150 Jahre Evolutionstheorie

Die Bäume der Evolution

Von Julia Voss
30.06.2008
, 15:00
Ein Blatt aus Johann Moritz Rugendas „Malerische Reise in Brasilien”: Es formte Darwins Vorstellung vom Tropenwald und blieb nicht ohne Einfluss auf das evolutionäre Bild vom „Baum des Lebens”.
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Vor genau 150 Jahren, am 1. Juli 1858, wurde Darwins Theorie der Evolution vorgestellt. Bilder tropischer Bäume waren dafür zentral - gezeichnet hat sie der professionelle Reisemaler Johann M. Rugendas, dessen Werk jetzt eine Ausstellung zeigt.
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Seinen größten Erfolg feierte der Maler Johann Moritz Rugendas an einem brütend heißen Dienstagvormittag des Jahres 1832 inmitten des brasilianischen Urwalds. Es war April, als sich ein Expeditionstrupp entlang der brasilianischen Küste in Richtung Rio Marcaé bewegte, ein Fluss landeinwärts in der Provinz um Rio de Janeiro. Den Tag zuvor hatte der englische Weltreisende Darwin in den Amtsstuben lokaler Behörden verbracht, um einen Reisepass zu erhalten, der ihm erlaubte, das Innere Brasiliens zu betreten, eine Genehmigung, die nicht ohne Schikanen erteilt wurde. Doch für die Aussicht, endlich den Urwald samt seinen Affen, Vögeln und Faultieren mit eigenen Augen sehen zu können, notierte der junge Forschungsreisende, hätte er "den Staub von den Stiefeln der Beamten geleckt".

Am Abend war ihm das Dokument ausgehändigt worden, jetzt schaukelte er auf dem Rücken eines mageren Pferdes in Richtung Urwald. Je weiter die Reisegruppe eindrang, desto lautloser wurde es. Bald hörte man nur noch das Schnauben und die Fußtritte der Pferde. Die Baumkronen hatten sich vor Jahrhunderten zu einem festen grünen Dach zusammengeschlossen, in dessen Schatten nur die Widerstandsfähigsten überlebten, ein weitläufiges, feierliches Halbdunkel, das an ein Kirchenschiff erinnerte.

Ein Urwald wie auf Rugendas Bildern

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"Als die Sonne durch das Dickicht brach", notierte Darwin in sein Reisetagebuch, "musste ich sehr an die Zeichnungen von Johann Moritz Rugendas denken. Sie zeigen sehr schön die zahllosen Lianen & parasitischen Pflanzen & den Kontrast zwischen blühenden Bäumen und toten & verrottenden Bäumen." Seit 119 Tagen befand sich Darwin auf Reisen; zwischen ihm und seinem Zuhause lagen der Ozean und drei Klimazonen, und doch ging es ihm nicht anders als einem Touristen, der, an seinem Urlaubsziel ankommend, die Sonne untergehen sieht und an eine Postkarte denken muss. Darwin war im Urwald und fand, dass es aussah wie in Rugendas' Bildern.

Wer war Johann Moritz Rugendas? Das Schaezlerpalais in Augsburg zeigt gerade eine kleine Ausstellung über den Künstler und ehrt damit einen Stand, der in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts seine Blüte erlebte: den professionellen Reisemaler. Unser "Corot der Tropen" jubilierte das Tagblatt in Rugendas' Heimatstadt Augsburg, als er 1825 von seiner ersten Brasilien-Reise zurückkehrte, später sollten mehrjährige Aufenthalte in Mexiko, Argentinien und vor allem Chile folgen.

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Ein Foliant mit hundert Lithographien

Für Rugendas, 1802 geboren, war es paradoxerweise die Industrialisierung, die seine Karriere antrieb, indem sie die Malmittel um ein Vielfaches beschleunigte. Mit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts lösten Maschinen die handwerkliche Tradition der Farbherstellung ab; statt Werkstattgehilfen zerrieben nun Farbmühlmaschinen die Pigmente, Rundsieb-Papiermaschinen spuckten Endlospapier aus, Malkästen mit Farbnäpfchen kamen auf den Markt. Die neuen synthetischen Farben ließen sich leichter mischen, transportieren und auftragen, sie trockneten schneller und waren billiger. Für die Landschaftsmalerei, das Malen im Freien, hatte dies erhebliche Folgen: Ein guter Maler produzierte noch bis weit über die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hinaus schneller, zuverlässiger und billiger als ein Fotograf. Und Rugendas malte so schnell, wie die neuen Eisenbahnen fuhren. Die Ölskizze - in der Ausstellung durch eine kleine Auswahl vertreten - entwickelte er, der bei einem Schlachtenmaler gelernt hatte, zu einer Stenographie des Sichtbaren.

Sein Prachtwerk aber - in Augsburg im ersten Raum gezeigt - war ebenjenes Werk, das Darwin wieder einfiel, als er den südamerikanischen Dschungel betrat: die "Malerische Reise in Brasilien", ein riesiger Foliant mit hundert Lithographien, erschienen zwischen 1827 und 1835. Alexander von Humboldt, auch er ein Bewunderer von Rugendas, nannte das Werk das "führende, das über Tropennatur erschienen ist".

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Darwin und Wallace

Aber die Geschichte hatte mit dem Bild noch mehr vor: Denn Rugendas' tropischer Wald, der Darwin so beeindruckt hatte, ging dem englischen Forscher noch immer durch den Kopf, als er in den vierziger und fünfziger Jahren die Evolutionstheorie im Stillen für sich ausarbeitete. Der von Lianen umschlungene Tropenbaum wurde für ihn zu einem Denkbild für die wuchernde Geschichte des Lebendigen, die abgestorbenen Verzweigungen, das Aufknospen von neuen. "Gebraucht meinen Vergleich mit dem Baum", notierte Darwin 1855 etwa an den Rand eines Aufsatzes des vierzehn Jahre jüngeren Alfred Russel Wallace, eines Forschungsreisenden, der sich seinen Lebensunterhalt durch das Sammeln und Verkaufen von Präparaten verdiente.

Geschrieben hatte Wallace, dass die Natur eine Geschichte habe, "dass wir nur Fragmente dieses ungeheuren Systems besitzen, indem der Stamm und Hauptäste durch ausgestorbene Arten repräsentiert werden, von welchen wir keine Kenntnis haben, während eine ungeheure Masse von Gliederungen und Zweigen und winzigen Ästchen und zerstreut liegenden Blättern vorhanden ist". Wie Darwin und Rugendas war auch Wallace in Südamerika gereist, auch er hatte den Regenwald durchstreift, seine Bäume noch dazu in zahlreichen Zeichnungen festgehalten.

Vorstellung in der Linnean Society

Drei Jahre nachdem Wallace' Aufsatz erschienen war, im Juni 1858, erhielt Darwin wieder Post von Alfred Russel Wallace, inzwischen auf der ostasiatischen Insel Ternate, und was sich schon angekündigt hatte, wurde nun erschreckende Wahrheit: Wallace bediente sich nicht nur der gleichen Metapher wie Darwin - er hatte auch eine Evolutionstheorie. "Ich habe noch nie einen verblüffenderen Zufall gesehen", schrieb Darwin hastig an den Geologen Charles Lyell, "hätte Wallace meine ausformulierte Manuskriptskizze gehabt, könnte er keine bessere Zusammenfassung davon geben."

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Der Rest der Geschichte ist bekannt: Heute vor hundertfünfzig Jahren, am 1. Juli 1858, wurden Darwins und Wallace' Evolutionstheorien in einer Sitzung der Linnean Society in London vorgestellt. Weder Wallace noch Darwin konnten anwesend sein; der eine durch das Reisen verhindert, der andere durch Krankheit. Anwesend waren fünfundzwanzig Mitglieder, die Brisanz des vorgestellten Stoffes entging ihnen. Der Präsident der Linnean Society notierte im Jahresbericht müde: "Das vergangene Jahr zeichnete sich gewiss nicht durch eine aufsehenerregende Entdeckung aus."

Verzweigtes Astwerk

Wie wir wissen, irrte er sich: 1859 erschien Darwins epochemachendes Werk "Über die Entstehung der Arten", Wallace wurde zum ewigen Zweiten, eine Rolle, in die er sich bescheiden fügte; er selbst sprach von der "Darwinschen Evolutionstheorie".

Mit dem Bild aber, das Darwin in seinem Buch anführte, schloss sich ein Kreis: Er schrieb von einem "großen Baum des Lebens, der mit seinen toten und heruntergebrochenen Ästen die Erdrinde erfüllt und mit seinen herrlichen und sich noch immer weiter teilenden Verzweigungen ihre Oberfläche bekleidet". Zur Metapher für Evolution waren bei den Südamerika-Reisenden Wallace und Darwin die riesigen tropischen Bäume geworden, ihre verrottenden, herunterbrechenden Äste und das Leben, das daraus hervorspross. Gesehen aber hatte Darwin den Urwald zuerst mit den Augen des Augsburger Reisemalers Johann Moritz Rugendas. Der starb 1858 nach langer, schwerer Krankheit im süddeutschen Weilheim an der Teck. Von Darwin und der Evolutionstheorie sollte er nie erfahren.

Chile und Rugendas. Im Augsburger Schaezlerpalais bis zum 26. Juli. Der Katalog kostet 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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