Quantencomputer „Sycamore“

Die Quanteninformatikerin

Von Ludwig Hruza
29.10.2019
, 10:28
Kristel Michielsen ist Mitautorin der Nature-Veröffentlichung zu Googles Quanten-Chip. Ein Gespräch über Physik, die Konkurrenz mit IBM und den Hype um die schnellen Rechner.

Frau Michielsen, als Leiterin der Gruppe „Quantum Information Processing“ am Forschungszentrum Jülich haben Sie an dem kürzlich erschienenen Artikel zu dem Quantenprozessor „Sycamore“ aus dem Labor von Google mitgewirkt. Finden Sie, der Hype um das Wort „Quantum Supremacy”, den dieses Ergebnis ausgelöst hat, ist gerechtfertigt?

Es ist natürlich ein Meilenstein und damit kommt es auch zu einem Hype. Aber in diesem Fall ist es nicht nur ein Hype, sondern auch ein Konkurrenzkampf. Denn hat man zwei große Firmen wie Google und IBM, will jeder natürlich als Erster einen Quantenrechner bauen.

Was war genau Ihre Aufgabe in der Kollaboration mit Google?

Wenn man eine solche Berechnung auf einem Quantenrechner macht, möchte man natürlich wissen, wie korrekt die Lösung wirklich ist. Das kann man nur beantworten, wenn man als Referenz den Quantenalgorithmus auf einem klassischen Computer simulieren kann. Wir haben also ein Programm entwickelt, welches das Verhalten von 48 Qbits simulieren kann. Für die Zusammenarbeit mit Google sind Simulationen mit bis 43 Qubits auf dem Supercomputer in Jülich gelaufen.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich vor allem auch mit Aufgaben in der Physik, in denen der Computer weiterhilft, und wenden das auf eine Breite von Themen an, beispielsweise auch den Neurowissenschaften. Wie wird man Professorin auf solch einem Forschungsgebiet?

Ich habe Physik studiert in Antwerpen und wollte gerne weiter machen. Aber schon seit der Schule haben mich Computer interessiert. An der Uni hatten wir dann nicht so viel mit Computern zu tun, aber das Interesse war immer noch da. Während meiner Masterarbeit habe ich einen Wissenschaftler kennengelernt, der mich in dieses Feld der rechnergestützten Physik eingeführt hat.

Was sagen Sie zu den Behauptungen von IBM, ein klassischer Computer könnte das Problem von Google viel schneller lösen - und zwar in nur zweieinhalb Tagen?

Erstens haben die Wissenschaftler bei IBM nur theoretische Überlegungen angestellt und das Problem nicht implementiert. Eine andere Sache ist, dass diese klassischen Supercomputer unglaublich viel Energie benötigen, ein Quantencomputer aber fast gar keine. Das muss man beachten. Nur eine Abschätzung zu machen, das finde ich nicht so beeindruckend.

Der Artikel ist am Mittwoch ohne Ankündigung erschienen. Hat das mit dem IBM-Paper zu tun?

Nein, das hat mit diesem Leak zu tun. Der Artikel ist schon vor fünf Wochen unbeabsichtigt an die Öffentlichkeit gekommen. „Nature“ hatte deshalb ein striktes Embargo verhängt, und wir durften nicht darüber berichten.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot