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Philosophie

Der neue Aristoteles

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 20:27

Frau Engelen, Kurt Gödel ist berühmt für seinen 1931 geführten Beweis seiner Unvollständigkeitssätze, denen zufolge es in der Mathematik unbeweisbare, aber gleichwohl wahre Sätze gibt. In seinem Nachlass fanden sich allerdings fünfzehn Hefte mit Notizen zu philosophischen Fragen, die Sie edieren und deren erster Band „Philosophie I Maximen O“ kürzlich bei de Gruyter erschienen ist. War Gödel auch ein Philosoph?

Gödel hatte in Wien neben Mathematik und Physik auch intensiv Philosophie studiert und war als sehr junger Mann Mitglied des Wiener Kreises, also einer richtungsweisenden philosophischen Schule des 20. Jahrhunderts. Dort wurde er mit den drängenden philosophischen Problemen der Zeit vertraut sowie mit zwei unterschiedlichen Weisen, sie zu beantworten: mit der des logischen Empirismus und mit der Ludwig Wittgensteins. Und es gehörte zu seinem Selbstverständnis, sich eine eigene philosophische Auffassung zu erarbeiten. Trotzdem hat er kaum philosophische Arbeiten veröffentlicht. Aber er hat über Jahrzehnte philosophische Notizbücher geführt und aus den Eintragungen dort neue kompiliert.

Welche philosophischen Auffassungen waren das? Man liest oft, Gödel sei Platoniker gewesen ...

Weil die Mathematik für ihn eine nichtsinnliche mathematische Wirklichkeit beschreibt, die unabhängig vom menschlichen Geist existiert. Doch hat er sich mit Platons Werk kaum befasst. Was seine philosophische Position angeht, ist Gödel extremer Rationalist. Er geht von einer rationalen Metaphysik aus und will sie zur Grundlage der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen machen. Dabei widmet er sich beispielsweise der Frage, ob der menschliche Geist als Maschine aufgefasst werden kann. Zudem beschäftigt er sich mit der Rolle von Empfindungen, Emotionen, Wahrnehmung und Erinnerung für das Bewusstsein und das Denken. Auch die Fragen nach dem Leben, der Zeit, von Wahrnehmung, Begriff und dem Glück treiben ihn um. Er greift die großen Themen der Philosophie auf. Eine systematische Philosophie hat er uns zwar nicht hinterlassen, einen Philosophen dürfen wir ihn gleichwohl nennen.

Im Wiener Kreis soll er kaum das Wort ergriffen haben. Und in seinen Notizen geht es um Fragen, welche die meisten dort als „metaphysisch“ und damit nach ihrem Verständnis als unwissenschaftlich oder gar sinnlos betrachtet hätten. Die Position des logischen Empirismus orientierte sich an einem Ideal von Exaktheit, das man in Mathematik und Physik verwirklicht sah. Wurde Gödel im Wiener Kreis zu einem Gegner dieser Art des Philosophierens?

Gödel selbst hat es so ausgedrückt. Er hat den logischen Empirismus abgelehnt, weil ein radikaler Empirismus theoretisches Denken ausschließt und Mathematik für ihn mehr ist als Syntax der Sprache. Da er im Wiener Kreis mit Abstand der herausragende Logiker war, dürften sich die anderen schwer getan haben, über den letzten Punkt mit ihm zu diskutieren. Aus den Tagebüchern Rudolf Carnaps, die nun auch ediert werden, wissen wir, dass Gödel zumindest bei den häufigen Treffen des Kreises in Wiener Kaffeehäusern oder Privatwohnungen durchaus mitgeredet hat. Ihm war im Übrigen bewusst, wie sehr er mit seiner Philosophie aus der Zeit fiel. Dennoch haben ihn die Diskussionen im Wiener Kreis sehr geprägt. Für ihn wie für den Kreis war Leibniz eines der maßgeblichen Vorbilder. Gemeinsam war ihnen zum Beispiel auch die interdisziplinäre Herangehensweise an philosophische Fragen.

Da fragt man sich, warum seine Notizbücher erst jetzt ediert werden ...

Zunächst wurden in erster Linie die mathematischen Schriften ediert. Die Logiker, die sich diese Mühe gemacht haben, wollten sich dann wieder ihrer eigenen Arbeit widmen. Womöglich war ihnen auch Gödels alteuropäische Weise des Philosophierens mit häufigen Bezügen auf Aristoteles, Thomas von Aquin, Leibniz und Kant fremd.

Während im angelsächsischen Raum eher die „analytische Philosophie“ verfolgt wird, die mit Carnap und weiteren Protagonisten des Wiener Kreises begann. Eine andere prominente Figur, die Kontakt zum Wiener Kreis hatte, war der schon erwähnte Ludwig Wittgenstein. Hat Gödel sich denn mit ihm beschäftigt?

Beide sind sich wohl nie persönlich begegnet. Dennoch hat Gödel durch die Diskussionen von Wittgensteins Ansichten innerhalb des Kreises von diesen gewusst. Manche von Gödels Bemerkungen lesen sich so, als wären Wittgensteins „Philosophische Bemerkungen“ bereits erschienen gewesen und Gödel nehme darauf Bezug. Das spricht meines Erachtens dafür, dass einiges von dem, was Wittgensteins Schüler Anfang der 1950er Jahre in England veröffentlichten, bereits in den dreißiger Jahren in Wien diskutiert wurde.

Hatte Gödel denn vor, seine philosophischen Überlegungen auch einmal zu veröffentlichen?

Die Notizbücher lese ich als systematische Vorarbeiten zu solchen Bemühungen. Wie schwer sich Gödel mit dem Publizieren getan hat, wird aber nicht zuletzt durch die Lektüre der Notizbücher überdeutlich. Schreiben ist für ihn eine Form des Denkens und damit des Lebens, Publizieren hingegen eine berufliche Pflicht, der er sich entzogen hat, wenn es möglich war.

Viele wird erstaunen, unter Gödels Themen in den Notizen auch die Theologie zu finden. Andererseits hat er eine formalisierte Version des berühmten „ontologischen Gottesbeweises“ vorgelegt. Steckten dahinter also mehr als logische Interessen?

Sicher. Aber welche das genau sind, darüber habe ich noch keine abschließende Meinung erzielt. Gödel war sehr an Theologie als akademischer Disziplin interessiert. Für ihn handelt es sich dabei um ein rationales Begriffssystem, das sich in interdisziplinärer Herangehensweise mit dem anderer Disziplinen vergleichen lässt. Inwieweit er darüber hinaus gläubig war, ist eine für mich schwer zu beantwortende Frage. Die Notizbücher lassen keine ausgeprägten spirituellen Neigungen erkennen. Er hat aber über Hemmungen zu beten nachgedacht und auch einmal darüber, zum Katholizismus zu konvertieren.

Die Notizen entstanden zwischen 1934 und 1955. Finden sich darin denn auch Spuren dessen, was damals in der Welt geschah? Oder hat sich Gödel um Nazis, Krieg und Holocaust gar nicht gekümmert?

In Gödels angewandter Individualethik, die 2020 als Band 2 erscheinen wird, finden sich einige Bemerkungen dazu, die zu denken geben. Er räsoniert dort beispielsweise darüber, ob es vertretbar sei, ein Hakenkreuz zu tragen, kommt zu dem Schluss, ein kleines könne ein Kompromiss sein, sieht das dann aber als Verrat an seinen Freunden an – all das ergibt sich aus Bemerkungen, die über viele Seiten verstreut sind. Er überlegt auch, in den nationalsozialistischen Dozentenbund einzutreten, hat das aber, wie Archivanfragen ergaben, nie getan. Zudem zeigt ein weiteres Konvolut Notizbücher aus den 1960er Jahren, das er zu seiner Allgemeinbildung angelegt hat und das im Wesentlichen auf Zeitungslektüre beruht, wie genau er die Namen der Konzentrationslager und die Zahlen der Ermordeten notiert. Die Philosophischen Notizbücher legen zudem nahe, dass Gödel Max Horkheimers Polemik gegen den Wiener Kreis gekannt und sehr ernst genommen hat. Horkheimer wirft den logischen Empiristen vor, dass sie mit ihrer Philosophie nicht einmal in der Lage seien, Verfechtern von Hexenprozessen oder der Ideologie der Nationalsozialisten etwas entgegenzusetzen.

Eva-Maria Engelen forscht an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu Kurt Gödel und lehrt Theoretische Philosophie an der Universität Konstanz.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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