Wo passieren die Ansteckungen?

Einfache Frage, schwierige Antwort

EIN KOMMENTAR Von Sibylle Anderl
21.07.2021
, 06:14
An welchen Orten ist das Infektionsrisiko am größten? Französische Wissenschaftler haben zu dieser Frage nun eine neue Studie vorgelegt, die viele Vermutungen bestätigt. Doch Unsicherheiten bleiben.

Es ist ein frustrierendes Charakteristikum wissenschaftlicher Forschung, dass man aus der Einfachheit einer Fragestellung nicht unbedingt auf die Einfachheit ihrer Beantwortung schließen kann – auch das haben wir in dieser Pandemie lernen müssen. Ein prominentes Beispiel lieferte im vergangenen Jahr die unschuldig wirkende Frage, wo denn die Virusansteckungen eigentlich stattfinden. Die deutschen Gesundheitsämter hatten sich dieses Themas zwar angenommen. Der Anteil der Infizierten, die aus dem Gedächtnis Informationen über den Ort ihrer Ansteckung liefern konnten, war aber so gering, dass der praktische Nutzen dieser Daten sehr begrenzt war. Und so blieb es bei dem paradox erscheinenden Umstand, dass wir etwa sagen können, wie heiß es im Universum rund drei Minuten nach dem Urknall war, es aber gleichzeitig über das virale Gefahrenpotential von Theatern und öffentlichem Nahverkehr kaum Informationen gab.

Übermäßig verwunderlich ist das allerdings nicht, wenn man sich vor Augen führt, woher man letztere Informationen bekommen kann. Gedächtnisprotokolle, das ist klar, helfen nur wenig: Menschen erinnern sich schlecht und selektiv. Eine Nachverfolgung anhand anonymisierter Handydaten wäre ein anderer Weg, der aber im Vorbildland des Datenschutzes ebenfalls nicht uneingeschränkt gut funktioniert.

Eine dritte Methode haben nun französische Wissenschaftler in The Lancet Regional Health — Europe vorgestellt. Im vergangenen Herbst adressierten sie die Ansteckungsfrage mithilfe einer Fall-Kontroll-Studie: Einer Gruppe von 41.871 Menschen mit Covid-19-Diagnose wurde eine statistisch passend gewählte Kontrollgruppe gegenübergestellt. Alle Teilnehmer wurden aufgefordert, einen Fragebogen auszufüllen, der Informationen über mögliche Ansteckungsorte lieferte: Arbeitsplatz, genutzte Transportmittel, aufgesuchte Orte, Freizeit- und Sportaktivitäten. Der statistische Vergleich beider Gruppen bestätigte viele Vermutungen: Je größer der Haushalt, desto größer das Risiko. Kinder in Präsenzunterricht, die Teilnahme an größeren Versammlungen, der Besuch von Bars und Restaurants sowie sportliche Aktivitäten in Innenräumen gingen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit der Ansteckung einher. Homeoffice bot Schutz. Auch Läden, Kulturveranstaltungen oder religiöse Zusammenkünfte wie auch Transportmittel erschienen sicher – mit Ausnahme von Fahrgemeinschaften.

Blind vertrauen sollte man allerdings auch diesen Ergebnissen nicht. Die Forscher warnen, dass das statistisch so hübsch aufgesetzte Studiendesign darunter gelitten haben könnte, dass die Rücklaufquote der Fragebögen zu wünschen übrig ließ. Sicher ist nur: Gefährlich ist es da, wo drinnen Abstand, Maskennutzung und ausreichende Belüftung nicht sichergestellt werden können. Und das hatte sogar schon auf der Grundlage der schlechten deutschen Daten nahegelegen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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