Soziale Medien im Visier

Wie gefährlich sind Facebook & Co. für ihre Nutzer?

Von Piotr Heller
18.10.2021
, 11:05
Facebook war einmal ihr Arbeitgeber, jetzt sagt Frances Haugen über die Plattform und deren Machenschaften aus, hier vor dem amerikanischen Senat.
Eine Whistleblowerin veröffentlicht Daten, die den schädlichen Einfluss von Instagram auf Jugendliche belegen sollen. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Beweise eher schwach. Doch das eigentliche Problem bei Facebook liegt woanders.
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Im amerikanischen Senat sind Repu­blikaner und Demokraten selten einer Meinung. Zu diesem Ausnahmefall kam es allerdings, als die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen am 5. Oktober vor einen Senatsausschuss trat, um über die interne Forschung des Internetgiganten auszupacken. Ein demokratischer Senator bezeichnete ihre Enthüllungen als „Bombe“, ein Amtskollege der Republikaner pflichtete ihm bei, die Kinder Amerikas seien abhängig vom Produkt der Technologie-Götter.

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Die Anhörung ist der vorläufige Höhepunkt des aktuellen Facebook-Skandals, seit September berichtete das „Wall Street Journal“ über die Enthüllungen der zunächst anonymen Whistleblowerin. Im amerikanischen Fernsehen gab sie sich dann doch zu erkennen: Die 37-jährige Datenwissenschaftlerin Frances Haugen arbeitete von 2019 bis 2021 als Produktmanagerin bei Facebook, ihr Team sollte Falschinformationen in den sozialen Medien bekämpfen. Nachdem diese Abteilung aufgelöst wurde, so Haugen, kündigte sie. Nicht ohne sich zuvor Kopien von Zehntausenden internen Dokumenten zu verschaffen.

Diese sollen belegen, dass Facebook die von sich ausgehende Gefahr verheimlicht, Haugen erklärt den Inhalt wie folgt: Die Algorithmen des Konzerns würden Beiträge bevorzugen, die oft geteilt und kommentiert würden – was eben bei Lügen oder hasserfüllten Kommentaren der Fall sei. Und diese Technologie hätte schon ethnische Konflikte angefacht. Facebook sei sich bewusst, dass es mit den derzeitigen Systemen maximal zwanzig Prozent dieser Inhalte erkennt und löscht. Die Enthüllungen dokumentieren außerdem interne Forschungen des Konzerns, an einer Stelle heißt es: „Wir verschlimmern bei einem von drei Mädchen im Teenageralter Probleme, die es mit seinem Körperbild hat.“

Die Daten belegen Haugen zufolge, dass die Foto-Plattform Instagram Jugendliche in psychische Probleme stürzt.Das stärkt Politikern in den USA und Europa den Rücken, die Facebook schon länger im Visier haben und stärker kon­trollieren wollen. Das mag moralisch und ethisch richtig sein, die aktuelle Entwicklung ist trotzdem problematisch: Aus Per­spektive der Wissenschaft stehen die Belege für Facebooks jugendschädigende Wirkung bisher auf wackeligen Beinen.

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Stichproben zeigen keine kausalen Zusammenhänge

Das behauptet Facebook einerseits selbst, denn zu den typischen Methoden, um den Einfluss etwa von Instagram abzuschätzen, gehörte es, Zigtausende Nutzer Fragebögen ausfüllen zu lassen. Sie sollten von negativen Erlebnissen berichten, ob sie traurig gewesen seien, mit ihrem Körper gehadert oder sich einsam gefühlt hätten; dann sollten sie selbst den Einfluss von Instagram darauf einschätzen. Tatsächlich gaben die Befragten in den meisten Fällen an, Instagram würde ihnen guttun.

Jedoch glaubte jeder dritte weibliche Teenager eben auch, Instagram würde bereits bestehende Probleme mit dem eigenen Körperbild verschlimmern. Außerdem ließ Facebook rund vierzig Teenager noch ausführlich interviewen; anscheinend war der Konzern in der Lage, konkrete Inhalte auf der Plattform zu identifizieren, die bei den Nutzern positive oder negative Emotionen hervorriefen. Beispielsweise fühlten sie sich schlechter, je mehr Bilder von Promis ihnen angezeigt wurden, das geht aus Haugens Unterlagen hervor. Von Facebook ist nun zu hören, diese Forschung hätte einzig dem Zweck gedient, interne Diskussionen anzuregen, sie basiere auf winzigen Stichproben und zeige keine kausalen Zusammenhänge.

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Dass Facebook das Problem herunterspielt, ist das, was alle erwarten. Jedoch stimmen in diesen Punkten renommierte Wissenschaftler dem Netzwerk zu. Der amerikanische Jugendpsychologe Laurence Steinberg schrieb in der „New York Times“: „Keine Studie – weder von Facebook noch von anderen – hat gezeigt, dass die Nutzung von Instagram psychisches Wohlbefinden von Mädchen im Teenageralter beeinträchtigt.“

Die nun veröffentlichte Forschung könne höchstens als Ausgangspunkt gelten, diese Frage zu klären. Das sieht der Psychologe Andrew Przybylski, Forschungsdirektor am britischen Internetinstitut der Universität in Oxford, ganz ähnlich. Dazu befragt, vergleicht er die Methode, psychische Pro­bleme mit Selbstauskünften einzuschätzen, mit dem Unterfangen, Menschen zu befragen, ob sie glauben, dass Brokkoli Blähungen verursache: „Wenn ein Drittel von ihnen sagt, sie glauben, dass Brokkoli zu Blähungen führt, ein Drittel verneint und ein Drittel keine Meinung hat, heißt das eben nicht, dass die Brokkoli-Lobby uns hier etwas verheimlicht – das sind nur Meinungen.“ Die Facebook-Studien würden nur zeigen, wie Teenager den Einfluss von Instagram einschätzen. Nicht, wie groß dieser tatsächlich sei.

Das mag zum Widerspruch reizen: Im Zweifel könnte es nicht schaden, den schädlichen Einfluss von Instagram & Co. zu überschätzen; dem Selbstwertgefühl von Jugendlichen dürfte es wenig zuträglich sein, ständig mit Bildern geradezu überirdisch attraktiver, erfolgreicher und wohlhabender Menschen bombardiert zu werden. Ganz so einfach ist es aber nicht: „Wenn diese Vorwürfe haltlos sind, kann das andere, berechtigte Anschuldigungen gegen Facebook infrage stellen“, erklärt Przybylski. Er fürchtet, Facebook könnte nun auf Grundlage dieser fragwürdigen Ergebnisse versuchen, seine Plattform zu verbessern. Beruhen die Maßnahmen aber auf möglicherweise falschen Annahmen, könnte eine Verschlimmbesserung noch mehr Schaden anrichten.

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Warum Selbsteinschätzungen manchmal schwierig sind

Deshalb ist es wichtig, den Einfluss sozialer Medien auf Jugendliche wissenschaftlich fundiert zu untersuchen. Dieser Aufgabe widmet sich Przybylski seit Jahren und wertet dafür enorme Datensätze aus: Informationen darüber, womit die Teenager digital Zeit verbringen und wie sich ihr Wohlbefinden verändert. Im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ kam er 2019 zu dem Schluss, dass Jugendliche, die soziale Medien nutzen, sich tatsächlich etwas schlechter fühlen. Der Effekt war jedoch gering und viel kleiner als etwa der von Marihuana-Konsum oder Mobbing. Mit einer weiteren Studie belegte er 2019 in PNAS, dass Mädchen im Teenageralter, die viel auf sozialen Medien unterwegs sind, minimal unzufriedener mit ihrem Leben sind als andere. Zugleich neigen die Unzufriedenen eher dazu, soziale Medien zu nutzen – was ist Henne, was ist Ei? Der Psychologe konnte jedenfalls keine starke Verbindung zwischen der Nutzung von sozialen Medien und dem Wohlbefinden finden.

Viele Studien zu diesem Thema haben ein gemeinsames Problem: Sie basieren an entscheidender Stelle auf Selbsteinschätzungen der Teilnehmer. Die geben zwar grob in Stunden an, wie intensiv sie soziale Medien nutzen, aber Przybylski ist mehr daran interessiert, was die Leute in dieser Zeit auf diesen Plattformen tun: „Es kann ja sein, dass der Einfluss auf das Wohlbefinden bei jemandem, der zwanzig Minuten chattet, ganz anders ist als bei jemandem, der zwanzig Minuten einen Prominenten anschaut.“ Nutzern sollte es möglich sein, solche Daten freiwillig an die Wissenschaft zu spenden. Weil das bisher nicht geht, appelliert der Psychologe aus Oxford an Facebook, das zu ändern.

Dem würden sich wohl Wissenschaftler der Princeton-Universität anschließen, die jüngst gegenüber dem Onlinemagazin „Digiday“ klagten, dass die Analyse der Daten an zu strenge Bedingungen geknüpft sei. So erlaubt Facebook manchen Forschern, Daten zu den Werbeaktivitäten auszuwerten, besteht aber darauf, Studien vor einer Veröffentlichung abzusegnen, angeblich um den Schutz der Nutzer zu wahren. Im August sperrte Facebook gar die Accounts von Forschern der New York University, die von Freiwilligen Daten gesammelt hatten, um politische Werbung nachzuvollziehen. Die deutsche Organisation „AlgorithmWatch“ hatte ein ähnliches Projekt verfolgt und berichtet auf ihrer Website, Facebook hätte gedroht, „formelle Schritte“ einzuleiten, daraufhin ließ man es lieber bleiben. Facebook bestreitet, gedroht zu haben. Solange es allerdings diese Probleme zwischen dem Internet­giganten und Forschern gibt, wird offenbleiben, wie schädlich die Inhalte tatsächlich sind.

Quelle: F.A.S.
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