Charles Darwin

Verspätete Rechtfertigung einer Wissenschaftsrevolution

Von Matthias Glaubrecht
02.11.2008
, 12:00
Bei Erscheinen bereits in der ersten Auflage vergriffen: Darwins „On the Origin of Species”, 1859.
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Charles Darwins historische Einleitung zur „Entstehung der Arten“, zuerst in der deutschen Übersetzung des Buches im April 1860 erschienen, hat eine merkwürdige Entstehungsgeschichte. Was wollte Darwin der Mitwelt über die Vorläufer seiner Theorie mitteilen?
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Als am 24. November 1859 Charles Darwins Buch "On the Origin of Species" erschien, waren die 1250 Exemplare der Erstauflage bereits vergriffen. Mit nur mehr einer vagen Ahnung vom Inhalt hatten Buchhändler beim Verleger John Murray in London sogar 1500 Exemplare geordert. Noch bevor das Buch bei seinen Lesern ankam, war es bereits ein kommerzieller Erfolg. Ebenso schnell verkauften sich einen Monat später die nachgelegten 2500 Exemplare der zweiten Auflage. Zu Darwins Lebzeiten erschienen allein in England sechs jeweils von ihm revidierte Auflagen mit insgesamt mehr als 27000 Stück. Was im viktorianischen England ein Bestseller war, ist bis heute mehr als nur ein weiterer Klassiker. Zweifelsohne gehört Darwins Arten-Buch zu den wichtigsten, weil einflussreichsten Werken der Naturforschung, wenn nicht der Geistesgeschichte überhaupt. Mit ihm revolutionierte Darwin unsere Sicht auf die belebte Natur - und zugleich unser Selbstverständnis.

Umso erstaunlicher ist, dass Darwin dem Buch weder Quellen noch Fußnoten beifügte oder in einem Vorwort die Vorgeschichte seiner Theorie erläuterte. Viele Autoren weniger wichtiger Werke seiner Zeit unterzogen sich der Mühe, deutlich zu machen, wie weit ihre geistigen Väter gekommen waren und auf wessen Schultern ihre eigenen Thesen ruhten. In vorbildhafter Weise hat dies etwa der von Darwin geschätzte Charles Lyell 1834 in seinen "Principles of Geology" getan. Doch erst seiner 1861 erschienenen dritten englischen Ausgabe stellte auch Darwin eine solche Einführung unter dem Titel "An Historical Sketch of the Recent Progress of Opinion on the Origin of Species" voran.

Unter dem Druck von Wallace

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Oft haben Wissenschaftshistoriker dies auf die besonderen Ereignisse zurückgeführt, die zu Darwins epochalem Werk führten und mit denen sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine regelrechte "Darwin-Industrie" beschäftigt hat. Im Sommer 1858 war überraschend ein Manuskript des britischen Naturforschers Alfred Russel Wallace in Darwins Hände gelangt, das eine ganz ähnliche Theorie wie die Darwins zur natürlichen Selektion enthielt. Nach der unter sehr merkwürdigen Umständen arrangierten gemeinsamen Veröffentlichung ihrer Thesen sei Darwin gezwungen gewesen, in aller Eile sein bereits mehr als halbfertiges Buchmanuskript zum Artenwandel für die rasche Drucklegung einzukürzen, wobei er sich neben Quellenverweisen zunächst auch das erwähnte historische Vorwort sparte.

Wie diese Einleitung zu Darwins Buch entstand und warum sie tatsächlich so lange auf sich warten ließ, war bislang nicht genau untersucht. In seiner Studie zu Darwins Vorwort hat der amerikanische Wissenschaftshistoriker Curtis N. Johnson am Lewis and Clark College in Portland, Oregon, jetzt verschiedene widersprüchliche Aussagen Darwins aufgedeckt. Ähnlich wie beim merkwürdigen Arrangement um die Veröffentlichung der Wallace-Darwin-Artikel 1858 gibt auch die historische Einleitung zur "Origin" einige Rätsel auf. Denn möglicherweise hatte Darwin bereits Jahre zuvor, etwa seit Mitte 1856, den ersten Entwurf zu solch einer historischen Einleitung ausgearbeitet, aber nach eigenem Bekunden zeitweilig die Erinnerung daran vollständig verloren ("The Preface to Darwin's Origin of Species: The Curious History of the ,Historical Sketch'", in: Journal of the History of Biology, Bd. 40, Heft 3, September 2007).

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Historische Verortung der Transmutationstheorie

Es zählt zu den kuriosen Fakten dieses historischen Vorworts, dass Darwin es zwar bis Anfang Februar 1860 für die amerikanische Erstausgabe seiner "Origin" fertigstellte (die dann im Mai erschien), dass es aber dank zufälliger Umstände bereits im April 1860 - in der Übersetzung durch Heinrich Georg Bronn - der deutschen Ausgabe der "Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" vorangestellt wurde.

"Ich will hier eine kurze Skizze von der Entwicklung der Ansichten über den Ursprung der Arten geben", begann Darwin. "Bis vor kurzem glaubte die große Mehrzahl der Naturforscher, Arten seien unveränderliche Erzeugnisse und jede einzelne sei für sich erschaffen worden; diese Ansicht ist von vielen Verfassern mit Geschick verteidigt worden. Nur einige wenige Naturforscher nahmen dagegen an, dass Arten einer Veränderung unterliegen." Die Einführung diente ihm zugleich als Rechtfertigung seiner Originalität an der Entwicklung der damals als Transmutation bezeichneten Theorie und als Abgrenzung von anderen, früheren Vorstellungen zum Artenwandel.

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Sosehr Lyell ihm als Vorbild dienen mochte, schließt Curtis Johnson aus der Analyse insbesondere der Briefe Darwins, so wenig sah dieser sich in der Rolle des Historikers. Doch nach dem Erscheinen der "Origin" war Darwin in Rezensionen und Reflexionen über seine Theorie wiederholt dafür kritisiert worden, Vorläufer wie insbesondere Jean-Baptiste de Lamarck und auch seinen Großvater Erasmus Darwin nicht gebührend gewürdigt und die Neuheit seiner Theorie einer Entwicklung der Arten durch natürliche Selektion gegenüber deren Ansatz nicht ausreichend herausgestellt zu haben.

Briefe als Anhaltspunkte

Johnson zeigt nun, dass Darwin bereits sehr früh die Notwendigkeit gesehen hat, seine zwischen 1837 und 1838 gereifte, 1842 in einer Manuskriptskizze und 1844 in einem Essay-Entwurf ausgearbeitete Selektionstheorie in den historischen Kontext zu stellen. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass Darwin schon 1856 - also mehr als zwei Jahre bevor er sich, angetrieben durch Wallace, an die "Origin" machte - einen ersten Entwurf zu seinem späteren historischen Vorwort verfasst hat. Eine zentrale Rolle bei Johnsons Analyse spielt zudem die Korrespondenz Darwins mit dem Oxforder Geologie-Professor Baden Powell (1827 bis 1860). Dieser hatte kurz nach Erscheinen der "Origin" einen Brief an Darwin geschrieben, auf dessen Existenz und Inhalt wir jedoch nur aus Darwins Antwort schließen können; der Brief selbst gilt als verschollen. Was immer Powell mitzuteilen hatte, muss Darwin veranlasst haben, innerhalb von kaum mehr als drei Wochen jenen "historical sketch" in der uns bekannten Form abzufassen.

Nachweislich hat Darwin am 18. Januar 1860 gleich zwei Briefe an Powell geschrieben. Daraus ergeben sich einige Ungereimtheiten, die Johnson herausarbeitet, aber letztlich nicht aufzulösen vermag. Im ersten Brief an Powell versicherte Darwin, dass er mit Lamarck und anderen durchaus namhafte Vorläufer für die Idee vom Wandel der Arten hatte und dass er und Wallace unabhängig voneinander die natürliche Selektion als Triebfeder dieser Veränderung erkannt haben. Dabei habe er nach bestem Wissen nichts bewusst aus anderen Quellen entnommen, so auch nicht von Powell. Allerdings, fügte Darwin hinzu, habe ihn seine angegriffene Gesundheit davon abgehalten, die historischen Bezüge explizit in einem Vorwort zu seinem Buch darzulegen.

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Eine vergessenes Manuskript

Der zweite Brief an Powell enthält eine, wie Johnsons Recherchen zeigen, dramatische Volte. Noch am selben Tag nämlich schrieb Darwin darin: "I have just bethought me of a Preface which I wrote to my larger work." Während er also unmittelbar zuvor, offenbar auf die Anschuldigung hin, Powell übergangen zu haben, die fehlende historische Einbettung seiner Ideen zu entschuldigen suchte, erinnerte sich Darwin nun plötzlich an den früheren Entwurf eines solchen Vorworts, in dem auch Baden Powell genannt wird. Wie die Übereinstimmungen bis in die Details der Wortwahl belegen, zitierte Darwin im Brief an Powell dann offenkundig aus diesem Entwurf verschiedene Passagen und entwickelte jene historische Rechtfertigung, die fortan in den Ausgaben der "Origin" nachzulesen ist. Bei seiner Ehre, so bekräftigte Darwin schließlich im zweiten Brief an Powell, habe er seinen eigenen Entwurf derart vollständig vergessen, als ob er ihn niemals geschrieben hätte.

Für die Existenz eines frühen Entwurfs des Vorworts spricht auch, dass dem unvollendet gebliebenen Manuskript zum "species book", an dem Darwin bis zum überraschenden Eintreffen von Wallaces Artikel im Sommer 1858 gearbeitet hat, just die ersten 15 Manuskriptblätter fehlten. Bereits der Wissenschaftshistoriker Robert C. Stauffer, der Darwins Manuskript im Nachlass entdeckte und 1975 publizierte, vermutete auf diesen verschollenen Seiten die historische Einleitung; jene, an die Darwin sich im Januar 1860 plötzlich wieder erinnerte und aus der er dann zitierte, vermutlich um Powell zu besänftigen.

Anhand der Korrespondenz von Darwin mit seinem Mentor und Freund Charles Lyell kann Curtis Johnson plausibel machen, dass Darwin schon im Sommer 1856 nicht nur mit der Abfassung des umfangreichen Manuskripts für sein Arten-Buch begonnen hatte, sondern darin auch eine, wenngleich nicht elaborierte, so doch hinreichende historische Einleitung vorgesehen hatte. Ob Darwin sie zu diesem Zeitpunkt tatsächlich bereits verfasst hatte, sie später aber vergaß und sich ihrer erst im Verlauf des 18. Januar 1860 wieder erinnerte, darüber lässt sich heute nicht mehr mit Gewissheit urteilen.

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Die englischen Leser mussten warten

Johnsons Recherchen legen mehrere Möglichkeiten und Schlussfolgerungen nahe; unter anderen auch die, dass Darwin bereits zu einem früheren Zeitpunkt wenigstens einen ersten Textentwurf zum Vorwort besaß; wenngleich dieser - nach seiner eigenen Einschätzung - noch nicht ausgereift genug für die schnelle Veröffentlichung war, zu der er durch Wallace gezwungen wurde.

Eine Entscheidung darüber, ob Darwin schon bei Erscheinen der ersten Auflage seiner "Origin" im November 1859 eine solche historische Skizze besaß, diese aber - aus welchen Gründen auch immer - zurückhielt, hängt mehr von unserem jeweiligen Urteil über Darwins Charakter, seine Integrität und Arbeitsweise im Allgemeinen ab als von den uns heute bekannten Fakten, die sich als widersprüchlich darstellen.

Aufgrund mehrerer Briefe, die Darwin in den ersten Tagen des Februars 1860 schrieb, kann lediglich als gesichert gelten, dass er spätestens zu diesem Zeitpunkt mit der Abfassung beziehungsweise Überarbeitung einer historischen Einführung zu seiner "Origin" beschäftigt war. Am 8. oder 9. Februar 1860 schickte er dieses historische Vorwort an den Botaniker Asa Gray an der Universität in Harvard für die erste autorisierte amerikanische Ausgabe seines Jahrhundertwerkes. In England warteten Darwins Leser noch ein Jahr länger auf die Darlegung zu seinen Vordenkern.

Matthias Glaubrecht, Evolutionsbiologe und Malakozoologe, ist Forschungsdirektor am Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität in Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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