Darwins Weg zur Evolutionstheorie

Das Wissenschaftswunder

Von Matthias Glaubrecht
12.12.2008
, 17:51
Wider den Mythos: nicht Finken, sondern Spottdrosseln waren Darwins hauptsächliches Forschungsobjekt
Über Darwins Weg bis zur Publikation seines Buchs „Die Entstehung der Arten“ sind etliche Mythen im Umlauf. Warum dauerte die Niederschrift so lange, welche Rolle spielte der Darwin-Fink, welche die Schiffsreise auf der „Beagle“? Was aber brachte ihn wirklich auf die Spur der Evolution?
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Wie kein anderer personifiziert Charles Robert Darwin jene gotteslästerliche Sicht, wonach kein Schöpfer als gleichsam göttlicher Uhrmacher die Welt mitsamt seinen belebten und unbelebten Dingen hervorgebracht hat; vielmehr gebe es natürliche Ursachen für das Werden und Vergehen des Lebens. Zwei Jahrhunderte nach seiner Geburt meinen wir viel zu wissen, vielleicht sogar alles über jenen angeblichen Eremiten aus England, der im April 1882 in der Westminster Abbey mit allen Ehren beigesetzt wurde.

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Jenen Sprössling aus der Oberschicht der britischen Provinzgesellschaft, der am 12. Februar 1809 als fünftes von sechs Kindern des weithin angesehenen Arztes Robert Waring Darwin von Susannah Darwin, geborene Wedgwood, in dem Landstädtchen Shrewsbury in der Grafschaft Shropshire zur Welt kam. Jenem anfangs ziellosen jungen Mann, der nach abgebrochenem Studium der Medizin in Edinburgh und einem mit wenig größerer Begeisterung betriebenen der Theologie in Cambridge fünf Jahre mit dem Vermessungsschiff „Beagle“ auf Weltreise geht, um sich anschließend für den Rest seines Lebens als Privatgelehrter auf sein Landgut Down House in der Grafschaft Kent südlich von London zurückzuziehen.

Grundprinzipien der belebten Welt

Die Zahl der Darwin-Biographien ist Legion. Und doch gibt es immer noch Neues zu berichten, nachdem eine regelrechte Darwin-Industrie beinahe jeden Moment seines Lebens akribisch rekonstruiert hat. Wissenschaftshistoriker haben inzwischen den handschriftlichen Nachlass Darwins und seiner Familie nahezu vollständig erschlossen und dabei beinahe jeden Aspekt seines Wirkens und Werkes beleuchtet. Philosophen beschäftigen sich mit den Konsequenzen seines evolutionären Naturalismus für das Denken. Evolutionsbiologen testen bis heute die vielfältigen Implikationen seiner Hypothesen für die Lebenswissenschaften.

Darwin gehört zu den wenigen herausragenden Naturforschern, die das Weltbild des Menschen in seinen Grundfesten verändert haben. Kein anderer Verfasser wissenschaftlicher Abhandlungen hat unser Weltbild sowohl in der Biologie als auch außerhalb davon mehr beeinflusst. Ähnlich wie Kopernikus oder Einstein Gesetzmäßigkeiten der Gestirne und des Universums erkannten, entdeckte Darwin die Grundprinzipien der belebten Welt.

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Wann wurde er zum Evolutionisten?

Die Kritik auch an der modernen Fassung seiner Evolutionstheorie wird weiterhin gern und oft allein an der Person Charles Darwins festgemacht. Das Darwin-Jahr 2009 mit seinem Doppeljubiläum – zweihundertster Geburtstag und 150. Jahrestag der Veröffentlichung seines einflussreichsten Werkes „Über die Entstehung der Arten“ – sollte also willkommener Anlass sein, den Einstein der Arten neu zu entdecken.

Gerade weil wir inzwischen so viel mehr über Darwin wissen, sehen wir ihn heute in einem etwas anderen Licht. So wissen wir nun, dass Darwin nur dank einer Reihe glücklicher Fügungen an Bord der „Beagle“ kam. Es war vor allem seinem Mentor, dem Botanik-Professor John Stevens Henslow, zu verdanken, der ihn – wie er im August 1831 an Darwin schrieb – genau für jenen Mann hielt, den die britische Admiralität und der Kapitän der „Beagle“, Robert FitzRoy, suchten. Heute wissen wir, was Darwin während der Weltumsegelung mit der Beagle zwischen Dezember 1831 und Oktober 1836 tatsächlich entdeckte und was er verpasste. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob die Galápagosinseln wirklich jene entscheidende Rolle für seine revolutionären Erkenntnisse gespielt haben, die die Legende ihnen zuweist. Auch beschäftigt Wissenschaftshistoriker, ob Darwin bereits auf der „Beagle“ zum Evolutionisten wurde und dann aber zwei Jahrzehnte an seiner Theorie zum Wandel der Arten arbeitete.

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Drei Darwin-Mythen

Darwins Leben wird dominiert von gleich zwei großen Expeditionen. Neben seiner weitaus bekannteren abenteuerlichen Weltumsegelung mit der „Beagle“ steht das sich anschließende intellektuelle Abenteuer, wie Darwin zur Erkenntnis über den Wandel der Arten durch natürliche Auslese kam. Erst im Spiegel dieser doppelten Vermessung der Welt ergibt sich jenes Bild, das wir uns heute von dem Mann machen, der dafür berühmt wurde, den Menschen gleichsam zum Affen gemacht zu haben.

Dabei beschäftigen Wissenschaftshistoriker bis heute die erstaunlichen Ereignisse um die Entstehung und Veröffentlichung einer der wichtigsten Theorien der biologischen Gedankenwelt, ja der Geistesgeschichte insgesamt. Es sind jedoch vor allem drei Mythen – die um die Darwinfinken, die von Darwins Verzögerung der Publikation und die um seinen Konkurenten Alfred Russel Wallace –, mit denen wir heute aufräumen können.

Der Grund der Verzögerung

So lässt sich nachweisen, dass für Darwins Erkenntnis von der Entstehung der Arten just jene nach ihm benannten Grundfinken des Galápagosarchipels keine Rolle spielten. Vielmehr regte ihn eine andere Vogelgruppe dieser Inseln, die Spottdrosseln, noch während der Rückreise der „Beagle“ an, den ersten Zweifel an der Schöpfungsgeschichte in Worte zu fassen. Ahnungsvoll notierte Darwin, dass die auf dem Archipel zu gewinnenden Erkenntnisse die Vorstellung von der Konstanz der Arten untergraben würden. Die Grundkonzepte seiner Theorie entwickelte Darwin dann in den Jahren 1837 und 1838 in London.

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Während der britische Naturforscher Alfred Russel Wallace seine Vorstellungen von einer Entwicklung der Arten als natürlichen Prozess, im Februar 1858 einmal erkannt, in nur drei Tagen zu Papier brachte und mit der Bitte um Veröffentlichung zurück nach England sandte, laborierte Darwin zwanzig Jahre lang mit verschiedenen Entwürfen und Essays herum, bevor er sich daran machte, das Manuskript seines „großen Arten-Buches“, wie er es nannte, zu verfassen. Der schlichte Grund für diese Verzögerung: Darwin war über viele Jahre mit seinen umfangreichen naturwissenschaftlichen Studien und Werken beschäftigt, die er nach der „Beagle“-Reise wie Mosaiksteine für seine Theorie brauchte.

Vorarbeiten zur großen Theorie

Tatsächlich zieht sich die Entwicklung seiner Theorie der Evolution wie ein roter Faden durch Darwins Biographie; sie wird ihm nach der Rückkehr mit der „Beagle“ für Jahrzehnte zum Forschungsprogramm. Jene Notizbücher, die Darwin zwischen 1836 und 1839 mit Aufzeichnungen füllte, lieferten dazu das grundlegende Fundament. Aus den darin festgehaltenen Gedanken entwickelte Darwin dann zwischen 1842 und 1844 die ersten Essays und Manuskriptfassungen seiner neuen Theorie.

Doch bis 1856 arbeitete er an einer Vielzahl weiterer Forschungsvorhaben. Unter anderem erstellte er in mühevoller achtjähriger Arbeit eine umfassende systematische Monographie über kleine Meerestiere, die Rankenfußkrebse (Cirripedia), und wird anschließend zum Experten für Taubenzucht. Erst danach, im Sommer 1856, begann er mit der Ausarbeitung seines monolithisch angelegten Werkes „Natural Selection“. So irrt, wer glaubt, wir wüssten gar nichts von Darwins Theorie, wäre Wallace nicht aufgetaucht und hätte ihn gewissermaßen zu deren Veröffentlichung gezwungen. Ohne Wallace hätte es vielleicht etwas länger gedauert, aber Darwins Werk zur Entstehung der Arten durch natürliche Selektion wäre erschienen – vielleicht sogar mit weniger Schwächen und Versäumnissen, mit denen vor allem der Autor selbst hadern sollte.

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Die Suche nach dem Naturprinzip

Darwins zweiteilige Reise zur Erkenntnis ist mithin weitaus komplizierter, als uns die legendenhaften Darstellungen seines Lebens glauben machen wollen. Kein Zweifel: Die „Beagle“-Reise war von unermesslich großem Einfluss auf die Entwicklung seiner Theorie, wobei das für einzelne Stationen und Beobachtungen in unterschiedlichem Maße galt. Kein Zweifel aber auch: Das intellektuelle Abenteuer seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit, zuerst in London und dann von 1842 an auf seinem Landsitz in Down House, dienten anfangs der sorgfältigen Suche nach einem wahrhaft weltbewegenden Naturprinzip und erst anschließend der Ausarbeitung einer überzeugenden Argumentation.

Als solche hat sie bis heute ihre Stärken bewahrt. Soweit wir sehen, ist Evolution mittels Selektion das wohl einzige biologische Prinzip, das alle Organismen auf diesem Planeten vereint – wenn es nicht sogar ein universelles Naturgesetz der Biowissenschaften ist. Darwin lieferte das Fundament einer Biologie, die von religiösen Überzeugungen frei ist. Tatsächlich sind die modernen Biowissenschaften ohne Darwins Theorien und Erkenntnisse undenkbar.

Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe sowie Leiter der Abteilung Forschung und Direktoriumsmitglied am Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität in Berlin. Von ihm wird im Januar die erzählerische Darwin-Biographie

„Es ist, als ob man einen Mord gesteht - Ein Tag im Leben des Charles Darwin“ im Freiburger Herder Verlag erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
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