Erreger-Reservoire

Vom Virus böse missbraucht

Von Juliette Irmer
05.03.2020
, 09:32
Warum haben so viele neue Viren wie das Coronavirus Sars-CoV-2 ihren Ursprung in Fledertieren? Ein Zufall ist das nicht: Das Immunsystem der fliegenden Säugetiere macht es möglich.

Fledertiere, also Fledermäuse und Flughunde, gelten als natürliches Reservoir für viele Krankheitserreger – und zwar mutmaßlich nicht nur für das neue Coronavirus Sars-CoV-2, sondern auch für andere gefährliche und aus früheren Epidemien bekannte Erreger wie Sars- und Mers-Coronaviren, Ebola- und Marburgviren. Während Menschen und viele andere Säugetiere, die sich mit den Viren infizieren, schwer erkranken und sterben können, scheinen Fledertiere keine Krankheitssymptome zu zeigen.

Forscher der Universität von Kalifornien, Berkeley, sind nun der Frage nachgegangen, was die Fledertiere so resistent bei einer Virusinfektion macht. Die Ergebnisse der Studie, die kürzlich im Fachblatt „eLife“ veröffentlicht wurden, legen nahe, dass Fledertiere ein ungewöhnlich effektives Immunsystem besitzen. Die starke Abwehr schützt die Tiere vor einer Infektion – sorgt gleichzeitig aber auch dafür, dass die Viren sich im evolutiven Wettlauf mit dem Immunsystem der Fledermäuse schneller vermehren und aufrüsten.

Immunsystem kurbelt Virulenz der Viren an

Gelingt der (seltene) Sprung in eine andere Art mit einem „schwächeren“ Immunsystem, haben die Viren leichtes Spiel. „Es ist kein Zufall, dass viele dieser Viren von Fledertieren stammen“, sagt Mike Boots, Krankheitsökologe und Mitautor der Studie, „Fledermäuse sind nicht besonders eng mit uns verwandt, daher würde man nicht erwarten, dass sie viele Viren beherbergen, die uns gefährlich werden können. Aber die Studie zeigt, wie ihr Immunsystem die Virulenz der Viren ankurbelt.“

Die Forscher führten ihre Versuche an Zellkulturen des Nilflughunds und des Schwarzen Flughunds durch, die beide als Viren-Reservoir gelten. Als Kontrolle dienten Zellen einer Affenart. Sie infizierten die Zellen mit Marburg- und Ebola-ähnlichen Viren und beobachteten die Reaktion: Die Affenzellen überlebten den Virenangriff nicht. Die Zellen der Flughunde hingegen schon – nur wie?

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Eine Schlüsselrolle scheint der antivirale Botenstoff Interferon-Alpha zu spielen. Säugerzellen produzieren den Botenstoff üblicherweise erst dann, wenn virales Erbgut in der Zelle detektiert wird, was Virenalarm auslöst. Manche Fledertiere setzen diesen Botenstoff stattdessen fortwährend frei, was die Virenabwehr beschleunigt und verstärkt.

Nicht fliegende Säugetiere würden eine solche kontinuierliche Ausschüttung von Interferon-Alpha wahrscheinlich nicht überleben, weil das eine umfassende Entzündungsreaktion hervorrufen würde, schreiben die Autoren. Fledertiere hingegen können auch die begleitende Entzündungsreaktion ausgleichen.

Auf der Basis ihrer Laborergebnisse kreierten die Forscher ein Computermodell des Fledertier-Immunsystems und kamen zu folgendem Schluss: „Durch die starke Immunantwort sind einige Zellen vor der Infektion geschützt. Dadurch kann das Virus seine Vermehrungsrate erhöhen, ohne dass sein Wirt stirbt“, erklärt die Erstautorin Cara Brook. Es ist nicht im Sinne eines Virus, dass sein Wirt schnell stirbt, denn dann hat es keine Zeit, sich zu vermehren und zu verbreiten.

Warum Fledertiere ein so kompetentes Immunsystem entwickelt haben, ist noch unklar – aber es droht, ihren Ruf zu ruinieren: „In Deutschland stehen alle 25 Fledermaus-Arten unter Schutz, und wir kämpfen seit Jahrzehnten gegen sinkende Bestände“, sagt der Fledermausforscher Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, „wenn die Tiere in den Medien als Virenschleudern verteufelt werden, hilft das nicht weiter.“

Man müsse differenzieren und nicht alle Arten – mehr als 1300 weltweit – in einen Topf schmeißen, so Voigt. In Deutschland sei keine Fledermausart mit Coronaviren infiziert. „Fledermäuse spielen hierzulande eine unheimlich wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Schadinsekten, und in den Tropen verbreiten Flughunde Samen und bestäuben zahlreiche Pflanzen.“ In Asien etwa die Blüten des Durianbaums, dessen Früchte einen Milliardenumsatz generieren.

Forschern stellt sich allerdings schon auch die Frage, unter welchen Umständen sich Fledermausviren zu einer Bedrohung für die menschliche Gesundheit entwickeln können. Eine direkte Übertragung ist theoretisch zwar denkbar – Flughunde landen in Asien und Afrika gerne einmal im Kochtopf – die Geschichte der Virenausbrüche zeigt aber, dass Zwischenwirte essentiell sind: Bei Mers waren es Dromedare, bei Ebola waren es bisher Gorillas und Schimpansen, bei Nipah Schweine, bei Hendra Pferde, bei Marburg Affen, und bei Sars vor siebzehn Jahren wurde die Zibetkatze als Zwischenwirt identifiziert. Woher das neue Coronavirus stammt, ist momentan noch unklar: „Zur jetzigen Jahreszeit halten Fledertiere dort Winterschlaf, das heißt, es muss auch in diesem Fall einen Zwischenwirt geben“, so Voigt. Momentan ist das Schuppentier aus der ungewöhnlichen Ordnung Pholidota im Gespräch, das zwar längst unter Schutz steht, dessen Fleisch und Schuppen aber illegal gehandelt werden. Die genetische Ähnlichkeit der aus Schuppentieren isolierten Coronaviren ist sehr groß mit den Sars-CoV-2-Viren: 90 bis 92 Prozent, so die jüngsten Befunde aus chinesischen Laboren. Allerdings reicht das nach dem Dafürhalten der Coronaviren-Experten immer noch nicht aus, um als direkte Quelle des neuen Erregers in Frage zu kommen. Die Suche nach dem Zwischenwirt und damit dem Ursprung für die Übertragung auf den Menschen ist also keineswegs geklärt.

Der Sprung von einer Art in die andere ist überhaupt sehr selten. „Zunächst muss das Virus mit dem Zwischenwirt Kontakt haben. Dann muss es mutieren, um sich im Zwischenwirt vermehren zu können. Und dieser infizierte Zwischenwirt muss schließlich mit Menschen in Kontakt kommen“, erklärt Voigt. In Asien ist dieses Risiko allerdings real, denn Wildtiere werden dort zahlreich, auf engstem Raum und oft lebend gehandelt. Ausscheidungen der Tiere werden von einem auf das andere Tier übertragen. So könnte auch die Ausscheidung von Fledertieren auf die im Markt gehandelten Tiere gekommen und dort weiterverbreitet worden sein, meint der Wildtierarzt Christian Walzer von der Wildlife Conservation Society in der „New York Times“: „Es gibt keinen besseren Weg, um neue Viren entstehen zu lassen.“

Walzer, Voigt und viele andere Experten plädieren deswegen dringend für ein permanentes Verbot des Wildtierhandels. Die Regierung in China hat aufgrund der Covid-19-Epidemie Ende Januar ein vorübergehendes Verbot des gesamten Handels mit Wildtieren, einschließlich ihres Transports und Verkaufs auf Märkten, in Restaurants und über Online-Plattformen, erlassen. Ob das Verbot in ein Gesetz mündet, das den Handel von Lebendtieren generell verbietet, ist völlig unklar. Auch während der Sars-Epidemie im Jahr 2003 hatte China ein Handelsverbot für Wildtiere erlassen. Viele Experten hofften damals, dass es dauerhaft sein würde. Doch nach der akuten Krise blühte der Handel wieder auf.

Quelle: F.A.Z.
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