Evolutionstheorie & Theologie

Darwin an der Schwelle

Von Ulf von Rauchhaupt
10.03.2009
, 06:00
Charles Robert Darwin auf einem Bild von M.B.Messer aus dem Jahr 1912, das gegenwärtig in einer Ausstellung über Darwin und die Kunst in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen ist.
Die katholische Kirche lud die Wissenschaft zur Konferenz an die päpstliche Hochschule Gregoriana in Rom. Es ging um die Frage, was die Evolutionstheorie mit dem Glauben zu tun hat.
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, Rom. Als Johannes Paul II. im November 1992 Galilei Galileo rehabilitierte, freuten sich alle: Die Geistlichkeit, dass die Angelegenheit endlich aus der Welt war, Kirchenkritiker, dass Rom einen Fehler eingestanden hatte - und die Naturwissenschaftler sowieso. Nur einer meckerte. Der österreichische Wissenschaftshistoriker Paul Feyerabend behauptete, mit der Rehabilitierung Galileis habe sich die Kirche dem Zeitgeist angebiedert. Feyerabend hatte in seinen Arbeiten zum Ursprung der neuzeitlichen Physik nämlich Gründe dafür gefunden, warum die Kirche bei der Verurteilung Galileis in der Situation des Jahres 1633 im Recht gewesen sei.

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Aber offenbar war Johannes Paul II. die Geste gegenüber der Naturwissenschaft wichtiger als historische Rechthaberei. In der vergangenen Woche nun hat der Vatikan in Gestalt des päpstlichen Kulturrates an der Jesuiten-Universität Gregoriana in Rom eine wissenschaftliche Konferenz anlässlich des Darwin-Jahres ausgerichtet. Die Referentenliste war voller Prominenz aus Geistes- und Naturwissenschaften, und die Diskussionszeiten waren großzügig bemessen. Auch nur eine Geste?

Intelligent Design nicht vertreten

Wohl kaum. Tatsächlich scheint vielen die Evolutionstheorie mehr als jede andere naturwissenschaftliche Entdeckung dazu angetan, die christliche Lehre zu unterminieren. Längst schlägt das auf die Wissenschaft zurück: Mit Kreationisten, die ihre Ablehnung der Evolutionstheorie seit den 1960er Jahren als wissenschaftlichen Standpunkt verstehen und der sogenannten "Intelligent-Design"-Bewegung, die seit den frühen 1990er Jahren auch ohne expliziten Bezug auf die Bibel versucht, eine Grundregel der modernen Naturwissenschaft zu ändern, nämlich das Prinzip des sogenannten methodologischen Naturalismus: Eine naturwissenschaftliche Erklärung ist nur dann eine, wenn sie ohne die Hypothese eines Eingreifens Gottes (oder allgemein einer Macht außerhalb der physikalischen Raumzeit) auskommt.

Unter den Paläontologen, Biologen, Anthropologen und Archäologen, die in den ersten drei Tagen der Konferenz dem Publikum (darunter viele Geistliche) den Stand der Forschung vorstellten, waren auch der Genetiker Francisco Ayala von der University of California in Irvine oder der Philosoph Elliott Sober von der University of Wisconsin in Madison, die sich bei der Bekämpfung des Intelligent Design hervorgetan haben. Redner aus dem Lager der Kreationisten oder Intelligent-Design-Anhänger waren zu der Konferenz dagegen nicht geladen - was man nur dann unfair finden wird, wenn man diese Strömungen für Naturwissenschaft hält.

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Metaphysischer Naturalismus

William Kardinal Lavada aber, der Präfekt der Glaubenskongregation, sagte schon zur Eröffnung der Tagung, wie sehr er diese Leute leid sei, die insbesondere in Lavadas amerikanischer Heimat ihr Unwesen trieben und damit den Glauben lächerlich machten - mindestens so leid wie Evolutionsbiologen, die wie der Brite Richard Dawkins meinen, Evolution würde den Atheismus beweisen.

Philosophen nennen eine Position wie die von Dawkins "metaphysischen Naturalismus", und es fragt sich, ob der methodologische Naturalismus nicht vielleicht den metaphysischen impliziere. Eliott Sober, Schüler des Harvard-Philosophen Hilary Putnam, verneinte das: Ein methodologischer Naturalismus im Kontext der Evolutionstheorie lässt gewiss einen "Deismus" zu - also die Vorstellung, Gott hätte das Weltall einmal geschaffen, die Naturgeschichte dann aber nach Maßgabe seiner Gesetze ablaufen lassen wie eine aufgezogene Uhr, ohne wieder einzugreifen. Doch ein methodologischer Naturalismus erlaubt eben auch einen "Theismus": die Annahme, dass Gott immer mal wieder ins Weltgeschehen eingreift. Denn eine günstige Mutation ist für einen Organismus keine Garantie für eine bessere Reproduktionsrate, sondern erhöht nur die Wahrscheinlichkeit dafür. "Das sagt natürlich nichts darüber, ob der Theismus wahr oder plausibel ist", betonte Sober. Aber zu dieser Frage hat die Evolutionstheorie auch nichts beigetragen - darauf wies Vittorio Hösle hin, der an der University of Notre Dame in Indiana lehrt: "Es gibt nichts in der Evolutionstheorie, was einen davon abhalten würde, einen Theismus zu vertreten."

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Der Mensch als biologischer Designer

Durch die Evolutionstheorie wurde zwar der klassische Schluss vom Geschöpf auf den Schöpfer zerstört, das Design-Argument eben. Für Darwin, den genau dieses Argument einst sehr beeindruckt hatte, war es umgekehrt der Grund dafür, dass er über seinen Forschungen den Glauben verlor. Aber zu diesem Zeitpunkt war das Design-Argument längst obsolet. Kant hatte es bereits gründlich auseinandergenommen, ganz ohne Biologie. Nach Hösle bleibt der Theismus aber auch ohne diesen Gottesbeweis (oder einen anderen) eine plausible philosophische Position. Sein Grund dafür steht ebenfalls bei Kant: Weil wir in der Welt moralische Werte vorfinden, die wir nur als unbedingte Werte interpretieren können.

Heute stellt uns die Evolution allerdings vor eine schwierigere Frage, der sich der Wissenschaftsphilosoph Jürgen Mittelstrass von der Universität Konstanz widmete. Sie stellt sich erst jetzt, wo es dem Menschen möglich wird, selber in seine Evolution einzugreifen. "Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass der Mensch im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts immer mehr zu seiner eigenen Verfügung steht", sagt Mittelstrass. Bald stünde dem Menschen sogar die Änderung der Conditio humana anheim, also die Maßstäbe, nach denen er von einer Verfügungsgewalt Gebrauch machen könnte.

Die Folgen dieser Rückkopplung sind unabsehbar. "Ich habe da keine Lösung anzubieten", sagt er - außer der Forderung, nichts zu ändern, was unsere Erfahrungen in Liebe, Glück, Krankheit und Tod betreffen könnten. Ob das denn nicht das berühmte und auch von Mittelstrass vehement bekräftigte Verbot des naturalistischen Fehlschlusses vom Sein auf Sollen unterlaufe ("Die Natur lehrt keine Ethik"), wollte der Biologe Thomas Futuyma daraufhin wissen - schließlich sei diese Conditio humana, die es zu bewahren gilt, im Laufe der Evolution, also in der Natur, entstanden. Mache man damit denn nicht doch ein Naturding zum Maßstab? Die Frage blieb offen.

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Aristoteles à la Thomas von Aquin

Im Rahmen der Theologie, die ja axiomatisch von bestimmten Glaubensaussagen ausgehen kann und muss, mag diese Frage leichter zu beantworten sein. Aber war schon die Kompatibilität nur einer solchen Wahrheit, der Existenz Gottes, mit der Evolutionstheorie zumindest auf den ersten Blick keine ausgemachte Sache, wird es komplizierter, wenn es mehrere zu bedenken gilt. Im Zentrum steht hier sicher die Bestimmung des Menschen als mit einer Seele ausgestattetes Geschöpf Gottes.

Der Theologe George Kardinal Cottier skizzierte das begriffliche Instrumentarium, mit dem solche Fragen in der katholischen Kirche seit dem 13. Jahrhundert diskutiert werden: dem aristotelischen System des Thomas von Aquin. Der stand vor einem ähnlichen Problem - ist es heute die biologische Evolution, so war es damals die aristotelische Naturlehre, zu der es die Welt christlich zu denken galt. Und bei Aristoteles stehen auch einige Dinge, die so gar nicht zu biblischen Texten passen, allen voran gibt es dort keinen Anfang der Welt. Wo ist da die Schöpfung? Thomas löste die Frage, indem er sich von der Auffassung abwandte, Schöpfung müsse etwas sein, was zu einem bestimmten Zeitpunkt geschieht.

Anfang und Grund

Am Freitag hielt der Dominikanerpater Jean-Michel Maldamé aus Toulouse einen brillanten Vortrag. Darin machte er im Anschluss an Thomas von Aquin die Unterscheidung zwischen Anfang und Grund. Im Gegensatz zu Ersterem sei Letzterer nicht an einen bestimmten Moment geknüpft, sondern "eine dauerhafte Bedingung von allem, was es gibt, zu jedem Zeitpunkt". Als solcher stehe der Grund außerhalb von Zeit, Raum und Materie und könne daher auch nicht Gegenstand einer naturwissenschaftlichen Theorie sein. Liest man das Wort, das in den ersten Zeilen der Bibel gewöhnlich mit "Anfang" wiedergegeben wird, als "Grund", erhält man einen Schöpfungsbegriff, der viel besser zu einer Welt mit biologischer Evolution passt. Und insofern Leben nicht etwas ist, was seinen letzten Grund in sich selber trägt, bedarf es eines transzendenten Grundes, so Maldamé - "und den nennen die philosophische Tradition und der christliche Glaube Gott".

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Wenn es aber der absolute christliche Gott ist - und nicht der irgendeines Deismus oder Theismus -, so ändert er sich nicht dadurch, dass er wirkt. Und sein Wirken gleicht damit nicht einer Wechselwirkung zwischen physikalischen Gegenständen. Die Frage, ob das Naturgeschehen - die Mutation eines Gens oder der Einschlag eines Asteroiden - von Gott komme oder den Naturgesetzen, wird damit gegenstandslos. Das sei wie bei einem Musiker und seinem Instrument: Wenn wir seinem Spiel lauschen, so können wir sagen, die Musik komme vom Instrument, zur gleichen Zeit können wir aber sagen, sie komme vom Musiker. "Alles kommt von Gott, und alles kommt von den Kräften der Natur", sagt Maldamé, "und daher ist es auch so unsinnig, Gott dort zu suchen, wo die Naturgesetze etwas nicht erklären können." Damit ist auch für Maldamé das Design-Argument hinfällig, aber diesmal aus rein theologischen Gründen: "Es ist die Vorstellung, Gott wäre ein Akteur unter vielen."

Römische Begegnungen

Trotz des rauschenden Applauses, den der Mann in der weißen Dominikanerkutte am Ende seines Vortrages bekam, dürften noch lange nicht alle Fragen der Konsistenz dieser Interpretation mit der katholischen Theologie insgesamt geklärt sein. Notwendig ist diese Klärung unbedingt. Denn die Zeiten, in denen man Wissenschaftler nach Rom zitierte und sie ihren Theorien vorsichtshalber abschwören ließ, bis die Sache theologisch ausdiskutiert war, sind vorbei. Aber man kann sie ja nach Rom einladen, um sich die Wissenschaft erklären zu lassen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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