An drei verschiedenen Standorten nördlich von Norwegen schalteten sie die Beleuchtung ihres Schiffs abwechselnd an und aus und prüften per Echolot, wie sich die Meeresbewohner abhängig von dem Licht um das Schiff verteilten. Noch in zweihundert Meter Tiefe fanden die Wissenschaftler einen Effekt: Je nach Standort und der lokalen Artenzusammensetzung wurden deutlich mehr Fische und Zooplankton von der Beleuchtung angezogen oder vertrieben. Nur an der südlichsten Station reagierten die Tiere kaum auf das Strahlen der Leuchten. Die Forscher schlossen, dass sich vor allem die Organismen weiter im Norden stark an den Lichtverhältnissen orientieren.

Wie eine Schiffszählung ergab, die 2019 in Frontiers in Marine Science veröffentlicht wurde, waren von Anfang 2015 bis Ende 2017 über fünftausend verschiedene Schiffe im Nordpolarmeer unterwegs. Jedes Jahr wurden während der Beobachtung im Schnitt 132828 Fahrten durch die Arktis unternommen. In Zukunft dürfte der Verkehr hier noch weiter zunehmen. Denn je weiter sich das Meereis zurückzieht und je mehr Fische aus wärmeren Regionen in die Arktis einwandern, umso interessanter werde der Arktische Ozean für die Fischerei, sagt Christian Haas. Spätestens dann ist es mit dem abgesonderten Leben der arktischen Meeresbewohner vorbei.


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Alles im Fluss?
Nicht mit Bibern und Orcas


Alles im Fluss?
Nicht mit Bibern und Orcas

Gerät der Kreislauf der Natur durcheinander, profitieren einige Tiere – auf Kosten anderer Arktisbewohner.

Seit sich das Meereis nicht mehr so weit ausdehnt, zieht es auch Orcas häufiger in den Norden.
Seit sich das Meereis nicht mehr so weit ausdehnt, zieht es auch Orcas häufiger in den Norden. Foto: picture alliance

In den Gewässer der kanadischen Arktis hat sich ein neues Raubtier an der Spitze der Nahrungskette breitgemacht: Bislang schwammen Orcas höchstens für eine Stippvisite ins Nordpolarmeer. Mit ihren langen Rückenflossen können sie in vereisten Gewässern nur schwer manövrieren, anders als Belugas, Grönland- und Narwale, die das ganze Jahr im Arktischen Ozean leben. Seit sich das Meereis nicht mehr so weit ausdehnt, zieht es auch Schwertwale häufiger in den Norden – dort hinterlassen sie Spuren. Auch andere Einwanderer gestalten die Landschaft der Arktis merklich um.

Gemäß einer im Mai in Global Change Biology veröffentlichten Studie hielten sich während der Sommermonate bis zu 190 Schwertwale in den Gewässern der östlichen Arktis auf. Den Autoren zufolge könnten so viele Orcas mehr als tausend Narwale in einer Saison erbeuten. Bislang finden Narwale, die wegen ihres langen Stoßzahns auch Einhörner der Meere genannt werden, unter dem verbliebenen Meereis Schutz. Was es für das Ökosystem im Polarmeer bedeutet, wenn Orcas vermehrt Narwale fressen, ist noch nicht absehbar.


Ausbreitung der Meereisfläche in der Arktis zum Ende des arktischen Sommers im September 1979 und im September 2019

Foto: Dirk Notz/dpa


An anderer Stelle erinnern die Auswirkungen des Siegeszugs der Schwertwale an den berühmten Schmetterlingseffekt: Lange ist etwa bekannt, dass Orca-Populationen vor Alaska vermehrt Seeotter jagen, seit Beutetiere wie Seehunde oder andere Walarten seltener zu finden sind. Der bevorzugte Snack der Seeotter wiederum sind die in Tangwäldern vor der Küste lebenden Seeigel. Seit diese kaum noch durch Seeotter dezimiert werden, grasen sie ungehindert die Tangwälder ab, die einen wichtigen Lebensraum für eine Vielzahl mariner Lebewesen darstellen. In einer am vergangenen Freitag in Science veröffentlichten Studie untersuchten Forscher, wie sich diese sogenannte trophische Kaskade im Zusammenspiel mit dem Klimawandel auf die Unterwasserwelt vor den Aleuten, einer Inselkette am Südrand der Beringsee, auswirkt. Die Tangwälder dort bestehen aus langlebigen, kalkhaltigen Rotalgen der Gattung Clathromorphum nereostratum. Diese bilden riffartige Strukturen, die im Jahr weniger als einen halben Millimeter in die Höhe wachsen und aufgrund ihrer Verkalkung von Pflanzenfressern nicht so einfach abgeweidet werden können

In den vergangenen Jahrzehnten scheint sich das Kalkskelett der Algen jedoch immer stärker aufzulösen, so die Wissenschaftler. Schuld trage wahrscheinlich die Erwärmung der Ozeane und die damit einhergehende Versauerung des Meerwassers. Das angegriffene Kalkgerüst der Algen allerdings kann nun leichter von Seeigeln und anderen Tieren angenagt werden: Zweieinhalb Millimeter tief dringen die Seeigel mit ihren Zähnen in das Gewebe der Algen, fanden die Forscher heraus. Mit einem einzigen Bissen verspeisen sie dabei, was sieben Jahre zum Wachsen brauchte. Sollten sich die Seeotter-Bestände nicht erholen und die Zahl der Seeigel somit wieder zurückgehen, folgern die Autoren, könnten die Tangwälder vor den Aleuten noch früher kollabieren als gedacht.

Schwertwale sind nicht die einzigen Tiere, die wegen des Klimawandels vermehrt in die Arktis ziehen und dort die Folgen der Temperaturerwärmung verstärken. In der Tundra beispielsweise sind eifrig die Biber zugange. Nachdem die Nager bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Jagd auf ihre kuscheligen Pelze fast ausgerottet waren, haben sich die Bestände mittlerweile erholt. Heimisch sind Biber ursprünglich in gemäßigten Breiten. Inzwischen fühlen sie sich aber auch in der Arktis wohl, seit die Seen dort nur noch oberflächlich zufrieren, zumal in der Tundra mehr Gehölze wachsen, die Biber als Material für ihre Dammbauten nutzen. Forscher des Alfred-Wegener-Instituts in Potsdam stellten 2018 fest, dass die Nager in einem gut 18000 Quadratkilometer großen Gebiet im Nordwesten Alaskas innerhalb von fünf Jahren 56 neue Seen aufgestaut hatten. Bei einer erneuten Untersuchung anhand hochauflösender Satellitenbilder entdeckten die Wissenschaftler im vergangenen Jahr gemeinsam mit Kollegen aus den Vereinigten Staaten insgesamt 98 Biberdämme, wo auf Aufnahmen aus dem Jahr nur zwei zu sehen gewesen waren.

Eigentlich ist es Bibern zu kalt in der Arktis. Seit die Temperaturen steigen, bauen sie jedoch auch dort gerne ihre Dämme – und beschleunigen so das Auftauen des Permafrostboden.
Eigentlich ist es Bibern zu kalt in der Arktis. Seit die Temperaturen steigen, bauen sie jedoch auch dort gerne ihre Dämme – und beschleunigen so das Auftauen des Permafrostboden. Foto: Getty

Die Biber scheinen geschickt darin zu sein, mit kleinen Eingriffen einen maximalen Effekt zu erzielen. Oft errichten sie ihre Dämme genau an den Stellen, an denen sie das Wasser besonders leicht zu großen Seen aufstauen können. Manche dieser neu geschaffenen Gewässer sind mehrere Hektar groß. Naturschützer freuen sich meist über die Nager, weil die pelzigen Tiere vielseitige Feuchtgebiete schaffen. Hierzulande hilft der Biber, zerstörte Flussauen wieder zu renaturieren und damit wichtige Lebensräume für andere Arten wiederherzustellen. Auch in der Arktis könnten sich in den von den Bibern umgestalteten Landschaften weitere Tiere und Pflanzen ansiedeln.

Doch der tierische Baueifer hat auch Nachteile: Die Seen und Flüsse der Biber sind etwas wärmer als der umliegende Boden und lassen so den Permafrost in der Arktis schneller tauen. Der ist sonst bis auf wenige Zentimeter unter der Oberfläche dauerhaft gefroren, doch steigende Temperaturen lassen ihn ohnehin an vielen Stellen langsam schmelzen. Dabei werden Treibhausgase frei, die in den gefrorenen Böden gespeichert waren. Die Biber scheinen diesen Prozess nun zu verstärken. Die eigentlichen Umweltsünder sind sie deshalb aber nicht. Die weit größere Bedrohung für den Permafrost und somit auch die Bewohner des Hohen Nordens bleibt der Klimawandel.


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Von Lemmingen
und Kaffee-Bären


Von Lemmingen
und Kaffee-Bären

Die Wärme lockt neue Bewohner in den hohen Norden. Gibt es genug Nahrung für Polarfüchse und Rotfüchse, für Eisbären und Grizzlys?

Je weniger Wasserfläche im Frühjahr von Eis bedeckt ist, umso früher sprießt die Vegetation an Land.
Je weniger Wasserfläche im Frühjahr von Eis bedeckt ist, umso früher sprießt die Vegetation an Land. Foto: Reuters

Die Arktis wird grün. Nahe dem und jenseits des Polarkreises gedeihen eigentlich nur hartgesottene Gewächse wie Moose, Kräuter und Flechten. In den vergangenen Jahren ist die arktische Vegetation augenscheinlich in die Höhe gewachsen: Gräser und Sträucher machen sich breit. Infolge des zunehmend milderen Klimas breiten sich auch andere Pflanzenarten, die hier bislang nicht gedeihen konnten, nach Norden aus. Das könnte die angestammte Flora und somit auch die Tiere, die von ihr abhängig sind, verdrängen.

Wenn es wärmer wird, setzt auch die Schneeschmelze eher ein. Eine Langzeitstudie in Grönland zeigte: Je weniger Wasserfläche im Frühjahr von Eis bedeckt ist, umso früher sprießt die Vegetation an Land. Man könnte meinen, dies erleichtere Pflanzenfressern, wie etwa den Rentieren, das Leben. Doch es hapert am Timing: So wachsen die arktischen Pflanzen jetzt oft schon, bevor die Rentiere ihre Kälber zur Welt bringen. Später im Jahr finden die Herden dann nicht genug Futter. Ohnehin ist es im Winter für sie immer schwerer, an Moose und Flechten zu gelangen: Sind die Temperaturen mild, taut die oberste Schicht der Schneedecke auf, um anschließend wieder zu gefrieren. So entstehen Eiskrusten über der Vegetation, welche die Rentiere nur mit Mühe durchbrechen können. Ähnliches geschieht, wenn Regen auf den Schnee fällt und dort gefriert. Manchmal vereisen dabei so große Gebiete, dass ganze Rentierherden verhungern. Vor zwei Jahren kamen in Norwegen auf diese Weise zweihundert Rentiere um. Die Bestände wilder Rentiere in Russland sind laut der Umweltorganisation WWF zwischen 1990 und 2015 um mehr als zwanzig Prozent eingebrochen. Den Karibu-Herden in Kanada ergeht es ähnlich. Und auch Moschusochsen finden so wenig Nahrung, dass einige Weibchen bereits kleinere Kälber gebären, wie eine 2018 in Scientific Reports erschienene Studie zeigte. Der zufolge könnten schon geringe Mengen Regen in den Wintermonaten einen lang anhaltenden negativen Effekt auf das Wachstum der arktischen Großsäuger haben.

Die veränderten Wetterbedingungen machen auch einem bedeutend kleineren Pflanzenfresser zu schaffen, dem Lemming. Den Winter verbringen die Nager eigentlich unter der Schneedecke: Geschützt vor Kälte und hungrigen Jägern, hausen sie dort bis zum Sommer. Sind die Bedingungen angenehm, beginnen die Lemminge noch in ihren Schneehöhlen mit der Paarung. So wuselten früher alle paar Jahre besonders viele Lemminge durch die Tundra. So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden sie im Jahr darauf auch wieder. Die starken Schwankungen der Lemming-Population führten dazu, dass den Tierchen lange unterstellt wurde, sie würden massenhaft Selbstmord begehen. Der Disney-Dokumentarfilm „Weiße Wildnis“ aus dem Jahr 1958 schürte den Mythos: Vor der Kamera fielen reihenweise Lemminge von einer Klippe. Später kam heraus, dass die Tiere sich kaum freiwillig in den Tod gestürzt hatten: Ein Freund des Kameramanns hatte wohl nachgeholfen.

Fraglich ist, ob junge Polarfüchse im Norden Norwegens noch genug Beutetier finden, um groß zu werden. Schon zieht es ihre größeren Verwandten, die Rotfüchse, in die zunehmend wärmere Arktis.
Fraglich ist, ob junge Polarfüchse im Norden Norwegens noch genug Beutetier finden, um groß zu werden. Schon zieht es ihre größeren Verwandten, die Rotfüchse, in die zunehmend wärmere Arktis. Foto: blickwinkel/H.-P. Eckstein

Tatsächlich schwankt die Zahl der Lemminge, weil nach einem Jahr mit besonders viel Nachwuchs nicht genug Nahrung übrig ist, um noch einmal einen geburtenstarken Jahrgang zu ernähren. Lemminge fressen gerne Moos, und das wächst nicht so schnell nach. Mittlerweile gibt es ohnehin kaum noch Jahre, in denen sich die Nager massenhaft vermehren. Der Schnee ist häufig so feucht, dass die Schicht zwischen Boden und Schnee vereist. Dort können die Tiere dann ihre schützenden Tunnel nicht mehr bauen.

Der Lemming mag für die Arktis nicht so emblematisch sein wie der Eisbär, doch in der arktischen Nahrungskette kommt ihm eine Schlüsselrolle zu. Sein Schicksal ist direkt mit dem Wohlergehen vieler Beutejäger verknüpft. Schneeeulen etwa machen bevorzugt Jagd auf Lemminge. Drei bis fünf verputzt eine ausgewachsene Schneeeule am Tag. Nach Jahren mit wenigen Lemmingen geht auch die Zahl der Eulen zurück. Finden sie nicht genug Nahrung, legen sie weniger Eier.

Einige Schneeeulen verbringen das ganze Jahr in der Arktis. Während der Wintermonate bereichern sie ihren Speiseplan mit Seevögeln, die sie auf Wasserflächen zwischen dem Meereis jagen. Diese Technik könnte bald zu aufwendig sein: Wenn sich das Meereis zurückzieht, verteilen sich die Seevögel auf einer größeren Fläche, so dass die Eulen enorme Distanzen zurücklegen müssen, um satt zu werden.

Ähnlich wie bei den Eulen schwankt auch die Zahl der Polarfüchse je nach Größe der Lemming-Population. Doch der Rückgang ihrer Beutetiere ist nicht das einzige Problem der weißen Füchse. Neue Konkurrenten wandern ein: Dank der gemäßigteren Bedingungen ziehen immer mehr Rotfüchse gen Norden. Die sind größer und stärker als ihre arktischen Verwandten und machen ihnen die Beute streitig.

Für Eisbären ist es schwieriger Robben zu jagen, wenn das Meereis schmilzt.
Für Eisbären ist es schwieriger Robben zu jagen, wenn das Meereis schmilzt. Foto: dpa

Auch die Lebensräume von Eisbären und Grizzlys überschneiden sich immer
öfter. In manchen Regionen Alaskas und Westkanadas wurden schon hellbraune Bären gesichtet, die aus einer Paarung von Eis- und Braunbär hervorgegangen sind. Meist sind es Grizzly-Männchen, die auf einem Streifzug in den Norden mit Eisbärinnen anbandeln. Für den Fortbestand der Eisbären sind diese Paarungen nicht gerade ein Glücksfall. Die daraus hervorgehenden Hybriden – sogenannte „Pizzlys“ oder auch Cappuccino-Bären – sind zwar niedlich, aber meistens unfruchtbar.

Die neuen Bewohner schleppen auch neue Krankheiten in die Arktis. Bei Elchen und Karibus wurde zum Beispiel schon der Spulwurm Onchocerca cervipedis entdeckt, der sonst nur Hirscharten in den borealen Wäldern Nordamerikas befällt. Zwischen 2010 und 2014 starben außerdem Tausende Moschusochsen in der Westarktis an einer Infektion mit dem Bakterium Erysipelothrix rhusiopathiae. Das löst bei Schweinen den sogenannten Rotlauf aus, eine oft tödlich verlaufende Erkrankung unter anderem der Haut. Auch andere Tiere können das Bakterium in sich tragen. Wissenschaftler vermuteten, dass Wildvögel und Nagetiere es in die Arktis verbracht haben.

So müssen die angestammten Bewohner der Arktis nicht nur mit ihrem sich wandelnden Lebensraum fertig werden, sondern auch mit neuen Krankheitserregern, gegen die sie meist keine ausreichende Immunabwehr aufweisen. Wenn immer mehr Arten aus dem Süden in der Polarregion Zuflucht suchen, gehen den arktischen Spezies die Rückzugsräume aus. Sie sind Spezialisten, angepasst an ein Leben in Schnee und Eis. In einer grünen Arktis wird für sie auf lange Sicht kein Platz mehr sein.


Polarlichter bei Rovaniemi in Lappland, Finnland Polarlichter bei Rovaniemi in Lappland, Finnland
Polarlichter Das Licht der stillen Stürme
Quelle: F.A.S.