Evolutionstheorie der Literatur

Gibt es eine DNA der Literatur, Herr Moretti?

15.12.2008
, 09:00
Evolutionäre Philologie teilt nicht die Sache des begeisterten Lesers: der Literaturwissenschaftler Franco Moretti
Romane essen einander nicht auf, aber sie konkurrieren um die Zeit ihrer Leser: Der Literaturwissenschaftler Franco Moretti untersucht Literatur mit den Mitteln der Evolutionstheorie. Im Gespräch erklärt er, welche äußeren Kräfte auf die Entwicklung literarischer Formen einwirken.

Franco Moretti ist ein Literaturwissenschaftler, der sich an messbare Tatsachen hält. Wir treffen ihn am Berliner Wissenschaftskolleg. Dort hat er eben einen Vortrag darüber gehalten, warum die Titel englischer Romane im neunzehnten Jahrhundert immer kürzer wurden.

Für Sie steht Darwin am Anfang der Literaturwissenschaft, die Sie betreiben. Interessieren Sie sich für Tiergeschichten?

Kein bisschen, und auch nicht dafür, ob und wie sich die Figuren in den Romanen reproduzieren, wen sie heiraten oder wer das männliche Alphatier ist. Mich interessiert, wie die Formen der Romane selber sich reproduzieren und dabei verändern. Warum überleben manche Bücher, während die meisten vergessen werden? Wie lange hält sich eine Gattung, sagen wir: der Briefroman oder die romantische Schauergeschichte? Woraus entsteht eine neue Form, etwa: die klassische Detektivgeschichte? Oder warum sind Buchtitel mit mehr als zehn Worten ausgestorben? Das sind Darwinfragen. Darwins Theorie ist eine Theorie darüber, wie Formen entstehen und wie sie sich unter äußerem Druck wandeln. Die Form ist das, was ein Autor vom anderen lernt, sich abschaut, was er gegebenenfalls abwandelt. Meine Frage ist, wie das geschieht und welche unpersönlichen Kräfte auf den Wandel literarischer Formen einwirken.

Wenn man Romane mit Tieren oder Pflanzen vergleicht, fallen Unterschiede ins Auge. Romane essen einander nicht auf . . .

. . . aber sie konkurrieren um die Zeit ihrer Leser. Niemand kann alles lesen. Also wird ausgewählt, also wählt auch der Autor aus, je nachdem, in welchem literarischen Ökosystem er lebt. Das ist der „Kampf ums Dasein“. Wenn es kommerzielle Leihbibliotheken gibt, achten Verleger auf deren Ankaufkriterien. Im englischen Roman der viktorianischen Zeit gibt es darum jahrzehntelang keinen Ehebruch, alle schreiben ständig um dieses unsagbare Thema herum. Oder: Wenn es Rezensionen gibt, muss der Romaninhalt nicht mehr in einem endlosen Titel zusammengefasst werden. Der Roman kann dann einfach „Emma“ heißen, was eine von Information viel stärker entlastete Werbung um Leser ist. Und so gibt es eine Evolution vieler literarischer Merkmale in Reaktion auf Umweltveränderungen.

Und diese Evolution soll, wie im Naturreich, auf dem Zufall beruhen? Geben Sie uns ein Beispiel.

Nehmen Sie den Urfaust und „Faust erster Teil“. Das ist von der Struktur der Handlung eine typische Sturm-und-Drang-Tragödie. Es gibt einen schwankenden Charakter, einen bösen Berater, eine Verführung. Man könnte bei Mephisto an andere Intriganten denken, die damals auf der Bühne schon eingeführt waren, etwa an Marinelli in Lessings „Emilia Galotti“. Aber Goethes Bösewicht kommt aus älteren Stoffen, Mephisto ist ein wirklicher Teufel, mit magischen Fähigkeiten, die Marinelli nicht hat. In Faust I spielt das keine große Rolle. Das meiste, was Mephisto macht, hätte sich auch ohne Magie herbeischaffen lassen können: eine Orgie, eine Verführung, Juwelen, die Ablenkung von Aufsichtspersonal und so weiter. Aber in Faust II ändert sich das. Nichts geht ohne Magie. Der Autor entscheidet sich also für eine kleine Abweichung vom Drama seiner Zeit, entwickelt den eigentlichen Clou dieser Abweichung aber erst viel später, und wir haben ein Drama ganz neuen Typs.

Das wäre dann eine literarische Mutation.

Ja, auch wenn man den Begriff nicht überanstrengen darf. Es gibt keine DNA der Literatur, keine Gene des Romans. Mutationen sind hier das Unerwartete. Der Briefroman etwa kommt im aufklärerischen Frankreich auf: Montesquieu und seine „Perserbriefe“. Hier transportiert die Form Schärfe, Kritik, die Lizenz des Blicks von außen. Dann wandert die Form nach Großbritannien. Diffusion und anschließende geographische Isolation sind wichtige Mechanismen für evolutionäre Abläufe. Aber was macht Richardson in „Pamela“ für sein protestantisches Milieu daraus? Eine konformistische, lokale, sentimentale Sache. Die englischen Autoren stürzen sich auf dieses Modell. Dreißig Jahre später schreibt Goethe im „Werther“ fast eine Art sinistrer Parodie auf Richardsons Sentimentalität. Und wieder Jahrzehnte später schreibt Hölderlin einen Briefroman, der im Grunde nur aus einem einzigen Brief besteht: „Hyperion“. Das alles ist kein Zufall im Sinne des Unerklärlichen, aber es war von Montesquieu aus nicht vorherzusehen. Es ist wie bei Darwin: Zufälle werden zu Strukturbildungen genutzt, die sich unter lokalen Umständen eine Weile halten können.

Welche Kräfte wirken auf einen solchen Formenwandel?

Zum einen die Begeisterung von Autoren. Dann Kräfte des Zeitgeschmacks und der Ermüdung. Jede Gattung lebt etwa eine Generation lang, in jedem Jahrhundert wechseln sich ungefähr drei, vier dominante Gattungen ab, im zwanzigsten ein bisschen mehr. Die Welle der Briefromane setzt in England um 1760 ein, Höhepunkt 1776 als siebzig Prozent aller Romane Briefromane sind, 1810 schreibt überhaupt niemand mehr Briefromane. Der Schauerroman setzt um 1790 ein, Spitzenwerte um 1800, Ende 1825. Da hat der historische Roman seinen ersten Höhepunkt. Vom Gesichtspunkt des Kanons aus ist das jedesmal ein Massensterben, denn fast nichts von dieser Romanproduktion wird je wiederaufgelegt. In Stanford habe ich ein Seminar, in dem wir die Gründe untersuchen, warum dieses Vergessen auch ehemalige Bestseller betrifft.

Zum Beispiel Hannah Mores „Coelebs in Search of a Wife“.

Das ist nicht wahr, Sie kennen „Coelebs“?

Um ehrlich zu sein, ich habe mich auf Sie vorbereitet und Bücher gelesen, die niemand mehr kennt.

Sie haben das gelesen? Sie Ärmster. Die Legende sagt, es sei der einzige Roman gewesen, der Queen Victoria je gefallen habe. Und das hängt mit dem Grund zusammen, weshalb er als einer der beliebtesten Romane seiner Zeit völlig vergessen ist. Er war zu didaktisch, eine Predigt in Romanform. Was der Queen gefallen haben dürfte, aber auf lange Sicht ein Reproduktionsnachteil war. Nachdem „Coelebs“ 1809 erschienen ist, bleibt der viktorianische Roman sehr moralistisch, aber die Autoren lernen, Erzählungen zu konstruieren, die nicht so offen belehrend sind. Dickens etwa ist ein sehr didaktischer Autor, aber er hat die Moral besser versteckt. Bis in die zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts wird Hannah More von Autoren imitiert, dann ist Schluss. Was bleibt vom didaktischen Roman? Jane Austen, bei der Figuren, die sich an Prinzipien und Predigten halten, normalerweise scheitern.

Wo wird denn entschieden, was auf der Wildbahn der Literatur überlebt?

Auf dem Markt und in den Leihbibliotheken. Hier findet die Selektion statt.

Nicht auch in der Schule? In der Universität? Durch Intellektuelle?

Die Schule, die Professoren und die Intellektuellen kommen meistens zu spät, speziell, was den Roman angeht. Dickens galt lange als Autor, den man intellektuell nicht ernst nehmen kann. Was die Schulen angeht: Im neunzehnten Jahrhundert werden dort so gut wie keine Romane gelesen. Später nimmt die Schule auf, was sich am Markt schon durchgesetzt hat, und trifft Jahrzehnte später nach Erziehungsgesichtspunkten eine Auswahl. Nur dort, wo es praktisch keinen Markt gibt, bei der Lyrik, werden Intellektuelle als Hochleistungsleser entscheidend für den Kanon. Das hat auch etwas mit den Kosten der Produktion zu tun. Im neunzehnten Jahrhundert wird nicht ein einziger italienischer Roman in einer Kleinstadt verlegt, aber jede Menge Lyrik. Man brauchte für Romane große Absatzzahlen. Lyrik kommt auch in der Peripherie heraus, irgendein Anwalt, ein Pfarrer schreibt Gedichte. Die Formproduktion wie die Selektion findet viel individueller statt. Das macht es schwieriger, evolutionäre Trends zu erkennen.

Evolution wird oft mit Entwicklung übersetzt. Gibt es Fortschritt in der Literatur?

Das System lernt, dann vergisst es wieder. Von Fortschritt kann man aber sprechen, wenn Probleme identifiziert und gelöst werden. So kommt im neunzehnten Jahrhundert die Frage auf: Wie kann man die Gedanken einer Person darstellen, ohne das durch den Filter des Autors zu tun, ohne ständig zu sagen „dachte sie“, „schoss es ihm durch den Kopf“? Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wird dafür die erlebte Rede erfunden. Als Fanny Price in „Mansfield Park“ enttäuscht von ihren Eltern ist, heißt es plötzlich ohne Anführungszeichen: „Keiner war an seinem angestammten Platz, nichts wurde so getan, wie es getan werden sollte.“ Wenn Jane Austen so formuliert, weiß der Leser, dass es sich um das Urteil der Heldin handelt. Zunächst sind es nur ein paar Worte dieser Art erlebter Rede, die auftauchen, dann ein paar Sätze. Die Autoren sind anfangs noch unvertraut mit dieser Technik, sie machen grammatische Fehler, semantische Fehler, typographische Fehler mit den Anführungszeichen, verwenden die Technik an unpassenden Stellen und so weiter. Bis dann ein Fortschritt in ihrer Beherrschung festzustellen ist. Aber natürlich wäre es Unsinn zu sagen, dass Romane mit erlebter Rede besser sind als solche ohne.

Apropos erlebte Rede. Deren Virtuose war Flaubert. Passt so ein Autor in Ihre Evolutionstheorie? Sie stellen sich Leser vor, die ein Vergnügen am Wechsel von Wiedererkennbarem mit Neuerungen haben. Das Publikum liest etwa gerne Ehebruchsgeschichten, aber es sollen immer wieder andere sein. Also begünstigt der Markt Variationen. Doch Flaubert liest man ja nicht wegen seiner Formen. Was hätte auch „Madame Bovary“ gattungsmäßig mit „Salammbo“oder „Bouvard und Pecuchet“ gemeinsam? Wüsste man es nicht, wäre es schwer zu sagen, inwiefern diese Bücher denselben Autor haben.

Das stimmt, Flaubert ist darin aber eine große und erstaunliche Ausnahme. Nehmen Sie Walter Scott: Jeder Roman funktioniert mehr oder weniger wie der vorherige, bei Zola ist es fast noch schlimmer, selbst Thomas Mann erkennen Sie sofort wieder und zwar über große Unterschiede zwischen „Doktor Faustus“ und „Felix Krull“ hinweg. Die meisten Romanautoren gehören zur Spezies Zola.

Und wie steht es mit der Art, in der sie Literatur erforschen? Wie gut sind die Chancen, dass sie sich reproduziert? Ich bin nicht sicher, ob Sie in München oder Bonn jemand für Ihre Bücher in Literaturwissenschaft habilitieren würde.

Leute, die sich für ein Studium der Literatur entscheiden, tun das oft, weil sie mit Mathematik nichts anfangen können, weil sie sich nicht für Naturwissenschaften interessieren und weil sie sich mit den Texten identifizieren. Die meisten beginnen darum nicht mit einer Frage, sondern mit einer schwer definierbaren Reaktion auf eine Lektüre. Das ist ein Problem. Denn das verhindert Arbeit in Teams. Meine Forschung setzt aber Teamarbeit voraus. Sie können unmöglich alles selber lesen, Sie brauchen Kooperation und jede Menge statistischer Informationen, die sie nicht selber beschaffen können. Doch Literaturwissenschaftler schreiben ungern über Durchschnittsphänomene und Dinge, die in großen Zahlen vorliegen. Für meine Studie über die Länge von Romantiteln war es nötig, die Titel von siebentausend britischen Romanen zu untersuchen. Und so komme ich in die absurde Lage, dass ich als Individuum froh bin, weil viele mögen, was ich mache, dass ich aber als Projekt unglücklich bin, da niemand mitmachen möchte, weil alle gerade mit ihren Lieblingsautoren beschäftigt sind.

Lesen Sie selber denn bestimmte Autoren lieber als andere, oder geht es Ihnen wie Biologen, die ihren Objekten neutral gegenüberstehen? Haben Sie, mit anderen Worten, ein Lieblingstier?

Ich trenne das. Es gibt den Leser, der begeistert ist, und es gibt den Forscher, der etwas studiert. Die Beziehung zwischen beiden ist über die Jahre immer schwächer geworden. Der begeisterte Leser hat zwei große Lieben: Hölderlin und Balzac. Ein seltsames Paar, ich weiß. Etwas erforscht, was ich liebe, habe ich nur einmal, als ich über den Bildungsroman geschrieben habe. Das hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass ich damals achtundzwanzig war und das Studium des Bildungsromans in dieselbe Zeit fiel, als ich von meiner Jugend Abschied nahm. Was mir aber fehlt, ist die Neigung, alles von einem Autor zu lesen, jede Zeile zu verinnerlichen, alle Details aus dem Leben zu kennen, nicht einmal bei Hölderlin und Balzac.

Quelle: F.A.Z.
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