Coronavirus-Epidemie

Zweifel an einer Trendwende

Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 18.02.2020
 - 17:02
Mitarbeiterin in einem Diagnostiklabor in Wuhan
Immer hörbarer spekuliert Peking über ein Abflauen der Coronaseuche, doch der neueste Bericht des Seuchenzentrums gibt keine Sicherheit. Dazu kommen neue Hinweise über eine mögliche Übertragung des Virus durch die Luft.

Mit dem Höhepunkt der Coronavirus-Epidemie rechnet man in Peking zwar erst in zwei Monaten, doch immer offensiver spricht die chinesische Regierung schon jetzt von der Trendwende in einigen Regionen – insbesondere im Umkreis des Epizentrums in der Region Hubei. Die Zahl der Neuinfektionen gehe vielerorts zurück, behaupteten etwa Vertreter aus Peking, nachdem eine Delegation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Besuch gekommen war. In Genf warnte daraufhin prompt WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus vor zu großem Optimismus: „Es ist zu früh, um zu sagen, dass dieser Rückgang andauern wird. Alle Szenarien sind weiterhin möglich.“ Bis Dienstag ist die Zahl der bestätigten Infektionen mit Sars-CoV-2 auf mehr als 73.000 gestiegen, an der hierdurch ausgelösten Viruskrankheit Covid-19 sind mindestens 1873 gestorben.

Ausschlaggebend für den plakativen Optimismus der chinesischen Vertreter ist ein zehnseitiger Bericht des chinesischen Seuchenzentrums, des Chinese Centre for Disease Control and Prevention (CCDC), in dem die Akten von 72.314 Patienten vor allem ausgewertet wurden. Betrachtet wurden klinische Einweisungen zwischen Dezember – dem mutmaßlichen Ausbruch der Seuche – und dem 11. Februar. In weniger als zwei Drittel der Fälle – bei 44.672 Patienten – war das Virus nachgewiesen worden, 1023 Todesopfer waren bis dahin zu beklagen. Der CCDC-Bericht ist damit die mengenmäßig bislang umfangreichste und eine der wichtigsten Datensammlungen über die chinesische Covid-19-Epidemie. Die WHO würdigte die Dokumentation mit dem Satz, man wisse jetzt schon einiges mehr über das Virus. Tatsächlich ist nun klarer denn je, dass es vor allem die Menschen über sechzig Jahren und die an chronischen Leiden wie Diabetes oder Herzschwäche Erkrankten sind, die der komplikationsträchtigen Lungenkrankheit zum Opfer fallen – von den über 80-Jährigen beispielsweise starb jeder siebte Patient, eine Sterblichkeitsrate, die noch über der Gesamtsterblichkeit von Sars vor siebzehn Jahren liegt. Allerdings gibt es für die große Mehrzahl der Infektionen auch gute Nachrichten: dass nämlich wohl mehr als 80 Prozent der Patienten in den Kliniken milde Verläufe aufweisen. Vom Rest müssen zwei Drittel mit einer schweren Lungenentzündung und Atemnot behandelt werden, und immerhin noch fünf Prozent erleiden schwere Komplikationen: Lungenversagen, septischer Schock oder Multiorganversagen. Zwei Prozent der infizierten Patienten in der Klinik sind letztlich an der Infektion gestorben.

In dem CCDC-Bericht wird am Ende freilich auch eine Behauptung aufgestellt, die inzwischen Widerspruch geerntet hat. Am Ende heißt es nämlich, nachdem man explizit die Seuchenbekämpfung der Regierung in Peking gewürdigt hat, sehr eindeutig, dass man von einem Abflauen der Epidemie nach dem im Bericht berücksichtigten Ende der Datensammlung am 11. Februar ausgehe. Der die Klinik Schwabing in München leitende Infektiologe Clemens Wendtner, der unter anderem das Münchener Cluster mit Coronavirus-Patienten betreut, sieht das skeptisch: „Als Kliniker hege ich noch Zweifel, ob es sich dabei schon um die erhoffte Trendwende bei diesem gewaltigen Ausbruch handelt. Nach Berichten aus China hat dort ja zeitweise die Verfügbarkeit der Nachweisdiagnostik (RT-PCR) abgenommen, sodass ich hinter diesen Meldezahlen der PCR-bestätigten Fälle zumindest in Hubei ein Fragezeichen setzen würde. Dort wurden sicher nicht alle Erkrankten diagnostiziert.“

Wendtner kritisiert überdies die statistische Erfassung, wonach symptomlose, aber positiv getestete Menschen entgegen der WHO-Empfehlungen nicht mehr erfasst werden, und er verweist auf die Dunkelziffer der Covid-19-Patienten in der Region Hubei, die „vermutlich sehr hoch“ ist. Wer geht denn jetzt noch ins Krankenhaus zum Arzt, wenn er Angst hat, unter Quarantäne steht und die Wohnung ohnehin nur schwer verlassen kann?“

Tatsächlich wird die Frage nach der Dunkelziffer immer wichtiger, je lauter die Propaganda Pekings wird, und je mehr sich die Hinweise auf die leichte Übertragbarkeit des Erregers verdichten. Ein Hinweis liefert der CCDC-Bericht selbst. Die darin erwähnten 1716 Gesundheitsarbeiter und Ärzte, die sich bereits infiziert hätten, wertet Wendtner jedenfalls auch als eindeutigen Hinweis, wie ansteckend das neue Virus sei.

Noch mehr lernen kann man in dieser Hinsicht aus der Ansteckungswelle auf dem japanischen Kreuzfahrtschiff Diamond Princess mit zu Beginn 3700 Passagieren an Bord. 454 Sars-CoV-2-Infektionen sind dort inzwischen bestätigt, 20 Patienten sind in klinischer Behandlung. Die entscheidende Frage ist, ob alle diese Ansteckungen bereits vor Inkraftsetzen der strengen Isolationsregeln auf dem Schiff geschehen sind oder danach. „Wenn dem so wäre“, gibt der Regensburger Infektiologe Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, zu bedenken, „dann ist eine Übertragung ohne direkten Kontakt, zum Beispiel über die Klimaanlage oder sanitäre Einrichtungen zumindest in Betracht zu ziehen. Das gab es damals bei einem Ausbruch von SARS in einem Hochhaus in Hongkong, dort hat ein ‚Superspreader‘ womöglich Dritte über den Wasserabfluss infiziert“.

Sein Münchener Kollege Wentdner hält das ebenfalls für denkbar: Sofern in den Klimaanlagen des Schiffes keine hocheffizienten Partikelfilter verwendet würden, wie man sie in Kliniken wie der seinen einbaue, müsse man mit einer Übertragung durch die Luft rechnen: „Das würde bedeuten, eine Infektion könnte dort auch über geschlossene Räume erfolgen.“ Ein bisher unterschätztes Risiko sei womöglich zudem, dass man auch in Stuhlproben der Münchener Patienten per PCR-Diagnostik in der Anfangsphase der Covid-19-Erkrankung „durchaus relevante Mengen von SARS-CoV-2 nachweisen konnte“, so Wendtner. „Es wäre also durchaus denkbar, dass es selbst beim Toilettengang im Kreuzfahrtschiff zu Infektionen kommen kann oder auch nur über gemeinsam benutzte Toiletten.“

Bei Analysen mit Virologen und Hygienikern des Max-von-Pettenkofer-Instituts in den Isolierzimmern in Schwabing habe man die Viren in der Raumluft nachgewiesen – und das, obwohl die Isolierzimmer ständig unter Unterdruck stehen und mit den hocheffizienten Hepa-Schwebstofffiltern zur Luftreinigung ausgerüstet sind. Das alles bedeutet: Coronaviren werden möglicherweise nicht nur über Tröpfcheninfektionen nach dem Husten oder Niesen übertragen oder durch direkten Kontakt mit infizierten Oberflächen, sondern eben auch über in der Luft schwebenden Aerosole. Wendtner: „Bei den schnell in Wuhan hochgezogenen Kliniken werden sicher keine Klimatechnik mit Unterdruck und Hepa-Filtersysteme verbaut worden sein, was bedeutet, dass die Ärzte und Pflegekräfte dort prinzipiell auch über Aerosole infiziert werden könnten, wenn die Masken keinen 100-prozentigen Schutz bieten. Mit anderen Worten: Die Ärzte dort an der Front leben gefährlich.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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