Orientierung bei Zugvögeln

Herumtreiber unterm Südhimmel

Von Diemut Klärner
26.03.2009
, 06:00
Drei Jahre haben sie für Erkundungen abseits direkter Reisewege Zeit - doch dann müssen die Nistplätze rechtzeitig erreicht werden.
Die Flugroute vieler Zugvögel steckt quasi im Genom. Doch diese Wegbeschreibung ist keineswegs fixiert. Deutsche Forscher haben die gewaltigen Umwege lernender Jungvögel am Beispiel der Eleonorenfalken dokumentiert.
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Eleonorenfalken zählen zu den Zugvögeln, deren Nachwuchs ohne kundige Reiseleitung ins Winterquartier zieht. Um vom Mittelmeer nach Madagaskar zu finden, müssen sich die unerfahrenen Jungvögel auf eine Wegbeschreibung verlassen, die in ihren Genen verankert ist. Im Gegensatz zu den meisten anderen Greifvögeln sind Eleonorenfalken während der Brutzeit zwar durchaus gesellig; auf einigen Klippen am Mittelmeer und an der marokkanischen Küste versammeln sich mehr als hundert Brutpaare dieser raren Spezies. Doch wenn die erwachsenen Falken nach Süden aufbrechen, wählen sie erstaunlicherweise eine andere Route als ihre Sprösslinge. Das haben unlängst Wissenschaftler um Marion Gschweng von der Universität Ulm und Ulrich Querner vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell beobachtet. Als Forschungsobjekte dienten ihnen Eleonorenfalken, die auf winzigen Felseninseln an Sardiniens Küste nisten.

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Mit dem Brüten beginnt diese Falkenart erst im Hochsommer, wenn viele Singvögel schon bald wieder nach Süden fliegen. Um ihren Nachwuchs großzuziehen, vergreifen sich die Eleonorenfalken an den wandernden Vogelschwärmen. Bei solch nahrhafter Verpflegung werden die Jungen etwa Anfang Oktober flügge. Zwei bis drei Wochen später machen sich die Elterntiere und der Nachwuchs auf den Weg ins Winterquartier. Einigen gaben die Forscher einen kleinen Rucksack mit, in dem ein Sender verstaut war, der sich über Satelliten orten ließ. So konnten die Forscher einzelnen Vögeln bis zu 15 Monate lang auf der Spur bleiben.

Umwege fördern Weltkenntnis

Obwohl Eleonorenfalken gelegentlich auch im westlichen Afrika gesichtet wurden, galt bisher die Ostküste Afrikas als bevorzugte Reiseroute. Von den mit einem Sender ausgerüsteten Vögeln passierte jedoch kein einziger das Rote Meer und das Horn von Afrika. Stattdessen überquerten sie die Sahara. Die erwachsenen Falken flogen - teils über Ägypten und Sudan, teils über Libyen und Tschad - weitgehend geradlinig an die Küste von Moçambique und von dort nach Madagaskar. Jungvögel, die zum ersten Mal auf die Reise gingen, machten hingegen einen mehr oder minder großen Umweg ("Proceedings of the Royal Society" Teil B, Bd. 275, S. 2887). Meist querten sie die Sahara weiter westlich und drehten anschließend noch eine Runde in Westafrika. Vielleicht erholten sie sich dort von dem strapaziösen Wüstentransit, ehe sie ihren Kurs abrupt änderten und nach Osten strebten.

Von den jungen Eleonorenfalken, deren Weg sich lange genug verfolgen ließ, kamen drei nach Madagaskar, einer landete auf den Komoren, und einer blieb im Nordosten Kongos. Madagaskar ist offenbar bei Jung und Alt besonders beliebt.

Tausend Kilometer übers offene Meer

Dass bisweilen auch erwachsene Eleonorenfalken auf dem afrikanischen Festland überwintern, scheint allerdings nicht ausgeschlossen. Heuschrecken und andere große Insekten, die außerhalb der Brutzeit auf dem Speiseplan stehen, finden sich dort ebenso wie auf Madagaskar. Um diese Insel zu erreichen, müssen die Eleonorenfalken mindestens fünfhundert, oft sogar mehr als tausend Kilometer übers Meer fliegen. Wie sie bei dieser Passage zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Kurs bleiben, ist eine offene Frage.

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Einen bemerkenswerten Orientierungssinn zeigen die Eleonorenfalken auch auf der Rückreise. Die beiden erwachsenen Vögel, die sich während dieses Fluges lokalisieren ließen, überquerten die Sahara viel weiter im Westen als auf dem Hinweg. Einer flog über Nigeria, Niger und Algerien zurück nach Sardinien. Der andere reiste über Marokko und Spanien zunächst nach Norditalien, wobei er eine mehr als doppelt so große Strecke zurücklegte wie auf der Hinreise. Schließlich kam er doch noch am Brutplatz an, weil er unterwegs ausgiebige Pausen einlegte - allerdings ein paar Wochen zu spät.

Da Eleonorenfalken frühestens im Alter von drei Jahren eine Familie gründen, brauchen sie im ersten Lebensjahr noch nicht zu den Nistplätzen zurückzukehren. Zwei Jungvögel, die bis in den Sommer hinein ihren Aufenthaltsort preisgaben, zogen in ganz unterschiedliche Richtungen. Während der eine das Horn von Afrika erkundete, tummelte sich der andere im äußersten Westen des Kontinents. Wie weit sich Eleonorenfalken herumtreiben, ehe sie ihren ersten Brutversuch wagen, ist noch immer nicht geklärt. Womöglich lernen sie in dieser Zeit, wie sie von ihrer ererbten Reiseroute abweichen können, ohne sich hoffnungslos zu verirren.

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Quelle: F.A.Z.
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