Bericht des Weltklimarats IPCC

Die Klimakrise ist jetzt auch im letzten Winkel des Planeten spürbar

Von Joachim Müller-Jung
09.08.2021
, 09:59
Ein brasilianischer Junge auf dem aufgebrochenen Grund eines ausgetrockneten Wasserreservoirs vor den Toren von Campina Grande in Brasilien
Der Weltklimarat legt eine neue Einschätzung der Erderwärmung vor. Es gibt weniger Unsicherheiten über deren Ursachen und Folgen. Mit neuen analytischen Verfahren können jetzt auch Projektionen auf regionaler Ebene erstellt werden.
ANZEIGE

Nach zweiwöchigen Online-Beratungen mit Repräsentanten aus nahezu allen Staaten der Erde hat der Weltklimarat IPCC der Vereinten Nationen heute Morgen den ersten von vier Teilberichten für den sechsten Sachstandsbericht zum Klimawandel vorgelegt und den Druck auf die Klimapolitik erhöht. Wenn nicht „sofort, schnell und im großen Stil“ die Treibhausgas-Emissionen verringert werden, so heißt es darin, gerate das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad oder auf wenigstens zwei Grad verglichen mit der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, außer Reichweite.

ANZEIGE

Dabei besitzt die Arbeitsgruppe eins des IPCC nicht einmal ein Mandat, sich mit politischen Zielen und Debatten auseinanderzusetzen. Ihre Aufgabe war es vielmehr, noch mehr Klarheit in die physikalischen Vorgänge der Erderwärmung zu bringen und sieben Jahre nach dem fünften Sachstandsbericht die Grundlagen für die in zwei anderen IPCC-Arbeitsgruppen bearbeiteten Folgen und möglichen Maßnahmen gegen den Klimawandel zu legen. Mehr als 14.000 Fachveröffentlichungen wurden dazu von mehr als 230 Experten aus der ganzen Welt ausgewertet.

Das Fazit: Es gibt nochmal deutlich mehr Sicherheit, was die Ursachen und Konsequenzen der globalen Erwärmung angeht: Es sei mittlerweile „unbestreitbar“, dass der Mensch mit seinen Emissionen die Hand im Spiel habe, und das „Vertrauen in die Aussagen der Klimaforschung“ sei weiter gewachsen, so der deutsche Koautor des Berichts, der Hamburger Max-Planck-Forscher Dirk Notz. Und: Der menschengemachte Klimawandel sei inzwischen „in jeder Region der Welt und im gesamten Klimasystem zu beobachten“.

Veränderungen „beispiellos“ seit Hunderten von Jahren

Der Weltklimarat sieht die neue Analyse als schonungslosen „Realitätscheck für den Klimawandel“; lange bestehende Unsicherheiten hinsichtlich der Empfindlichkeit des Klimas konnten maßgeblich verkleinert werden. Auch mit Blick auf die regionalen Veränderungen, die der globale Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten bewirken wird, habe man mit dem sechsten IPCC-Bericht erstmals zuverlässigere Aussagen treffen können, die für Risikoabschätzungen und Planungen von Klimaanpassungen bis auf die regionale Ebene dienen könnten.

ANZEIGE

Öffentlich präsentiert wurden aus dem 400 Seiten langen Arbeitsgruppenbericht vorerst nur die 42 Seiten umfassende, klimapolitisch relevante „Zusammenfassung für politische Entscheider“. Sie ist anders als der Sachstandsbericht selbst das Ergebnis eines zwischenstaatlichen Aushandlungsprozesses um Formulierungen, dem am Ende die Klimawissenschaftler ebenso wie die Diplomaten einhellig zustimmen müssen. Der wissenschaftliche Kenntnisstand und die aus Computermodellen abgeleiteten Projektionen des Klimawandels in die nächsten Jahrzehnte werden in dem Dokument mit den zugrundeliegenden naturwissenschaftlichen Unsicherheiten skizziert und dabei jeweils erläutert, wie wahrscheinlich bestimmte Entwicklungen passieren können.

Sehr sicher ist sich der IPCC inzwischen, dass die Beschleunigung der globalen Erwärmung nicht nur menschengemacht ist, sondern auch, dass viele dieser Veränderungen historisch „beispiellos seit Hunderten, wenn nicht sogar Tausenden von Jahren sind“.

ANZEIGE

Erwärmung der Ozeane irreversibel

Seit dem Beginn der Industrialisierung hat sich die Erde im Mittel bereits um gut 1,1 Grad erwärmt, die Zahl allein der Hitzewellen in den Meeren hat sich in vierzig Jahren nahezu verdoppelt – was die Ozeane und beispielsweise Korallenriffe weltweit schwer belastet. Zu den irreversiblen und in den nächsten Jahrhunderten wahrscheinlich nicht mehr rückgängig zu machenden Veränderungen zählt der IPCC den zuletzt deutlich beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels durch die Eisschmelze insbesondere in den Polargebieten und in den alpinen Gletschern sowie die Erwärmung der Ozeane.

Jedes der vier zurückliegenden Jahrzehnte ist jeweils wärmer ausgefallen als jede andere Dekade seit dem Jahr 1850. Es sei „praktisch sicher“, dass der Mensch der Haupttreiber für viele der nun häufiger und intensiver vorkommenden Hitzewellen sei. Auch der Wasserkreislauf und damit die Wahrscheinlichkeit von Extremniederschlägen sowie der vermehrte mittlere Niederschlag habe sich seit 1950 deutlich erhöht und sei – wenn auch mangels guter historischer Daten mit geringerer Sicherheit – den menschengemachten Klimaveränderungen zuzuschreiben.

Die Fortschritte in der Zuschreibung der Ursachen von Extremwetterereignissen wie auch die verbesserten Projektionen in die Zukunft werden von den Wissenschaftlern auf ein verändertes Verfahren zur Gewichtung der verwendeten Klimamodelle zurückgeführt. Dieses neue analytische Vorgehen hat auch dazu geführt, dass die seit Jahrzehnten diskutierte Klimasensitivität – um wie viel wärmer die Atmosphäre mit einer Verdoppelung des Kohlendioxidgehalts wird – stärker eingegrenzt werden konnte. Auch damit verkleinern sich die Unsicherheiten bei den Klimaprognosen.

ANZEIGE

Dazu wurden viele neue klimahistorische Daten sowie physikalische, chemische und biologische Prozesse berücksichtigt, die zum ersten Mal eine sehr viel höhere räumliche Auflösung der Klimamodelle bis auf wenige Kilometer und damit auch verfeinerte Projektionen auf regionaler Ebene möglich machten. Erstmals konnten auch die Folgen der bereits eingeleiteten Erderhitzung für die Zukunft des Antarktischen Eisschildes quantitativ mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit ermittelt werden. Demnach sei ohne wirksamen Klimaschutz bis 2300 mit einem Meeresspiegelanstieg von 15 Metern weltweit zu rechnen.

Kalkulation mit fünf Emissionsszenarien

Für die Abschätzung der Klimazukunft wurde mit fünf Emissionsszenarien kalkuliert, angefangen von dem Fall, dass die Staatengemeinschaft sofort gegensteuert mit dem Netto-Null-Emissionsziel und damit praktisch Klimaneutralität bei den Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 erreicht, bis zu den „Worst case-Szenarien“ einer Verdoppelung der Treibhausgas-Emissionen bis zum Ende des Jahrhunderts. „In allen diesen Szenarien wird die globale Oberflächentemperatur mindestens bis zur Jahrhundertmitte steigen“, heißt es im IPCC-Bericht.

In Kommentaren zu dem Bericht werden einige Forscher deutlicher: „Wir werden die klimapolitischen Ziele von 1,5 oder zwei Grad krachend verfehlen, wenn die Emissionen nicht schnell drastisch gesenkt werden“, sagte Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, der als koordinierender Leitautor im Kapitel über die Klima-Projektionen mitgewirkt hat. Sein Max-Planck-Kollege Dirk Notz, Leitautor im Meeres- und Kryosphärenkapitel neun des Berichts sagte im Gespräch mit der F.A.Z.: „Für Furore dürfte vor allem die Aussage sorgen, dass wir mit einer mehr als fünfzigprozentigen Wahrscheinlichkeit gemittelt über den Zeitraum 2020 bis 2040 die gesetzte Grenze von 1,5 Grad in allen Szenarien erreichen und möglicherweise überschreiten werden.“

ANZEIGE

Damit sind die im fünften Sachstandsbericht vorgelegten vorsichtigen Prognosen zum Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze um bis zu zehn Jahre vorverlegt worden – auch dies ein Beleg dafür, dass sich der Klimawandel in der jüngeren Vergangenheit wegen der ungebrochen steigenden Kohlendioxidemissionen und möglicher Rückkoppelungsmechanismen im Klimasystem noch einmal beschleunigt hat.

Erwärmung um bis zu 5,7 Grad?

Nur unter den allergünstigsten klimapolitischen Annahmen ist dem IPCC-Bericht nach „sehr wahrscheinlich“ noch eine Begrenzung der Erwärmung auf 1 bis 1,8 Grad bis zum Jahrhundertende zu schaffen. Eingerechnet darin sind allerdings nicht nur sofortige, radikale Emissionsminderungen, sondern auch die künftige gezielte Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Es sei „eher wahrscheinlich als nicht“, dass auch bei konsequentem Klimaschutz in den nächsten Jahren die Emissionen zu einem kurzfristigen Überschreiten der 1,5 Grad-Grenze führen und dann unter die Zielmarke zurückgeführt werden könnten.

F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

Werktags um 6.30 Uhr

ANMELDEN

Im schlimmsten Fall jedoch, dem weiteren ungebremsten Ansteigen der Emissionen, könne es zu einer Erwärmung von 3,3 bis 5,7 Grad bis 2100 kommen. Das letzte Mal in der Menschheitsgeschichte, dass die globale Temperatur zweieinhalb Grad über dem vorindustriellen Niveau gelegen habe, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit mehr als drei Millionen Jahre her.

ANZEIGE

Stärke des Golfstroms wird abnehmen

Was die möglichen Kippelemente im Klimasystem angeht, etwa das Kollabieren der polaren Eisschilde, Zusammenbrüche der Meeresströme oder die großflächige Austrocknung des Amazonasregenwaldes, die vergleichsweise abrupt zu einer unerwarteten Beschleunigung des prognostizierten Klimawandels führen könnten, sind die IPCC-Forscher eher vorsichtig in ihren Aussagen. Dass beispielsweise der Golfstrom noch in diesem Jahrhundert zusammenbricht, wie das jüngste Veröffentlichungen aus Potsdam nahelegten, sei noch nicht sehr wahrscheinlich – „mittlere Zuversicht“ gebe es bei solchen Prognosen. Allerdings ist man sich sehr sicher, dass die Stärke der europäischen „Wärmepumpe“, wie der warme Golfstrom gerne genannt wird, in den nächsten Jahrzehnten weiter abnehmen und damit das Wetter in Deutschland deutlich beeinflussen wird.

Wenn es darum geht herauszufinden, wie viel an Emissionen maximal möglich sind, wollte man die gesetzten Klimaziele ausreizen, legte der IPCC neue Zahlen vor. Der Zusammenhang zwischen Kohlendioxid und Erwärmung habe sich in der zurückliegenden zweitausendjährigen Klimageschichte als nahezu linear erwiesen. Daraus ergibt sich für den Klimarat ein globales „Restbudget“ an Kohlendioxidemissionen für die kommenden Jahrzehnte. Um das Klimaziel von 1,5 Grad mit 83-prozentiger – also hoher Sicherheit – zu erreichen, dürfte die Atmosphäre ab 2020 mit maximal noch 300 Milliarden Tonnen Kohlendioxid angereichert werden.

Derzeit liegen die jährlichen Emissionen weltweit bei knapp vierzig Milliarden Tonnen. Will man die Erwärmung auf zwei Grad begrenzen, könnte die Erdatmosphäre noch etwa 900 Milliarden Kohlendioxid aufnehmen – es sei denn, die Menschheit reduziert auch die anderen Treibhausgas-Emissionen wie Methan und Lachgas radikal, dann könnte das Restbudget sogar auf mehr als 1100 Milliarden Tonnen steigen.

Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Beides, die Verringerung der Kohlendioxid-Ausstoßes wie andere Luftreinhaltemaßnahmen hätten dem IPCC-Bericht zufolge den großen Vorteil, dass nicht nur der Klimawandel gebremst, sondern sich auch die Luftqualität weltweit massiv verbessern würde. IPCC-Leitautor Marotzke bezweifelte allerdings angesichts der trägen Reaktion des Klimasystems kurzfristige Erfolge: „Es gibt leider keine schnelle Belohnung. Selbst bei einer kurzfristig sehr guten Klimapolitik werden wir positive Effekte erst in frühestens zwanzig Jahren zu sehen bekommen.“

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE