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Evolution der Maschinen

Intelligente Brut

Von Joachim Müller-Jung
 - 18:04

Auch die Hannover- Messe kann inzwischen nicht mehr kaschieren, was offensichtlich ist: dass nun restlos jeder mit einem halbwegs aktiven Computerverstand versucht, den Notstand der natürlichen Intelligenz mittels Technik und Algorithmen zu entschärfen. Grenzen der Intelligenz werden einfach nicht mehr geduldet. Selbst Rolltreppen dürfen heute nicht mehr ohne Intelligenz vorwärts- und rückwärts rollen. Die Intelligenzdichte vergrößert sich praktisch täglich, und wenn Kanzlerin Merkel ihre zum Messebeginn geäußerte Leidenschaft für Künstliche Intelligenz in konkrete Politik gießt, könnte sich das Blatt vielleicht doch noch zugunsten der deutschen Intelligenzbauer wenden.

Nachzuholen gibt es einiges. Ohne den Blick allzu forsch in die Zukunft oder ins ferne Silicon Valley zu richten, kommt uns da die visionäre Arbeit niederländischer Roboterforscher ins Gedächtnis. Am 26. Mai vor zwei Jahren haben sie auf einer Campus-Party der Vrije-Universität in Amsterdam das „Robot Baby Project“ vorgestellt und gezeigt: Ja, intelligente Roboter können auch Babys machen. Durch digitale Begattung mit entsprechendem Informationsaustausch der Algorithmen ist aus dem 3D-Drucker ein Roboter-Keim entsprungen. Damit war für jeden sichtbar geworden, was das evolutionäre Computing seit einigen Jahren so treibt – und antreibt. Heute reden alle vom Internet der Dinge, morgen ist es die Evolution der Dinge; Höherentwicklung durch Selbstorganisation. Die übliche Instanz dafür, die Natur selbst, hat die wesentlichen Erfindungen selbst organisiert: Fortpflanzung, Mutation und Auslese laufen praktisch von allein ab. Dafür brauchte es weder Ingenieure noch Industrien.

Auch die Künstliche Intelligenz ist nun dabei, sich von den naturintelligenten Köpfen zu emanzipieren. Auf dem Preprint-Server arXiv haben die beiden New Yorker KI-Forscher Oscar Chang und Hod Lipson von der Columbia University ein künstliches neuronales Netz – die Basis der erfolgreichsten KI-Systeme bisher – präsentiert, das sich selbst fortpflanzt und evolutionär weiterentwickelt, sprich: selbst optimiert. Darwinismus in KI-Land. „Neural Network Quine“ lautet der Titel der Publikation. Quine ist die Bezeichnung für Computerprogramme, deren Aufgabe darin besteht, Kopien ihrer selbst herzustellen; die Reproduktionsgene der KI gewissermaßen. Benannt sind sie nach dem Logiker und Philosophen Willard Van Orman Quine. Die beiden New Yorker KI-Spezialisten haben nun offensichtlich ein fortpflanzungsfähiges tiefes neuronales Netz entwickelt und trainiert, das nach jedem Vermehrungsschritt nicht nur etwas anders arbeitet. Ein Trainingsmodell namens Regeneration versetzt die nachwachsenden KI-Agenten zudem in die Lage, ihre Stärken und Schwächen selbst einzuschätzen und damit die Fähigkeit der Mustererkennung zu optimieren.

Wie für die natürliche Evolution gilt aber auch hier: Beides gleichzeitig maximieren geht schlecht. Mehr Fortpflanzung geht auf Kosten der Optimierung, Optimierung seinerseits verbraucht Computerressourcen, die die Reproduktion verlangsamen. Uns interessiert allerdings weniger die Ressourcenfrage, die ist lösbar und beantwortet sich nach Moore’s Gesetz irgendwann von selbst. Die entscheidende Frage lautet doch: Wie viel intelligentes Potential steckt in dem System wirklich? Und was nützt uns das? Außerdem: Was passiert eigentlich, wenn die replikationswütigen KI-Klone mit befruchtungsfähigen Robotern in den Brutkasten mit den 3D-Druckern gesteckt werden? Wer hat dann wohl die Hosen an und garantiert uns, dass am Ende nicht auch noch der künstlichen Evolution die intelligenten Drähte durchbrennen?

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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