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Bewohnte Welten

Von ULF VON RAUCHHAUPT
Barocker Himmel: Detail aus einer Illustration der „Unterhaltungen über die Vielheit der Welten“ des Bernard le Bovier de Fontenelle (1657 bis 1757) Foto: Science Photo Library

26.03.2019 · Vor 60 Jahren hatten Physiker den Einfall, nach Funksignalen außerirdischer Herkunft zu suchen. Da hatte die Vorstellung, es könnte andere bewohnte Himmelskörper geben, aber bereits eine lange Geschichte.

G iuseppe Cocconi dachte zuerst an Gammastrahlen. Der italienische Teilchenphysiker forschte an der Cornell University im Staat New York, als er an einem Märztag des Jahres 1959 mit seiner Frau, ebenfalls einer Physikerin, die Frage diskutierte, über welche Art von Signalen man sich am besten mit außerirdischen Zivilisationen verständigen könnte. Am nächsten Tag ging er mit der Idee zu seinem Institutskollegen Philip Morrison. Der hatte einst bei Robert Oppenheimer promoviert und geholfen, die Plutoniumbombe „Fat Man“ zusammenzuschrauben, bevor man sie auf Nagasaki abwarf. Jetzt interessierte er sich mehr für Astrophysik und antwortete Cocconi, Radiowellen wären als Träger interstellarer Botschaften besser geeignet als Gammastrahlen. Die beiden rechneten ein wenig herum und kamen zu dem Schluss, dass das damals größte Radioteleskop gerade imstande wäre, außerirdischen Funkverkehr aufzufangen, falls jemand auf einem Planeten um einen der nächsten Sterne mit irdischer Intensität sendete. Im September 1959 publizierten Cocconi und Morrison ihre Berechnungen in Nature.

Carl Sagan Foto: ddp Images

Die beiden waren keine Wirrköpfe – Cocconi wurde später Forschungsdirektor am europäischen Teilchenbeschleunigerzentrum Cern bei Genf und Morrison Professor am MIT. Tatsächlich interessieren sich nicht nur Science-Fiction-Leser oder Ufo-Gläubige für Außerirdische, sondern auch seriöse Wissenschaftler. Allen voran und mit dem größten medialen Erfolg der Planetenwissenschaftler Carl Sagan (1934 bis 1996), seit 1968 Professor in Cornell. Für Sagan war die Frage nach der Existenz außerirdischen Lebens keine Forschungsfrage unter vielen. Sein Credo: Es gibt im All unzählige lebensfreundliche Planeten, viele davon haben Leben hervorgebracht, darunter einige auch höheres, das sich bis zu intelligenten und irgendwann auch radiotechnisch begabten Zivilisationen entwickelt hat. Es sei davon auszugehen, dass diese uns Erdlingen im Allgemeinen weit überlegen sind, ein Kontakt mit ihnen die Menschheit mithin tiefgreifend verändern würde. Er könnte uns vielleicht von Umweltzerstörung und nuklearer Bedrohung retten. Vielleicht würden die weit fortgeschrittenen Einsichten solcher Außerirdischen in die Lebenszusammenhänge dereinst auch uns Menschen in die Lage versetzen, dem Tod zu entgehen.


Das klingt alles sehr nach den Träumen eines linksliberalen westlichen Akademikers der Nachkriegszeit. Doch viele dieser Ideen haben eine lange Geschichte. Und wie bei so vielem in unserer Kultur beginnt sie im antiken Griechenland.


Dort ging es zunächst nicht explizit um bewohnte Welten, wobei man für bewohnbare Regionen in der Regel auch Bewohner unterstellte. Die Frage war vielmehr, ob es nur einen Kosmos gibt, also eine Erde samt sie umgebender Himmelsphäre und darin kreisender Gestirne, oder deren mehrere. Darauf gab es im Altertum zwei Antworten. Die erste kam von den sogenannten Atomisten, Leukippos und seinem Schüler Demokrit im 5. Jahrhundert vor Christus. Sie ergab sich als Folge der Annahme, alles bestehe aus kleinsten unteilbaren Teilchen, von denen es unendlich viele gebe. Diese Auffassung wurde später auch von den Anhängern Epikurs vertreten, etwa dem römischen Dichter Lukrez. Einer der weniger bekannten Atomisten war Metrodoros von Chios aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, vielleicht ein Schüler Demokrits. Über ihn berichtet eine antike Quelle: „Metrodoros sagt, es wäre seltsam, wenn es auf einem großen Feld eine einzige Ähre gäbe und ein einziger Kosmos im Unendlichen.“ Der Gedanke, mehrere Welten müsse es schon deswegen geben, weil alles andere „riesige Platzverschwendung“ wäre, propagierte in unserer Zeit ebenfalls Carl Sagan, etwa in seinem 1997 mit Jodie Foster in der Hauptrolle verfilmten Science-Fiction-Roman „Contact“. Bei Metrodoros von Chios taucht dieses sogenannte „Prinzip der Fülle“ offenbar zum ersten Mal auf.


„Es wäre seltsam, wenn es auf einem großen Feld eine einzige Ähre gäbe und ein einziger Kosmos im Unendlichen.“
METRODOROS VON CHIOS

Metrodorous von Chios fand, ein Universum mit nur einer Welt sei unglaubwürdig öde. Foto: Mauritius

Ganz anders hingegen dachte Metrodoros’ berühmter Zeitgenosse Aristoteles. Auch wenn seine Naturtheorie weiter von unserer heutigen Auffassung entfernt zu sein scheint als die der Atomisten, ging Aristoteles methodisch moderner vor, nämlich empirisch: Statt unsichtbare Atome zu postulieren, schaute er in den Kosmos und sah dort zwei Sphären unterschiedlich gearteter Naturgesetze: die Erde, auf der alles nach unten fällt, und den Himmel mit dem ewigen Kreisen der Gestirne. Aus dem Fallen losgelassener Gegenstände schließt Aristoteles, dass alles, was den chaotischen Bezirken der Erde zuzuordnen ist, in deren Mittelpunkt seinen natürlichen Ort habe. Gäbe es mehrere Welten, wäre solch ein natürlicher Ort nicht mehr eindeutig bestimmt. Folglich gebe es nur eine Welt.


Damit blieb nun allenfalls der Mond als möglicher Ort extraterrestrischen Lebens. Tatsächlich gibt es von dem zur Römerzeit schreibenden Griechen Plutarch (45 bis 125 n. Chr.) eine Schrift in Dialogform mit dem lateinischen Titel „De facie in orbe lunae“ („Vom Mondgesicht“), in der sich weitere Elemente späterer Debatten finden. Da wäre erstens die Erkenntnis, dass eine bewohnbare Welt nicht bewohnt sein muss. Zweitens die Frage, wozu der Mond denn da sei, wenn nicht für Mondbewohner. Das sollte später zu dem sogenannten teleologischen Argument für die Existenz Außerirdischer werden: Eine Welt habe einen Endzweck (griechisch Telos), nämlich bewohnt zu sein. Drittens erklärt Plutarchs Gesprächsführer seinem Mitdiskutanten an einer Stelle: „Nichts von dem, was vorgebracht wurde, zeigt, dass ein Wohnen dort [auf dem Mond] unmöglich ist.“ Das ist die Denkfigur des „doppelten Negativs“, dessen sich auch Carl Sagan immer wieder bediente, den aber bereits Cocconi und Morrison in ihrem Nature-Artikel bemühen, wo sie schreiben, es sei „ungerechtfertigt, zu leugnen“, dass Lebensdauern extraterrestrischer Zivilisationen ausreichend lang sein könnten, so dass einige mit uns koexistieren und damit die theoretische Möglichkeit eines Kontaktes mit ihnen besteht.


„Nichts von dem, was vorgebracht wurde, zeigt, dass ein Wohnen dort unmöglich ist.“
PLUTARCH

Plutarch meinte, es spreche nichts gegen Mondbewohner. Foto: Bridgeman

Plutarchs Mondbuch ist einer der wenigen antiken Texte, in denen nicht nur andere Welten verhandelt werden, sondern bereits etwaige Bewohner. Allerdings gibt es auch die „Wahren Geschichten“ des Lukian von Samosata (ca. 120 bis 180 n. Chr.), eine turbulente Satire, in der es die Helden zeitweise auf den Mond verschlägt, wo sie in einen Krieg zwischen dem Mondkönig und den Bewohnern der Sonne geraten. Bis zu einer ernsthaften wissenschaftlichen, genauer gesagt, philosophischen Beschäftigung mit der Frage nach den Außerirdischen sollte es bis ins späte Mittelalter dauern. Denn bis dahin dominierte Aristoteles.


Nach der Wiederentdeckung seiner Hauptwerke im lateinischen Westen um 1200 herum wird er in der Philosophie das Maß aller Dinge. Allerdings gibt es bald Probleme. Als an der Universität Paris eine Gruppe radikaler Aristoteliker sich den Verdacht zuzieht, den alten Griechen über die Bibel und die Kirchenväter zu setzen, kommt es im Jahr 1277 zu einer kirchlichen Verurteilung einer Anzahl ihrer Thesen. Darunter auch die, Gott könne keine vielen Welten schaffen. In der Folge ist das aristotelische Argument gegen eine Pluralität der Welten nicht mehr sakrosankt und wird etwa von Nikolaus von Oresme (1330 bis 1382) kritisiert. Doch von Bewohnern anderer Welten ist auch bei ihm noch keine Rede.


Sie begegnen uns zum ersten Mal prominent bei Nikolaus von Kues (1401 bis 1464), genannt Cusanus. Der vielseitige Gelehrte und Kirchendiplomat wurde 1448 zum Kardinal erhoben. Acht Jahre zuvor schrieb er sein erstes philosophisches Hauptwerk, „De docta ignorantia“ (Über die belehrte Unwissenheit). Dort stellt er auch Vermutungen über die Bewohner von Sonne und Mond an. Dann schreibt er: „In ähnlicher Weise vermuten wir auch von den Regionen anderer Sterne, dass keine ohne Bewohner ist, und dass fast so viele einzelne welthafte Teile des einen Universums existieren, wie es Sterne gibt, welche ohne Zahl sind.“ Cusanus sah also die am Himmel sichtbaren Sterne als mögliche Heimat außerirdischer Wesen an, und das zu einer Zeit, als das schlagendste Argument dafür noch gar nicht zur Verfügung stand. Denn eigentlich ermöglichte erst das heliozentrische Weltmodell des Kopernikus (1473 bis 1543) den Gedanken, dass die Erde nun, da sie nicht mehr die Mitte des Planetensystems war, auch sonst keine besondere Stellung im Kosmos mehr habe. Statt mit diesem „kopernikanischen Prinzip“ argumentierte Cusanus mit dem „Prinzip der Fülle“, hinter dem bei ihm allerdings keine atomistische Tradition steht. Aber möglicherweise kam Cusanus auf die Außerirdischen nicht ganz allein. Auch von dem Franziskaner William Vorilong (ca. 1390 bis 1463) gibt es eine, diesmal theologische Äußerung, in der sie vorkommen: „Zu der Frage, ob Christus durch seinen Tod auf dieser Welt die Einwohner einer anderen erlösen könne, antworte ich, dass er das kann, selbst wenn es unendlich viele Welten gebe, allerdings wäre es ihm nicht angemessen, auf eine andere Welt zu gehen, um noch einmal zu sterben.“


„In ähnlicher Weise vermuten wir auch von den Regionen anderer Sterne, dass keine ohne Bewohner ist.“
NICOLAUS CUSANUS

Nicolaus Cusanus stellte die ersten Vermutungen über Bewohner anderer Sterne an. Foto: AKG

Wirklich breit diskutieren ließ sich die Frage trotzdem erst nach Kopernikus, und dann vor allem im 17. Jahrhundert, nachdem die Arbeiten des Astronomen Johannes Kepler (1571 bis 1630) gezeigt hatten, dass das heliozentrische Weltmodell besser zu den Beobachtungsdaten passt als das des antiken Astronomen Ptolemaios, der mit Aristoteles von der Erde als Mittelpunkt des Planetensystems ausgegangen war. Ganz erledigt hatte sich die aristotelische Naturtheorie allerdings erst mit dem Werk Isaak Newtons (1643 bis 1727). Nun war eine Unterscheidung eines irdischen und himmlischen Bereichs mit jeweils eigenen Naturgesetzen überhaupt nicht mehr aufrechtzuerhalten – und damit auch nicht der aristotelische Einwand gegen eine Vielheit der Welten. Schon vorher aber öffnete der schleichende Niedergang des Aristotelismus enorme Räume, die nahelegten, das kopernikanische Prinzip auf Bewohnbarkeit und mithin Bewohntheit auszudehnen. Hinzu kam das teleologische Argument – wozu solch ein riesiges All, wenn das meiste davon unbewohnt bleibt? – sowie ein theologisches: Sind viele bewohnte Welten Gottes Schöpfermacht nicht viel angemessener als nur eine einzige?


„Man darf sich nicht vorstellen, dass es viele Welten gibt“
PHILIPP MELANCHTHON

Dennoch war die Zustimmung der Gelehrten nicht einheitlich. Einige wie Kepler, der niederländische Astronom Christiaan Huygens oder auch Immanuel Kant befassten sich mit der Frage, zum Teil ausführlich. Andere – darunter Newton und der französische Philosoph René Descartes – äußerten sich allenfalls in privater Korrespondenz zu bewohnten Welten, aber nicht in ihrem wissenschaftlichen Werk. Andere wiederum hielten rein gar nichts von solchen Vorstellungen, und der prominenteste unter ihnen war – etwas überraschend für einen entschiedenen Kopernikaner – Galileo Galilei (1564 bis 1641). Auch der Reformator Philipp Melanchthon war ganz und gar gegen die Idee. „Man darf sich nicht vorstellen, dass es viele Welten gibt“, schrieb er 1550. „Denn man darf sich nicht vorstellen, dass Christus öfter starb und auferweckt wurde, noch darf man denken, dass Menschen in irgend eine andere Welt und ohne Kenntnis des Sohnes Gottes zum ewigen Leben gelangen würden.“ Dabei hatte William Vorilong ein Jahrhundert zuvor die gleiche Frage noch ganz anders beantworten können.

Der Philosoph diskutiert mit der kosmologisch interessierten Marquise die Vielheit der Welten (Vorsatzbild aus Fontenelles Bestseller in einer Ausgabe von 1721). Foto: Science Photo Library

Nun betonte die Reformation die Bedeutung der Heiligen Schrift, in der von einer Vielheit der Welten so nichts zu lesen ist. Da wollte man sich auch katholischerseits nicht unnötig dem Vorwurf aussetzen, es mit der Bibel nicht so genau zu nehmen, und wurde kleinkariert. Zwar argumentierten Geistliche, etwa der als Mathematiker bekannt gewordene Mönch Marin Mersenne (1588 bis 1648), ausführlich, warum weder aus der Bibel noch aus dem Glauben der Kirche („de fide“) zu schließen sei, dass es nur eine Welt gebe. Trotzdem war die Idee unter Kirchenleuten dieser Zeit eher weniger populär. Einige Historiker glauben sogar, dass der Philosoph Giordano Bruno (1548 bis 1600), ein glühender Gegner des Aristotelismus, auch wegen seiner Begeisterung für bewohnte Welten als Häretiker auf dem Scheiterhaufen endete. Allerdings hing Bruno auch hermetistischen (heute würde man sagen „esoterischen“) Vorstellungen an und war durch seine politischen Ideen – er betrieb eine Allianz Frankreichs und Englands gegen Spanien – im Rom unbeliebt genug.

Lowells Mars: Die Kanäle dienten den Marsianern dazu, Wasser von den Polkappen auf die Agrarflächen (dunkel) zu leiten. Foto: Science Photo Library

Insgesamt aber nahm die Skepsis gegenüber der möglichen Existenz Außerirdischer vom 16. bis ins 19. Jahrhundert beständig ab, zunächst nur in Gelehrtenzirkeln, nach 1686 aber auch in breiteren Kreisen der europäischen Öffentlichkeit. In diesem Jahr erschienen zum ersten Mal die „Entretiens sur la Pluralité des Mondes“ des Bernard le Bovier de Fontenelle (1657 bis 1757). Dieses populärwissenschaftliche Buch wandte sich nicht zuletzt an ein weibliches Publikum und sorgte für eine allgemeine Verbreitung der Idee. Der Autor war zwar kein Astronom, aber ein gut informierter Schriftsteller.


Mehr als ein Jahrhundert nach Fontenelle hatte ein anderer Franzose ebenfalls erheblichen Anteil an der Popularisierung der Vorstellung von außerirdischem Leben. Doch kurz bevor Camille Flammarion (1842 bis 1925) zu publizieren begann, erschien 1859 Charles Darwins „The Origin of Species“. Die Evolutionstheorie hatte auch für die Frage nach außerirdischem Leben nachhaltige Folgen: Zum einen schwächte sie das teleologische Argument für die Existenz Außerirdischer. Zum anderen sieht erst der evolutionsbiologische Blick, dass die Erde nicht schon immer bewohnt gewesen sein kann. Auf vielen mit Biosphären gesegneten Planeten dürfte daher die Evolution (noch) keine Bewohner hervorgebracht haben. Wo es Leben gibt, ist es also nicht notwendig mit Sprache und Vernunft begabt. Andererseits war nun auch denkbar, dass ein Planet von Lebewesen bevölkert ist, die bereits eine längere Evolution hinter sich haben als wir hier auf der Erde. Und das konnte im 19. Jahrhundert mit seinen bis dahin nie dagewesenen Fortschritten der Naturbeherrschung nur bedeuten: Sie sind uns auch technisch voraus und wahrscheinlich weit überlegen.

Einer der Prohpeten der Außerirdischen: Bernard le Bovier de Fontenelle Foto: Picture-Alliance

Diese letzte Idee wurde erst mit Darwin möglich. Camille Flammarion war jener, der sie als einer der Ersten und mit weitreichenden Folgen popularisierte. Einschlägig wurde unter seinen Dutzenden populärwissenschaftlicher Bücher hier vor allem „La Planète Mars et ses condicions d’habitabilité“ (Der Planet Mars und die Bedingungen seiner Bewohnbarkeit) von 1892. Der Mars war bereits im frühen 19. Jahrhundert zum Zentrum der Hoffnungen auf die Entdeckung außerirdischen Lebens geworden. Die immer besseren Teleskope hatten dort vereiste Polkappen gesichtet, ähnlich denen der Erde, sowie eine Rotation, die sich in Achsenneigung und Tageslänge nicht sehr von der unseres Heimatplaneten unterschied. Zudem gab es dunkle Flächen, die der Astronom und Jesuitenpater Angelo Secchi (1818 bis 1878) als Gewässer interpretierte. Diese Sicht machte sich auch Flammarion zu eigen. Vor allem aber erzählte er seinen Lesern von den Marskanälen.


Sie gehen zurück auf Beobachtungen des Astronomen Giovanni Schiaparelli. Der Italiener galt als einer der besten teleskopischen Beobachter seiner Zeit und hatte 1877 die bis dahin genaueste Karte des Mars gezeichnet. Darauf zu sehen sind etliche Strukturen, die Schiaparelli zunächst als Meeresarme interpretierte, italienisch „canali“. Nun kann das Wort auch künstlich gegrabene Kanäle bezeichnen. Diese Doppeldeutigkeit im Verein mit dem fachlichen Ansehen Schiaparellis lenkte in den kommenden Jahren immer mehr die Interpretation. Auch andere Astronomen waren bald davon überzeugt, dass schnurgerade Kanäle die Marsoberfläche durchzogen; insbesondere für Camille Flammarion stand fest, dass es sich um künstliche Wasserstraßen handelte.

Camille Flammarion Foto: AKG

Weihnachten 1893 nun bekam Percival Lowell „La Planète Mars“ von seiner Tante unter den Christbaum gelegt. Lowell war ein schwerreicher Amerikaner, der in Harvard Mathematik studiert und dabei große Begabung an den Tag gelegt hatte, danach aber Jahre in Ostasien verbrachte. Flammarions Marsbuch jedoch änderte sein Leben: Er beschloss, es der Erforschung der Marskanäle zu widmen, und baute sich umgehend eine eigene Sternwarte, das Lowell Observatory in Flagstaff, Arizona, eine noch heute aktive und angesehene private Forschungseinrichtung. Bereits 1894 begann Lowell mit den Beobachtungen und wurde sofort fündig: Kanäle über Kanäle und ohne Zweifel künstlich. Die dunklen Gegenden interpretierte er allerdings nicht als Gewässer, sondern als Vegetationszonen inmitten von Wüsten. Für Percival Lowell war der Fall klar: Die Marsianer waren eine hochtechnisierte Zivilisation auf einem verdurstenden Planeten.


Noch im gleichen Jahr 1894 aber kamen der astronomischen Fachwelt die ersten Zweifel. Der 91-Zentimeter-Refraktor des Lick Observatory in Kalifornien, damals das größte Refraktor-Teleskop der Welt, sah keine Kanäle, und erste Messungen des Wassergehaltes der Marsatmosphäre fanden auch keine Spuren davon. 1907 zerpflückte der greise Alfred Russel Wallace, der einst parallel zu Darwin die Evolutionstheorie entwickelt hatte, Lowells Thesen zur Bewohnbarkeit des Mars. Bereits 1909, nach erneuten Beobachtungen des Mars mit einem der größten Teleskope, war die Kanalhypothese wissenschaftlich tot. Nur Percival Lowell hielt bis zu seinem Tod 1916 unverdrossen daran fest und verbreitete sie in Büchern, zahllosen Vorträgen und mit überragendem Medienecho. „Die Marsianer haben zwei immense Kanäle innerhalb von zwei Jahren gebaut“, titelte die New York Times Sunday am 27. August 1911.

Percival Lowell Foto: Bridgeman

Damit aber wurden die Außerirdischen im Allgemeinen und die Marsianer im Besonderen von einem wissenschaftlichen Gegenstand zu einem Thema der Literatur. In H. G. Wells’ Roman „War of the Worlds“ (1898) etwa greifen technisch überlegene Marsianer mit Ressourcenproblemen die Erde an. Der Handlungsrahmen ist offenkundig von Lowells Mars inspiriert und begründete die Tradition der Alien-Invasion-Stories. Die Idee, fortgeschrittene Außerirdische könnten der Menschheit weniger den Untergang als die Rettung vor sich selbst bringen, wird etwas später ventiliert: 1951 etwa in dem Film „The Day the Earth Stood still“ oder in Arthur C. Clarkes Roman „Childhood’s End“ von 1953. Kaum zufällig erschien dieses Motiv bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Beginn der nuklearen Wettrüstens.


Die astrobiologische Realität konnte da natürlich nicht mithalten. Im Gegenteil: Während Aliens Leinwände und Leihbüchereien stürmten, wurde der Mars unter den Instrumenten der Wissenschaft ein immer unwirtlicherer Planet. Bis in die 1950er Jahre waren Informationen über den Druck und die Zusammensetzung der Marsatmosphäre noch vage genug, um eine einfache Vegetation dort für möglich zu halten. Das änderte sich 1963 mit den ersten Daten über die Feuchtigkeit der Marsluft – sie ist 70-Mal geringer als in den trockensten Wüsten der Erde – und vollends 1965 mit den Bildern der ersten erfolgreichen Marssonde Mariner 4. Sie erinnerten eher an den Mond. Als jedoch Mariner 9 im Jahr 1972 als erste Raumsonde in die Marsumlaufbahn einschwenkte und von dort aus fossile Flussläufe entdeckte, eröffnete das zumindest die Möglichkeit, der Mars könnte einst feuchter und lebensfreundlicher gewesen sein. Vielleicht gab es dort doch eine, wenn auch primitive Biosphäre aus bakterienähnlichen Lebensformen, die sich nach dem Austrocknen des Planeten in den Boden zurückgezogen hatte.

Der Abstieg der Marsbewohner von Kanalbauingenieuren zu hypothetischen Bodenmikroben verdarb indes nicht nur den letzten Anhängern Lowells die Laune. Auch viele Planetenforscher hielten so lange wie es nur ging an der Vorstellung einer Marsvegetation fest. Die Bilder von Mariner 4 und Mariner 7 schließlich wurden mit Enttäuschung respektive Hoffnung zur Kenntnis genommen. Zwar war das Nachdenken über Außerirdische durch Lowell, dann infolge der populärkulturellen Karriere der kleinen grünen Männchen und ab Ende der 1940er durch vermeintliche Ufo-Sichtungen in den Ruch des Unseriösen geraten. Aber deswegen ganz davon lassen wollten auch Astronomen und Physiker nicht. So nahmen Cocconi und Morrison die nächsten Sterne just dann in den Blick, als klar zu werden begann, dass es mit dem Mars wohl nichts mehr wird. Zeitgleich mit ihnen stellte ein junger Radioastronom namens Frank Drake ähnliche Rechnungen an und richtete 1960 ein Radioteleskop des Green Bank Observatory in West Virginia auf zwei der sonnennächsten Sterne. Von dort sendete zwar niemand, aber das Universum ist ja groß, und so dauert die „Search for Extraterrestrial Intelligence“ (SETI) mittels Radioantennen bis heute an. Im Januar 2016 etwa startete „Breakthrough Listen“, eine auf zehn Jahre angelegte Lauschkampagne, für die der Milliardär Yuri Milner 100 Millionen Dollar springen lässt.

Schließlich ist ja nicht ausgeschlossen, dass es die Außerirdischen gibt. Tatsächlich kann das gar nicht ausgeschlossen werden. Genau das aber ist das Problem mit dem doppelten Negativ: Die Hypothese, es gebe Außerirdische, ist verifizierbar, aber nicht falsifizierbar. Gibt es sie nicht, kann die Suche nach ihnen an kein Ende gelangen. Ihre Existenz aber einfach vorauszusetzen ist gleichfalls nicht zulässig. Das kopernikanische Prinzip, das sie uns angesichts der vielen Myriaden von Sternen und ihrer Planetensysteme nahezulegen scheint, ist kein Naturgesetz, sondern Ergebnis astronomischer Beobachtungen. Ob es auch biologisch gilt, ist ja gerade etwas, was man durch die Suche nach außerirdischem Leben herausfinden möchte.


„Das ewige Schweigen
der unendlichen Räume
macht mir Angst.“
BLAISE PASCAL

Doch können offenbar selbst seriöse Forscher die Frage nach außerirdischem Leben nicht unvoreingenommen stellen. Seitdem der Niedergang des Aristotelismus im 17. Jahrhundert jene neuen Räume öffnete, in denen man sich andere bewohnte Welten vorstellen kann, fragen die damit befassten Gelehrten und ihr interessiertes Publikum nicht nur nach den Außerirdischen. Sie wünschen sich, es möge sie geben. Warum aber wünschen sie sich das? Eine Antwort ist sicher: weil ein an vielen Orten belebtes, gar von anderen denkenden Wesen bewohntes Universum einfach interessanter ist. Es gäbe viel mehr darin zu entdecken als in einem, in dem sonst nur tote Steinkugeln oder Gasbälle kreisen. Aber es gibt noch eine andere Antwort. Unser Wunsch, es möge die Außerirdischen geben, ist vielleicht auch die existentielle Reaktion auf das Gefühl, das genau in jenem 17. Jahrhundert der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623 bis 1662) in seinen nachgelassenen „Pensées“ artikulierte: „Das ewige Schweigen der unendlichen Räume macht mir Angst.“

Literatur: Steven J. Dick, „Plurality of Worlds. The Origin of the Extraterrestrial Life Debate from Democritus to Kant“, Cambridge University Press 1982. George Basalla „Civilized Life in the Universe. Scientists on Intelligent Extraterrestrials“, Oxford University Press 2006
Quelle: F.A.S.

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