Darwin

Finken lügen nicht

Von Richard Friebe
05.01.2009
, 12:05
Auf der richtigen Spur: Die Finken, wie sie in der zweiten Auflage von Darwins Reisebericht zu finden sind.
Die Finkenarten der Galápagos-Inseln wurden zu Kronzeugen der Darwinschen Evolutionstheorie. Doch ihre steile Karriere begann nicht etwa, als der junge Darwin sie zum ersten Mal sah, sondern erst geraume Zeit später.
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Wer einmal ohne Hilfe aus der Reiseapotheke mit dem Postboot der Galápagos-Inseln über die Pazifikwellen von Santa Cruz zum Nachbar-Eiland Isabela geschippert ist, fühlt sich hinterher wie Darwin. Man hat endlich wieder festen Boden unter den Füßen, und die Seekrankheit lässt einen erst mal in Ruhe.

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Der junge englische Naturforscher betritt jenen festen vulkanischen Grund im September 1835, dem Jahr, als in Belgien die erste Eisenbahnlinie auf europäischem Festland in Betrieb genommen wird, in Gütersloh der Drucker Carl Bertelsmann einen Verlag gründet, in München die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank die Arbeit aufnimmt und Hegels "Vorlesungen über die Ästhetik" in Buchform erscheinen. 1835 ist aber vor allem das Jahr, in dem Charles Darwin jene Eindrücke, Tierbälge und tieferen Einsichten sammelt, die entscheidend für seine Theorie der Evolution sind.

Sprechende Schnäbel

So will es zumindest die Legende: Der Naturforscher sieht auf jeder Insel neue Tierarten, die denen von der Nachbarinsel immer sehr ähneln. Er folgert daraus, dass diese verschiedenen Spezies einen gemeinsamen Vorfahren hatten, dass Arten also veränderlich sind und nicht - wie es in der Bibel steht - unveränderlich von Gott erschaffen wurden. Besonders eine Tiergruppe soll ihm diese in der Tat revolutionäre Einsicht vermittelt haben, als er auf dem Archipel zusammen mit Kapitän Fitz-Roy Insel-Hopping machte: die dort lebenden Finken mit ihren unterschiedlich großen Schnäbeln.

Die sogenannten "Darwin-Finken" stehen heute samt Illustration in jedem Lehrbuch, zusammen mit der Erklärung, wie sie zu ihren unterschiedlichen Schnäbeln kamen. Auf einer der jungen, im Wortsinne noch vogelfreien Vulkaninseln war demnach in einem Sturm einst ein Finkenweibchen vom fast tausend Kilometer entfernten Festland angeweht worden. Es trug befruchtete Eier in sich. Ihre Nachkommen besiedeln die Insel, pflanzen sich fort. Und ähnlich wie in dem Sturm, der die Eva-Finkin einst herüber blies, verschlägt es in den folgenden Jahrtausenden auch ab und an Gründer-Finken von dort auf die anderen Inseln. Und je nach Nahrungsangebot - Insekten, Kakteen, hartschalige Früchte - passen sich die Tiere über Generationen an, vor allem in der Form ihrer Schnäbel. Sie finden ihre jeweilige ökologische Nische.

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Evidenzen fallen nicht vom Himmel

So lautet Darwins Evolutionstheorie - nicht in einer Nussschale, sondern in ein paar Finkenschnäbeln. Wie entstehen Arten? Nicht durch Millionen Schöpfungsakte, sondern aus anderen Arten. Warum entstehen sie? Weil sie sich, wenn sich die Umweltverhältnisse verändern, ebenfalls verändern, sich "adaptieren", anpassen müssen. Wie kommt es zu dieser Anpassung? Durch "natürliche Selektion". Die Individuen einer Art unterscheiden sich leicht voneinander, und die Eigenschaften, die in der jeweiligen Umwelt von Vorteil sind, setzen sich nach Generationen durch. Warum gibt es so viele Arten? Weil aus einer Art eben viele neue Arten werden können, zum Beispiel durch eine "adaptive Radiation", in der von den Nachkommen verschiedene ökologische Nischen besetzt werden. So, wie es die Finken auf Galápagos gemacht haben.

An die Schnäbel der unscheinbaren Finken sollte man sich im Darwin-Jahr tatsächlich öfter einmal erinnern. Allerdings nicht, weil sie es waren, die dem Forscher vom Erkundungsschiff "Beagle" die Augen geöffnet haben. Sondern, weil sie es eben nicht waren. Gerade deshalb erzählt die Geschichte ihrer Erforschung so viel über die Geschichte von Darwins Theorie.

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Wissenschaftshistorische Berichtigungen

Denn einerseits ist die Legende vom Finken-Aha-Erlebnis eins von vielen Beispielen, wie sowohl die Adepten als auch die Gegner Darwins es bis heute immer wieder geschafft haben, sich im Rückblick ihren jeweiligen eigenen Darwin zu konstruieren. Neben dem Darwin als Genie mit der plötzlichen Einsicht auf den Inseln ist auch ein Ideen klauender Darwin zu haben, auch einer, der ständig an seiner Theorie zweifelt und dazu geprügelt werden muss, sie zu veröffentlichen. Oder wie wäre es mit einem Darwin, der auf dem Totenbett zum Bekenntnis zu Gott als Schöpfer zurückgefunden hat? Oder einem sozialdarwinistischen Darwin?

Erst in den vergangenen drei Jahrzehnten haben Historiker ernsthaft damit begonnen, den wahren Darwin ausfindig zu machen, indem sie zu den Originalquellen zurückgingen: Darwins Notizbüchern, Reiseaufzeichnungen, Manuskripten, unzähligen Briefen sowie den Tierbälgen von der Beagle-Reise. Einer von ihnen war der Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway, den besonders die Finken interessierten. Sulloway wies nach, dass Darwin auf Galápagos relativ wenige Finken gesammelt hat, dass er ziemlich nachlässig in der Beschriftung seiner Funde war und sie deshalb nach der Abreise häufig auch nicht ihrer Herkunftsinsel zuordnen konnte. Außerdem hätte der Naturforscher, wenn die kleinen Vögel ihm auf der großen Reise zur großen Einsicht verholfen hätten, diese sicher ausführlich in seinen Aufzeichnungen und den nach der Rückkehr in England begonnenen berühmten Notizbüchern behandelt. Und in der Erstfassung seines Beagle-Reiseberichts wären sie wohl auch vorgekommen.

Die Wiederentdeckung der Finken

Nichts davon. Dort, wo er sie erwähnt, in seinen "Ornithological Notes", interessiert ihn eher die Farbe des Gefieders als die mögliche "Gradation in der Form der Schnäbel", die er nur in einem Nebensatz erwähnt. Ein paar Jahre später, 1845, in einer Neuauflage des Beagle-Buchs, hört sich das dann schon anders an: "Wenn man diese Abstufung und die strukturelle Diversität in einer so kleinen, eng verbundenen Gruppe von Vögeln sieht, könnte es einem wirklich so vorkommen, als ob jemand sich eine Art genommen und sie zu verschiedenen Zwecken verändert hätte."

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Doch das war es dann auch schon. Die Finken verschwinden danach völlig von Darwins Bildfläche. In der "Entstehung der Arten" werden sie mit keinem Wort erwähnt. Die Finken-Epiphanie auf Galápagos ist eine Legende. Darwin wurde von seiner Theorie nicht wie von einem Schlag getroffen. Vielmehr waren es das sorgfältige Aufarbeiten des gesammelten Materials, die neue und wiederholte Lektüre von Büchern wie denen des Geologen Charles Lyell oder des Sozialökonomen Thomas Malthus, der Austausch mit Forscherkollegen und jahrelange weitere wissenschaftliche Versuche, die ihn langsam, aber dafür umso sicherer dazu brachten.

Die Finken traten ihren Siegeszug durch die Biologiebücher tatsächlich erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an. Der Ornithologe David Lack entdeckte sie wieder und untersuchte sie als Erster gründlich. Aus Mangel an Alternativen nannte er sie "Darwin's Finches". Diese Wiederentdeckung ist der zweite Grund, warum die Finken-Legende nie so wertvoll wie heute war. Denn auch wenn Darwin sich für seine Theorie eher auf die Landschildkröten oder die Spottdrosseln von Galápagos stützte oder auf englische und irische Hasen: Die nach ihm benannten Finken sind heute die evolutionsbiologisch vielleicht besterforschte Tiergruppe und eines der stichhaltigsten Argumente dafür, dass Darwin recht hatte. Denn bei ihnen lässt sich Evolution direkt in der Natur und in ihren Erbanlagen beobachten.

Molekularbiologische Aufklärungen

Jener David Lack beispielsweise fand bei den Finken Anzeichen für Evolutionsmechanismen, die wunderbar zu Darwins Theorie passten, auch wenn sie teilweise weit über dessen konkrete Gedanken hinausgingen. Er beobachtete etwa, dass zwei Arten auf einer Insel, auf der sie gemeinsam vorkamen, sich in der Schnabelform deutlich stärker voneinander unterschieden als dort, wo sie ohne diese Konkurrenz leben konnten. Der Evolutionsbiologe Edward Wilson nannte das Phänomen später "Merkmalsverschiebung" (character displacement). Es bedeutet, dass dort, wo zwei ähnliche Arten nebeneinander existieren, die Evolution dafür sorgt, dass sie sich möglichst deutlich unterscheiden und möglichst unterschiedliche ökologische Nischen besetzen können. Im Klartext: Man geht sich aus dem Wege. Wenn das nicht gelingt, muss eine Art das Feld räumen - so war es vielleicht bei modernem Mensch und Neandertaler.

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Das heute 72-jährige Forscherehepaar Peter und Rosemary Grant konnte in jahrzehntelanger Arbeit auch nachweisen, wie die einzelnen Finkenarten miteinander verwandt sind. Daraus konnten die Ornithologen dann ableiten, dass die Vögel die Inseln tatsächlich in einem Prozess der "adaptiven Radiation" besiedelt haben müssen. Aus den Problemen, die Finken auf einer Insel beim Knacken von harten Pflanzensamen hatten, leiteten sie auch eine gewagte evolutionäre Vorhersage ab: Die Schnäbel müssten als Anpassung an das Nahrungsangebot allmählich messbar dicker werden. Als sie nach ein paar Generationen nachmaßen, hatte sich genau das abgespielt.

Und auch, welche Grundlagen solche Evolution in Echtzeit im Erbmaterial hat - ein Aspekt, bei dem Darwin noch völlig ratlos war -, ist inzwischen teilweise bekannt. So fanden Genetiker in Zusammenarbeit mit den Grants in Vogel-Embryonen, dass in der Schnabelregion ein Gen namens BMP4 besonders aktiv ist, wenn ein robuster Schnabel herauskommen soll. Wer als Finken-Embryo dagegen das Calmodulin-Gen besonders stark angeschaltet hat, dessen Schnabel wächst eher in die Länge. Als die Forscher dieses Gen in Hühner-Embryos aktivierten, wurden auch deren Schnäbel etwa ein Zehntel länger als die von Artgenossen.

Das alles konnte Darwin auf Galápagos nicht sehen. Als ihm nach seiner Rückkehr nach England auffiel, dass es sich vielleicht gelohnt hätte, den Finken etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, war es zu spät. Und eine neue Reise kam für ihn nicht mehr in Frage. Vier Jahre Seekrankheit reichten ihm für ein ganzes Leben.

Darwin hat England nie wieder verlassen. Geschadet hat ihm das nicht. Und die Finken sind auch ohne ihn zu ihrem Ruhm gekommen.

Quelle: F.A.S.
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