Darwin als Lehrer

Lasst uns mit Darwin lernen

Von Jürgen Kaube
13.12.2008
, 14:36
Mit Darwin lässt sich das Denken lernen: Bild aus einer historischen Zeitschrift zu Darwins Lebzeiten
Darwins Theorie wurde von Beginn an weniger als Lehre denn als Ideologie wahrgenommen. An den Schulen war sie umstritten. Heute spielt sie in den Lehrplänen eine untergeordnete Rolle. Dabei lässt sich mit Darwin lernen, wie man das Denken schulen kann - und nicht das bloße Wissen.
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Die Evolutionslehre ist ein Sonderfall unter den naturwissenschaftlichen Theorien. Sie ist eine Theorie, die – jedenfalls die längste Zeit ihrer Existenz – ohne Zahlen, ohne Formeln und ohne Experimente auskam. Das war von ihrer Entstehung an eine wichtige Bedingung dafür, dass man sie als eine Art Philosophie meinte behandeln zu können und entsprechend diskutierte. Was Darwin schrieb, erschien als Weltbild – seinen Gegnern so sehr wie seinen Anhängern. Der Raum, der nicht von Zahlen und Experimenten besetzt war, wurde mit Weltanschauungskämpfen und mit Bildern gefüllt.

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Deren Abfolge zieht sich bis in die Gegenwart: die Sache mit dem Affen, der mitleidlose Kampf ums Dasein, die angebliche Höherentwicklung der Natur, die im Menschen endet, der vermeintliche Materialismus einer auf die Natur übertragenen Wettbewerbsideologie, der Sozialdarwinismus, die Nähe der Vererbungslehren zu Rassismus und Eugenik und schließlich die Provokation der Schöpfungsgeschichte, die manche bis heute in der Evolutionstheorie erkennen. Das erste Kapitel von „The Origin of Species“ handelt zwar gar nicht von Affen, Gott oder Fortschritt, sondern größtenteils von Tauben. Aber man las und liest in Darwin lieber Themen hinein, die man für interessanter hält als Tauben.

Die Ideologisierung eines Fachs

Das hatte insbesondere für den Biologieunterricht Folgen. 1882 wurde das Fach Biologie an den Oberstufen der preußischen Gymnasien abgeschafft, weil es mit der neuen Lehre und ihren weltanschaulichen Vertretern identifiziert wurde. Man stand in einem zweiten Kulturkampf. Fünfzig Jahre später sollte es dann nur noch Biologie geben. „In den Abschlussklassen sämtlicher Schulen“, so der preußische Kulturminister im September 1933, „ist unverzüglich die Erarbeitung dieser Stoffe in Angriff zu nehmen, und zwar Vererbungslehre, Rassenkunde, Rassenhygiene, Familienkunde und Bevölkerungspolitik.

Die Grundlage wird dabei im wesentlichen die Biologie geben müssen, der eine ausreichende Stundenzahl – 2 bis 3 Wochenstunden, nötigenfalls auf Kosten der Mathematik und der Fremdsprachen – sofort einzuräumen ist. Da jedoch biologisches Denken in allen Fächern Unterrichtsgrundsatz werden muß“, so seien auch die übrigen Fächer in den Dienst dieser Aufgabe zu stellen. Dies ist die typische Einstellung zu etwas, das nur als Ideologie, nicht als Forschung wahrgenommen wird: Es ist entweder nichts oder alles.

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Kein Student liest Darwin

Schaut man heute auf die Rahmenpläne für den Biologieunterricht, scheint sich der Umgang mit der Evolutionslehre normalisiert zu haben. Ab und zu gibt es noch unergiebige Diskussionen über die Frage nach ihren Grenzen und danach, wie sie sich zu religiösen Lehren verhält. Eine Handvoll Autoren tut so, als existiere eine Gegentheorie des „intelligent design“, die im Unterricht auch vorkommen müsse. Aber es gibt diese Theorie gar nicht, sondern bloß einen Affekt, der Forschung weder für sich aufbieten noch zukünftige anleiten kann oder auch nur will, weswegen er sich auf grundsätzliche Urteile darüber beschränkt, was man alles nicht wissen könne. Genauso gut könnte man im Deutschunterricht darüber diskutieren, ob Sprache überhaupt etwas mitteilt. Man täte der Philosophie unrecht, würde man so etwas philosophisch nennen.

Die Evolutionstheorie ist inzwischen ein Bestandteil des höheren Unterrichts, aber kein besonders umfangreicher. In den aktuellen Bildungsstandards im Fach Biologie für den mittleren Schulabschluss, die von der Kultusministerkonferenz verabschiedet wurden, gibt es eine einzige Beispielaufgabe aus dem Bereich der Evolution. Sie betrifft Ananasgewächse auf Bäumen: „Erklären Sie die Angepasstheit der Bromelie mit Hilfe von Mutation und Selektion.“ Gemeint ist die Eigenschaft der Pflanze, Wasser mit den Blättern anstatt mit den Wurzeln aufzunehmen. Andere Gebiete, von der Physiologie über die Ökologie bis hin zur Genetik, sind auch an den Gymnasien auffälliger vertreten. Darwin selbst ist kein Text an Schulen. Der Londoner Genetiker Steve Jones, der eines der klügsten Bücher über den Stand der Forschung zu Darwins Fragen geschrieben hat, meint darin, er habe noch keinen einzigen Studenten der Biologie angetroffen, der Darwin gelesen hätte („Almost Like a Whale: The Origin of Species Updated“, London 1999).

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Darwin als Entscheidungshilfe

Das passt zu manchen Tendenzen der Biologiedidaktik. Als Ergebnis internationaler Vergleichsstudien wird beispielsweise von einer Forscherin der Universität Kiel mitgeteilt, Schüler seien vor allem interessiert an „Inhalten im Kontext der Humanbiologie (zum Beispiel Sexualität, Gesundheit, Essstörungen, Fitness und Schönheit)“. Der Unterricht, so die Schlussfolgerung, solle „in Szenarien erfolgen, die Schülerorientierung aufweisen“, ja sogar „zum Fällen von Entscheidungen bemächtigen“. Damit steht die Didaktikerin nicht allein, und es liegt auf der Hand, wie schlecht es um die Überlebenschancen der Evolutionslehre im Unterricht stünde, wäre das Selektionskriterium „Entscheidungsrelevanz“.

Man müsste Darwin dann auf jene Soziobiologie herunterbringen, die endlos über den Zwischennutzen von Schönheit im Kampf um vielversprechende Überlieferungsgelegenheiten für die eigenen Gene reden kann, ohne so simple Tatbestände wie den Wandel der Schönheitsideale oder die Existenz der Pille zu berücksichtigen. Damit wäre man dann wieder bei einer Weltanschauung gelandet.

Mit Darwin Denken lernen

Was in den Empfehlungen der Didaktiker „Schülerorientierung“ heißt – und recht betrachtet ein ziemlich professorenorientiertes Ideal ist –, geht zu Lasten der Schüler. Denn die Behauptung, für den Unterricht sei es wichtig, dass seine Inhalte für die Schüler nützlich und vertraut sind, sieht von einer entscheidenden Eigenschaft guter Stoffe ab, für die Darwin und die Evolutionslehre wohl eines der besten Beispiele überhaupt sind: gedankenanregend zu sein. Darwin selbst nannte seine Theorie kein Weltbild – das Wort gab es noch gar nicht –, sondern „a long argument“, was man getrost mit „ein ausführlicher Gedanke“ oder „eine umfassende Beweisführung“ übersetzen dürfte.

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Wenn Schulunterricht Denken lehren soll, gibt es innerhalb der Biologie kaum ein Gebiet, das dazu geeigneter wäre als die Evolutionstheorie. Denn sie handelt nicht einfach von Tatsachen, sondern von Tatsachen, die sie als Problemlösungen auffasst. In jeder biologischen Form steckt für sie ein Problem: Wie kann sich so etwas erhalten? Und es steckt für sie in jeder biologischen Form eine Lösung: Wie konnte so etwas entstehen?

Warum etwas wahrscheinlich ist

Fliegende Fische, um ein Beispiel aus dem Buch von Steve Jones zu benutzen, sind einfach nur rätselhaft. So wie Sex. Warum gibt es überhaupt zweigeschlechtliche Reproduktion und nicht nur Selbstbestäubung wie bei manchen Pflanzen oder Schnecken? Der ganze riesige Aufwand an Partnersuche und Kreuzung, wofür? Man muss nicht einmal der fixen Idee mancher Biologen und Ökonomen anhängen, bei jedweder Erscheinung zu fragen, für wen sie denn welchen Vorteil hat. Es genügt die Frage, was alles mit einer biologischen Erscheinung – Sex, Fliegenkönnen, Pflanze sein, Pflanzen essen – einhergeht und welche anderen Folgen es beispielsweise hat, wenn eine Art nicht nur oder überhaupt keine Pflanzen isst. Dass Pflanzen weniger sättigen, dafür aber nicht weglaufen, dass Fleischfresser also vermutlich einen anderen Bewegungsapparat als vegetarische Arten haben, wäre in einem Unterricht, der auf die Schulung des biologischen Denkens abzielt, ein gutes Zwischenergebnis.

Nicht minder nachdenkenswert ist die Tatsache, dass es kein Tier gibt, das Adler isst, und auch keines, das sich von Löwen ernährt. Ein Unterricht, der so fragt, wird beim Vorteil der energiereichen Nahrung und beim Nachteil der energieverbrauchenden Jagd landen. Wie viele Löwen gibt es dort, wo es sie gibt, auf zehn Quadratkilometern? Dass eine Art die andere verzehrt, hat als Beobachtung gar nichts mit rücksichtslosen Ideologien zu tun, sondern mit der Öffnung des Denkens für Fragen der Entstehungswahrscheinlichkeit von etwas.

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Missverstandene Schülernähe

Dieses Hin- und Herwenden von Beobachtungen an Tieren und Pflanzen betrifft auch die Leitformeln der Evolutionstheorie selbst. Was beispielsweise heißt „Kampf ums Dasein“? Es dürfte nicht genau dasselbe sein, wenn zwei Exemplare derselben Spezies miteinander konkurrieren und wenn es solche unterschiedlicher Arten tun. Worum kann der Kampf gehen? Wenn man Nahrung, Licht, Brutplätze nennt, ist die Liste mit Sicherheit nicht vollständig. Zu überleben heißt dabei etwas anderes, als sich reproduzieren zu können – beides aber sind biologische Erläuterungen von „Dasein“.

Man könnte eine solche Frage nach der anderen auflisten. Die Liste selbst wäre noch kein Unterrichtsprogramm, aber sie würde zeigen, wie sehr es sich lohnen könnte, anhand solcher Motive eines zu entwickeln – und wie schade es ist, dass ein missverstandener Begriff von Schülernähe oder notwendigem Wissen von solchen Möglichkeiten, das Denken zu schulen, ablenkt. Die Unterrichtsmaterialien dafür wären da. Denn es ist eine hier einschlägige Tatsache, dass die besten Sachbuchautoren im Bereich der Naturwissenschaften, die zugleich herausragende Forscher waren oder noch sind, in den vergangenen Jahrzehnten fast alle aus dem Bereich der Evolutionsbiologie stammten: Ernst Mayr, Stephen Jay Gould, Jared Diamond, der hier mehrfach genannte Steve Jones – in all ihren Texten stecken ganze Unterrichtseinheiten, ganze Schuljahre.

Bedeutsame Kinderfragen

Das gilt aber auch für Werke von weit weniger bekannten Autoren, für die man bei Lehrern gar nicht oft genug werben kann. Der englische Biologe Jonathan Kingdon, Tierzeichner und eine Koryphäe auf dem Gebiet der afrikanischen Säugetiere, hat vor wenigen Jahren eine hinreißende Monographie zur Frage geschrieben, wie es zum aufrechten Gang gekommen ist („Lowly Origins: Where, When, and Why Our Ancestors First Stood Up“, Princeton 2005). Diese so komplizierte wie erstaunliche Evolutionsgeschichte folgt elementaren Erklärungsproblemen: Wie kommt es dazu, dass die Affen irgendwann nicht mehr nur in den Bäumen leben?

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Manche frühen Arten von ihnen waren nachtaktive Tiere. Dazu passt nur eine bestimmte Ausstattung der Sinnesorgane, die zu Schwierigkeiten geführt haben dürfte, als die Affen zur Tagesaktivität überwechselten. Und wie sieht das Gebiss von Tieren aus, deren Geruchssinn schwach ist? Sind sie eher auf spezielle oder auf unspezifische Nahrung eingestellt? Warum gibt es keine Füchse, die auf zwei Beinen gehen? Für den Evolutionsbiologen ist keine Kinderfrage und kein Unterschied zwischen Tieren ohne Bedeutung.

Ein Arsenal guter Probleme

Für das Denken anstelle des Wissens als Unterrichtsziel spricht im Übrigen auch, dass man sich durchdachtes Wissen besser merken kann. Jede Quizshow demonstriert, dass selbst Studenten nicht wissen, wie sich Pilze reproduzieren oder ob Hunde von Füchsen abstammen. Die Lehrer mögen dann sagen: „Wir hatten es aber gehabt“, und gewitzte Pädagogen trösten, dass das ja auch gar nicht wichtig sei, solange die Schule nur vermittelt habe, wie man sich solches Wissen im Bedarfsfall verschaffen könne. Nicht der Stoff sei zu beherrschen, sondern das Lernen zu lernen. In den zurückliegenden Jahren sind solche Fähigkeiten unter dem merkwürdigen Titel „Kompetenzen“ zur beliebtesten Auskunft der Didaktik auf die Frage nach Lernzielen geworden. Dass man sie aber nicht an sich erwerben kann, sondern nur beim Lösen von Problemen, und zwar von guten Problemen, bleibt unberücksichtigt.

Die Evolutionslehre ist ein Arsenal solcher guten Probleme. Sie ist es nicht zuletzt deshalb, weil man die Lösung der allermeisten von ihnen nicht an Experimente und Messungen delegieren kann, sondern sich erschließen muss. Und sie ist es in noch einem Sinne: Weil sie eine Theorie darüber ist, dass Änderungen zweierlei brauchen, Zeit und Umwelt. Sie ist eine Theorie der hochgradigen Abhängigkeit erfolgreicher Strukturentstehung von beiden Faktoren. Nichts, was Bestand haben soll, geht schnell, und nichts davon geht bedingungslos. Es läge darin, wenn man nur dem Thema in den Schulen eine Chance gäbe, auch eine nützliche Einsicht. Wer länger darüber nachdenkt, mag am Ende versucht sein, sich einen Biologieunterricht vorzustellen, der ganz und gar Darwin und seinen Problemen gewidmet ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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